Infobrief vom 24. April 2026: Fernseher kann kein Deutsch

1. Presseschau

Fernseher kann kein Deutsch

Sprache ist auch ein Thema beim Verbraucherschutz, für das es gesetzliche Regelungen gibt. So müssen Angaben von Inhaltsstoffen verständlich und eindeutig sein. Unklare Formulierungen in allgemeinen Geschäftsbedingungen können Verträge unwirksam werden lassen. Allerdings ist nicht gesetzlich festgelegt, dass Produktinformationen auf Deutsch vorliegen müssen. Nach der Verbraucherrichtlinie der EU müssen Pflichtinformationen „klar und verständlich“ bereitgestellt werden. Man dürfte also erwarten, dass dies in Deutschland in erster Linie auf Deutsch zu erfolgen hat, aber schon im nächsten Supermarkt gibt es unzählige Produkte, auf denen kein deutschsprachiges Wort zu finden ist. Wer im Internet bestellt, kann damit schon gar nicht rechnen.

Die Zeitschrift COMPUTERBILD berichtet nun über einen Fall, bei dem ein in Deutschland gekaufter Fernseher der Marke Philips keine deutschsprachige Menüführung hat. Die mitunter recht komplizierte Einrichtung und Programmierung der Sendeplätze darf der Käufer also in einer anderen Sprache vornehmen. Laut Händlerinformation sei der Fernseher für Südeuropa und Polen bestimmt gewesen, gleichwohl handele es sich um ein „vollständig EU-konformes Gerät“.

Zu Wort kommt auch der Anwalt Thomas Hollweck. Er ist der Meinung, dass bei einem technischen Produkt die Landessprache einprogrammiert sein muss. „Als deutscher Kunde, der einen Fernseher in einem deutschen Online-Shop erwirbt, kann der Leser erwarten, dass die Menüführung auch auf Deutsch vorhanden ist.“ Fehlt diese, sei dies ein erheblicher Mangel, so Hollweck.

Vor Gericht ist dieser Fall bisher nicht gelandet. Händler und Fernsehkäufer versuchen sich noch zu einigen. (computerbild.de)


Die Krux der Mehrsprachigkeit

Viele Sprachen sprechen zu können, wird gemeinhin als positiv wahrgenommen. Allerdings kann Mehrsprachigkeit in bestimmten Fällen ein Risiko für den Bildungsweg sein. Jedes 5. Kita-Kind in Deutschland wächst mehrsprachig auf. Dennoch sind Deutschkenntnisse ausschlaggebend für den schulischen Erfolg. Bei Tests schneiden Kinder mit Migrationshintergrund häufig schlechter ab, weil sie kein richtiges Deutsch sprechen können. Grundsätzlich ist Mehrsprachigkeit später eine Bereicherung, auch wenn beim eigentlichen Spracherwerb in den ersten Lebensjahren noch Wörter aus verschiedenen Sprachen miteinander vermischt werden. Sobald beide Sprachen ausreichend beherrscht werden, verschwindet dieses Phänomen wieder. Auch später fällt es bilingual erzogenen Kindern leichter, eine weitere Sprache zu lernen.

Dennoch gebe es gerade im Kita-Bereich erhebliche Defizite bei der Sprachförderung, so eine Umfrage des Paritätischen Gesamtverbandes. Nur 36 Prozent der Tagesstätten gaben an, Kinder mit einer anderen Sprache als Deutsch im Elternhaus gezielt unterstützen zu können. Selbst in bilingualen Kitas sei die Förderung meist nicht optimal, bemängelt der Bildungsforscher Martin Schastak. Dabei seien die Hürden sehr niedrig, man müsse nicht extra eine mehrsprachige Belegschaft aufbauen. In den meisten Fällen könne man auf die „Sprachexpertise der Kinder“ vertrauen und bilinguale Bilderbücher anbieten.

Eltern sollten bei der mehrsprachigen Erziehung die Sprache sprechen, die sie selbst am besten können, also die eigene Muttersprache, so Experten. (deutschlandfunk.de)


Mit KI seine Stimme zurückgewinnen

Menschen ohne Stimme könnte bald das Sprechen ermöglicht werden. An der dafür benötigten Technologie arbeiten Forscher der Pohang University of Science and Technology in Südkorea. Zum Einsatz kommt hierfür die Künstliche Intelligenz. Ein tragbares Gerät wird um den Hals gelegt, das Muskelbewegungen im Nackenbereich mithilfe von Kameras und Sensoren erfasst. Eine KI analysiert dann diese Bewegungen und rekonstruiert daraus die gesprochenen Wörter. Das System könnte sogar mit der individuellen Stimme des Nutzers trainiert werden, sodass eine synthetische, persönliche Stimme entsteht. In ersten Tests funktionierte die Methode zuverlässiger als bisherige Verfahren, auch in lauten Umgebungen, in denen Mikrofone versagen. Die Technik könnte vor allem Menschen helfen, die ihre Stimme verloren haben, und auch neue Möglichkeiten für lautlose Kommunikation bieten. Bis zur Marktreife seien jedoch noch weitere Entwicklungen nötig, etwa die Unterstützung mehrerer Sprachen und die Integration in Geräte wie Smartphones. (t3n.de)


DaZ-Kongress in Mannheim

Die Ernst Klett Sprachen GmbH veranstaltet einen jährlichen Kongress für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Auch in diesem Jahr richtet sich die Veranstaltung in Mannheim unter dem Motto „Viel mehr als unterrichten!“ an Lehrer und Bildungseinrichtungen und widmet sich den zentralen Zukunftsfragen des Deutschunterrichts in der Erwachsenenbildung. Insbesondere wird der Umgang mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Kosten- und Zeitdruck, technologischem Wandel und Künstlicher Intelligenz als Faktor für erfolgreiches Sprachenlernen besprochen. Ziel sei es, den Austausch zwischen Lehrern, Institutionen und Politik zu fördern und die Bedeutung von Sprachkompetenz für gesellschaftliche Teilhabe und Integration zu unterstreichen. Die kostenlose Anmeldung ist auf der Netzseite des Klett-Verlags möglich. (pressemitteilungen.sueddeutsche.de)


Wie man über Demenz spricht 

Im Rahmen eines Vortrags des Aktionsbündnisses Demenz plädierte die Forscherin Alexandra Wuttke aus Konstanz für einen sensibleren Sprachgebrauch im Umgang mit Demenz. Statt von „Demenzkranken“ sollte von „Menschen mit Demenz“ gesprochen werden. Ihrer Auffassung nach werden die Betroffenen durch Begriffe wie „Kranke“ oder „Leidende“ diskriminiert und an den „Rand der Gesellschaft“ gerückt. In ihrem Vortrag sprach sie zudem von anderen strukturellen Problemen, mit denen die Betroffenen zu kämpfen hätten, etwa, dass ältere Menschen seltener eine Psychotherapie erhielten und stattdessen häufiger medikamentös behandelt würden. Während des Vortrags wurde auch der „Sprachleitfaden Demenz“ empfohlen, der darüber aufklären soll, wie man „in einer angemessenen Weise“ über Demenz sprechen kann. Insbesondere die sprachliche Validation, also die wertschätzende Kommunikationsmethode in der Pflege, wird beim Umgang mit Demenzpatienten empfohlen. (suedkurier.de)


2. Gendersprache

Gendern in Schulbüchern

Der Bildungsverlag Westermann hat sich zum Gendern geäußert. Laut Geschäftsführer Sven Fischer gebe es eine klare redaktionelle Leitlinie: „Wir bemühen uns um eine geschlechtergerechte Sprache, verzichten aber auf Sonderzeichen wie Sternchen oder Lücken, weil diese noch nicht allgemein als Standard akzeptiert sind.“ Dennoch sei Diversität für den Verlag wichtig, daher bilde man unterschiedliche Lebensrealitäten und Familienmodelle ab. (rnd.de, braunschweig.t-online.de)

3. Kultur

Sorbisch am „Happy Monday“

Der Bautzener „Happy Monday“ ist ein jährlicher Aktionstag, bei dem die kulturelle Vielfalt Bautzens gefeiert wird. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt erstmals auf der sorbischen Sprache und Kultur. Neben dem Üben von sorbischen Volkstänzen und einem Auftritt der sorbischen Musikgruppe „Rokotak“ konnten die Besucher auch einen Sprachkurs absolvieren. Die Organisatoren, zu denen auch Manja Gruhn vom Verein Steinhaus e. V. gehört, betonten, dass sie mit dem Aktionstag und dem Schnupperkurs insbesondere das Interesse an Sorbisch wecken wollten. „Das soll verdeutlichen, dass Sorbisch hier zum Alltag gehört“, erklärt Gruhn. (mdr.de)


Bayern für Ausländer

Mit Bayern warm zu werden, fällt schon vielen Deutschen nicht leicht. Einige Bräuche sind speziell, je dörflicher es wird, desto schwieriger ist es, das Bayerische zu verstehen. Die Sendung puzzle beim Bayerischen Rundfunk hat Ausländer begleitet, die sich in Bayern niedergelassen und dort ihre neue Heimat gefunden haben – und dabei auch oft gleich einen schweren bayerischen Dialekt übernommen haben. (ardmediathek.de, instagram.com/mensch.bayern)


4. Berichte

Die Welt der Warnhinweise auf dem Sprachhof

Auf unserem Sprachhof in Kamen wird es im Mai satirisch. Denn dort ist ab dem 8. Mai die Ausstellung „Autos sind tödlich. Satirische Variationen einer politisch korrekten Teufelsaustreibung“ von PH Gruner zu sehen. Im Mittelpunkt stehen bekannte Warnhinweise, etwa von Tabakverpackungen, und die Frage, wie solche alarmistischen Botschaften in anderen Lebensbereichen wirken würden und welche sprachliche Mittel zum Einsatz kämen. Mit digitalen Fotomontagen nimmt Gruner den Betrachter mit in einen Ausschnitt der Welt der Warnhinweise, die Welt der beschwörend-fürsorglichen Bekümmerung des Verbrauchers. Und er fragt: Wollen wir die?

Die Ausstellung wird am Freitag, 8. Mai 2026, um 18 Uhr im Sprachhof (Hohes Feld 6, 59174 Kamen) eröffnet. Die Begrüßung übernimmt Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, eine Einführung gibt der Künstler selbst. Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 5. Juni 2026, der Eintritt ist frei. Angaben zu den möglichen Besuchszeiten befinden sich in unserem Veranstaltungskalender: vds-ev.de. (vds-ev.de)


5. Denglisch

Vom wir und wir

Die BBC beleuchtet in einem Artikel den Unterschied zwischen „wir“ und „wir“. Das Englische hatte vor rund 1.000 Jahren ein Pronomen, das heute nicht mehr genutzt wird. Wo heute „wir zwei“ („we“) gemeint sind, gab es früher im Alt-Englischen ein „wit“. Dabei waren nur genau zwei Personen gemeint, was das Pronomen persönlicher, intimer machte. Meinte man zwei andere Personen, sprach man von „git“ („you two“). Im 13. Jahrhundert verschwand dieser Form, und auch andere Pronomen verloren Buchstaben. Das „hit“ verlor sein h und wurde zu „it“, das „Ic“, das allein schon optisch nah am Germanischen „Ich“ war, musste das c einbüßen, übrig blieb das „I“ des modernen Englisch. Sprache entwickelt sich meist in Richtung einer Vereinfachung, daher klingt es heute in englischen Liedern umständlich, wenn von „just the two of us“ gesungen wird statt „we“, vor 1.000 Jahren hätte ein „wit“ das alles viel kürzer ausgedrückt.

Doch wo Dinge wegfallen, kommen auch neue hinzu. Auch in England sind Wörter immigriert. „She“, also die weibliche Komponente, entwickelte sich erst nach dem „he“, es entstand vermutlich aus der Vereinigung der beiden weiblichen Pronomen „heo“ und „seo“. Und auch „they”, „them” und „their“ sind keine englischen Wörter, sie sind mit den Vikingern aus dem Skandinavischen mitgebracht worden, als diese ab 800 n. Chr. ihre Raubzüge ausdehnten, und ersetzten das Alt-Englische „hie“. Nach der Eroberung Englands durch die Normannen schließlich gab es eine neue Anrede, die allerdings eher verwirrte: „you“ wurde verstärkt benutzt, allerdings um eine Person oder mehrere anzusprechen. Vorher gab es „Þu“ (später „thou” geschrieben) für eine einzelne Du-Person sowie das Wort „ge“, das mehrere Personen meinte und das es heute noch in einigen Regionen Englands als „ye“ gibt. Bis heute gibt es einige Dialekte in England und Irland, die diese Unterscheidung zumindest in der gesprochenen Sprache nutzen. (bbc.com)


6. Soziale Medien

„Büchergarten“ in Lettland

Auch so funktioniert Völkerverständigung: Unsere Mitglieder Mechthild und Dieter Massin aus Ahlen haben schon länger Kontakt nach Lettland, mittlerweile sind mithilfe des Europäischen Senioren-Netzwerks Ahlen (ESNA) enge Freundschaften gewachsen. Im Rahmen einer Ausstellung entstand die Idee eines „Büchergartens“ für die Bibliothek der Universität Ventspils. Mehrere Bücher sind jetzt übergeben worden, sodass Studenten der lettischen Uni neben der Pflichtlektüre auch Literarisches aus dem Münsterland ausleihen können. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)


7. Buchwelt

Die Schreibschule: Ein einsamer Versuch!

Stellen Sie sich vor, Sie leben als deutscher Muttersprachler schon lange in Brasilien und schreiben Erzählungen und Romane. Nach langer Abwesenheit möchten Sie die neuesten Entwicklungen der Sprache kennenlernen, denn in der Ferne hat man auf einer Art Sprachinsel den Kontakt zur aktuellen Sprachpraxis verloren. Wie schreibt also ein moderner Autor? So melden Sie sich in Deutschland zu einem Schreibkurs an. Sie erleben sofort, dass die Dozentin offenbar versucht, den Teilnehmern einen Stil einzuimpfen, der nicht der Ihre ist. Anscheinend versucht sie, bei den Kursteilnehmern eine Einheitsschreibe zu fördern, die Persönlichkeit und Authentizität des Autors nivelliert. Ständig ist sie angesichts der Texte der Teilnehmer auf der Jagd nach politisch inkorrekten Aussagen, nach Wörtern, die man heute nicht sagt. Ein Erlebnisbericht des Erzählers aus seiner Zeit als Fotojournalist auf einer Reise ins Innere Schwarzafrikas als Kern seines vorgelegten und sezierten Übungstextes kommt da gerade passend. Einige unerwartete Rückgriffe auf die Zeit der deutschen Kolonien stoßen besonders auf. Der Leser kann gut nachempfinden, wie isoliert sich der Erzähler in diesem Schreibkurs fühlen muss. Gerade so, als stünde er der Inquisition gegenüber. Schließlich grübelt er, ob er den Kurs lieber abbrechen soll. Eine lebendige Erzählung, wo der Leser manches wiedererkennt, was auch ihm im Umgang mit den neuen Experten der deutschen Sprache aufstößt. (Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)

Franz J. Brüseke: Die Schreibschule. Eine Erzählung. IFB Verlag Deutsche Sprache. 2014. 14 € (ifb-verlag.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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