Infobrief vom 29. Mai 2020: Deppen-Leerzeichen hat Hochkonjunktur

1. Presseschau

Deppen-Leerzeichen hat Hochkonjunktur

Foto: VDS-Berlin

Für die gute Lesbarkeit haben Bindestriche Überraschendes zu bieten. Im Duden ist zu lesen: „Der Bindestrich kann zur Hervorhebung einzelner Bestandteile in Zusammensetzungen und Ableitungen verwendet werden, die normalerweise in einem Wort geschrieben werden. Er muss  gesetzt werden, wenn die Zusammensetzungen mit (einzelnen) Buchstaben, Ziffern oder Abkürzungen gebildet werden und wenn es sich um mehrteilige Zusammensetzungen mit Wortgruppen handelt.“ Mehr Wissenswertes über den Bindestrich ist anklickbar im Duden.

Das zur Zeit bekannteste sogenannte „Deppenleerzeichen“ ist enthalten im „Robert Koch-Institut“, es müsste „Robert-Koch-Institut“ heißen. Auch in der Werbung nehmen die nicht gekoppelten, falschen Komposita überhand: Da gibt es „Bergbauern Käse“, „Würfel Zucker“ und „Sushi Bar“. Als Begründung dienen Gestaltungsbedenken, denn Bindestriche seien auf Verpackungen optisch nicht ansprechend; außerdem orientiere man sich am Englischen, das Bindestriche zwischen zwei Wörtern nicht kenne – welches übrigens nicht stimmt. (t-online.de)


Mit Kanonen auf Viren

Die Neue Zürcher Zeitung kehrt die sprachlichen Scherben der Corona-Pandemie zusammen. Mittlerweile habe die „Lockerung“ den „Lockdown‟ verdrängt. Alles, was über Corona geschrieben wurde, wird lange in den Köpfen, Wörterbüchern und Forschungsarbeiten bleiben. Gemeint sind die unnötigen Anglizismen, die Kriegsrhetorik („äußerer Feind‟, „unsichtbare Bedrohungen‟). Gelobt werden die Neuschöpfungen („Ellenbogengruß‟, „Geisterspieltag‟, „Öffnungsdiskussionsorgie‟). Sie hätten gezeigt, dass die deutsche Sprache „die Fähigkeit bewahrt, neue Erscheinungen aus eigener Kraft zu benennen‟, sagt Urs Bühler. In der aktuellen Ausgabe der Sprachnachrichten finden Sie zu dem Thema mehr von ihm. (nzz.ch)


Sprachliche Fähigkeiten bei Auszubildenden

Auszubildende in Deutschland sind nur begrenzt in der Lage, sich schriftlich zusammenhängend, fehlerfrei und verständlich auszudrücken. Das zeigt eine VDS-Umfrage, an der sich „etwa 60 mittelständische Unternehmen“ beteiligten. Sie bescheinigen nur einem Drittel ihrer Bewerber ausreichende Rechtschreibkenntnisse. Keine große Rolle spiele die Vorbildung der Bewerber: Betroffen sind sowohl Schüler von Mittel- und Realschulen, als auch Absolventen von Hochschulen. Auch bei den Englischkenntnissen sehe es übel aus. Vielen Unternehmen bleibt also nichts anderes übrig, als Rechtschreibung, Grammatik und Wortschatz im Betrieb nachzuschulen. Eine Möglichkeit dafür bietet das Arbeitsbuch „Entdeckungsreise Sprache“ von VDS-Mitglied und Autorin Gabriele Baron. Auch auf dem Blog gibt es Sprachtipps: baron-texttraining.de. (pressebox.de)


Anne Will mit Gendersprech

Die Moderatorin Anne Will hat sich in ihrer Sendung vom 24. Mai besonders missionarisch hervorgetan. Ihren Gast vom Bund der Steuerzahler begrüßte sie als Vertreter der „Steuerzahler (Pause) Innen“ und hob direkt im Anschluss süffisant hervor: „Ich weiß gar nicht, ob Sie den Verband schon so nennen.“ Die Pause mitten im Wort sollte das Gendersternchen verdeutlichen, um alle geschlechtlichen Identitäten der Steuerzahler einzubeziehen. Einen solchen Glottisschlag gibt es in dieser Funktion im Deutschen nicht. Bei Annalena Baerbock von den Grünen führte das zu der eigenwilligen Konstruktion „Steuerinnenzahler“, für die sie vor allem bei Twitter belächelt wurde. (bild.de)


2. Unser Deutsch

Kommunizieren

Wir begegnen diesem Fremdwort neuerdings häufiger in den Entschuldigungen von Politikern: Nicht ausreichend kommuniziert heißt so viel wie ‚nicht genug erklärt, mangelhaft begründet, (die Wähler) nicht überzeugt‘. Beliebt sind auch Aufforderungen an Mitglieder und Parteigenossen: Wir müssen das besser kommunizieren. Es ist der Reiz des scheinbar neuen, gelehrt klingenden Wortes, der zur Benutzung verführt.

Dabei ist dies Verb bereits seit Beginn des 17. Jahrhunderts im Deutschen bezeugt, eine Entlehnung aus lateinisch communicare. Mein lexikographischer Helfer, das lateinisch-deutsche Handwörterbuch von Karl Ernst Georges, zeigt die semantische Entstehung aus communis ‚gemeinschaftlich‘ an; „gebend: jmd. an etwas teilnehmen lassen, ihm etwas mitteilen“ und „empfangend: ,mit jmd. etwas gemein haben, an etwas teilhaben“. Dies lebt auch in weiteren, eher fachsprachlichen Verwendungen fort: Wir kennen aus der Physik die kommunizierenden Röhren ‚unter einander verbundene, oben offene Röhren, in denen die Flüssigkeit gleich hoch steht‘. In der katholischen Kirche steht kommunizieren für ‚zur Kommunion gehen‘, zum ‚rituellen Gemeinschaftsmahl der Gläubigen mit Christus‘.

Bekannter ist das Gegenstück: exkommunizieren ,wegen schwerer Vergehen aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausschließen‘.

In allen drei Verwendungen spielt die Gemeinschaft eine Rolle. Im politischen Diskurs ist es die zwischen Wählern und ihren parlamentarischen Repräsentanten. Sie verbindet das demokratische Prinzip einer befristeten Vertretung. Gewählt wird, wer überzeugen konnte, wer eine Gemeinsamkeit der Ziele, der Pläne, der politischen Gestaltung mit den Bürgern seines Wahlkreises erzeugen konnte. Wenn die Umfragen einen Rückgang der Zustimmung anzeigen, dann setzt der Vorwurf oder die Erkenntnis ein: Es wurde nicht genug, nicht richtig kommuniziert.

Was ist daran zweifelhaft? Mit dem scheinbar neuen Fremdwort versucht mancher, eigene Mängel zu vertuschen. Es geht dabei nicht um die tatsächlichen Leistungen oder um die künftigen, die versprochenen, sondern in erster Linie um die Qualität des Präsentierens, die verbale Ausmalung, eben die Kommunikation. Worte sind nötig, genügen aber nicht. Denn die Gemeinsamkeit, welche das Wort in Anspruch nimmt, gründet sich vor allem auf erlebte Teilhabe, zum Beispiel auf die Qualität kommunaler Einrichtungen, auf sicheren Schutz durch Polizei und Gerichte. Worte und Taten gemeinsam sind die beste Form des Kommunizierens. Schlimmstenfalls droht sonst die politische Exkommunikation.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Deutscher Lesepreis 2020

Die Lesekompetenz von Kindern in Deutschland lässt zu wünschen übrig, das zeigt eine weitere Studie. Um die Leseförderung für junge Menschen zu ermuntern, wird in diesem Jahr zum bereits achten Mal der Deutsche Lesepreis vergeben. Bis zum 30. Juni können Personen und Einrichtungen, die sich für das Lesen einsetzen, ihre Projekte unter deutscher-lesepreis.de einreichen. Die Auszeichnung ist mit insgesamt 25.000 Euro dotiert und wird in sechs verschiedenen Kategorien verliehen, zum Beispiel „Herausragende Leseförderung an Schulen“ und „Herausragendes individuelles Engagement“. Die Gewinner sollen am 4. November in Berlin gekürt werden. (stiftunglesen.de)


Internationaler Tag der Leichten Sprache

In diesem Jahr gibt es erstmalig den Internationalen Tag der Leichten Sprache. Er macht darauf aufmerksam, dass Informationen in Leichter Sprache wichtig sind. Das gilt für verschiedene Personengruppen, zum Beispiel solche mit Lernschwierigkeiten, oder für jene, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Der Tag findet ab sofort am 28. Mai statt – denn am 28. Mai 1988 entstand der Verband Inclusion Europe, der sich für die Rechte von Menschen mit Sprach- und Lernschwierigkeiten einsetzt. (bundesregierung.de)


4. Berichte

Auszeichnung für Günter Denz

Günter Denz hat den Gerhard-Junker-Preis für ehrenamtliches Engagement für die deutsche Sprache erhalten. Das berichten die Westfälischen Nachrichten etwas verspätet über eine Auszeichnung im Juni 2019 während der Delegiertenversammlung des VDS in Halle/Saale. (wn.de)


5. Denglisch

Neuer Anglizismen-Index veröffentlicht

Seit 18 Jahren erscheint der Anglizismen-Index jedes Jahr in überarbeiteter Auflage. Er bietet eine Orientierungshilfe für alle, die in deutschsprachigen Texten gern gutes Deutsch anwenden und auf englische sowie scheinenglische Wörter verzichten möchten – oder auch für alle, die sich von dem vielen Denglisch überfordert fühlen und Übersetzungshilfen benötigen. Jetzt ist die neue Ausgabe des Index erschienen. Unterstützt wird die Überarbeitung des Anglizismen-Index sowohl vom VDS, dem „Verein Muttersprache“ aus Wien und dem „Sprachkreis Deutsch“ aus Bern. Achim Elfers, der seit 2019 Herausgeber ist, hat auch für die diesjährige Ausgabe einiges umgestaltet. Unter anderem wurden die Inhaltserklärungen zu manchen Wörtern erweitert, und auch neue Wörter sind hinzugekommen.

„Scheinanglizismen sind eine Respektlosigkeit gegenüber einer Fremdsprache“, sagte Vladimir Balzer gestern morgen im MDR (leider nicht zum Nachhören) Begriffe wie Homeoffice, Public Viewing und Handy sollten endlich der Vergangenheit angehören. Er habe als Ost-Kind Respekt gegenüber Fremdsprachen gelernt und fordere ihn jetzt wieder ein. (mdr.de)


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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