1. Presseschau
Kinder zu Wort kommen lassen
In der Sprachforschung ist bereits seit den 1960er-Jahren bekannt, dass das gemeinsame Erzählen von Geschichten die emotionale und geistige Entwicklung von Kindern ungemein fördern kann. Entscheidend sei dabei jedoch, dass Kinder selbst zu Wort kommen. Das erklärt die Entwicklungspsychologin Elaine Reese von der Universität Otago in Neuseeland im Gespräch mit der Welt. Seit Jahrzehnten erforscht Reese, wie sich das Erzählen und gemeinsame Erinnern auf die Entwicklung von Kindern auswirken. Besonders förderlich sei ein sogenannter elaborativer Gesprächsstil, bei dem Eltern offene Fragen zu gemeinsamen Erlebnissen stellen und ihre Kinder ermutigen, diese in eigenen Worten wiederzugeben. Wenn Eltern hingegen selbst das Gespräch übernehmen oder immer wieder dieselben Fragen stellen, tendieren Kinder dazu, sich zu verschließen und weniger zu erzählen.
In mehreren Langzeitstudien konnte Reese zeigen, dass Kinder, deren Eltern einen solchen Gesprächsstil pflegten, später klarere autobiografische Erinnerungen hatten und sogar weniger emotionale Probleme aufwiesen. Eltern sollten insbesondere Wert auf die Fragen „Wer, was, wo, wann, warum“ legen, um ihre Kinder zum Miterzählen anzuregen. Sie selbst müssten dabei keine talentierten Geschichtenerzähler sein, denn den Kindern solle vor allem die Möglichkeit gegeben werden, Geschichten und Erinnerungen selbst zu erzählen. Auch in Kindertagesstätten und Schulen lasse sich dieser Ansatz anwenden. Ein entsprechendes Förderprogramm namens „Enrich“ habe bei Kindern Fortschritte in der gesprochenen Sprache, der frühen Lesekompetenz, der Selbstregulation und den sozialen Fähigkeiten gezeigt. Reese vermutet zudem, dass Kinder durch das eigenständige Erzählen ihre mentale Vorstellungskraft trainieren, da sie Erinnerungen gedanklich rekonstruieren und in Sprache übersetzen müssen. Diese Fähigkeit sei wiederum von großer Bedeutung für Kreativität, Wohlbefinden und das Denken insgesamt. (welt.de (Bezahlschranke))
Ladinisch benachteiligt
In Südtirol soll das Berggebiet Kronplatz künftig nur noch unter dem Namen „Kronplatz Dolomites“ vermarktet werden. Der bisherige ladinische Name „Plan de Corones“ wurde aus dem Werbelogo gestrichen. Ladinisch ist eine rätoromanische Sprache, die neben Deutsch und Italienisch die dritte Amtssprache in Südtirol ist und von etwa 30.000 Menschen gesprochen wird. Die Union Generela di Ladins dles Dolomites, der Dachverband der ladinischen Kultur- und Sprachvereine, kritisiert nun diese Entscheidung. Präsident des Dachverbandes, Roland Verra, sieht darin einen großen Schaden für die Sichtbarkeit der ladinischen Sprache und dem kulturellen Erbe der Region. Der ursprüngliche Name „Plan de Corones“ sei nicht nur eine touristische Bezeichnung, sondern verweise auch auf die geologische Form des Berges.
Ein großer Teil des Kronplatz-Gipfelbereichs liegt nämlich auf ladinischem Gebiet. Die Streichung des Namens widerspreche den Bemühungen, die ladinische Sprache und Kultur auch im Tourismus stärker zur Geltung zu bringen. Der Dachverband fordert deshalb, den ladinischen Namen wieder in das Logo aufzunehmen. (rainews.it)
Jüdische Übersetzer prägten Sprachentwicklung
Die Jüdische Allgemeine berichtet über die Geschichte jüdischer Übersetzungstraditionen und wie die einzelnen Übersetzer die Sprachentwicklung beeinflusst haben. Bereits im Mittelalter übertrug die jüdische Gelehrtenfamilie Ibn Tibbon viele philosophische Werke aus dem Arabischen ins Hebräische. Da dem Hebräischen damals viele wissenschaftliche Begriffe fehlten, schufen die Übersetzer neue Wörter und Ausdrucksweisen, die die Sprache über Jahrhunderte prägten. Auch die Übersetzungen religiöser Texte hatten großen Einfluss auf die Sprachentwicklung. So entstand durch die wortgetreue Übertragung hebräischer Texte ins Spanische eine besondere Sprachform des Judenspanischen, das Ladino. Im 20. Jahrhundert versuchten Martin Buber und Franz Rosenzweig wiederum, mit ihrer Bibelübersetzung die Eigenheiten des Hebräischen im Deutschen sichtbar zu machen. Dabei entstanden ungewöhnliche Formulierungen wie „Irrsal und Wirrsal“ für das hebräische „tohu wa-bohu“. Heute dienen Übersetzungen auch dem Erhalt bedrohter Sprachen. So wurde beispielsweise „Der kleine Prinz“ ins Ladino übertragen, um die kaum noch gesprochene Sprachform zu bewahren. (juedische-allgemeine.de)
70 Jahre Werbung
Vor 70 Jahren wurde erstmals im deutschen Fernsehen Werbung ausgestrahlt. Damals handelte es sich um einen kurzen Werbefilm für das Waschmittel Persil mit dem Spruch „Persil. Und nichts anderes“. Seither sind zahlreiche Werbesprüche entstanden, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert haben. Darüber berichtet die Medienplattform Horizont auf ihrer Netzseite. Einige dieser Werbesprüche seien zu geflügelten Worten geworden. So etwa der Werbespruch „Geiz ist geil“ der damaligen Elektronikkette Saturn aus dem Jahr 2002. Auch Toyotas „Nichts ist unmöglich“ entwickelte sich zu einer geläufigen Redewendung, die Zuversicht und Tatendrang ausdrücke. Andere Werbesprüche seien vor allem durch ihren einprägsamen Dreiklang bekannt geworden. Ein Beispiel dafür sei „Quadratisch. Praktisch. Gut.“ der Schokoladenmarke Ritter Sport. Und das als Reim verpackte Werbeversprechen „Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso“ des gleichnamigen Süßwarenherstellers aus Bonn funktioniere auch Jahrzehnte später noch, da er Erwachsene einlade, sich als Kind zu fühlen. (horizont.net)
2. Gendersprache
Herumbasteln an der Sprache
Die Bemühungen um eine politisch korrekte Sprache haben nach Ansicht der NZZ-Journalistin Claudia Schwartz weniger mit gesellschaftlicher Gerechtigkeit als mit dem Streben nach Macht zu tun. In ihrem Beitrag „Wer Sprache verändert, will Macht“ (27. Oktober) kritisiert sie die sprachpolitischen Vorstellungen der sogenannten Woke-Bewegung. Begriffe wie „bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht“ oder „männlich/weiblich gelesen“ dienten dazu, biologische Tatsachen sprachlich umzudeuten. Die Autorin beruft sich unter anderem auf die Publizisten Matthias Heine und Mathias Brodkorb, die in der Sprachpolitik der identitätsorientierten Linken ein Mittel zur Erlangung kultureller Vorherrschaft sehen. Wer festlege, welche Wörter erlaubt und welche diskriminierend seien, bestimme zugleich die Grenzen des gesellschaftlichen Diskurses. Auch Stan aus Monty Pythons Filmkomödie „Life of Brian“ kommt zu Wort, als er verkündet, fortan „Loretta“ genannt zu werden.
Die Folge dieser Entwicklung sei ein Klima des Generalverdachts, in dem abweichende Meinungen zunehmend moralisch geächtet würden. Schwartz warnt vor den Auswirkungen solcher Sprachregelungen auf Schulen, Verlage, Medien und Justiz. Sprache sei ein Fundament der Demokratie, weshalb alle Bürger das Recht haben müssten, sich ohne Angst vor gesellschaftlicher Ächtung frei zu äußern. (nzz.ch (Bezahlschranke))
3. Sprachspiele: Unser Deutsch
Reform
Das Wort Reform hat in letzter Zeit seine vielversprechende, seine zukunftsweisende Bedeutung eingebüßt. Es gibt Zweifel, ob die wortreichen Versprechungen der Reformer jemals eingehalten werden können. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache ist nicht mehr aktuell, wenn es folgende Bedeutung angibt: ‚umfangreiche, planvolle Verbesserung bestehender Verhältnisse und Einrichtungen, meist ohne sie grundsätzlich in Frage zu stellen oder umzustürzen‘. Hier fehlt die Befürchtung falscher Versprechung, die Sorge um Benachteiligung. Das sagen uns jüngste Erfahrungen. Was hatte die Rechtschreibreform nicht alles versprochen: Lesen und Schreiben würden künftig leichter, Lehrer entlastet, Schulstunden frei für Wichtigeres – endlich würde diese unsystematische Orthographie grundlegend verbessert. Es kam anders, ganz anders. Und wie stand es mit den Gebietsreformen, die vor Jahrzehnten in allen Bundesländern durchgeführt wurden? Es wurden Verwaltungen zusammengelegt, vielleicht Geld und Personal gespart – aber auf der Verlustliste standen tausende Ortsnamen, die jetzt überflüssig geworden waren. Wirklich überflüssig? Waren sie nicht Ausdruck von Identifikation, von Gemeindebewusstsein, von Stolz und Heimatliebe? Gegenwärtig wimmelt es vor Reformzielen: Gesundheit, Pflege, Steuer. Aber Zweifel und Kritik wachsen. Geht es nicht vor allem um Einsparungen? Wen trifft es? Das Wort Reform ist vergiftet.
Interessant ist, dass unser Wort Reform zwar etymologisch mit der Wortfamilie von Reformation, Reformator, reformieren zusammenhängt – es geht auf das lateinische Verb reformare zurück, wurde aber erst Anfang des 18. Jahrhunderts aus französisch réforme entlehnt (anfangs noch Reforme mit -e geschrieben). Es ging um die grundlegende Beseitigung von Missständen. Doch die diskutierte Evolution mündete in die Französische Revolution. Auch das Wort Reformer ist jung. Es wurde im frühen 19. Jahrhundert aus englisch reformer entlehnt. Dies erfährt man übrigens nicht im Grimmschen Wörterbuch. Das schweigt zu den Entlehnungen in unserem Kulturwortschatz. Erst das mehrbändige Deutsche Fremdwörterbuch (1913 ff.) hat dies nachgeholt, eine Neubearbeitung (ab 1974) hat den Buchstaben R aber noch nicht erreicht.
Viel älter sind die anderen Mitglieder dieser Wortfamilie. Reformation begegnet uns schon im späten Mittelhochdeutschen. Im 16. Jahrhundert wurde es zum Leitwort von Martin Luthers Umgestaltung der Kirche. Dazu gehören auch der Reformator und das Verb reformieren. Später wird das Partizip Reformierte eine eigene Bedeutung erhalten: die Mitglieder der ‚reformierten Kirche‘.
Zweierlei lernen wir am Beispiel dieser großen Wortfamilie. Entlehnungen aus dem Lateinischen erfolgten direkt (seit dem 15. Jh.) und indirekt (seit 18. und 19. Jh.) aus dem Französischen und Englischen. Diese werden in Aussprache und Schreibung den Latinismen im Deutschen angepasst. Das andere ist der Bedeutungswandel, die Einschränkung von Reformation und Reformierte auf zwei umfassende soziale und politische Bewegungen. Reform und reformieren, die Leitwörter dieser Wortfamilie, leiden am Vergleich von Reformzielen und Reformergebnissen. Was wir konkret erfahren (oder eben nicht) prägt zunehmend die Bedeutung. Wer Reformen will, soll sie nicht Reformen nennen.
Horst Haider Munske
Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de.
4. Kultur
Helmuth Feilke ist neuer Akademiepräsident
Der Sprachwissenschaftler Helmuth Feilke ist neuer Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Auf der Mitgliederversammlung am 26. Oktober wurde er für eine Amtszeit von drei Jahren gewählt. Er folgt auf den Schriftsteller Ingo Schulze, der nicht erneut kandidiert hatte. In einer Erklärung bezeichnete Feilke den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf Sprache und Literatur als eine der wichtigsten gegenwärtigen Herausforderungen. Daneben warnte er vor nationalistischen Tendenzen, die weltweit versuchten, Sprache, Literatur und das kulturelle Gedächtnis politisch zu vereinnahmen. Die Akademie könne sich laut Feilke als aufmerksame Beobachterin sowie als kritische und mitgestaltende Stimme in die öffentliche Debatte über Sprache und Literatur einbringen. (deutschlandfunkkultur.de)
Russischunterricht gewinnt Lehrpreis
Die Slawistin Gerta Monakhova von der Friedrich-Schiller-Universität Jena erhält den diesjährigen Lehrpreis für die beste Lehrveranstaltungskonzeption. Ausgezeichnet wird die Russischdozentin für ihren praxisnahen und kreativen Sprachunterricht: Monakhova legt besonderen Wert darauf, dass ihre Studenten von Beginn an möglichst viel Russisch sprechen und dabei die Angst vor Fehlern verlieren. So führten vier ihrer Studenten bereits zwei Monate nach Beginn ihres Sprachkurses ein Theaterstück auf Russisch auf. Die gemeinsame Aufführung habe ihnen geholfen, Selbstvertrauen im Umgang mit der Fremdsprache zu entwickeln. Neben ihrem eigenen Unterricht organisiert die Slawistin auch ein Erasmus+-Programm mit europäischen Partnerhochschulen im estnischen Narva, wo Russisch im Alltag weit verbreitet ist. Für den mit 2.500 Euro dotierten Lehrpreis der Universität Jena wurde Monakhova von ihren Studenten vorgeschlagen. Die Auszeichnung wird am 17. November verliehen. (uni-jena.de)
5. Berichte
Wittgenstein und KI in der VDS-Akademie
Im November bietet die VDS-Akademie zwei Tagesseminare mit Dr. Achim Sohns, promovierter Politikwissenschaftler und Philosoph sowie Regionalleiter der Region Hannover, an. Am Samstag, dem 14. November, widmet er sich der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins. Dabei geht es unter anderem um Wittgensteins Verständnis von Grammatik, Sprache als „Sprachspiel“ und die Frage, ob es eine Privatsprache geben kann. Anhand konkreter Beispiele, etwa aus der Gendersprache, sollen die philosophischen Überlegungen veranschaulicht werden. Bereits am darauffolgenden Tag, dem 15. November, folgt das Seminar „Ist Künstliche Intelligenz böse?“. Gemeinsam mit interessierten Sprachfreunden möchte Dr. Sohns einen Überblick darüber geben, was Künstliche Intelligenz ist, was sie leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie verschiedene Denker diese Entwicklung einordnen.
Beide Veranstaltungen finden jeweils von 10:30 bis 16:00 Uhr statt und können sowohl in Präsenz auf dem Sprachhof in Kamen als auch online besucht werden. Philosophische Vorkenntnisse sind für keines der Seminare erforderlich.
Weitere Informationen und Anmeldung unter: vds-ev.de.
„Auf Sprachwegen“ mit dem VDS – letzte Plätze sichern!
Mit dem neuen Veranstaltungsformat „Auf Sprachwegen“ bietet der Verein Deutsche Sprache e. V. seinen Mitgliedern und Interessierten die Möglichkeit, sich unterwegs mit Sprachthemen zu beschäftigen und diese hautnah zu erleben. Im Rahmen eintägiger Bildungsfahrten zeigen wir hierbei, wie eine Region klingt, spricht, erzählt und aussieht. Dabei verbinden wir den Besuch kulturell bedeutsamer Orte mit Vorträgen, Lesungen und Begegnungen mit Autoren, Wissenschaftlern und anderen Menschen mit besonderem Bezug zur Sprache und Geschichte einer Region. Auch kulinarisch möchten wir die Besonderheiten der jeweiligen Region kennenlernen.
Unsere erste Sprachreise führt uns am Donnerstag, dem 19. November 2026, nach Telgte und Münster. Dort begeben wir uns auf die Spuren von Günter Grass, dem Westfälischen Frieden von 1648 und dem rotwelschen Dialekt Masematte. Die Teilnahmegebühr für die Fahrt nach Telgte und Münster beträgt 80 Euro (inklusive Fahrt und Verpflegung). Wer ab Münster dazustößt, zahlt 55 Euro (inklusive Verpflegung). Weitere Fahrten in andere sprachlich und kulturell bedeutsame Regionen sind bereits in Planung.
Für die Bildungsfahrt sind noch Plätze frei. Interessierte haben noch bis einschließlich Freitag, den 6. November, Zeit sich anzumelden.
Informationen zum Programm und zur Anmeldung befinden sich unter vds-ev.de.
6. Soziale Medien
Telekom und das Gendern
Ein Kunde der Telekom hatte sich beschwert, weil er vom Kundenservice mit Gendersternchen (Ansprechpartner*in) angesprochen worden ist. Die Antwort der Kundenbetreuung ist bezeichnend: Man finde Gendern ebenfalls nicht gut, beuge sich aber einer Minderheit, die mit rechtlichen Schritten gedroht habe. Wohlgemerkt: rechtliche Schritte wegen einer sprachlich korrekten Ansprache! So viel zum sozialen Zwang, der durch Gender-Befürworter ausgeübt wird (den sie aber natürlich nicht als solchen erkennen).
Der betreffende Kunde hat uns den Schriftwechsel netterweise für die Sozialen Medien zur Verfügung gestellt. (facebook.com/vereindeutschesprache, instagram.com/vereindeutschesprache)
7. Buchwelt
Siegfried Lenz, ein „traditioneller“ Erzähler?
Der Nobelpreis für Literatur wurde gerade an eine Kanadierin verliehen. Sind Sie auch noch immer so enttäuscht wie ich, dass Siegfried Lenz (1926 – 2014) trotz etlicher Nominierungen den Nobelpreis für Literatur schließlich doch nicht bekommen hat? Die deutsche Sprache war, Schweiz und Österreich einbezogen, 18-mal unter den Preisträgern vertreten, die französische 28, und die englische 41-mal. Bei solch einem raumgreifenden System literarische Repräsentanz und Qualität zuverlässig abzubilden, ist angesichts des Einflusses von Politik, subjektivem Geschmack und Zufall auf die Entscheidung der Jury schlechterdings unmöglich. Unsere Hochachtung für einen der größten Erzähler deutscher Sprache sollte also unter dem Vergleich mit seinen Zeitgenossen Heinrich Böll und Günter Grass, die den Preis erhalten haben, nicht leiden. Viele unter uns kennen natürlich Lenz’ Romane wie „Deutschstunde“ (1968), „Das Vorbild“ (1973) oder „Heimatmuseum“ (1978).
Ich möchte sie heute besonders auf seine Erzählungen aufmerksam machen. Sein Verlag „Hoffmann und Campe“ hat 2006 einen großartigen Sammelband aller seiner 160 Erzählungen mit einem Geleitwort von Marcel Reich-Ranicki herausgegeben, darunter etwa „Das Feuerschiff“, „Ein Kriegsende“ oder „So zärtlich war Suleyken“.
Lenz hat mal gesagt, ihm gehe es nicht darum, sich zu empören oder seine Figuren zu verurteilen, er wolle sie verstehen. Manche Kritiker betrachten übrigens seinen Erzählstil leicht geringschätzig als „traditionell“. Mir gefallen die Klarheit der Handlungsentwicklung, der Aufbau der Spannung und die nachvollziehbare Ausleuchtung der Charaktere ohne aufgesetzte Bedeutungsschwere. Seine Erzählungen machen nachdenklich, verzichten jedoch auf gekünstelten Tiefsinn. Dieser Erzähler gibt nicht den Philosophen! Satzbau und Wortwahl sind stets so, dass man am Ende noch weiß, wie der Gedanke begann. Die Zahl der Personen erinnert nicht an ein Telefonbuch, sondern bleibt überschaubar.
(Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
