Infobrief vom 21. August 2026: Mehr Deutschunterricht für Schleswig-Holsteins Grundschüler

1. Presseschau

Mehr Deutschunterricht für Schleswig-Holsteins Grundschüler

Für rund 25.800 Kinder in Schleswig-Holstein hat das erste Schuljahr begonnen. Zum Schulstart führt das Land mehrere Neuerungen ein, mit denen insbesondere die Grundkompetenzen der Schüler gestärkt werden sollen. Erstklässler erhalten künftig jeweils eine zusätzliche Unterrichtsstunde in Deutsch und Mathematik. Verbindliche Lernstandserhebungen sollen Lehrern außerdem dabei helfen, individuellen Förderbedarf frühzeitig zu erkennen und die Schüler entsprechend zu unterstützen. Rund 1.300 der diesjährigen Erstklässler besuchen Klassen für Deutsch als Zweitsprache. Neu ist zudem der Rechtsanspruch auf acht Stunden tägliche Betreuung, der zunächst für Erstklässler an den 394 Grundschulen des Landes gilt. Da noch nicht alle Schulen über die notwendigen räumlichen Voraussetzungen verfügen, kommen teilweise Übergangslösungen wie zusätzliche Container oder die Mehrfachnutzung von Klassenräumen zum Einsatz. (ndr.de)


Barmer warnt vor zunehmenden Sprachstörungen

Anlässlich des Schulstarts in Hamburg verweist die Barmer Krankenkasse auf Auffälligkeiten bei der sprachlichen und motorischen Entwicklung von Kindern im Vorschulalter. Laut dem aktuellen Barmer-Kinderatlas wiesen im Jahr 2024 rund 22,8 Prozent der zwei- bis fünfjährigen Kinder in Hamburg eine ärztlich dokumentierte Sprach- oder Sprechstörung auf. Das entspricht mehr als 16.500 Kindern. Gegenüber 2005 habe sich der Anteil mehr als verdreifacht, wobei zwischenzeitlich zusätzliche verpflichtende Untersuchungen vor der Einschulung eingeführt wurden und unklar ist, welchen Einfluss diese auf die erfassten Fallzahlen haben. Bei 6,7 Prozent der Kinder unter sechs Jahren wurden zudem motorische Entwicklungsstörungen festgestellt. Jungen waren in beiden Bereichen häufiger betroffen als Mädchen. Barmer-Landesgeschäftsführerin Susanne Klein betont mit Blick auf den Schulstart die Bedeutung von Gelegenheiten zum Sprechen, Spielen und Bewegen und empfiehlt Eltern, mögliche Auffälligkeiten frühzeitig ärztlich abklären zu lassen. (welt.de)


ChatGPT entdeckt Schimpfwörter für sich

Nutzern von ChatGPT ist in den vergangenen Wochen aufgefallen, dass der Chatbot häufiger Schimpfwörter verwendet. Wie Business Insider berichtet, tauchten derbe Formulierungen dabei selbst in alltäglichen Rezeptvorschlägen und technischen Gesprächen auf. Die Veränderung fiel zeitlich ungefähr mit einem Wechsel des standardmäßig verwendeten KI-Modells von 5.5 zu 5.6 zusammen, ob der Wechsel tatsächlich dafür verantwortlich ist, bleibt jedoch unklar. Das Softwareunternehmen OpenAI äußerte sich laut Business Insider nicht zu den möglichen Gründen. Einige Nutzer des Onlineforums Reddit vermuten, dass ChatGPT verstärkt den jeweiligen Sprachstil seines Gegenübers aufgreift. Auch persönliche Einstellungen könnten beeinflussen, wie locker oder derb sich der Chatbot ausdrückt. In sozialen Medien stößt der veränderte Ton teilweise sogar auf Zustimmung und wird als natürlicher und menschlicher empfunden. Andere berichten allerdings, dass die häufige Verwendung von Schimpfwörtern inzwischen bereits wieder nachgelassen habe. (businessinsider.de)


2. Gendersprache

Wenn Oberbegriffe ihre Bedeutung verlieren

In der österreichischen Tageszeitung Die Presse setzt sich der Lehrer und Autor Gerald Ehegartner kritisch mit dem zunehmenden Verzicht auf das generische Maskulinum auseinander. In seinem Gastkommentar argumentiert er, dass das grammatische Maskulinum seit Jahrhunderten eine Doppelfunktion erfülle. Denn je nach Zusammenhang könne es entweder spezifisch einen Mann oder geschlechtsübergreifend eine Personengruppe bezeichnen. Als Beispiel nennt Ehegartner Formulierungen wie „für alle Schüler“, die im alltäglichen Sprachgebrauch selbstverständlich geschlechtsübergreifend verstanden werden. Unter Verweis auf Ludwig Wittittgenstein und sprachwissenschaftliche Theorien zur Markiertheit widerspricht er der Auffassung, das generische Maskulinum mache Frauen grundsätzlich unsichtbar. Die seit den 1980er-Jahren verbreiteten Doppelnennungen und späteren Formen des Genderns hätten seiner Ansicht nach vielmehr dazu beigetragen, ursprünglich allgemeine Begriffe zunehmend als ausschließlich männlich wahrzunehmen. Auch das Suffix „-er“, etwa in „Lehrer“ oder „Träumer“, sei nicht grundsätzlich an das biologische Geschlecht gebunden. Als weiteres Beispiel führt Ehegartner Island an, das trotz einer Sprache mit drei grammatischen Genera und einem generischen Maskulinum seit Jahren beim „Global Gender Gap Index“ besonders gut abschneide. Sprachleitlinien, die das generische Maskulinum vermeiden, sieht er daher kritisch. Statt das Geschlecht fortwährend sprachlich hervorzuheben, plädiert Ehegartner für den Erhalt geschlechtsabstrahierender Oberbegriffe. (diepresse.com)


3. Sprachspiele: Unser Deutsch

Neue Wörter

Sorgearbeit

Anfangs hieß es Carework, entlehnt aus englisch carework, doch schon mit deutscher Großschreibung, dann wurde es teilweise lehnübersetzt zu Carearbeit und schließlich in beiden Teilen übersetzt als Sorgearbeit. Gemeint sind alle Tätigkeiten der Fürsorge und Betreuung von Menschen, von der Kinderbetreuung und der Pflege von Älteren bis zum Putzen. Bei Care könnte man auch an kehren denken. Ein passendes Missverständnis. Wird damit auch die 24-Stunden-Arbeit der der traditionellen Ehefrau aufgewertet? Als Sorgearbeit? Das Wort widersetzt sich meinem Sprachgefühl. Warum? Das Wort Sorge hat zwei Hauptbedeutungen: einmal ein ‚bedrückendes Gefühl‘, ‚Angst vor etwas‘ – z.B. Sorge um die Gesundheit, ernste Sorge, meine größte Sorge – ,zum anderen aber auch die ‚Fürsorge‘, das ‚Sich kümmern um jemanden‘. Die erste Bedeutung ist die häufigere. Sie schwingt mit, auch wenn die zweite gemeint ist wie im Kompositum Sorgearbeit. Das macht dieses neue Wort doppeldeutig. Vielleicht wird sich deshalb eher das Lehnwort Carework oder die teilweise Übersetzung Carearbeit durchsetzen, zumal in der professionellen Pflege. Das Fremdwort Care ist semantisch weniger belastet. Außerdem veredelt es die ebenso nötigen wie trivialen Tätigkeiten.

Flow

„Sollten wir den Flow mitnehmen“, fragt ein Fußball-Kommentator und meint den erfolgreichen Verlauf der bisherigen Spiele. Flow klingt nach mehr als die deutsche Übersetzung Fluss. Woran liegt das? Weil Flow eben nur in dieser übertragenen Bedeutung, als ‚gelungene Verlauf‘, entlehnt wird und damit eindeutiger ist. Das ist oft der Vorteil von Lehnwörtern. Sie werden von ihrer Vielfalt in der Herkunftssprache befreit. Hinzukommt, das Flow mit dem Vokal ou so schön englisch klingt. England hat uns schon viele Sportarten und die passende Sportsprache dazu beschert. Auch das ein Flow.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de.


. Kultur

4. Mut zum Dialekt

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir wirbt für einen selbstbewussteren und gelasseneren Umgang mit Dialekten. Aus seiner Sicht sei es heutzutage kein Nachteil mehr, kein einwandfreies Hochdeutsch zu sprechen. Mundarten wie Schwäbisch, Bairisch oder Sächsisch seien nicht nur regionale Besonderheiten, sondern könnten Emotionen ausdrücken, Identität stiften und sprachliche Vielfalt bewahren. Özdemir selbst wechselt je nach Situation zwischen Hochdeutsch und Schwäbisch und spricht nach eigenen Angaben umso mehr Dialekt, je entspannter die Umgebung ist. Auch an Schulen wünscht er sich Akzeptanz und Pflege der Mundarten. Während zu seiner eigenen Schulzeit teilweise noch die Auffassung geherrscht habe, Dialekt könne Bildungs- und Karrierechancen beeinträchtigen, würden Mundarten heute zunehmend als Teil regionaler Kultur und Identität verstanden. Baden-Württemberg verfügt mit Schwäbisch, Kurpfälzisch oder Hohenlohisch über eine große Dialektvielfalt und warb viele Jahre mit dem Spruch: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ (sueddeutsche.de)

Hochdeutschsprecher für Studie gesucht

Ein Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Konstanz und Trier will untersuchen, wie Dialektsprecher Hochdeutsch und umgekehrt Personen ohne Dialekthintergrund das Hochdeutsche wahrnehmen und bewerten. Für die Studie werden derzeit Sprachdaten erhoben und es fehlt noch insbesondere an Teilnehmern, die keinen ausgeprägten Dialekt, also eher hochdeutsch sprechen.

Bei der Befragung geht es darum, ob dialektgeprägte Sprache (hier das Schwäbische) mit positiven oder negativen Gedanken oder Gefühlen verbunden wird. Entsprechend müssen die Teilnehmer Dialektaussagen bestimmten Signalwörtern zuordnen. Man muss gut zuhören und schnelle Entscheidungen bei der Zuordnung treffen.

Die Umfrage ist anonym und dauert rund 20 Min. Wer will kann am Ende an einer Verlosung teilnehmen. Wer mitmachen will, hier entlang: labvanced.com.


Wunsiedler kämpft für Hozo

Der 69-jährige Sprachwissenschaftler Klaus-Christian Küspert hat über einen Zeitraum von 16 Jahren die bislang nur mündlich überlieferte Sprache Hozo dokumentiert, die im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Sudan von schätzungsweise höchstens 15.000 Menschen gesprochen wird. Da insbesondere jüngere Menschen zunehmend auf das weiter verbreitete Oromo ausweichen, rechnet Küspert langfristig mit einem Aussterben des Hozo. Mit seiner Arbeit möchte er die Sprache dennoch für kommende Generationen bewahren und zugleich die kulturelle Identität ihrer Sprecher stärken. Gemeinsam mit einheimischen Mitarbeitern erstellte er eine Wortliste mit mehr als 3.000 Einträgen sowie Beispielsätzen und entwickelte daraus ein mehrsprachiges Wörterbuch. Ergänzend entstand eine Anwendung mit Tonaufnahmen, die insbesondere die für Hozo wichtigen unterschiedlichen Tonverläufe hörbar macht. Für die Sprecher besitzt die erstmalige Verschriftlichung auch gesellschaftliche Bedeutung, da ihre Sprache in der Vergangenheit teilweise nicht als vollwertige Sprache anerkannt wurde. Eine Parallele zum Rückgang des Hozo sieht Küspert auch in der Entwicklung der Dialekte in Deutschland. Denn so wie jüngere Menschen zunehmend Oromo, die meistgesprochene Sprache Äthiopiens, verwenden, würden auch hierzulande immer weniger junge Menschen regionale Mundarten sprechen. (frankenpost.de (Bezahlschranke))


5. Berichte

Grusel-Lesung auf dem Sprachhof

Verzweiflung, Angst, Irrationalität – die Kurzgeschichte „Der Untergang des Hauses Usher“ ist ein Meisterwerk des US-amerikanischen Autors Edgar Allan Poe. Die Geschichte um den immer wahnsinniger werdenden Adeligen Roderick Usher ist düster, die Erzählweise dicht und intensiv. Die deutsche Übersetzung von 1966 durch Arno Schmidt gilt als die, die den Verfall des Protagonisten am intensivsten und tiefgründigsten aufgegriffen hat.
Der Rhetorik-Trainer Dr. Hartmut Nowacki liest die Geschichte am 27. August 2026 (Donnerstag) um 18:00 Uhr im Sprachhof, Hohes Feld 6, 59174 Kamen.

Kommen Sie vorbei und erleben Sie, wie Roderick Usher von seiner eigenen Furcht in den Tod gerissen wird.


6. (D)englisch

VDS ist anderer Ansicht

„Deutsch in danger. Wie Anglizismen unsere Sprache verändern“ lautet der Titel eines neuen Podcasts auf Bayern 2 Radiowissen. Zu Wort kommen Melanie Kunkel von der Duden-Redaktion, Holger Klatte vom Verein Deutsche Sprache, die Berliner Germanistin Heike Wiese und der Anglistik-Professor Hans-Jörg Schmidt. Die Duden-Redaktion beschreibe den Sprachgebrauch wertfrei und nach wissenschaftlichen Kriterien. Interessierte dürften sogar im Duden nachschlagen, wenn sie sich über Anglizismen informieren möchten, sagt Duden-Redakteurin Kunkel. Hans-Jörg Schmidt ist besonders fasziniert von Scheinanglizismen, also englisch klingende Wörter in der deutschen Sprache, die aber gar nicht aus dem Englischen stammen (wie Handy oder Smoking). Auf solche Wörter seien englische Muttersprachler sogar neidisch.

Auch Heike Wiese findet englische Wörter im Deutschen im Prinzip gut, weil sich in den deutschen Wortschatz einpassten: „Jedes englische Wort wird sofort von der deutschen Grammatik assimiliert“, so Wiese. Den Einfluss anderer Sprachen einzudämmen, sei für sie völlig sinnlos.

Holger Klatte vom VDS hat als einziger in der Runde die Rolle, denen eine Stimme zu geben, die den Einfluss des Englischen auf den deutschen Wortschatz als maßlos empfinden oder für die sich Denglisch vielleicht nicht schön anhört. Der VDS stoße „Diskussionen darüber an, ob der Einfluss des Englischen dem Ausmaß, wie wir ihn seit Jahrzehnten haben, sinnvoll und notwendig ist“, so Klatte. Diese Form der Sprachpflege sei vollkommen legitim. (ardsounds.de)


7. Buchwelt

Englische Sprache in der Welt und ihre Bedeutung für uns

Sie sollten einmal erleben, welche Schätze im Lager unseres IFB Verlags Deutsche Sprache (ifb-verlag.de) ruhen. Ein wichtiges Beispiel: Wiard Ravelings Werk Die Englische Sprache – einst, jetzt und demnächst mit 248 Seiten. Der Autor beginnt mit einer eingehenden Darstellung der Entwicklung seit den Anfängen und ihrer vielfältigen Einflüsse dazu. Er belegt alle Entwicklungsstufen umfangreich mit Wortbeispielen und Textauszügen und macht sie durch Übersetzungen ins moderne Englisch nachvollziehbar.

Im Anschluss an diese sprachhistorischen Passagen erfährt der Leser Wichtiges über die Stellung des Englischen außerhalb seines Kernlandes, also in Wales, Schottland und Irland. Kontroverse Fragen wie die Ausprägung einer Standardsprache oder das Für und Wider einer Rechtschreibreform schließen sich an. Ausgehend von der Würdigung des amerikanischen Englisch als dessen bedeutendster Varietät stellt der Autor die etwas rhetorische Frage, ob man nicht vom Englischen im Plural reden müsste.

Die kulturelle und politische Bedeutung des Englischen in den ehemaligen Kolonialländern ist kaum zu überschätzen. Hier fesselt vor allem die informative Darstellung der komplexen Situation in Indien, wo die gutgemeinte Regelung der Verfassung zur Schaffung einer eigenständigen Nationalsprache sich an der Vielfalt der eigenen Sprachen und deren Konkurrenz untereinander stößt. In Afrika stellt sich vor allem das Problem, dass die zahlreichen Sprachen der afrikanischen Stämme keine entwickelten Schriftsprachen sind, mit denen sich die moderne Welt beschreiben ließe. Kompliziert ist die Lage in Südafrika mit dem verbreiteten Afrikaans.

Zur Frage, ob sich die englische Sprache aufgrund rein sprachlicher Merkmale als Weltsprache besonders eignet, verweist Raveling demgegenüber auf das machtpolitische Gewicht der anglophonen Länder, insbesondere der USA.

Der Autor äußert sich kritisch zur Vernarrtheit wichtiger Leitmilieus im deutschen Sprachraum in die englische Sprache und vergleicht die Situation mit Frankreich. Führende Kreise sind dort, anders als bei uns, der Überzeugung, dass Frankreich kulturell der Welt etwas zu bieten hat. Dazu tragen auch die ehemaligen Kolonien bei. Raveling spricht über die Gefahr, dass die deutsche Sprache, vor allem im Bereich der Wissenschaft, also d e r Zukunftsbranche, ihren Wortschatz nicht modernisiert. Der Autor bedauert das geringe Sprachbewusstsein im deutschen Sprachraum, so dass ein vordergründiges Verständnis von Mode und Modernität die Situation maßgeblich bestimmt.

(Dr. Kurt Gawlitta, Berlin)

Einige Exemplare des Buches von Wiard Raveling mit leichten äußeren Gebrauchsspuren, darunter Messe-Auslagen, sind im Verlag noch erhältlich und können zum reduzierten Preis von 10,- Euro erworben werden.


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili

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