1. Presseschau
Brauchen wir die Rechtschreibung noch?
Die ZEIT geht der Frage nach, ob Rechtschreibung angesichts immer leistungsfähigerer KI-Systeme noch denselben Stellenwert hat wie früher. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Rechtschreibprogramme und Künstliche Intelligenz heute viele Fehler automatisch erkennen und korrigieren können. Zugleich verweist der Artikel auf Studien, die zeigen, dass Schüler zunehmend Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung haben. Vor diesem Hintergrund wird diskutiert, ob die Fähigkeit zum fehlerfreien Schreiben künftig an Bedeutung verliert oder weiterhin eine wichtige Kulturtechnik bleibt.
Der Sprachwissenschaftler Horst Haider Munske, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des VDS, sieht einen Bedeutungsverlust der Orthographie durch technische Hilfsmittel: „Seit man automatisch korrigieren kann, hat Rechtschreibung unglaublich an Wert verloren.“ Diese Entwicklung bewertet er allerdings nicht negativ, denn die Rechtschreib-Hilfsmittel hätten dazu beigetragen, dass heute jeder richtig schreiben könne. Der französische Kognitionswissenschaftler Stanislas Dehaene hebt hervor, dass Rechtschreibung trotz technischer Hilfen wichtig bleibt: „… das Lesen wird nicht verschwinden, und deshalb brauchen wir auch orthografisches Wissen.“
Der ZEIT-Beitrag kommt zu dem Schluss, dass Rechtschreibung mehr ist als bloße Fehlervermeidung. Sie erleichtert Verständigung, signalisiert Bildung und Sorgfalt und bleibt eine Voraussetzung für sprachliche Teilhabe. KI könne beim Schreiben unterstützen, ersetze aber nicht das grundlegende Verständnis von Sprache und Schrift. Die Frage sei daher nicht, ob Rechtschreibung überflüssig wird, sondern welche Rolle sie in einer von KI geprägten Kommunikationswelt künftig spielen soll. (zeit.de (Bezahlschranke))
Schimpfende US-Politiker
In der amerikanischen Politik geht es sprachlich rau zu. Erst kürzlich reagierten die Demokraten auf einen X-Beitrag (vormals Twitter) des Präsidentenberaters Stephen Miller mit der Bemerkung: „Halt die Klappe, du hässlicher Scheißkerl.“ Der Sprachwissenschaftler Ben Bergen von der University of California San Diego erklärt, dass sich diese öffentlichen Schimpftiraden der Politiker insbesondere in den vergangenen zehn bis zwölf Jahren verstärkt hätten. Als Gründe nennt er sowohl die zunehmende politische Polarisierung als auch den Einfluss Sozialer Medien, die eine informellere und emotionalere Kommunikation förderten. Laut Bergen griffen Politiker bewusst zu Schimpfwörtern, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und authentischer zu wirken. Studien zeigten, dass Menschen fluchende Personen oft als direkter, ehrlicher und nahbarer wahrnähmen. Diese Eigenschaften seien für Politiker durchaus attraktiv. Allerdings gebe es nach wie vor genügend Menschen, die eine solche Sprache in der Öffentlichkeit ablehnten. Der Forscher weist außerdem darauf hin, dass Schimpfwörter mit der Zeit ihre Wirkung verlieren können, weil sich Menschen an sie gewöhnen. Bergen betont jedoch, dass beleidigende oder diskriminierende Ausdrücke davon ausgenommen seien und nachweislich negative Folgen für das Wohlbefinden Betroffener haben können. Er geht davon aus, dass sich sprachliche Normen auch künftig wieder verändern werden, da der Umgang mit Tabuwörtern historisch gesehen häufig in Wellen verlaufe. (faz.net (Bezahlschranke))
Der Papst lernt Deutsch
Für einen geplanten Deutschlandbesuch lernt Papst Leo XIV. derzeit Deutsch. Das berichtete das Kirchenoberhaupt gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur. Er übe die Sprache vor allem spät in der Nacht, da ihm tagsüber kaum Zeit dafür bleibe. Einen konkreten Termin für die Reise gebe es zwar noch nicht, grundsätzlich plane er jedoch einen Besuch in Deutschland. Seine Deutschkenntnisse hat der Papst bereits mehrfach öffentlich unter Beweis gestellt. So entschuldigte er sich kürzlich bei einem Empfang deutscher Verbindungsstudenten auf Deutsch für sein verspätetes Erscheinen und scherzte mit Blick auf die deutsche Pünktlichkeit: „Ich bin ein Ausländer.“ Derzeit befindet sich der Pontifex auf einer Reise durch Spanien. Der US-Amerikaner war vor seiner Wahl zum Papst mehr als 25 Jahre als Missionar und Bischof in Peru tätig und spricht neben Englisch auch fließend Spanisch. (spiegel.de)
Deutsch in Chile
Die chilenische Hafenstadt Punta Arenas verdankt einen Teil ihrer Entwicklung deutschen Einwanderern. Ein Beitrag in der chilenischen Wochenzeitung Cóndor schildert, wie deutsche Siedler seit Mitte des 19. Jahrhunderts Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur der Stadt nachhaltig geprägt haben.
Die deutsche Sprache wird heute zwar kaum noch als Muttersprache gesprochen, das deutsche Kulturerbe ist aber weiterhin lebendig. Eine Schlüsselrolle spielt dabei die Deutsche Schule Punta Arenas, die Traditionen wie Advent, Nikolaustag, Ostern und Oktoberfest pflegt und damit kulturelle Brücken zwischen den Generationen schlägt.
Bis heute zeugen deutsche Familiennamen, Inschriften auf dem historischen Friedhof sowie zahlreiche Zeugnisse im Stadtbild von der einst starken deutschsprachigen Präsenz. Zwar hat sich das Deutsche im Alltag weitgehend zugunsten des Spanischen zurückgezogen, doch Familienarchive, Erinnerungen und kulturelle Bräuche halten das Bewusstsein für die deutschen Wurzeln wach. (condor.cl)
2. Gendersprache
Urteile gegen Bundesbehörde rechtskräftig
Im Februar dieses Jahres wehrte sich eine Angestellte gemeinsam mit dem VDS gegen die Kündigung durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Die 43-jährige Chemikerin hatte sich geweigert, ein Arbeitsschutzdokument durchgehend zu gendern, woraufhin sie zunächst abgemahnt und ihr anschließend gekündigt wurde. Die Angestellte verfasste das Arbeitsschutzdokument gemäß den Regeln des Handbuchs der Rechtsförmlichkeit, die Disziplinarvorgesetzten verlangten jedoch Gender- und Paarformen. Das Arbeitsgericht Hamburg erklärte sowohl die Abmahnungen als auch die Kündigung für nicht rechtskräftig und gab der Klägerin Recht, woraufhin Berufungen eingelegt wurden. Das Landesarbeitsgericht Hamburg hat im Februar 2026 beide Berufungen zurückgewiesen. Die Urteile in vollständig abgefasster Form lagen Ende April 2026 vor. Das BSH hat fristgerecht keine Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt, sodass die Urteile seit Anfang Juni 2026 rechtskräftig sind.
Der VDS hatte die Klägerin finanziell unterstützt. Prof. Dr. Walter Krämer, VDS-Vorsitzender, freut sich über den Ausgang: „Es ist ein wichtiges Zeichen für alle, die sich am Arbeitsplatz von Verfechtern der Gendersprache gegängelt fühlen.“ Dem Steuerzahler sind in den beiden Instanzen Gerichts- und Prozesskosten in Höhe von knapp 18.000 Euro entstanden. (vds-ev.de)
3. Sprachspiele: Neues aus dem Wort-Bistro
Warum sagen wir Dalli Dalli?
Ist Rauchen gesund? „Natürlich nicht“, werden Sie jetzt vielleicht ausrufen. Andererseits hört man doch oft, Raucher würden mehr Pausen einlegen als Nichtraucher. Und wer mehr Pausen macht, müsste doch eigentlich gesünder leben. Sei´s drum. Fest steht, dass einen Mann in Osnabrück die Zigarettenpause beinahe das Leben gekostet hätte. Und das hatte nicht einmal so viel mit seiner Zigarette zu tun.
Da fuhr also ein ICE aus Norddeutschland in Richtung Nordrhein-Westfalen und machte Halt am Hauptbahnhof Osnabrück. So weit, so gewöhnlich. Der 46-jährige Passagier, um den es hier geht, stieg aus und stellte sich auf den Bahnsteig, um schnell eine Zigarette zu rauchen und sofort wieder einzusteigen. Doch seine Freude am Tabak war offenbar so groß, dass er das Schließen der Zugtüren verpasste und der ICE ohne ihn losfuhr. Der Mann aber wollte sein Gepäck retten (vielleicht waren dort weitere Zigaretten?), sprang eilig auf das Trittbrett des Zuges und fuhr ein ganzes Stück außen mit. Der Lokführer wurde informiert, leitete schnell eine Notbremsung ein und der Raucher blieb glücklicherweise unverletzt. Doch eines ist klar: Diese Zigarettenpause konnte er in der Pfeife rauchen. Vermutlich hat er noch mit der Fluppe in der Hand am Bahnsteig auf den ICE geschaut und gedacht: Ach, noch ein Zug! Er war einfach Feuer und Flamme für seinen Glimmstängel – ein Wort, das wir wieder häufiger verwenden sollten. Und sicherlich entspringt manch eine Zigarettenpause einer zündenden Idee. Noch ein Gedanke: Hätte ihn der Lokführer gefragt: „Fährst Du mit?“, hätte der Raucher geantwortet: „Das steht noch auf der Kippe“.
Als unser Tabakfreund jedenfalls auf den Zug aufsprang, mag er sich gedacht haben: „Dalli, Dalli!“. Von der gleichnamigen Rateshow im Fernsehen hatte er bestimmt gehört. Aber der Ausdruck stammt nicht aus dem Fernsehen, sondern laut Norbert Golluch aus dem Polnischen, wo „dalej“ in etwa so viel wie „Vorwärts“, „Los jetzt“ oder „Auf geht´s“ bedeute. Ihm zufolge brachten polnische Wanderarbeiter während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert den Ausdruck in deutsche Gefilde, vor allem ins Ruhrgebiet. Wäre unser Raucher jedenfalls am Bahnhof geblieben, hätte er dem startenden Zug gemächlich zusehen und ausrufen können: „Ist ja echt abgefahren“.
Philipp Kauthe
Radio-Journalist, Buchautor, Podcast „Schlauer auf die Dauer“ (philipp-kauthe.de)
4. Kultur
Warum Schule heute anders ist
Im niedersächsischen Bersenbrück sprach Grundschulrektorin Katja Rauf in ihrem Vortrag über die Herausforderungen des heutigen Schulalltags. Rauf ist seit dem Jahr 2000 im niedersächsischen Schuldienst tätig und berichtete über die zahlreichen Unterschiede zu früher. Insbesondere die Sprachentwicklung der Kinder sei eine große Herausforderung im derzeitigen Schulalltag. Rund 15 Prozent der Schüler der Grundschule Bersenbrück sind nicht in Deutschland geboren und lernen Deutsch als Zweitsprache. Gleichzeitig beobachtet die Schule auch bei vielen deutschsprachigen Kindern sprachliche Defizite. Häufig fehle es an grundlegenden Wortschatzkenntnissen und viele Kinder hätten Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren. Als mögliche Ursachen nennt Rauf unter anderem, dass Kindern seltener vorgelesen werde und in vielen Familien weniger gesprochen werde als früher. Hinzu komme ein hoher Medienkonsum. Dies erschwere den Unterricht, da manche Kinder bereits nach kurzer Zeit erschöpft seien. Die Schule versucht deshalb mit individueller Förderung und differenzierten Unterrichtsmethoden, etwa mit einer besonderen Klassenraumgestaltung, auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler zu reagieren. Insgesamt besuchen derzeit 416 Kinder die Grundschule Bersenbrück. Neben der Sprachförderung gehören auch Inklusion und die Betreuung von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf zu den zentralen Aufgaben der Schule. (noz.de)
5. Berichte
KI und Wittgenstein in der VDS-Akademie
Die Angebote der VDS-Akademie werden ab diesem Sommer fortgesetzt. Am 20. Juni widmet sich Dr. Achim Sohns, Regionalleiter der Region Hannover, im Rahmen eines Tagesseminars der Frage: „Ist Künstliche Intelligenz böse?“ Die Veranstaltung kann sowohl in Präsenz auf dem Sprachhof in Kamen als auch online besucht werden. Gemeinsam mit interessierten Sprachfreunden möchte Dr. Sohns einen Überblick darüber geben, was Künstliche Intelligenz ist, was sie leisten kann und wie verschiedene, überwiegend zeitgenössische Denker diese Entwicklung einordnen. Philosophische Vorkenntnisse sind hierfür nicht erforderlich. Bereits am darauffolgenden Tag, dem 21. Juni, folgt ein weiteres Tagesseminar zur Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, ebenfalls unter der Leitung von Dr. Achim Sohns.
Das Angebot der VDS-Akademie wird fortlaufend erweitert. Nähere Informationen zu den Seminaren sowie zur Anmeldung finden Sie auf der Netzseite des VDS unter vds-ev.de/vds-akademie.
Sprachlosigkeit kostet Fachkräfte
„Als Wissenschaftler muss ich auch normalen Menschen gegenüber fachlich qualifiziert und sprachlich handlungsfähig sein“, betont der Biochemiker und langjährige Leiter des Fachgebiets Trinkwassertoxikologie im Umweltbundesamt, Prof. Dr. Hermann H. Dieter, in einem Interview mit dem Meinungsportal alleseiten.de. Dieter hält es für ein wachsendes Problem, dass sich viele Wissenschaftsbereiche sprachlich von den Landessprachen abkoppeln und fast ausschließlich auf Englisch geforscht und veröffentlich wird. Für ihn besteht die Gefahr, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse nicht mehr in die Alltagssprache übersetzt werden können. Eine solche Entwicklung könne sogar „Verschwörungstheorien Vorschub leisten, die das gesellschaftlich Miteinander gefährden“.
Als Nachteil sieht Dieter auch, dass die meisten ausländischen Studenten Deutschland nach dem Studium wieder verlassen. Er stellt einen Zusammenhang dazu her, dass diese Studenten aus dem Ausland durch die zunehmenden englischsprachigen Studiengänge an deutschen Universitäten daran gehindert werden, die deutsche Sprache zu erlernen.
Generell sei es ein Problem, dass Englisch als Sprache der Lehre in Deutschland zunehme. Die Erstsemester sähen keinen Anlass mehr, sich „eine alltagstaugliche Wissenschaftssprache anzueignen“, wenn Vorlesungen und Seminare ausschließlich auf Englisch stattfänden.
Prof. Dr. Dieter ist Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache: adawis.de. (alleseiten.de (Bezahlschranke))
Überparteilich, aber nicht unpolitisch
Der VDS-Leiter der Region Dresden, Jörg-Michael Bornemann, stellt in seinem eigenen Blog den VDS als eine Einrichtung vor, die einen „positiven Beitrag für unsere Gesellschaft“ leiste, „ohne dabei von parteipolitischen Kräften vereinnahmt zu werden“. Der VDS verbreite keine reißerischen Botschaften, keine Weltuntergangsszenarien und keine ideologischen Heilsversprechen, so Bornemann. Für ihn selbst sei es eine gute Übung, Überzeugungen in der Öffentlichkeit zu vertreten, ohne einen Absolutheitsanspruch zu erheben – und ohne sofortigen Erfolg zu erwarten. (bornemann-aktuell.de)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Stephanie Zabel
