Infobrief vom 14. August 2026: Wie KI kleine Sprachen retten kann

1. Presseschau

Wie KI kleine Sprachen retten kann

Künstliche Intelligenz kann zahlreiche Inhalte erzeugen und wird dabei oftmals auch kritisch betrachtet. Künftig könnte sie jedoch auch beim Erhalt und bei der Vermittlung kleiner Regional- und Minderheitensprachen eine entscheidende Rolle spielen. Das Plattdüütskbüro der Ostfriesischen Landschaft arbeitet beispielsweise auf einen eigenen KI-Übersetzer für ostfriesisches Plattdeutsch hin. Leiterin Grietje Kammler erklärt, dass allgemeine KI-Systeme wie ChatGPT zwar bereits niederdeutsche Texte erzeugen können, dabei jedoch unterschiedliche regionale Varianten und Schreibweisen vermischen. Für zuverlässige Übersetzungen seien deshalb speziell auf die jeweilige Sprache zugeschnittene Systeme notwendig. Einen deutlichen Bedarf erkennt Kammler bereits jetzt. Die eigene Platt-Lern-App „PlattinO“ sei inzwischen mehr als 125.000 Mal heruntergeladen worden und auch das Online-Wörterbuch komme auf mehr als 16 Millionen Übersetzungsanfragen.

Einen Schritt weiter ist die Ferring Stiftung auf Föhr: Ihr mit rund 20.000 Sätzen trainierter Übersetzer „Fering Auersaater“ übersetzt Texte ins Föhrer Friesisch. Projektkoordinator Hauke Heyen betont jedoch, dass die Ergebnisse noch stark schwanken und die Datengrundlage erweitert werden müsse. Eine zentrale Herausforderung für kleine Sprachen ist dabei die geringe Menge geeigneter digitaler Sprachdaten. Sowohl Kammler als auch Heyen sehen KI daher lediglich als einen Baustein des Spracherhalts. Entscheidend bleibe, dass Menschen die Sprachen selbst verwenden und an kommende Generationen weitergeben. (heise.de)


Vogelgezwitscher folgt Sprachregeln

Auch wenn das Zwitschern der Vögel von uns mal als musikalisch, mal als störend empfunden wird, hat es mit unserer Sprache mehr gemeinsam, als man vermuten würde. Ein internationales Forscherteam um Simon Kirby und Inbal Arnon von der Universität Edinburgh hat Ähnlichkeiten zwischen menschlicher Sprache und der erlernten Kommunikation von Vögeln und Walen festgestellt. Die Sprachforscher verweisen dabei auf das sogenannte Zipfsche Gesetz, nach dem das häufigste Wort einer Sprache ungefähr doppelt so oft vorkommt wie das zweithäufigste, dreimal so oft wie das dritthäufigste und so weiter. Im Deutschen zeige sich ein solches Muster beispielsweise bei Gesprächen zwischen Eltern und Kindern. Besonders häufig kommen Wörter wie „das“, „du“, „ist“, „da“ und „ja“ vor. Die Forscher entdeckten nun vergleichbare Strukturen in den Gesängen des Japanischen Mövchens. Häufig verwendete Silbengruppen seien dort tendenziell kürzer, während seltenere länger ausfallen. Ein ähnliches Muster hatten Kirby und Arnon bereits bei Buckelwalen festgestellt. Die Forscher vermuten daher, dass solche Gesetzmäßigkeiten überall dort entstehen könnten, wo Kommunikation erlernt und über Generationen weitergegeben wird. Tiergesänge seien dennoch nicht mit menschlicher Sprache gleichzusetzen, da sie keine vergleichbar komplexen Bedeutungen vermitteln. (web.de)


Leser bevorzugen KI-Texte

Im psychologischen Fachjournal Judgment and Decision Making berichten Sydney Sears und Deena Skolnick Weisberg von der Villanova University im US-Bundesstaat Pennsylvania über eine Untersuchung dazu, wie Menschen auf KI-generierte und von Menschen verfasste Geschichten reagieren. Dafür ließen die Forscher 1.682 Teilnehmer sechs verschiedene Kurzgeschichten bewerten, von denen drei von menschlichen Autoren und drei von ChatGPT stammten. Dabei wurden die Teilnehmer teilweise bewusst falsch darüber informiert, ob ein Text von einem Menschen oder der KI verfasst worden war. Die KI-generierten Geschichten wurden insgesamt als fesselnder und qualitativ hochwertiger bewertet als die menschlichen Texte. Gleichzeitig zeigte sich jedoch eine Vorliebe für vermeintlich menschliche Werke. Wurde eine Geschichte als von einem Menschen verfasst gekennzeichnet, erhielt sie unabhängig von ihrem tatsächlichen Ursprung bessere Bewertungen. Laut Weisberg zeigen diese Ergebnisse, dass KI-generierte Texte oftmals nicht mehr von menschlichen Texten zu unterscheiden seien und dass die KI mittlerweile ansprechende Fiktion erzeugen könne. (golem.de)


2. Gendersprache

Genderkritik ist inklusiv

In der Welt argumentiert die Literaturwissenschaftlerin und Sinologin Dagmar Lorenz, dass Kritik am Gendern nicht automatisch dem rechten politischen Spektrum zuzuordnen, sondern vielmehr „maximal inklusiv“ sei. Sie bezieht sich zunächst auf einen Schlagabtausch zwischen Markus Lanz und dem AfD-Politiker Ulrich Siegmund, bei dem Lanz die gesellschaftliche Relevanz des Genderns infrage stellte und es als ein „Gespenst“ der AfD abtat. Dabei werde jedoch der durchaus bestehende gesellschaftliche und institutionelle Druck, Gendersprache zu verwenden, etwa durch Sprachleitfäden und Vorgaben an Hochschulen, in Behörden und anderen öffentlichen Institutionen, außer Acht gelassen. Lorenz plädiert stattdessen für gemeinsame sprachliche und grammatische Strukturen, die unabhängig von politischen Überzeugungen von allen Sprechern genutzt werden können. Ihrer Auffassung nach bildet eine solche gemeinsame Sprache die Grundlage für gesellschaftliche Verständigung und politische Debatten. Das Gendern bezeichnet sie als eine „Kapitulation vor dem sprachlichen Lobby-Aktivismus“. Gleichzeitig könne Kritik am Gendern durch ihre Verbindung mit rechten politischen Positionen entkräftet oder verunglimpft werden. Das Nichtgendern als „Ausweis für vermeintlich rechte Gesinnung“ gelten zu lassen, stelle laut Lorenz eine weitere Strategie der Spaltung dar, durch die gegenseitiges Misstrauen gefördert werde. (welt.de (Bezahlschranke))

3. Sprachspiele: Neue Wörter

Binnengendern

Es ist den Befürwortern feministischer Linguistik gelungen, ein eigenes Wort für ihr Anliegen einzuführen: gendern, abgleitet aus dem englischen Substantiv gender. Anfangs gab es verschiedene Varianten. Seit die Grünen sich für den Genderstern entschieden haben, gilt dies als feministische Norm: Lehrer*innen soll das generische Lehrer ersetzen. Viele ziehen stattdessen die Doppelform Lehrer und Lehrerinnen vor. So meiden sie sowohl das generische Maskulinum wie die feministische Norm. Auf der anderen Seite wird bereits für eine Ausweitung des Gendersterns geworben: das Binnengendern. Gemeint sind Fälle wie Schriftsteller*innenverband oder Raucher*abteil, also Komposita, in denen eine Personenbezeichnung als Bestimmungsglied vorkommt. Eine konsequente Ausweitung es Genderns? Bisher kommt diese Praxis nur vereinzelt vor, wird auch in einigen der sog. ‚Empfehlungen zum Sprachgebrauch‘ abgelehnt. Warum? Das Sprachgefühl sagt uns, dass Schriftsteller bzw. Raucher hiernur generisch zu verstehen sind, Leute die schriftstellern oder rauchen. Sie zu gendern ist ideologisches Übermaß. Was lernt man aus der Debatte? Eigene Wörter zu haben wie Gendern oder Binnengendern ist praktisch für die Durchsetzung. Aber auch die Gegner bekommen in den Griff, was sie ablehnen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de.


4. Kultur

Die Zeitlosigkeit des Edgar Allan Poe

Trotz eines aus heutiger Sicht durchaus problematischen Lebenslaufs ist der US-amerikanische Schriftsteller Edgar Allan Poe kein Opfer der „Cancel Culture“ geworden. Seine persönlichen Ansichten und Lebensumstände treten in der öffentlichen Wahrnehmung häufig hinter seinen literarischen Errungenschaften zurück. Mit seinen düsteren, makabren Erzählungen prägte Poe insbesondere die Schauerliteratur und inspiriert bis heute neue Filme und Serien. Der Literaturwissenschaftler und Poe-Biograf Scott Peeples sieht einen Grund für die anhaltende Popularität darin, dass Poe schon zu Lebzeiten als umstrittener Außenseiter galt und sich nach seinem Tod zunehmend zu einer literarischen Kunstfigur entwickelte. Seine Geschichten lassen sich zudem nur schwer einer bestimmten politischen Richtung zuordnen und werden über Generationen hinweg immer wieder neu interpretiert. Wie gegenwärtig Poes sprachliches und literarisches Erbe noch immer ist, lässt sich demnächst auch auf dem Sprachhof erleben:

Am 27. August liest der Rhetorik-Trainer Dr. Hartmut Nowacki in der Geschäftsstelle des VDS Poes Kurzgeschichte „Der Untergang des Hauses Usher“. (faz.net)


Deutsche Schüler begeistern bei Linguistik-Olympiade

Bei der 23. Internationalen Linguistik-Olympiade (IOL), die vom 26. Juli bis 2. August in Bukarest stattfand, war die deutsche Gruppe besonders erfolgreich. Mikhail Iomdin vom Heinrich-Hertz-Gymnasium in Berlin gewann Gold im Einzelwettbewerb, Yiming Qiao aus Ehingen Silber sowie Sofiia Slyvchenko aus Berlin und Stella Heinzelmann aus Hildesheim jeweils Bronze. Zwei weitere deutsche Teilnehmer erhielten Ehrenurkunden. Einen besonderen Erfolg erzielte zudem die Gruppe „Germany Umlaut“, welche sich gegen insgesamt 65 Mannschaften durchsetzte und als erstes deutsches Team Gold im Teamwettbewerb gewann. Bei der Linguistik-Olympiade entschlüsseln Schüler aus 46 Delegationen Strukturen ihnen unbekannter Sprachen und untersuchen unter anderem grammatische Regeln, Schriftsysteme, Laute und Zahlensysteme. Sprachwissenschaftliche Vorkenntnisse seien dafür nicht erforderlich, gefragt seien analytisches Denken, Kreativität und Ausdauer. Die Auswahl und Vorbereitung der deutschen Teilnehmer erfolgte am Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin. (nachrichten.idw-online.de)


5. Soziale Medien

Kinoabend auf dem Sprachhof

Am Freitag vergangener Woche hat es Petrus gut mit dem Wetter gemeint und der Sprachhof wurde wieder zum Freiluftkino. Gezeigt wurde der Film „Amrum“. Wir bedanken uns bei allen, die dabei waren. Für alle, die es nicht schaffen konnten, haben wir den Abend in unseren sozialen Medien zusammengefasst. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Asma Loukili

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