Infobrief vom 1. August 2020: Orwell lässt grüßen

1. Presseschau

Orwell lässt grüßen

Bild: pixabay.com | PhotoMIX-Company

„Bleiben Sie neutral im Unterricht, und achten Sie auf Ihre Sprache“, heißt es an Universitäten und Schulen Hongkongs.  Bücher werden aus Büchereien entfernt und in Lehrplänen gestrichen, Ausrufe zum Protest werden verboten, jede Äußerung mit Bezug auf die Unabhängigkeit Hongkongs kann unter dem neuen Sicherheitsgesetz seit 1. Juli bestraft werden. Welche Äußerungen „subversiv gegen die Staatsmacht“ gerichtet sind, als „sezessionistisch“ gelten oder als „Verschwörung mit ausländischen Kräften“ aufgefasst werden können, ist laut dem Gesetz breit auslegbar.

Das Sicherheitsgesetz erinnert an George Orwells Roman 1984: Ein totalitäres Regime behält mit Sprach- und Denkverboten die Deutungshoheit über das Leben seiner Bürger. Dafür wird Neusprech entwickelt, eine Sprache, deren Ausdrucksmöglichkeiten je nach Bedarf gesteuert werden. So soll jeder Widerstand im Vorhinein vereitelt werden. Am Beispiel Hongkongs zeigt sich erneut, wie eine freiheitliche Ordnung durch Eingriffe in die Sprache sehr effektiv zerstört wird. (deutschlandfunk.de, zeit.de)


Kommunikation in Zeiten von Corona

Politik

Lange Sätze, zu viele Fachbegriffe und Wortzusammensetzungen – das ist die Bilanz einer Studie. Experten der Universität Hohenheim hatten mehr als 500 Pressemitteilungen und 3.500 Antworten der Bundes- und Landesregierungen zum Thema Corona aus den Monaten März und April untersucht. Dabei stellten sie fest, dass die Informationen häufig unverständlich seien. Grund, so die Forscher, seien häufig Schachtelsätze, die es den Lesern schwer machen, Informationen zu verstehen. Störend seien auch Fremd- und Fachwörter, darunter gepanschte Schöpfungen wie „Corona Matching Fazilität“. Informationen und Orientierung böten solche Begriffe zu wenig, urteilt der Medienwissenschaftler Frank Brettschneider. (sueddeutsche.de)

Wirtschaft

Wie Chefs in Krisenzeiten kommunizieren sollen, stellt Capital in Form von vier Tipps vor, die der Harvard Business School entstammen. Sprachlich bemerkenswert ist darin die Empfehlung, Chefs sollten „immer dieselben Kernbotschaften … verkünden“, damit sie ernst genommen werden, aber auch um Missverständnisse zu vermeiden. Es sollte regelmäßige Evaluationsgespräche geben, die den Kollegen Ängste nehmen und aktuelle Entwicklungen sollen wiederholt aufgezeigt werden. Pläne für die Zukunft sollen deutlich angesprochen und skizziert werden. Generell sei es wichtig, offensiv zu handeln und nicht erst auf Anfrage Informationen herauszugeben. Was die Mitarbeiter von so einem Propaganda-Trommelfeuer halten, wird in dem Beitrag nicht erwähnt. (capital.de)

Sprache

Hamstern, Pandemie, soziale Distanz, Mundschutz, Abstandsgebot und systemrelevant sind alles Begriffe, die sich vor einigen Monaten – wenn überhaupt – nur vereinzelt im Vokabular der meisten Menschen finden ließen. Unvorhergesehene Ereignisse, die mit einer Veränderung der gesamtgesellschaftlichen Lebensrealität einhergehen, wirken sich zwangsläufig auch auf das Vokabular und den Gebrauch einer Sprache aus. Ein Beitrag des Deutschlandfunks beschäftigt sich mit den sprachlichen Änderungen, die durch die Corona-Pandemie ausgelöst wurden.

Der Beitrag ist hier nachzuhören: deutschlandfunk.de.


2. Unser Deutsch

Substantiv und Subjekt

Die allermeisten Leser dieser Glossen wissen natürlich, dass diese beiden grammatischen Begriffe überhaupt nicht zu verwechseln sind. Der erste bezeichnet eine Wortart (wie auch Adjektiv und Verbum), der andere das zentrale Satzglied, meist ein Substantiv im Nominativ (im Gegensatz etwa zum Objekt im Genitiv, Dativ oder Akkusativ). Schwieriger wird es, wenn Schüler von ihren Eltern eine Erklärung verlangen, weil sie es in der Schule nicht verstanden haben oder gerade gefehlt haben. Vater und Mutter haben das vor vielen Jahren einmal gelernt und geübt und wieder vergessen. Es sei denn sie haben später eine weitere Sprache gelernt. Denn diese grammatischen Termini passen auf fast alle Sprachen, sie haben eine lange Geschichte, die bis zu den alten Griechen zurückreicht und über die Römer und die mittelalterlichen Universitäten in den Sprachunterricht der modernen Sprachen vererbt wurde. Die lateinische Terminologie verbindet uns bis heute. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, aber auch ein Nachteil für den muttersprachlichen Unterricht. Denn diese Begriffe sind nicht aus sich verständlich. Deshalb wurden immer wieder Versuche der Übersetzung gemacht. Das Substantiv, gekürzt aus lateinisch substantivum nomen ‚selbständiges Wort‘ wird auch Hauptwort oder Nennwort genannt. Das hilft nur begrenzt. Besser ist es, eine Erklärung der gemeinten Sache zu geben. Geht das in Kürze? Ein Versuch.

Das Besondere aller Substantive ist ihr festes grammatisches Genus, wie es die Artikel der, die, das anzeigen. Das zweite Charakteristikum ist ihre Abwandlung im Satz, in den vier Fällen Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ, abhängig vom regierenden Verb oder als Attribut . Die Sprachwissenschaft spricht hier von der grammatischen Kategorie Kasus. Mit diesen beiden Merkmalen kann man das Substantiv von den beiden anderen Hauptwortarten Verbum und Adjektiv abgrenzen.

Schwieriger ist es, Subjekt als grammatischen Terminus zu erklären, weil das Wort viele weitere Verwendungen kennt. Die ursprüngliche Bedeutung von lateinisch subiectum ‚das Daruntergelegte‘(von subicere ‚unter etwas legen‘) hilft wenig weiter. Am meisten sagt die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt aus. Damit werden ganz grob die unterschiedlichen Rollen im Satz bezeichnet. Das Subjekt ist das Thema, der Gegenstand der Satzaussage. Es wird durch ein Substantiv im Nominativ (meist mit Artikel, oft mit Attribut) oder ein Pronomen (z.B. ich, dieser, alle) ausgedrückt. Neuere Grammatiktheorien bezeichnen das Subjekt als Nominativergänzung, die verschiedenen Objekte als Ergänzungen im Genitiv, Dativ, Akkusativ. Alle Ergänzungen sind vom Verb regiert. Eine Besonderheit des Subjekts ist die Übereinstimmung (Kongruenz) in Singular und Plural (Numerus) mit dem Verb. Übrigens steht das Subjekt meist links im Satz, vor allen Objekten. Eine weiterführende Erklärung, vor allem zu der semantischen Funktion der Ergänzungen, führt tief in die verschiedenen Grammatiktheorien hinein.

Vereinfacht können wir uns merken: Substantive sind eine Wortart mit festem Genus und variierendem Kasus. Subjekt bezeichnet das Thema eines Satzes, den Gegenstand der Rede. Das ist meist ein Substantiv im Nominativ oder ein Pronomen. Hier geraten die beiden Fachwörter, die dummerweise beide mit sub- anfangen, aneinander. Das erste ist leicht zu erkennen, das zweite verlangt grammatisches Wissen, das auch nicht jeder Lehrer hat.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Von Maori und Pakeha

Neuseelands Literatur wird von zwei großen Strömungen getragen: Dem Strom der Maori, der neuseeländischen Ureinwohner, und dem der Pakeha, den Nachfahren der europäischen Siedler, wie sie in der Maori-Sprache genannt werden. Die Geschichten der Maori leben meist von der Verknüpfung der Generationen und der Berufung auf Tradition und Kultur in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Maori als Ureinwohner einer von Europäern übernommenen Welt leben in vergleichsweise guter Lage, dennoch gibt es immer wieder Konflikte, Missverständnisse. Eine Abgrenzung der Literatur ist häufig schwierig, oft auch gewollt. So hat der Maori-stämmige Autor Alan Duff in seinem Erstlingswerk Warriors gezielt das desolate Leben in einem Maori-Slum geschildert, voller Alkohol und Gewalt. Sein Buch wurde verfilmt und löste als Buch wie als Film eine breite Diskussion um das Leben der Maori aus. Dabei weist Duff deutlich darauf hin, dass er sich nicht als Maori-Schriftsteller sieht. Carl Nixon, ein Pakeha-Schriftsteller, beschreibt in seinem Roman „Settlers Creek“ zwar auch eine Situation zwischen Maori und Pekeha, tut es aber aus der Sicht des europäischen Nachfahren. Er sagt: „Ich schreibe aus meiner eigenen Erfahrung und Perspektive. Ich denke, wenn ich etwas anderes probieren würde, wäre das falsch und würde sich auch so lesen.“ (deutschlandfunkkultur.de)


4. Berichte

Sprunghaft gestiegen

„Liebe Kollegen in der Redaktion, in den vergangenen Wochen ist die Anzahl wegen der Häufung von Anglizismen in Artikeln sprunghaft gestiegen, was vor allem an den Berichten über die Folgen der Coronapandemie liegt, doch würde ich euch bitten, wenn es machbar und es ein gleichbedeutendes deutsches Wort gibt, dieses zu verwenden, viele Leser werden es uns danken.‟ Dies schrieb der Zeitungsredakteur und Leserobmann der Chemnitzer Freien Presse in einer Juli-Ausgabe seinen Kollegen ins Stammbuch. Er habe zu diesem Thema viel Leserpost erhalten. Gedankt hat ihm dafür auch der Chemnitzer VDS-Regionalleiter Siegfried Franz. (freiepresse.de PDF-Datei)


5. Denglisch

In Bayern ist es „hot“

Die Raiffeisenbank Isar-Loisachtal wirbt seit jüngster Zeit mit dem Werbespruch „Shop it like it´s hot“ für eine Kreditkarte. Was eine Bankdienstleistung mit Hitze zu tun haben soll, erschließt sich auf den ersten Blick allerdings nicht, auch nicht, warum man im tiefsten Oberbayern auf Englisch werben müsse. Für Dieter Weckerle, VDS-Mitglied und langjähriger Kunde der Bank, liegt der Fall klar: „Für solch einen Spruch finden sich doch auch deutsche Begriffe.“ Außerdem müsse beachtet werden, dass nicht jeder der englischen Sprache mächtig sei. Seine Bedenken habe er gegenüber der Bank deutlich gemacht und werde in seiner Kritik nicht nachlassen: „Über so etwas darf man sich nicht nur ärgern, sondern muss etwas dagegen tun. Sonst schreitet das immer weiter voran.“

Sinn der Werbeaktion sei gewesen, eine möglichst breite Zielgruppe anzusprechen, argumentiert Andreas Pentenrieder, Leiter der Werbeabteilung. Englische Begriffe wären bei jüngeren Menschen der „Standard“. (merkur.de)


6. Termine

5. August, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gaststätte Tante Jenny, Schiffbrücke 12, 25813 Husum

6. August, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00
Ort: Grollander Krug, Hotel Robben, Emslandstraße 30, 28259 Bremen

10. August, Region 65 (Wiesbaden/ Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

12. August, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Dorota Wilke, Frank Reimer

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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