Infobrief 440 (46/2018): Große Städte, kleine Sprachen

Drucken

1. Presseschau

  • Große Städte, kleine Sprachen
  • Qualität von Sprachmodulen des BAMF
  • Sprache der AfD
  • Google-Ranking

2. Unser Deutsch

  • Verantwortung

3. Berichte

  • Vorbericht in den Westfälischen Nachrichten

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Preisverleihung
  • puq

6. Denglisch

  • Funktionalität

7. Zuguterletzt

  • Deutsch ins Grundgesetz

 

1. Presseschau

Große Städte, kleine Sprachen

Menschenmenge in Hong Kong
Bild: pixabay / bluelightpictures, CC0-Lizenz

Die Konferenz Big Cities, Small Languages befasst sich mit der sprachlichen Vielfalt in Großstädten. Welchen Beitrag leisten in Großstädten die Sprecher kleiner Sprachen zum Erhalt, zur Revitalisierung und zur Dokumentation ihrer Sprache? Die Konferenz findet am 17.11. in Berlin im Rahmen eines Berliner Community-Forums statt. Die Teilnehmer sollen sich über ihre Erfahrungen austauschen und ihre Sprache vorstellen. Videoaufnahmen sollen die Sprachen dokumentieren, von denen viele bald aussterben werden. Auf einer Karte, die mit den Videos verknüpft ist, werden die Herkunftsregionen der Teilnehmer markiert. So wird sichtbar, dass beispielsweise die Sprache Abchasisch in Georgien, Russland und der Türkei gesprochen wird ­und eben auch in Berlin: Durch Urbanisierungsprozesse gibt es in vielen Großstädten eine enorme Anzahl an unterschiedlichen Sprachen. In Berlin sollen es aktuell mindestens 120 sein, in New York City sogar 800. (idw-online.de)

 

Qualität von Sprachmodulen des BAMF

Die Hamburger FDP fordert bessere Sprachkurse für Flüchtlinge. „Wenn Hamburg für eine BAMF-Dienstleistung zahlt, kann auch Qualität gefordert werden“, sagt Christel Nicolaysen, integrationspolitische Sprecherin der Fraktion. Es solle nicht darauf gewartet werden, dass das Bundesministerium seine Qualitätsuntersuchung der Sprachkurse abschließt. Vielmehr solle das Flüchtlingszentrum Hamburg eigenständig urteilen. Die Kursteilnehmer sollen während oder nach den Kursen befragt werden. Die Stadt kauft modular Plätze im Sprachkursangebot des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Pro Flüchtling sind das zwischen 300 und 600 Stunden Sprachkurs, je nach Status. Etwa ein Drittel der Teilnehmer schließt den Deutschkurs für Flüchtlinge mit einer Zertifizierung ab. Ihr Anteil soll steigen. Das werde nur durch eine fortlaufende Verbesserung der Kursqualität gelingen, so Nicolaysen. (shz.de)

 

Sprache der AfD

Die vielen Möglichkeiten der deutschen Sprache um einen einzigen Sachverhalt auszudrücken, lobte bereits Kurt Tucholsky mit ironischem Unterton: „Denn wer die deutsche Sprache beherrscht, wird einen Schimmel beschreiben und dabei doch das Wort weiß vermeiden können“. Den „reichhaltigen Schatz an Synonymen und semantischen Spielarten“ hat auch die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel erkannt. Sie will ihn laut Bericht der FinanzNachrichten dafür nutzen, die Beobachtung ihrer Partei durch den Verfassungsschutz zu verhindern. Wörter wie Umvolkung oder Überfremdung seien jedoch nur in besonderen Zusammenhängen „gefährlich“, da sie „nur in einem verfassungsfeindlichen Kontext als Anhaltspunkte für Extremismus gewertet werden dürften“. Es komme also auf den Zusammenhang an. Weidel fordert einen bewussten Umgang mit der Sprache. Ein Gutachten des Freiburger Staatsrechtlers Dietrich Murswiek hatte ergeben, dass die Sprache der AfD dem Verfassungsschutz Ansatzpunkte für die Beobachtung der Partei gibt. (finanznachrichten.de)

 

Google-Ranking

Sucht man Informationen zu einem Thema, ist es manchmal nicht so einfach, das passende Stichwort zu finden, das man im Lexikon nachschlagen oder für einen Suchauftrag an die Internetsuchmaschine verwenden kann. Die Google-Recherche für einen Beitrag in diesem Infobrief ergab im ersten Versuch zahlreiche Fundstellen zu Altmetallpreisen, Schrotthändlern und Bringhöfen (raten Sie mal, welcher Beitrag gemeint ist). Welche Begriffe in Suchmaschinen eingegeben werden, beschäftigt aber nicht nur die Suchenden, sondern auch die Anbieter von Informationen. Mittlerweile befasst sich eine ganze Industrie damit, Internetseiten in den Ergebnislisten möglichst weit oben erscheinen zu lassen. Je weiter oben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Internetnutzer die Seite auch anklickt. Dafür passen Redakteure Länge und Stilistik ihrer Texte an, streuen bestimmte, häufig gesuchte Schlagworte, sogenannte keywords, ein und unterbrechen den Fließtext mit vielen Zwischenüberschriften. Suchmaschinenoptimierung nennt sich dieses Verfahren, das einzig und allein dafür sorgen soll, dass Googles Algorithmen die Internetnutzer genau auf aufgesuchte Netzseiten lenken. (diewirtschaft-koeln.de)

 

2. Unser Deutsch

Verantwortung

„Wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen“, sagen Politiker nach der Wahl, wenn sie an die Regierung wollen. Gemeint ist die sogenannte Regierungsverantwortung, das heißt Minister werden, Stellen mit verdienten Parteigenossen besetzen und natürlich auch gestalten. Denn „Opposition ist Mist“, wie ein Kenner aus dem Sauerland kernig formulierte.

Dabei hat das Wort Verantwortung in der Gemeinsprache oft einen etwas anderen Sinn. „Wer hat die Verantwortung dafür“, fragen die Eltern, als ein Schüler sich beim Turnen verletzt hat. Ist da eine Mitschuld? Verantwortung ist ambivalent, auch in der Politik: Hier muss man geradestehen für eine Wahlniederlage, dort verlangt man nach den Ämtern. Und Politiker suchen natürlich immer dies nützliche, dies selbstlose Gestalten fürs Volk. Wir glauben ihnen das auch und akzeptieren, dass sie damit gut Geld verdienen, auch schöne Rente nach einer Weile des Regierens. Es stört nur dieser Euphemismus, dies Schönreden des eigenen Nutzens. Und es stört auch, wenn sie sich nach der Wahlniederlage wiederum dazu bekennen, die Verantwortung weiterhin tragen zu wollen, obwohl ihnen der Volkswille gerade bescheinigt hat, dass man sie nicht mehr will am Hebel der Macht.

Applaus erhält, wer dann zurücktritt von den Ämtern, die ja, wie es heißt, nur auf Zeit gewährt würden. Nur, wenn sich dann keiner mehr findet, in schwieriger Lage das Ruder zu ergreifen, wie damals, als nach langem Verhandeln die neue Koalition geplatzt war – dann schimpfen alle „warum seid ihr denn Politiker?“ Und wenn den Mutigen dann einiges nicht gelingt, ja Pech für sie, hätten eben nicht Politiker werden müssen. „Man hat‘s nicht leicht, aber leicht hat‘s einen“, sagt der Volksmund in rhetorischer Gewandtheit.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Vorbericht in den Westfälischen Nachrichten

In den Westfälischen Nachrichten findet sich ein kurzer Vorbericht zum Themenabend „Sehnsucht Frieden“ anlässlich des Volkstrauertages, den Mitglieder des VDS gemeinsam mit dem Arbeitskreis Kunst-Kultur-Kirche der St.-Georg-Pfarrgemeinde am 18.11. veranstalten. Das Programm mit literarischen und biblischen Texten und Musik des Organisten Bernd Isermann und der Harfenistin Maria Ströhmer beginnt um 17 Uhr in der St.-Georg-Kirche (siehe VDS-Termine). (wn.de)

 

4. VDS-Termine

16. November, Region 78 (Bodensee/Ostschwarzwald)
Informationsstand anlässlich des Festes der Nationen
Karikaturenausstellung von Friedrich Retkowski: „Denglish in Karikaturen“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Volkshochschule Villingen-Schwenningen, Metzgergasse 8, 74054 Villingen-Schwenningen,
Raum 201/202

16. November, Region 60 (Frankfurt/Main)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Bürgerhaus Griesheim, Schwarzerlenweg 57, 65933 Frankfurt am Main

18. November, Region 48 (Münsterland)
Literaturnachmittag „Sehnsucht Frieden“
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Pfarrkirche St. Georg, Am Kirchplatz 2, 48369 Saerbeck

21. November, Region 64 (Darmstadt)
Vortrag: Dr. Manfred Schalk zum Thema „Deutsch to go … oder? – Anmerkungen zu unserer Sprache“
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Pauluskirche Darmstadt, Gemeindesaal, Niebergallweg 20, 64285 Darmstadt

24. November, Region 89 (Ulm)
Lesung mit Wjatscheslaw Kuprijanow (Eintritt frei)
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Café Herzdame, Dominikus-Zimmermann-Str. 3, 89312 Günzburg

 

5. Literatur

Preisverleihung

Die Stahlstiftung Eisenhüttenstadt zeichnet in diesem Jahr die Slawistin und Übersetzerin Rosemarie Tietze mit dem mit 10.000 Euro dotierten Stahl-Literaturpreis. Laudatorin Katja Lange-Müller betonte in ihrer Lobrede die Wichtigkeit der Übersetzung „für die Reputation und den Fortbestand der Literatur“. Entscheidend für eine gute Übersetzung sei dabei die eigene Sprache, gepaart mit Einfühlungsvermögen und beweglichem Intellekt. Auch der Mut zur gestalterischen Freiheit dürfe nicht fehlen. Die Jury nannte Tietzes Übersetzungen aus dem Russischen ein „Kunstwerk eigenen Ranges“. Die Preisträgerin las bei der Feierstunde aus ihrem neuesten Werk, einer Neuübersetzung der kaukasischen Prosa Lew Tolstois unter dem Titel Krieg im Kaukasus und beeindruckte die Gäste auch mit ihrer Stimme und Aussprache. Darin sei Tietzes Liebe zum Wort spürbar, so die einhellige Meinung. (moz.de)

 

puq

Im Infobrief Nummer 428 berichteten wir über die neue Übersetzung des „Kleinen Prinzen“ von Antoine de Saint-Exupéry in die Star-Trek-Kunstsprache Klingonisch. Wie die Borkener Zeitung und ntv berichten, lernt die siebenjährige Aurélie Litaer aus Saarbrücken diese Sprache und beherrscht bereits mehrere Dutzend Wörter. Dieses Hobby teilt sie mit ihrem Vater, der einen eigenen Kanal auf der Internet-Videoplattform YouTube betreibt und dafür Lehrvideos zur klingonischen Sprache erstellt. Lieven L. Litaer ist auch der Übersetzer der klingonischen Ausgabe des Kinderbuchklassikers. Vater und Tochter spielen in einem dieser Videos das erste Kapitel aus Der kleine Prinz nach und diskutieren auf Klingonisch darüber, wie ein Schaf zu zeichnen sei. Das Video kann unter folgendem Link angesehen werden: youtube.com. „puq“ bedeutet auf Deutsch übrigens „Kind“. (borkenerzeitung.den-tv.de)

 

6. Denglisch

Funktionalität

In einem Bericht über ein Treffen „junger Start-Up-Unternehmer“ und „klassischer Firmenchefs“ wird bei der Rheinischen Post der Begriff drop-in room diskutiert, der zur Sprache der Digitalisierung gehört. Damit soll nichts anderes bezeichnet werden als die Teeküche für die Mitarbeiter eines Unternehmens. Der Anglizismus habe gegenüber dem deutschen Wort den Vorteil, dass er die informelle Begegnungsmöglichkeit dieses Ortes besser einfange, die eine kreativ-offene Atmosphäre schaffe. In einen drop-in room könne man „mal reinschauen, quasi reintropfen“ und ganz nebenbei die nächste brillante Idee entwickeln. Teeküche drückt dieses Potenzial wohl nicht ausreichend aus. Mitarbeiter sollen bloß nicht auf die Idee kommen, in diesem Raum lediglich Tee zuzubereiten. Auch beim Warten auf den Wasserkocher kann man schließlich mit anderen Mitarbeitern brainstormen, Networking betreiben und durch Teambuilding das Teamwork auf neue Ebenen der Produktivität katapultieren; man kann auch in der Kaffeepause in der Teeküche noch – arbeiten. (rp-online.de)

 

7. Zuguterletzt

Deutsch ins Grundgesetz

Die Senioren-Union fordert in einem Antrag für den kommenden CDU-Bundesparteitag eine Grundgesetzänderung. Artikel 22 soll ergänzt werden: „Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch“. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion solle noch innerhalb der laufenden Wahlperiode einen Antrag zur Grundgesetzänderung einbringen. Zur Erinnerung: Mehrfach hat einem CDU-Parteitag ein solcher Antrag vorgelegen, mehrfach wurde er angenommen. Mehr geschieht seither nicht.


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

Redaktion: Oliver Baer

© Verein Deutsche Sprache e. V.