1. Presseschau
Drastischer Sprachenschwund
Rund 7.500 Sprachen gibt es heute weltweit, viele davon sind vom Aussterben bedroht. Die Zahl scheint groß zu sein, doch Forscher haben jetzt Modelle durchrechnen lassen und diese zeigen: Vor bis zu 3.000 Jahren gab es zehnmal so viele Sprachen wie heute. Zum Sprachensterben gab es bisher verschiedene Theorien. Eine ging davon aus, dass die Vielfalt spätestens mit Beginn der Jungsteinzeit verschwand, eine andere machte das Aufkommen der Hochkulturen vor rund 4.000 Jahren verantwortlich, eine dritte die moderne Kolonialisierung vor 500 Jahren. Das Katalanische Institut für Forschung und fortgeschrittene Studien in Barcelona hat Sprachen von 171 Naturvölkern als Grundlage für eine linguistische Computersimulation herangezogen. Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung und kulturellen Veränderungen konnten sie so die letzten 12.000 Jahre linguistisch rekonstruieren.
„Eine erste Überraschung war, dass es unmittelbar vor der Einführung der Landwirtschaft vermutlich keinen außergewöhnlich großen Sprachreichtum gab“, so der Co-Autor Russell Gray vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. „Höchstwahrscheinlich gab es sogar weniger Sprachen als heute.“ Kurz vor dem Beginn der Jungsteinzeit und der Einführung der Landwirtschaft soll es sogar weniger Sprachen gegeben haben als heute. Erst durch die „Landwirtschaft, technologische Innovationen und eine stabilere Nahrungsmittelproduktion“ nahm die Weltbevölkerung zu, neue Siedlungen entstanden, und mit ihnen neue Dialekte und Sprachen. Das führte schließlich vor 3.000 bis 1.000 Jahren zu einem Sprachen-Höhepunkt – in Europa deckt das etwa die Zeit vom Beginn der Eisenzeit bis ins Mittelalter ab. In diesem „goldenen Zeitalter“ könnte es auf der Welt mehrere zehntausend Sprachen gegeben haben, so die Forscher.
Der Niedergang der Sprachenvielfalt kam danach jedoch rasch voran. „Unsere Resultate zeigen, dass die Wurzeln des aktuellen Sprachensterbens viel weiter zurückreichen als bis in die jüngste Ära der Kolonialisierungen“, erklärt Damian Blasi vom Institut in Barcelona. Was genau damals den Anstoß für das Verschwinden von immer mehr Sprachen gegeben hat, kann aber auch das Modell nicht sagen, die Forscher vermuten aber die Expansion früherer Vielvölkerstaaten und Imperien als Anstoß, da diese Eroberer nicht nur ihre politischen Systeme und Gesellschaftsstrukturen mitgebracht hätten, sondern auch ihre Sprache. (wissenschaft.de, spiegel.de)
Sprachwandel durch Klimawandel
Während in Deutschland wiederkehrende Hitzewellen als „Glut-Tage“ oder „Hitze-Hammer“ bezeichnet werden, heißen Tage mit Temperaturen über 40 Grad in Japan „Kokushobi“ („grausam heißer Tag“). Auch in Frankreich spricht man mittlerweile von „Pyrocumulonimbus“, die durch Brände verursachten Gewitter- bzw. Feuerwolken. Petra Ahne von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert, dass sich die Sprache an die Folgen des Klimawandels anpasse und neue Wörter in den alltäglichen Sprachgebrauch einflössen, um Wetterphänomene zu benennen und zu beschreiben. (faz.net)
Was die Handschrift verrät
Was die Handschrift über einen Menschen verraten kann, beleuchtet der Podcast Radiowissen von Bayern 2. Zu Gast ist die Graphologin Katharina Rehm, ebenfalls Leiterin der VDS-Arbeitsgruppe Ausgangsschrift. Sie erklärt, dass sich anhand verschiedener Merkmale der Handschrift, etwa Größe, Neigung, Form, Buchstabenabstände oder der Gestaltung einer Seite, Rückschlüsse auf Neigungen und Charaktereigenschaften ziehen ließen. Zusammen mit der Moderatorin Olga Henich gibt Rehm Einblicke in die Arbeitsweise der Graphologie. Zudem wird die Bedeutung der Handschrift in unterschiedlichen Anwendungsbereichen thematisiert. Während graphologische Analysen früher auch bei Bewerbungsverfahren eingesetzt worden seien, habe ihre Rolle im beruflichen Kontext inzwischen deutlich abgenommen. Darüber hinaus behandelt die Folge den Schriftvergleich in der Kriminalistik mit dem Experten des Bayerischen Landeskriminalamts, Holger Sonntag. Der Neurologe Prof. Dr. med. Florian Heinen vom LMU-Zentrum für Entwicklung und komplex chronisch kranke Kinder im Dr. von Haunerschen Kinderspital München betont zudem die Bedeutung der Handschrift. Sie fördere das langsame und achtsame Denken. Diese Fähigkeit sei nicht nur beim Schreiben von Bedeutung, sondern auch für wichtige Entscheidungen im Leben. (ardsounds.de)
ChatGPT kann keine Autoren mehr nachahmen
Wer ChatGPT darum bittet, einen Text im Stil bekannter Autoren zu verfassen, erhält künftig eine Absage. Denn das Softwareunternehmen OpenAI hat die Richtlinien für sein KI-System verschärft. Statt den Schreibstil einzelner Schriftsteller zu imitieren, erstellt ChatGPT nun eigenständige Texte, die lediglich allgemeine Merkmale, darunter „Gefühl“ oder Erzähltempo der Autoren, aufgreifen. Diese Regelung gilt unabhängig davon, ob die Autoren noch leben oder bereits verstorben sind. Während ChatGPT vor einigen Wochen noch den Stil klassischer Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder Charles Dickens nachahmte, ist dies nicht mehr möglich. Als Grund verweist OpenAI auf urheberrechtliche Auseinandersetzungen mit Autoren und Verlagen. (golem.de)
Verflixtes Komma!
Das Computerspielmagazin Gamestar berichtet über einen absurden Programmierfehler, einen sog. „Bug“, dessen Grund sich in der deutschen Zeichensetzung findet. Das Spiel Iron Rebellion stürzte immer wieder ab, aber in den entsprechenden internen Absturzberichten konnten die Nutzer keine Fehler feststellen. Erst als ein Team anfing, bestimmte Szenarien Stück für Stück kontrolliert zu spielen, stellte es fest, dass bestimmte Voraussetzungen nötig waren, um den Fehler zu reproduzieren, unter anderem mussten immer zwei deutsche Spieler an der Situation beteiligt sein. Also fragte sich das Team: „Wie zur Hölle kann die Sprache der Beteiligten einen Absturz auslösen?“ Des Rätsels Lösung war schließlich der Blick auf die Dezimalstellen. Im englischsprachigen Raum werden Punkte als Dezimaltrenner genutzt, andere Sprachen – auch das Deutsche – nutzen dafür ein Komma. Wenn die Figur also an einer bestimmten Stelle nach links fiel, wurden diese Positionsdaten an andere Nutzer verschickt. Da das Spiel nun aber Deutschland als Standort lokalisierte, nutzte es Kommata, keine Punkte – und das brachte das Spiel zum Abstürzen.
Das Problem wurde mittlerweile behoben, dennoch schrieben die Nutzer der Plattform ihre absurdesten Bug-Geschichten in die Kommentare. So hatte zum Beispiel die „Witcher 2 Enhanced Edition“ ein Problem mit den Umlauten. In einem anderen Spiel musste ein unnützes Fenster zusätzlich geöffnet bleiben, damit das Spiel keine psychedelischen Farben anzeigte. (gamestar.de)
2. Gendersprache
Gendern in Cottbus weiter erlaubt
In Cottbus darf die Stadtverwaltung weiter gendern. Die Stadtverordnetenversammlung hatte das Verbot mit einer knappen Mehrheit gekippt. Noch im Juni war der Antrag von AfD und MIB/ZSC ebenfalls mit einer knappen Mehrheit durchgegangen. Oberbürgermeister Tobias Schick beanstandete den Beschluss als rechtswidrig und verwies dabei auf die Hauptsatzung und das Landesgleichstellungsgesetz. (radiolausitz.de)
3. Kultur
Jugendwort 2026 auf der Zielgeraden
Die letzten zehn Anwärter auf das Jugendwort 2026 stehen fest. Bis zum 20. August kann auf der Seite des Langenscheidt-Verlags abgestimmt werden. Zur Wahl steht zum Beispiel die Zahlenfolge „67“, die „six seven“ ausgesprochen wird. Wofür sie genau steht, wissen nicht einmal die Jugendlichen selbst, der Trend hat sich im Internet über TikTok und Memes verselbstständigt. Auch „Crashout“ steht zur Wahl, das Wort beschreibt den Moment, wenn man komplett die Fassung verliert. Auch die Passage „Du bist gut genug“ aus einem Lied steht auf der Liste. Der Satz, der besonders hoch gesungen wird, wurde online schon mehrfach abgewandelt, zum Beispiel „Arbeitszeitbetruuuuug“ oder „Es ist warm genuuuuug.“
Der Begriff „Mehrzweckeier“ hatte es eigentlich auch in die „Top Ten“ geschafft. Die Verantwortlichen der Auszeichnung entschieden sich aber dafür, ihn rauszunehmen. Der Grund: Der Begriff sei eine Verballhornung von „Merz leck Eier“, einer Beleidigung gegenüber dem Bundeskanzler, und könnte damit nicht ins Rennen geschickt werden. (zeit.de, langenscheidt.com)
Synchronsprecher Joachim Kerzel verstorben
Wer Filme in ihrer Original-Sprache schaut, der wird nur selten wissen, wie oft wir bestimmte Hollywood-Stars mit einer bestimmten deutschen Stimme verbinden. Eine der prägnantesten ist jetzt verstummt. Der Synchronsprecher Joachim Kerzel ist diese Woche im Alter von 84 Jahren verstorben. Er hatte unter anderem Jack Nicholson, Sir Anthony Hopkins oder Dustin Hoffman seine Stimme geliehen. „Mit Joachim Kerzel verliert die deutsche Synchron- und Hörbuchwelt eine außergewöhnliche Persönlichkeit“, so Mike Götze, Geschäftsführer der Agentur Media-Paten. „Wir verneigen uns vor seinem Lebenswerk und werden seine Stimme sowie seinen Beitrag zur deutschen Synchronkultur in dankbarer Erinnerung behalten.“
2003 erhielt Kerzel den Deutschen Preis für Synchron für About Schmidt, in dem er Jack Nicholson sprach. Auch als Hörbuchsprecher war er bekannt, unter anderem las er Ken Folletts Bestseller Die Tore der Welt und Die Säulen der Erde. Für letzteren bekam er 2008 den Publikumspreis Hörkules und eine Goldene Schallplatte. (zeit.de)
Gen Z braucht Untertitel
Laut einer Umfrage des Londoner Marktforschungsinstituts Sapio Research schauen viele Angehörige der Gen Z (geboren zwischen 1997 und 2012) Filme und Serien mit Untertiteln – selbst in ihrer Muttersprache. Rund 80 % der 18- bis 25-Jährigen nutzen diese Funktion. Nutzer des Internetforums Reddit vermuten, dass dies vor allem an der oft schwer verständlichen Tonmischung moderner Produktionen liege. Während Dialoge häufig zu leise seien, würden Musik und Geräusche als übermäßig laut empfunden. (mein-mmo.de)
4. Soziale Medien
Deutsche Regatta ohne Deutsch
Die Warnemünder Woche lockte Besucher mit einer Regatta und sorgte sprachlich für Kopfschütteln. Obwohl zwei Drittel der Teilnehmer Deutsch-Muttersprachler waren, stand in den Regularien, dass Proteste gegen Entscheidungen ausschließlich auf Englisch verfasst werden dürfen. (facebook.com/vds, instagram.com/vds)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel
