Infobrief vom 1. Mai 2026: Rechtschreib-Desaster

1. Presseschau

Rechtschreib-Desaster

Es steht schlecht um die Rechtschreib-Qualitäten der deutschen Schulabgänger. Im Spiegel berichten mehrere Dozenten von den Problemen, die sie mit jungen Menschen haben, die entweder ins Studium oder in eine Ausbildung wechseln und an einfachsten Wörtern verzweifeln. Die Berliner Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel wolle laut eigener Aussage zwar kein „Schulbashing“ betreiben, doch sie stelle fest, dass die Deutschkenntnisse der jungen Menschen, die sich auf eine Ausbildung bei der Polizei bewerben, deutlich zu wünschen lassen, und das unabhängig von Nationalitäten. In Hamburg fielen 40 bis 45 Prozent im Deutschtest der Polizei durch, in Bayern zuletzt 18 Prozent.

Dabei ist das Beherrschen der korrekten Rechtschreibung essenziell für den weiteren Berufsweg: Untersuchungen haben gezeigt, dass Werbung mit Fehlern weniger Erfolg hat. Studenten auf Wohnungssuche werden als klüger und zuverlässiger eingeschätzt, wenn ihre Bewerbungstexte fehlerfrei sind. Dennoch scheitert fast jedes dritte Kind am Ende der Grundschulzeit an den von der Kultusministerkonferenz (KMK) vorgegebenen Mindeststandards in Rechtschreibung.

Manchmal sei der Lernort Schule das Problem, sagt die Lerntherapeutin Nicole Fischer und berichtet von einem Jungen in ihrer Praxis, der sich von den ständigen Tests und Diktaten überfordert gefühlt hat, das habe sich schließlich in der Rechtschreibung niedergeschlagen.

Repräsentative Daten für eine Verschlechterung der Rechtschreibfähigkeiten gibt es nicht, allerdings Hinweise. So spielten Forscher für ein Experiment über mehrere Jahrzehnte (1972, 2002, 2012) Viertklässlern einen zweiminütigen Film vor, den sie zusammenfassen sollten. 1972 machten die Kinder durchschnittlich sieben Fehler in 100 Wörtern, 2002 waren es zwölf, 2012 waren es schließlich 17. Allerdings stellten die Forscher fest, dass die Texte der jüngeren Experimente länger und erzählerischer geworden seien, frühere Texte eher nüchtern.

Dass die Probleme dann in den Unis weitergehen, erklärt sich von selbst. Astrid Müller, Professorin für Deutschdidaktik an der Hamburger Universität, muss ihren Studenten erklären, wie diese Kindern später beibringen sollen, was groß- und was kleingeschrieben wird, denn das seien mit die häufigsten Fehler bei Grundschulkindern. Einfache Erklärungen wie „Dinge, die man sehen und anfassen kann, schreibt man groß“ funktionieren nur bis zu einem bestimmten Punkt, denn Kinder wunderten sich oft, warum Wörter wie „Glück“ – das man also nicht sehen oder anfassen kann – ebenfalls großgeschrieben würden. Wichtig sei in dem Fall die Syntax, also die Funktion und Stellung im Satz. Studien lieferten ersten Hinweise, dass Kinder, die dieses Prinzip in der Schule lernen, die Großschreibung besser beherrschten.

Die „Schreiben nach Gehör“-Methode des Reformpädagogen Jürgen Reichen wird heute in Deutschland nicht mehr gelehrt, sie sei aber nicht allein für die Rechtschreib-Misere verantwortlich, so Michael Krelle, Professor für Deutschdidaktik an der Technischen Universität Chemnitz. Die Methode sollte Kindern erleichtern, sich Wörter schneller erschließen zu können und so schneller ans Schreiben zu kommen. Die fehlende Korrektur, um sie nicht zu entmutigen, sei allerdings ein Fehler gewesen, so Krelle: „Kinder lernen erfolgreich Rechtschreibung, wenn das Schreiben frühzeitig fest in den Unterricht integriert wird, wenn sie Feedback bekommen und orthografische Regeln verständlich vermittelt werden.“ (spiegel.de (Bezahlschranke))


Woran das Auswandern scheitert

Für viele Menschen ist Dänemark ein Auswanderungsziel, nicht zuletzt auch wegen günstiger Immobilienpreise und des dänischen Lebensgefühls „Hygge“, welches Gemütlichkeit und Entschleunigung verspricht. Derzeit leben rund 37.000 Deutsche in Dänemark. Peter Hansen vom Regionskontor Region Sønderjylland-Schleswig erklärt jedoch, dass insbesondere die Sprache ein entscheidender Faktor für ein gelingendes Ankommen sei und häufig unterschätzt werde. Zwar reiche Englisch für den Einstieg ins Berufsleben, im Alltag sei Dänisch jedoch unverzichtbar. Wer sich sprachlich nicht integrieren könne, bleibe schnell außen vor. Darunter leide dann das soziale Leben. Ohne Sprachkenntnisse drohe Isolation, was für viele Auswanderer letztlich der Grund sei wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Hinzu käme, dass auch die stark digitalisierte Verwaltung in Dänemark überwiegend auf Dänisch funktioniere. Behördengänge, Anmeldungen oder soziale Leistungen würden online auf Dänisch abgewickelt. Laut Hansen gehöre zum Neuanfang daher definitiv die Sprache. Denn ein günstiges Haus allein reiche nicht aus, wenn die sprachliche und soziale Integration fehlt. (shz.de (Bezahlschranke))


Genetik und Sprache

Die Suche nach einem „Sprachgen“ war lange von der Hoffnung getragen, eine Art biologischen Schlüssel zur Sprache zu finden. Der bekannteste Kandidat dafür war das Gen FOXP2. Es geriet in den Fokus, als man bei einer Familie in Großbritannien eine erbliche Sprachstörung untersuchte: Betroffene hatten Schwierigkeiten mit Grammatik, Artikulation und Sprachplanung. Eine Mutation in FOXP2 erwies sich als ursächlich beteiligt. Das war ein Durchbruch – aber auch der Beginn einer notwendigen Ernüchterung. Diese Erwartung hatte sich als zu schlicht erwiesen, weil FOXP2 eher Prozesse in verschiedenen Geweben reguliert. Deshalb spricht man heute vorsichtiger von einem „sprachrelevanten Gen“.

Gleichwohl hat die Genetik im Verbund mit der Sprachwissenschaft in den vergangenen Jahrzehnten spektakuläre Forschungsergebnisse hervorgebracht. Die historische Sprachwissenschaft rekonstruiert Sprachverwandtschaften (etwa indoeuropäische Sprachen), während die Genetik Abstammungslinien von Populationen untersucht. Auch die Frage, wann der Mensch zu sprechen begann, wird im Zusammenhang mit der Genetik erforscht. Eine neue Studie kommt zu dem Ergebnis, dass genetische Abschnitte, die auf die Sprachfähigkeit Einfluss haben, zu den älteren Regionen unseres Genoms gehören. „Sie entstanden, nachdem sich die Abstammungslinien der Schimpansen und Homininen getrennt hatten, aber bereits bevor die Vorfahren der modernen Menschen und der Neandertaler vor etwa 600 000 Jahren eigene Wege einschlugen.“ Es deutet also vieles darauf hin, dass der Neandertaler sprechen konnte. (spektrum.de)


Mehr Deutsch in Litauen

Der Deutschunterricht an Schulen und Universitäten in Litauen soll deutlich gestärkt werden. Schüler sollen ermutigt werden, Deutsch als erste oder zweite Fremdsprache zu wählen, so das Ziel einer neuen Initiative des litauischen Präsidialamtes. Unter anderem soll eine internationale Schule gegründet werden, in der Deutsch die primäre Unterrichtssprache ist. (nordisch.info)

2. Gendersprache

Bonner haben Genderleitfaden satt

Die Bonner Stadtverwaltung nutzt seit 2021 den „Leitfaden geschlechtergerechte Sprache“ für die Innen- und Außenkommunikation. Dieser gestattet unter anderem die Nutzung des Gendersterns. Die Ratsfraktion des Bürger Bundes Bonn (BBB) bemüht sich nun mittels eines Antrags, den Leitfaden wieder abzuschaffen und darüber hinaus auf den Gebrauch von Genderformen wie substantivierten Partizipien („Einwohnende“, „Radfahrende“) zu verzichten. Zudem solle im Schriftverkehr die Anrede „Sehr geehrte Interessierte“ durch das klassische „Sehr geehrte Damen und Herren“ ersetzt werden. Die Vielzahl von Formulierungshilfen, um das generische Maskulinum zu umgehen, sei schlichtweg zu kompliziert. Auch der Einsatz von Gendersternchen beeinträchtige die Verständlichkeit der Texte. Im Antrag der BBB heißt es: „Die krampfhaften Bestrebungen, das bewährte generische Maskulinum mit dem Gender-Sternchen zu ersetzen, missachten die Rechtschreibregeln und machen Texte schwer lesbar.“ Oberbürgermeister Guido Déus teilte zwar mit, dass ihm eine vermeintlich „geschlechtergerechte“ Sprache wichtig sei, er jedoch die Sonderzeichen ablehne. In der direkten Ansprache nutze er meist Doppelformen („Bürgerinnen und Bürger“). (ga.de (Bezahlschranke))


3. Kultur

Antigone in Leichter Sprache

Im Gespräch mit der taz erklärt die Übersetzerin Anne Leichtfuß, wie sie die antike Tragödie „Antigone“ in Leichte Sprache übertragen hat. Die Leichte Sprache ist eine speziell geregelte vereinfachte Form des Deutschen, die als barrierefrei gilt. Für die Übersetzung des Stücks arbeitete Leichtfuß eng mit der Zielgruppe zusammen, um Inhalte verständlich aufzubereiten. Darunter zählten Menschen mit Down-Syndrom oder auch Menschen mit geringen Deutschkenntnissen. Die Inszenierung an den Münchner Kammerspielen wurde überwiegend positiv aufgenommen, vor allem von Menschen, die sonst keinen Zugang zum Theater haben. Allerdings wurde im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung insbesondere der Verlust sprachlicher Feinheiten kritisiert. Leichtfuß weist diese Kritik jedoch mit der Begründung zurück, dass die Inszenierung des Theaterstücks in Leichter Sprache keine Konkurrenz zu der klassischen Form sei. (taz.de)


Dialekt-App aus Liebe entwickelt

Liebe macht erfinderisch, das beweist ein 30-jähriger Berner, der eine kostenlose Lern-App für Berndeutsch entwickelt hat. Laut eigenen Angaben hatte seine tschechische Freundin Schwierigkeiten, den Dialekt zu verstehen, daraufhin begann er mit seinem Projekt. Die Plattform „langapp.ch“ bietet mittlerweile knapp 40 interaktive Lektionen mit eingesprochenen Wörtern und Sätzen, sodass Lerner direkt die richtige Aussprache hören können. Von „Grüessech“, „Chääs“ bis „fründlech“ sind typische „Bärndütsche“ Ausdrücke dabei. Auch künftig soll die App kostenlos bleiben und sogar um weitere Dialekte, wie etwa den Züridialekt, erweitert werden. Die Freundin des Berners habe sich über die App sehr gefreut und auch erste sprachliche Erfolge zeigten sich bereits. Sie verstehe im Alltag zunehmend einzelne Wörter, auch wenn Schweizerdeutsch insgesamt weiterhin eine große Herausforderung darstelle, da viele Menschen bevorzugt im Dialekt sprechen. (20min.ch)


Kalter weißer Mann

Das Ensemble der Konzertdirektion Landgraf widmet sich im Konzert- und Theatersaal Nordhorn dem Gendern. Die Gesellschaftskomödie „Kalter weißer Mann“ nimmt den Tod eines Firmen-Patriarchen zum Anlass, um das Gender-Thema aufzugreifen: Auf der Trauerschleife für den Verstorbenen steht nämlich „In tiefer Trauer – Die Mitarbeiter“. Die Mitarbeiterinnen sind „irritiert bis pikiert“, und durch die Schleife entbrennt schließlich eine hitzige Diskussion über Sprache, Sexismus und Machtfragen. Termine im Mai gibt es unter reservix.de. (ems-vechte-surfer.de)


4. Berichte

Konzertlesung auf dem Sprachhof

Vergangene Woche wurde es wieder musikalisch auf dem Sprachhof. Petra Halfmann, Musikerin, Poetin und ev. Theologin im Lehramt, sorgte für eine volle Deele. Gemeinsam mit ihrer Band präsentierte sie Lieder zwischen Erinnerung, Dankbarkeit und Freude. In kurzen Gedichten ließ sie die Zuschauer an Gedanken teilhaben, die zum Nachdenken anregten. (instagram.com/vds, facebook.com/vds, tiktok.com/vds)


5. Denglisch

Tatsächlich nicht nur Englisch

Wenn man an Jugendsprache denkt, fallen vielen zuerst englische Begriffe wie „cringe“ oder „nice“ ein, die mittlerweile allgegenwärtig sind. Doch wie Regina Rothenberger in der Thüringer Allgemeinen beschreibt, gibt es auch im Deutschen selbst zunehmend Modewörter, die inflationär verwendet werden. Sie nimmt die Wörter „tatsächlich“ und „genau“ unter die Lupe. Laut Duden dienen diese Wörter eigentlich dazu, Aussagen zu verstärken oder zu präzisieren, werden heute aber oft überflüssig angehängt, selbst wenn keine Zweifel bestehen („Ich war im Urlaub in Spanien, tatsächlich“). Ähnlich verhält es sich mit „genau“, das häufig als Bestätigung am Satzende genutzt wird. Rothenberger kritisiert, dass solche Gewohnheiten die Sprache unnötig aufblähen und teilweise sogar irritierend wirken. Ein weiteres Modewort, welches laut ihr nichtssagend sei, ist „zeitnah“. (thueringer-allgemeine.de)


6. Buchwelt

„Kleine Rhetorik des Schreibens“ als Hörfassung

Das Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen) bereitet Literatur für blinde, seh- und lesebehinderte Menschen auf und bietet eine vielfältige Auswahl zum Ausleihen und Kaufen an. Das dzb lesen ist nicht nur eine besondere Bibliothek, sondern vor allem ein Produktionszentrum für Braillebücher, Hörbücher, Zeitschriften, Reliefs und Noten sowie für Großdruck und künftig auch für barrierefreie E-Bücher.

Nun wurde aus dem IFB Verlag Deutsche Sprache die „Kleine Rhetorik des Schreibens“ als Hörfassung mit einer Dauer von vier Stunden und 18 Minuten eingesprochen.

Das dzb lesen ist ein Staatsbetrieb des Freistaates Sachsen und gehört dem Sächsischen Ministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus (SMWK) an. (dzblesen.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.

Zurück nach oben