Infobrief vom 5. September 2020: Abschied vom „Sie‟

1. Presseschau

Abschied vom „Sie‟

In der Arbeitswelt stirbt die formelle Anrede Sie langsam aus. In dem Beitrag kommen Experten und Geschäftsführer zu Wort, die das Du als „viel persönlicher‟ empfinden. Sabrina Zeplin vom Netzwerk Xing sagt: „Das ‚Du‘ schafft Nähe und eine emotionale Verbundenheit, die auch in einem professionellen Umfeld zu einem signifikant besseren Miteinander führt.“ Beim Otto-Versand bot Vorstandsvorsitzender Hans-Otto Schrader vor vier Jahren seinen Angestellten an, sie sollten ihn „Hos“, für Hans-Otto, nennen. Bei Xing gab es aber auch kritische Stimmen: „Einseitig verordnetes Duzen“ empfinde er als „übergriffig“, schrieb ein Nutzer, für andere sei das Sie gegenüber fremden Personen „eine Frage von Anstand und Benimm“. (sonntagsblatt.de)


Ein sexistisches Argument gegen das Gendern

In einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel sagt Nele Pollatschek: „Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch.“ Die Schriftstellerin ist der Ansicht, dass Männer und Frauen nur dann gleichberechtigt behandelt werden, wenn man sie auch gleich benennt. Eine Herausstellung des Weiblichen sei dem nicht zweckdienlich, weil sie erst recht auf Unterschiede aufmerksam macht. „Wer aus meinem ‚Schriftsteller‘ ein ‚Schriftstellerin‘ macht, kann auch gleich ‚Vagina!‘ rufen. Das hat den gleichen Informationswert, wäre aber komischer und aufrichtiger und mir deutlich lieber.“ Ihre Kontakte im englischsprachigen Raum seien von der deutschen Über-Betonung des weiblichen Falles geradezu verstört. Sie kämen nicht auf die Idee, die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher als Prime Ministress zu bezeichnen – sie war ganz selbstverständlich, englisch pragmatisch: Prime Minister. (tagesspiegel.de)


Semantische Rangeleien

Mit einem Abstand von fünf Jahren betrachtet die Augsburger Allgemeine, wie die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 den Wortschatz geprägt hat. Es gebe „eine ganze Kolonne von Wortbildungen, mit denen Politik gemacht wird“: Anti-Abschiebe-Industrie, Ankerzentrum, Obergrenze oder Zuwanderungskorridor gehörten zu den Neuschöpfungen – für „Sprachästheten (…) eher ein Jammertal“. Manche Wörter wurden seitdem zu Unwörtern oder Wörtern des Jahres gewählt. Flüchtling zum Beispiel, bei dem Kritiker bemängelten, es schwinge durch das Suffix „ling“ (wie bei „Eindringling“ oder „Schädling“) eine negative Haltung durch. Über einzelne Begriffe habe es „semantische Rangeleien“ gegeben. War das eine „Grenzöffnung“, wo es doch laut Schengen zwischen Österreich und Deutschland gar keine geschlossene Grenze gab? Dass Parolen gekapert werden und sich Gruppen fremde Hüte von der Garderobe der Geschichte nehmen, zeige exemplarisch die Phrase „Wir sind das Volk“. (augsburger-allgemeine.de)


Emojis im Büro? Besser nicht

Emojis sind aus der Kommunikation über WhatsApp und soziale Netzwerke kaum noch wegzudenken. Im Büro und in geschäftlichen E-Mails sollte man jedoch besser auf sie verzichten, sie könnten unprofessionell wirken. Emojis sind wie Gesichter aufgebaut, sie haben einen Mund und Augenbrauen – Dinge, mit denen wir im echten Leben Emotionen lesen können. Bei Emojis in einer E-Mail besteht allerdings die Gefahr, dass sie falsch interpretiert werden. Deswegen sollten sie – wenn überhaupt – nur zurückhaltend benutzt werden. Auf Herzen oder Kussmünder und Ähnliches sollte gänzlich verzichtet werden. (gq-magazin.de)


2. Unser Deutsch

prioritär

Dies Modewort der Politik dringt immer häufiger in unsere Alltagssprache ein. Es ersetzt einheimische Wörter wie vorrangig, dringlich, eilig. Warum, fragt der Sprachbeobachter? Und wo kommt es her?

Die Herkunft ist unerforscht, aber doch naheliegend. Das Adjektiv fehlt in den meisten Wörterbüchern, es taucht seit Ende des 20. Jahrhunderts erstmals auf. Ein englisches Vorbild fehlt, so liegt Eigenbildung nahe, und zwar aus dem alten Lehnwort Priorität. Dies ist seit Beginn des 17. Jahrhunderts belegt, eine Entlehnung aus mittellateinisch prioritas oder französisch priorité. Das Deutsche liebt das Nebeneinander von Substantiv und Adjektiv wie in Vorrang und vorrangig, Typ und typisch, Haus und häuslich. Auch einige Paare aus –ität und –är gehören hierher wie Universität und universitär, Totalität und totalitär. Nach diesem Vorbild könnte auch prioritär entstanden sein. Die Sprachwissenschaft nennt das ‚Fremdwortbildung‘. So schaffen wir uns aus dem Fremdwortbestand weitere Fremdwörter.

Und in der Tat besteht ein Bedarf, zum Substantiv auch das passende Adjektiv zu besitzen. So können wir von prioritären Aufgaben, prioritären Vorhaben usw. sprechen. Mir ist das Wort allerdings in unangenehmer Erinnerung. Es begegnete mir zuerst, als ich von einem Schüler eine Vortragseinladung nach Korea erhielt und den DAAD um einen Reisekostenzuschuss bat. Dies sei „nicht prioritär“, weil ich ja bereits emeritiert sei. Man wolle vor allem die Kontakte der Wissenschaftler fördern, die „im aktiven Dienst“ stehen. So habe ich Korea nicht kennengelernt. Und jüngst wurde einem Kollegen (vor allem aus finanziellen Gründen) die Verlängerung eines Projekts abgelehnt, weil nicht prioritär eingestuft. In beiden Fällen verleiht das Fremdwort der Ablehnung einen Hauch von begründeter Amtlichkeit. Das gilt auch für das Substantiv Priorität. Ständig muss ja bei allen staatlichen und behördlichen Vorhaben eine Abstufung nach Dringlichkeit erfolgen. So habe in der Pandemiebekämpfung die Gesundheit absolute Priorität. Andererseits sieht man bei ablehnendem Bescheid, wie sich die Verantwortlichen hinter einer Prioritätenskala verstecken. Die ist aber nicht einfach gegeben, sondern Resultat politischer oder behördlicher Entscheidung. Das ist richtig und demokratisch legitimiert. Nur sollten wir uns nicht mit dem bloßen Hinweis aufs Prioritäre abwimmeln lassen. Auch das ist menschlich gemacht und menschlich zu verantworten.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an:
horst.munske@fau.de

3. Kultur

Lesung zum Buch „Sprache und Sein“ von Kübra Gümüsay

Die Autorin Kübra Gümüsay besuchte vergangene Woche das Wuppertaler Swane-Café, um aus ihrem Buch Sprache und Sein vorzulesen. Darin geht es um die Frage, wie sehr Sprache unser Denken prägt und welche politischen Konsequenzen daraus entstehen. Während der Lesung kam auch die Diskussion um die Mohrenstraße auf, zu der Gümüsay eine klare Meinung formulierte: Wie das „N-Wort“ stamme auch die Bezeichnung „Mohr“ aus der Zeit des Sklavenhandels, daher verstehe sie nicht, warum manche „auf der Perspektive des Kolonialismus“ beharrten. „Sprache kann seelische Narben hinterlassen“, so die Autorin. Eine Zuhörerin stellte die Frage, wie die Sprache künftig aussehen werde. „Die Zukunft ist das, wofür wir die Weichen stellen“, antwortete Gümüsay. Problematisch sei in jedem Fall ein Sprachgebrauch, der statt Gemeinsamkeiten die Unterschiede suche und verfestige. Ein Beispiel: Nach dem Anschlag von Hanau hätten die jungen Opfer in der Öffentlichkeit als „Kinder der Anderen“ gegolten – und nicht als „unsere Kinder“. (wz.de)


Retter der deutschen Sprache

Der „Retter der deutschen Sprache“ arbeitet beim Sachsenradio des Mitteldeutschen Rundfunks. Autor Dirk Hentze nimmt sich regelmäßig – bis zu dreimal in der Woche – in der Sendung Deutsch als Fremdsprache Anglizismen und anderer Fremdwörter an, die mittlerweile unseren Alltag beherrschen und gibt dabei eine korrekte Übersetzung und auch eine Einschätzung, wie die Hörer künftig damit im Sprachgebrauch umgehen sollten. In der aktuellen Sendung geht es um den Begriff „Summertime“, der in der Sendung auf den ehemaligen Fußball-Nationalspieler Matthias Sammer zurückgeführt wird. (mdr.de)


4. Berichte

Sprachpanscher 2020: Tagesschau und heute-Nachrichten

Die Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache haben gewählt: Die Nachrichtenflaggschiffe der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender – Tagesschau und heute-Nachrichten – sind die Sprachpanscher 2020. Den VDS-Mitgliedern missfiel vor allem die Übernahme zahlreicher Corona-Anglizismen wie „Lockdown“ und „Homeschooling“, ohne diese zu hinterfragen und Wörter zu finden, die von allen Zuschauern verstanden werden. Darüber hinaus fielen die Sendungen durch den penetranten Einsatz der Gender-Pause auf. Damit soll das weibliche Geschlecht hervorgehoben werden, indem man bei geschriebenen Wörtern wie „Reporter*innen“ das Sternchen durch eine kurze Pause andeutet. (rnd.de)


5. Denglisch

Alles eine Frage der „Drinkability“

Wer sich mit dem Bierbrauen auskennt, wird wahrscheinlich auch den Begriff der Drinkability kennen. Wörtlich könnte man ihn als Trinkbarkeit übersetzen, auch der Ausdruck süffig spielt auf einen ähnlichen Sachverhalt an. Jedoch treffen beide Begriffe die Bedeutung der Drinkability nicht ganz korrekt. Prof. Ludwig Narziss, Nestor der Brauwissenschaft in Weihenstephan/TU München, erläutert: „[Das Bier] entspricht seinem Typ, ist ausgewogen zwischen Vollmundigkeit, einer gewissen „Weichheit des Trunks“, seiner „Rezenz und seiner Bittere.“

Wenn diese Bedingungen zutreffen, sei ein Bier „drinkable“. Kurz gesagt: „Das Bier lädt zum Weitertrinken ein.“ Leider gebe es im Deutschen bislang kein so gut treffendes Wort dafür, bedauert Narziss. Jeff Maisel von der Brauerei Gebr. Maisel in Bayreuth sieht das ähnlich: Die Drinkability sei das Geheimnis eines jeden erfolgreichen Bieres und beschreibe den Gesamteindruck, der beim Trinken entsteht und ob man sich auf den nächsten Schluck freut. Der Ausdruck lasse sich jedoch nicht einfach durch süffig oder andere deutsche Wörter ersetzen.

Also stellen wir die Frage an alle Infobrief-Leser: Wie ließe sich drinkability aus dem eigenen Wortschatz bezeichnen? (blogs.faz.net)


Sorge vor Denglisch unbegründet?

Dass in Deutschland bald Englisch statt Deutsch gesprochen werde, davor hat Michael Hierholzer keine Angst. In einem launigen Kommentar in der FAZ beschreibt er die Sorge, die viele haben, wenn sich Jugendliche in ihrer eigenen Sprache unterhalten, die von vielen englischen Begriffen durchsetzt ist. Das Interesse, sich dennoch in der eigenen Sprache weiterzubilden, werde dadurch nicht vergehen. Dennoch ist es für ihn nachvollziehbar, dass sich der ein oder andere bei der Masse an Anglizismen manchmal „lost“ fühlt – also verloren. (faz.net)


6. Termine

10. September, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

12. September, Region 06/07/39 (Sachsen-Anhalt, Ostthüringen)
Festveranstaltung zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 14:00 Uhr
Ort: Aula des Staatlichen Gymnasiums Dr. Konrad Duden, Hofer Str. 10, 07907 Schleiz

12. September, Region 18 (Rostock)
Festveranstaltung zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

12. September, Region 67/68/69 (Rhein-Neckar)
Informationsstand zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 10:00 – 16:00 Uhr
Ort: Paradeplatz, Quadrat N1, Mannheim

12. September, Region 78 (Bodensee, Ostschwarzwald)

Informationsstand zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 8:00 – 13:00 Uhr
Ort: Fußgängerzone Obere Hauptstr. / Marktbrunnen, 78628 Rottweil

12. September, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Vorführung: Weeser Petuhtanten (Anmeldung erforderlich)
Zeit: 16:30 Uhr
Ort: Blauer Salon im Obergeschoss, Gaststätte Tante Jenny, Schiffbrücke 12, 25813 Husum

15. September, Region 01 (Dresden, Riesa)
Festveranstaltung zum Tag der deutschen Sprache: Lesungen von Jens-Uwe Sommerschuh
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: 1. OG im Pianosalon im Coselpalais, An der Frauenkirche 12, 01067 Dresden

17. September, Region 06/39 (Halle, Magdeburg)
Besuch der halleschen Marienbibliothek (Nachholtermin)
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Marienbibliothek Halle, An der Marienkirche 1, 06108 Halle

22. September, Region 67/68/69 (Rhein-Neckar)
Führung durch die Stadtbibliothek Ludwigshafen (Bismarckstr. 44-48) und anschließendes Mitgliedertreffen im Restaurant Sigma
Zeit: 17:00 Uhr / 19:00 Uhr
Ort: Gastwirtschaft Sigma, Kaiser-Wilhelm-Str. 39, 67059 Ludwigshafen

26. September, Region 50/51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

30. September, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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