Infobrief 417 (23/2018): Zurück auf Anfang

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1. Presseschau vom 1. Juni bis 7. Juni 2018

  •  Zurück auf Anfang
  •  Integration dank Edeltraud

2. Unser Deutsch

  •  Integration

3. Berichte

  •  Gedenkfeier für Lehrer Welsch

4. VDS-Termine

5. Literatur

  •  Vorsicht: Mensch!
  •  Duden überschreitet Grenzwerte des Sinns

6. Denglisch

  •  Das schaue ich ja nur auf Englisch

 

 

1. Presseschau vom 1. Juni bis 7. Juni 2018

Zurück auf Anfang


Foto: Pixabay, Wokandapix, CC0 1.0 Lizenz

16 Jahre liegt die Einführung der deutschen Studienreform nun zurück, die auf der Bologna-Erklärung des Jahres 1999 basiert und eine Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit des europäischen Hochschulraumes schaffen sollte. Seitdem beschweren sich Hochschulen und Studenten über unrealistische Regelstudienzeiten, fehlgesetzte Studienschwerpunkte und mangelnde Flexibilität in den Bachelor- und Masterstudiengängen. Dabei blieben manche Diplomstudiengänge nicht nur bestehen, beispielsweise in Kunst und Theologie, sondern es kommen seit einiger Zeit auch wieder neue dazu. An der Technischen Universität Ilmenau wurde das Diplom in den Fachbereichen Elektro- und Informationstechnik sowie im Maschinenbau in einem auf bis zu sechs Jahre angelegten Modellversuch neu eingeführt, auch die Technische Universität Chemnitz setzt zunehmend wieder auf den alten Abschluss, besonders in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. „Erstens ist das Diplom nach wie vor eine Marke, die weltweit Anerkennung findet.“ Zweitens sei die Nachfrage danach weiter groß, von Studierenden ebenso wie aus der Wirtschaft, erklärt der Chemnitzer Rektor Gerd Strohmeier im SPIEGEL. Dabei handele es sich jedoch eher um ein „regionales und fachspezifisches Phänomen“, das es vorwiegend in den Ingenieurswissenschaften und ausschließlich in Sachsen gebe. Eine Wiedereinführung in den Geisteswissenschaften – abgesehen von den Kunst- und Musikhochschulen – sei nicht zu erwarten. (spiegel.de, news4teachers.de)

 

Integration dank Edeltraud

Der Münchener Stadtteil Laim entwickelt sich momentan zum Vorzeigeort für gelungene Integration. Der Grund: Das Begegnungscafé Edeltraud, das auf Initiative der Deutschlehrerin Stephanie Olbrich und unter der Trägerschaft des Vereins Deutschzentrum München zum Beginn des Jahres eröffnete. Das Kulturzentrum hat sich zum Ziel gesetzt, die deutsche Sprache und Kultur lebenstauglich zu vermitteln, mit nur einer Bedingung: Alle dürfen und sollen ausschließlich Deutsch sprechen. Bereits im Mai 2017 gründete Olbrich eine Internetplattform für gemeinsame Unternehmungen. Seitdem haben sich 3.500 Menschen unterschiedlichster Herkunft in der Gruppe angemeldet, um gemeinsame Spieleabende zu verbringen, München zu erkunden oder Yoga-Stunden zu absolvieren. Mit dem Edeltraud hat die Initiative nun auch einen Ort für regelmäßige Sprachkurse und monatlich rund 20 Freizeitveranstaltungen gefunden, an dem nicht nur Migranten, sondern auch Studenten oder für kurze Zeit in Deutschland beschäftigte Berufstätige teilnehmen. Aufgrund der großen Nachfrage soll im Sommer ein zweites Edeltraud in der Münchener Stadtmitte eröffnen. (sueddeutsche.de, edeltraud-muc.de)

 

2. Unser Deutsch

Integration

Die Flüchtlingsfrage hat das Wort geläufig gemacht. Aber was ist Integration? Wie vollzieht sie sich? Wie gelingt sie? Wo scheitert sie? Dazu können wir die Sprache befragen. Denn hier vollzieht sich Integration alle Tage. Wir nehmen neue Wörter aus anderen Sprachen auf, passen sie in unsere Sprache ein oder lassen sie, wie sie sind.

Greifen wir zunächst die beiden Typen gelungener Integration heraus.

Auf der einen Seite wird eine Entlehnung durch eine einheimische Prägung ersetzt. Meist sind es mehrgliedrige Wörter, deren einzelne Teile übersetzt werden. So entstand unser Montag aus lateinisch dies lunae, Gewissen aus lateinisch conscientia, Geistesgegenwart aus französisch présence d’ésprit, Wolkenkratzer aus englisch skyscraper, Essen auf Rädern aus englisch meals on wheels. Wo solche analytische Nachbildung nicht möglich ist, kann eine andere Wortbildung gewählt oder ein Ersatzwort geprägt werden wie zum Beispiel Vaterland für lateinisch patria, Sinnbild für Symbol oder Umwelt für Milieu. Allen diesen Beispielen ist eines gemeinsam: Die Bedeutung des Ursprungwortes wird durch eine einheimische Prägung nachgebildet, darum spricht man hier von Lehnprägungen. Entlehnt wird nur die Bedeutung, nicht aber der fremde Wortkörper. Auf diese Weise bleibt die Herkunft des Wortes völlig verborgen.

Anders der alternative Typ, das akzeptierte Fremdwort. Es wird in der Regel lautlich, orthographisch und morphologisch angepasst, behält aber Merkmale der fremden Herkunft, gleichsam seinen Migrationshintergrund. So erkennen wir griechische Lehnwörter bis heute an den typischen Schreibungen rh, th, ch und y, zum Beispiel in Rhythmus, Christ, Symbol. Gallizismen wurden früher oft integriert wir péruque zu Perücke, die meisten behielten ihre graphische Form wie Restaurant, pardon, Mannequin. Gelegentlich hat sich eine zusätzliche Schreibung mit spezifischer Bedeutung eingebürgert wie Miljöh aus französisch milieu. Anglizismen werden fast immer in originaler Schreibung akzeptiert wie in Copyright, Trainer, Foul, Boom. Alle diese Wörter haben sich mit Genus und Flexion in die Grammatik des Deutschen eingefügt, so sind sie Teil des Deutschen geworden.

Ein Blick in die Sprachgeschichte zeigt, wie Lehnprägung und akzeptierte Entlehnung konkurrieren, oft in Parallele zur politischen Bewegungen. In der Zeit nationalen Aufbruchs gegen Napoleon waren Fremdwörter verpönt. Die Brüder Grimm verbannten die meisten aus ihrem Deutschen Wörterbuch. Erst die Neubearbeitung dieses Pionierwerks (1957-2016) schloss alle Fremdwörter ein. Nach der Reichsgründung 1871 wurden Fremdwörter, vor allem in Post und Bahn, systematisch ersetzt. So verloren wir Trottoir, Billet und Automobil an die neu geprägten Bürgersteige, Fahrscheine und Kraftfahrzeuge. Man sieht: Vorbehalte gegen Fremdes haben auch in der Sprache ein langes Leben. Heute weckt in vielen Sprachgemeinschaften die Dominanz des Englischen die Furcht vor Verdrängung des Eigenen.

Was sind die Parallelen in der Integration von Immigranten? Eine vollständige Verbergung fremder Herkunft ist selten. Adoption, Heirat, Einbürgerung, Sprachwechsel – das sind Elemente der Integration, wie wir sie aus vielen Einwandererländern kennen. Meist bleiben aber der fremde Name und die Familie des Herkunftslandes. Der Regelfall sozialer Integration verlangt die Anpassung an die Lebensverhältnisse der neuen Heimat. Wie viel Bewahrung des Mitgebrachten wird in der neuen Gemeinschaft akzeptiert? Religion, Kopftuch, Beschneidung, Herrschaft des Mannes über die Familie? Am ehesten die Essensgewohnheiten. Sie sind oft ein geschätztes fremdes Kolorit. Konflikte aber sind unausweichlich bei Gleichheit von Mann und Frau, Koedukation von Mädchen und Jungen, dem Vorrang der Gesetze. Unverzichtbar ist der Spracherwerb aller Familienmitglieder. Dies ist die Voraussetzung für die Integration in den Alltag, in die Grammatik des sozialen Lebens. Wo dies gelingt, blüht der Reichtum aus Ererbtem und Entlehntem, ähnlich wie in unserer deutschen Sprache.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Gedenkfeier für Lehrer Welsch

Über die Gedenkfeier am Grab des Lehrers Welsch anlässlich seines 170. Geburtstages in der vergangenen Woche in Köln berichtete die Presse ausführlich. „Heinrich Welsch hatte eine Berufsauffassung, die man bis heute als vorbildlich bezeichnen kann und muss“, zitiert der Kölner Stadtanzeiger Vereins-Ehrenmitglied Ludwig Sebus. Im Anschluss an die Gedenkfeier sangen der stellvertretende Regionalleiter Ralph Aurand und Hans-Jürgen Jansen „In d‘r Kayass Nummer Null“, die kölsche Hymne, durch die der Lehrer Welsch „für die Kölner zu einem Mythos und damit unsterblich“ wurde, erklärte der Kölner Regionalleiter Dietmar Kinder. (rundschau-online.de, ksta.de)

 

4. VDS-Termine

11. Juni, Deutsches Musik Radio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Holger Klatte und Stefan Ludwig
Schwerpunkt: Wortspiele in der Werbekampagne
Sendungsseite: http://www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

11. Juni, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen – „Bergisch Land“)
Stammtisch der Regionalgruppe
Zeit: 17 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal

11. Juni, Region 65 (Wiesbaden)
VDS-Sprachrunde
Zeit: 19 Uhr
Ort: Restaurant „Europa“, Gagernring 1, 65779 Kelkheim

15. Juni, Region 83 (Rosenheim, Oberbayern)
Öffentliche Regionalversammlung mit Vortrag von Prof. Dr. Walter Krämer (VDS-Vorstandsvorsitzender): „Verlierer sprechen Denglisch – die deutsche Sprache und das Geld“
Zeit: 18 Uhr
Ort: Bayerischer Hof, Bernauer Straße 3, 83209 Prien

16.-17. Juni, Region 01 (Dresden, Riesa)
Stadtfest Pirna – Informationsstand des VDS mit den Schwerpunkten: Deutsch ins Grundgesetz, Aufklärung zur Gendersprache

 

5. Literatur

Vorsicht: Mensch!

Einst sprach man Tieren die Fähigkeit zu kommunizieren oder gar zu denken ab, so wie der französische Naturwissenschaftler René Descartes. Inzwischen weiß man, dass Tiere beides können. In ihrem Buch über „Die Sprachen der Tiere“ beschreibt die niederländische Philosophin Eva Meijer die Vielfältigkeit tierischer Kommunikation. Demnach verfügen Elefanten beispielsweise über ein eigenes Wort für „Mensch“, mit dem sie sich vor Gefahren warnen. Amerikanische Erdhörnchen können ihre Artgenossen mit unterschiedlichen Lauten sogar darauf aufmerksam machen, aus welcher Richtung ein Angriff droht. Dabei ist das Sachbuch nicht nur eine Auflistung der unterschiedlichen Kommunikationsmodelle verschiedener Arten, sondern auch eine Neudefinition des gesellschaftlichen Miteinanders von Mensch und Tier – und der Rechte, die man ihnen zusprechen sollte.

Eva Meijer: Die Sprachen der Tiere, Matthes & Seitz Verlag, 174 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3957575364. (spiegel.de)

 

Duden überschreitet Grenzwerte des Sinns

Zu diesem Fazit kommt die Kolumnistin Jenni Zykla in der taz nach Lektüre der neuesten Auflage der „Eselsbrücken“, die regelmäßig im Duden-Verlag erscheinen. „Illegal werden unzulässige Eselsbrücken in das Büchlein hineingeschmuggelt, und nachgeprüft wird rein gar nichts. Dabei werden die Grenzwerte für sinnvolle Eselsbrücken permanent überschritten“, kritisiert Zykla und vergleicht die Arbeit der Duden-Redaktion mit den herrschenden Zuständen in der VW-Abgasaffäre. Sich reimend, einprägsam und mit emotionalen Bezügen sollten gute Eselsbrücken sein. Dem gegenüber steht beispielsweise folgende im Duden: „Der Kahn, der fuhr im Mondenschein dreieckig um das Erbsenbein. Vieleck groß und Vieleck klein, der Kopf, der muss am Haken sein.“ Wer nicht direkt darauf kommt: Es handelt sich um einen Merkreim für die acht Handwurzelknochen. (taz.de)

 

6. Denglisch

Das schaue ich ja nur auf Englisch

Besonders die junge Generation kennt dieses Phänomen, dass plötzlich alle nur noch Serien in der Originalsprache schauen wollen oder nach einem einmonatigen Aufenthalt im englischsprachigen Ausland Wörter der eigenen Muttersprache „vergessen“ haben. Dabei geben über 65 Prozent der Deutschen an, nur über geringe Englischkenntnisse zu verfügen, bei der benannten Zielgruppe der 20- bis 29-Jährigen ist es immerhin noch die Hälfte. „Niemand will ein Günther Oettinger sein“, schreibt der Redakteur René-Pascal Weiß dazu in der Neon, aber „Möchtegern-Native-Speaker“ seien ebenso peinlich. Dass manche besser Englisch sprächen als andere, sei gut und richtig, Angeberei und eine „Pseudo-Erhabenheit“ hingegen brauche niemand. (stern.de)

 


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

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Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte

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