Infobrief 437 (43/2018): Wenn Buchstaben keinen Sinn ergeben

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1. Presseschau

  • Wenn Buchstaben keinen Sinn ergeben
  • Bild-Zeitung bekommt Negativpreis
  • Deutschland hinkt hinterher

2. Unser Deutsch

  • Heiliger Vater

3. Berichte

  • Sprache: Bindeglied unserer Gesellschaft

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Erstes Reclam-Museum eröffnet

6. Denglisch

  • Jetzt auch auf Denglisch

 

1. Presseschau

Wenn Buchstaben keinen Sinn ergeben

Bild: © pixabay.com / Free-Photos | CC0-Lizenz

Etwa ein bis zwei Kinder je Schulklasse leiden an Legasthenie, an einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Sie erschwert es den Betroffenen, Buchstaben zu entziffern und dadurch den Sinn eines Wortes zu erfassen. Als Auslöser für diese Störung gilt eine vorgeburtliche Fehlsortierung bestimmter Moleküle, die für die Speicherung der Buchstaben zuständig sind und dazu führen, dass „Laut und Bild sich nicht so wie bei anderen verknüpfen und daher auch nicht so schnell abrufbar sind“, erklärt DIE ZEIT. Obgleich die Zahl der Legastheniker – unabhängig von der sozialen Herkunft – hoch ist, befindet sich die Diagnostik und Förderung der Kinder derzeit noch in den Anfängen wissenschaftlicher Forschung, eine Beteiligung an den Kosten der Behandlung sehen Krankenkassen derzeit nicht vor. Auch die Therapie selbst ist nicht geschützt, so dass Eltern für eine womöglich erfolglose Behandlung ihres Kindes viel Geld ausgeben müssen. Dabei ist nur eine von rund 20 Methoden erwiesenermaßen wirksam, nämlich die des stetigen Lesen-Übens, um einen Automatismus zur Buchstabenzuordnung aufzubauen, so das Ergebnis einer Metastudie der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uni-Klinikums München. Die Unterstützung der Eltern und Lehrer trägt maßgeblich zur Lese- und Rechtschreibkompetenz bei, denn viele Kinder werden bei ihrem Problem schlichtweg nicht ernstgenommen oder die Ursachen werden in mangelnder frühkindlicher Förderung gesucht. Im Vergleich zu Nicht-Legasthenikern haben die Betroffenen bei gleichem IQ schlechtere Abschlüsse, geringere Berufschancen und sind folglich häufiger arbeitslosen, so DIE ZEIT. (zeit.depraxisvita.de)

 

Bild-Zeitung bekommt Negativpreis

Für seine „unterirdische“ journalistische Arbeit wird der Chef-Redakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt, mit dem Negativpreis Die Goldene Kartoffel ausgezeichnet. Den Medienpreis für „besonders einseitige oder missratene Berichterstattung über Aspekte der Einwanderungsgesellschaft“ vergibt das Netzwerk Neue Deutsche Medienmacher am 3. November erstmalig, wie Deutschlandfunk Kultur berichtet. „Den Preis bekommen Medien oder auch Journalisten, die realitätsfern und verzerrt über Einwanderer und das gemeinsame Zusammenleben in Deutschland berichten, die Probleme und Konflikte übertrieben darstellen, Vorurteile und Stereotype aufgreifen und gegen journalistische Standards verstoßen“, heißt es in der Pressemitteilung der Neuen Deutschen Medienmacher. Das Netzwerk gründete sich vor zehn Jahren als Interessensvertretung für Medienschaffende mit und ohne Migrationshintergrund mit dem Ziel, eine ausgewogene Berichterstattung und die gesellschaftliche Vielfalt in den Medien zu stärken. (neuemedienmacher.detaz.dedeutschlandfunk.demeedia.de)

 

Deutschland hinkt hinterher

Erneut hagelt es Kritik am deutschen Bildungssystem, wie aus einem aktuellen Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervorgeht. Zwar verringere sich demnach die Kluft der Chancenungleichheit zwischen Akademiker- und Arbeiterkindern, gerecht sei das Bildungssystem trotzdem noch nicht. Laut des Berichts sei der Erfolg in Schule und Beruf nach wie vor von der sozialen Herkunft abhängig, heißt es in der Süddeutschen Zeitung. Nicht einmal 15 Prozent der Erwachsenen mit Eltern ohne Abitur erreichen in Deutschland ein abgeschlossenes Hochschulstudium, damit liegt Deutschland um sechs Prozentpunkte unter dem Durchschnitt der OECD-Länder. Im Vergleich dazu schließen in Neuseeland beispielsweise rund 39 Prozent dieser Menschen ein Studium ab. Immerhin sei die „soziale Durchmischung der Schulen in Deutschland deutlich besser als in anderen Ländern“, so der OECD-Direktor für Bildung, Andreas Schleicher, allerdings gebe es auch hier noch Luft nach oben: „So zeigt der Bericht, dass 46 Prozent der Schüler mit sozialer und ökonomischer Benachteiligung Schulen besuchen, die viele benachteiligte Schüler versammeln“, erklärt das ZDF. Die Schulen selbst können daran nur wenig ändern, solange nicht bundesweit Maßnahmen getroffen würden, die Schülern gleiche Voraussetzungen ermöglichen, beispielsweise durch die Einführung von Ganztagsschulen bei gleichzeitiger Steigerung der individuellen Förderung der Schüler, betont die Süddeutsche. (sueddeutsche.dezdf.detagesschau.de)

 

2. Unser Deutsch

Heiliger Vater

Dies ist bekanntlich die pietätvolle Anrede und Bezeichnung des Papstes in der christlichen Welt. Sie war vor Jahren Anlass einer kurzen Kontroverse um die Rechtschreibreform. Der bayerische Kultusminister war empört, als er erfuhr, dass auch dieses Wort umgeschrieben werden solle. Künftig müsse es heiliger Vater heißen, nach der neuen Regel, Adjektive in substantivischen Wortgruppen immer klein zu schreiben. Die Regel wurde für diesen Ausdruck sofort außer Kraft gesetzt, Der Heilige Vater blieb, Bayern konnte im übrigen mitreformieren.

Später, bei der Revision von 2006, wurde sie etwas gemildert. Im Falle einer ‚idiomatisierten Gesamtbedeutung‘ könne man das Adjektiv auch großschreiben, also auch Schwarzes Brett ‚die Anschlagtafel‘, im Gegensatz zum schwarzen Brett, irgendeinem Brett, das schwarz ist. Tatsächlich war die vertraute Bezeichnung des Papstes ein solcher Ausdruck mit fester Bedeutung, weltweit.

Immerhin war damit der Entwicklung der Schreibung ein kleines Türchen geöffnet, denn es wimmelt in unserem Wortschatz von solchen Ausdrücken, die zur Idiomatisierung, d.h. zu einer festen Bedeutung neigen. Dies ist ein Weg, neue Bedeutungen in unserer Sprache zu schaffen, neben den Mitteln von Metapher und Metonymie, der Entlehnung und der Wortbildung.
Werfen wir einen Blick auf weitere charakteristische Fälle!

Die Große Koalition, auch gerne abgekürzt Groko genannt, ist bekanntlich eine Koalition der beiden größten Fraktionen im Parlament, CDU/CSU und SPD, ein fester Begriff der Politik. Das Adjektiv groß deutet zwar auch die große Zahl der Abgeordneten an, bezeichnet hier jedoch eine spezifische Parteienkombination.

Inoffizieller Mitarbeiter, meist in der Abkürzung IM gebräuchlich, bezeichnete in der DDR den fest verpflichteten und bezahlten, natürlich verdeckt arbeitenden Stasi-Spitzel, ein typischer Euphemismus für eine der schlimmsten Erscheinungen totalitärer Regime. Islamischer Staat, meist mit dem Zusatz sogenannter gebräuchlich, oder in der Abkürzung IS, ist bekanntlich weder ein ‚Staat‘ noch im neutralen Sinne ‚islamisch‘, sondern eine propagandistische Eigenprägung radikaler Islamisten.

Für die Großschreibung solcher festen Ausdrücke hätte sich niemand stark gemacht, obwohl gerade die verbreiteten Abkürzungen ein Indiz für sprachliche Einheit sind. Erst die drohende Verletzung religiöser Ehrerbietung hat die starre Regel eingeschränkt.

Zum Schluss ein Beispiel zur Entstehung fester Ausdrücke, der Fachbegriffe Englische Rosen, Alte Rosen, Moderne Rosen. Der Rosenzüchter Graham Thomas prägte den Begriff Old Roses für seine Rosensammlung aus alten Parks und Gärten, im Gegensatz zu Neuzüchtungen, die nun Modern Roses hießen. Aus der Kreuzung der beiden schuf David Austin in den 60er Jahren einen neuen Typus von Rosen, der die Qualitäten Alter Rosen mit den Eigenschaften Moderner Rosen verband. Er nannte sie English Roses. Im deutschen Rosenhandel wurden alle drei Begriffe mit Großschreibung übersetzt.

Züchterische Innovation hat hier einen Weg gefunden, den neuen Marken eigene Namen zu geben. Das tun auch hier Erfinder, Start-ups, Werbeagenturen. Sie nutzen damit die Spielräume unserer Schriftlichkeit.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Sprache: Bindeglied unserer Gesellschaft

Die Cellesche Zeitung berichtete in der letzten Woche über ein neues Büro für Leichte Sprache, das von der Lebenshilfe Celle eingerichtet wurde. Unternehmen, Behörden und soziale Einrichtungen können Texte zur Übersetzung in Leichte Sprache einreichen. Ziel des Projektes sei die gesellschaftliche Teilhabe und die Förderung der Inklusion von Menschen, die aufgrund kognitiver oder sprachlicher Einschränkungen Probleme mit komplexen Texten haben. Denn die deutsche Sprache ist das Bindeglied unserer Gesellschaft, verweist die Cellesche Zeitung auf die Hauptaussage des Vereins Deutsche Sprache. (cellesche-zeitung.de)

 

4. VDS-Termine

2.-4. November, Region 33 (Bielefeld, Paderborn, Gütersloh)
Kreativtagung des VDS mit der Leitfrage: Wo steht der Verein Deutsche Sprache im Jahr 2040 mit Vertretern unterschiedlicher Interessensgruppen des VDS. Die Veranstaltung findet in Paderborn statt.

 

5. Literatur

Erstes Reclam-Museum eröffnet

Am 24. Oktober öffnete in Leipzig das erste Reclam-Museum seine Tore für die Öffentlichkeit. Es steht unter der Trägerschaft des Vereins Literarisches Museum. Die Dauerausstellung umfasst rund 10.000 Bände aus der Universalbibliothek des Reclam-Verlags, darunter Klassiker von Shakespeare, Goethe und aus der Antike. Der Verlag wurde 1828 von Anton Philipp Reclam in Leipzig gegründet, der Standort jedoch 2006 geschlossen. Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg zog der Stammsitz nach Stuttgart um. Mit der Eröffnung des Museums in Leipzig soll nun der Anfänge des Verlags gedacht werden, direkt im graphischen Viertel, in dem sich zur Wende des letzten Jahrhunderts zahlreiche Verlage und Druckereien ansiedelten. Noch heute sind die kleinen Reclam-Ausgaben populär und jedem Schüler aus dem Lektüreunterricht bekannt. Wie untrennbar Reclam und die Literatur in Deutschland heute wahrgenommen werden, erklärt Hans-Jochen Marquard, Vorsitzender des Vereins Literarisches Museum in Leipzig, gegenüber der Deutschen Welle: „Neulich hat mich jemand gefragt, ob es möglich sei, ohne Reclams Universalbibliothek Literatur zu studieren.“ Informationen zum Museum finden Sie hier. (deutschlandfunk.dedw.comsueddeutsche.dewelt.de)

 

6. Denglisch

Jetzt auch auf Denglisch

Die Strategie des Schnelllesens, bei der man trainiert, die Anzahl der gelesenen Wörter pro Minute zu erhöhen, gibt es schon lange – nun lebt sie unter dem Begriff des „Speed Readings“ wieder auf. Zahlreiche Bücher und Apps wurden seitdem unter dem Titel veröffentlicht sowie Kurse angeboten, die das schnelle Lesen lehren sollen. Man sieht, es braucht manchmal nur eine englische Eins-zu-eins-Übersetzung, um Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wer ganz einfach nur schneller lesen möchte, ohne sich als „Speed Reader“ profilieren zu müssen, der probiere es mit folgenden Ratschlägen: Vermeiden Sie das „innere Vorlesen“; fahren Sie mit Finger oder Stift entlang der gelesenen Zeilen; drücken Sie auf das Tempo, das Gehirn gewöhnt sich daran; überspringen Sie einzelne Wörter und bilden Sie stattdessen Wortgruppen. Ziel der Strategie ist es, Schwerpunkte im Inhalt von Texten, besonders aus der Fachliteratur, zu erkennen und gleichzeitig weniger nötige Informationen herauszufiltern. (brigitte.de)


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

Redaktion: Lea Jockisch

© Verein Deutsche Sprache e. V.