Infobrief vom 16. Mai 2021: Vornamen des Jahres 2020

1. Presseschau

Vornamen des Jahres 2020

Bild: JMG / pixelio.de

Emilia und Noah – das sind die beliebtesten Vornamen des vergangenen Jahres. Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) wertet jährlich die Angaben der Standesämter aus. In diesem Jahr gab es – wie in den Vorjahren – wenig Bewegung bei den beliebtesten zehn Namen. Bis auf einen sind bei den Mädchen alle wieder vertreten, Hanna/Hannah rutschte von Platz 1 auf Platz 2 und wurde von Emilia verdrängt, die im Vorjahr noch auf Platz 4 stand. Bei den Jungen hat Noah seinen 1. Platz verteidigt. Generell, so die GfdS, gebe es bei den Jungen mehr Bewegung, auch die Laute der Namen seien unterschiedlicher als bei den Mädchen. In absoluten Zahlen seien die Unterschiede bei den Namen gering – der Abstand zwischen Emilia und Hanna/Hannah zum Beispiel beträgt nur 110 Neugeborene. Zu beobachten sei auch, dass die Eltern bei der Namenswahl phantasiereicher vorgehen, die Namensvielfalt nehme zu. (tagesspiegel.de)


Paradeiser und Karfiol stabil

Als Bundesdeutscher stößt man in Österreich – vor allem beim Essen – auf ungewöhnliche Wörter. Den Erdapfel kann man sich als Kölner mit etwas Phantasie noch zur Kartoffel erklären; aber Karfiol und Paradeiser sind im Rheinland unbekannt, es handelt sich um Blumenkohl und Tomaten. Solche Austriazismen, so die Sprachforscherin Alexandra N. Lenz im Standard, sind im Sprachgebrauch erstaunlich stabil. Obwohl Österreicher häufig auch die bundesdeutschen Wörter verwenden, bleiben die Austriazismen standhaft gepflegt. Das mag auch an der Liebe zum Dialekt liegen. Zwar werden Dialekte immer weniger gesprochen, so Lenz, es sei aber in vielen Regionen Europas zu beobachten, dass mit einem Auflösen der Dialekte auch ihre Wertschätzung wachse. Ausdrücklich betont Lenz: „Nicht Sprachen entscheiden über Sprachwandel, sondern Sprechende wandeln ihre Sprache, wenn auch meist unbewusst.“ (derstandard.at)


Gendern in Stellenanzeigen

Die Mehrheit lehnt das Gendern in Stellenanzeigen ab – das hat eine Umfrage desMarktforschungsunternehmens Respondi im Auftrag der Königsteiner Gruppe ergeben. 62 Prozent der Befragten meinen, Stellenanzeigen müssten nicht gegendert werden, 38 Prozent sind dafür. Die Zustimmung bei den 20- bis 29-Jährigen war am höchsten (51 Prozent), je älter die Befragten, desto mehr wurde das Gendern abgelehnt. In Deutschland soll das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) Beschäftigte vor Diskriminierung schützen, dazu gehört auch die sexuelle Identität. Daher müssen Stellenausschreibungen geschlechtsneutral formuliert sein oder einen Hinweis „männlich/weiblich/divers“ enthalten. (rnd.de)


Gendern ist „eine Verunglimpfung der Sprache“

Der Sänger H.P. Baxxter ist kein Freund der Gendersprache. „Das ist für mich Idiotensprache“, urteilt der Hamburger Sänger in der Morgensendung von Radio Hamburg. Die sogenannte geschlechtergerechte Sprache sei ein unzureichendes Instrument, um die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft zu erreichen. Das Gendern sei vielmehr „einfach nur eine Verunglimpfung der Sprache und sagt nichts weiter aus.“ Diese Meinung wird nach einer Umfrage in Hamburg von vielen Menschen geteilt. In der Umfrage, bei der Frauen und Männer zwischen 14 und 69 Jahren befragt wurden, gaben 76 Prozent der Frauen und 67 Prozent der Männer zu Protokoll, dass Gendern „nicht so wichtig“ sei. (rollingstone.de)


Sprachwissenschaftler Niehr gegen Sprachverbote

Der Sprachwissenschaftler Thomas Niehr lehnt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk Sprachverbote ab. In der Diskussion um rassistische Sprache sei es nötig, dass man „die entsprechenden Wörter auch aussprechen“ kann, „um sich über sprachliche Tabus verständigen zu können“, so der Linguist von der RWTH Aachen. In einer offenen Gesellschaft müsse man über Begriffe diskutieren können. Mit dem Verzicht auf bestimmte Wörter werde das damit verbundene Denken eben nicht verschwinden. Dennoch könnten durch den öffentlichen Diskurs Grenzen gezogen werden. Dem Sprecher müsse demnach klar sein: „Wenn ich unbedingt bestimmte Wörter verwenden will, muss ich mit Konsequenzen rechnen.“ Von Sprechern müsse man erwarten können, dass sie sich ihrer Sprache bewusst sind. Für die Bewertung einer Äußerung sei stets der Kontext zu berücksichtigen, in dem sie gefallen ist. Dagegen hat sich Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der FU Berlin, gegen die Wiederholung rassistischer Zitate ausgesprochen. Zugleich betonte auch er, ein generelles Verbot solcher Begriffe dürfe es nicht geben. Es komme darauf an, in welchem Zusammenhang vor welchem Publikum etwas gesagt werde. Können beispielsweise im Rundfunk die Hörer ein Zitat von der eigenen Meinung des Sprechers unterscheiden? Entzündet hatte sich die jüngste Debatte um rassistische Sprache an Äußerungen des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer gegenüber dem Fußballer Dennis Aogo. (deutschlandfunk.de)


2. Unser Deutsch

mutterseelenallein

Unser Wortschatz ist reich an Wörtern, deren Herkunft Rätsel aufgibt. Wir wissen genau, was sie bedeuten, können dies aber nicht aus ihrer Bildungsweise erklären.
Eins von ihnen ist mutterseelenallein, ein poetisches Wort in seiner rhythmisch-daktylischen Form und seiner anrührenden Bedeutung. Schon der Lexikograph Adelung verzeichnet es am Ende des 18. Jahrhunderts: ‚einsam, von jeder Menschenseele verlassen‘. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert den Dichter Christoff Martin Wieland:
„nun stellt euch einmal vor, brüder, rief er, wie einem ehrlichen christenmenschen so mutterseel allein in so einem saracenischen wallfischbauch zu muthe sein musz!“
Und der Dichter Lenz wird zitiert: „keine mutterseele hats gemerkt.“
Zweierlei können wir aus diesen Belegen entnehmen: ursprünglich war mutterseele ein Attribut zum Adjektiv allein. Das eingeschobene –n ist ein typisches Fugenelement, auch ein Indiz, dass jetzt ein Kompositum vorliegt und kein Syntagma (wie im Wieland-Zitat). Und mutterseele, auch Menschenseele steht für ‚Mensch‘, so wie Seele, zum Beispiel bei der Zählung von Einwohnern („100 Seelen“) für ‚Personen‘ steht.
In unserem Fall hat mutterseele nur eine verstärkende Funktion. Hier sind wir auf einem Feld, das für Adjektive charakteristisch ist: die sogenannte Gradation, d.h. die Verstärkung oder Abminderung der Bedeutung des Adjektivs. Oft liegt ein Vergleich zugrunde wie in blitzgescheit, mucksmäuschenstill oder todsicher. In die Reihe gehören auch derbe Bildungen wie scheißegal, arschklar. In einigen Fällen hat sich aus einem ursprünglichen Vergleich ein suffixähnliches Element entwickelt. Stocksteif bedeutete ‚steif wie ein Stock‘, daraus wurde eine ganze Reihe von stockdumm, stockfinster, stockbesoffen bis stockkonservativ.
Demgegenüber blieb mutterseelenallein ein Unikat, geeignet die schlimmste Form des Alleinseins zu benennen, den einsamen Tod im Krankenhaus.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Fußballlinguistik

Egal ob „Mach ihn rein!“, „Das war doch `ne Schwalbe!“ oder das bekannte „Das Runde muss ins Eckige!“ – der Fußball hat nicht nur sportlich, sondern auch sprachlich spannende Begebenheiten zu bieten. Prof. Simon Meier-Vieracker untersucht an der TU Dresden seit Jahren unter anderem die Fußballsprache. Welche Synonyme gibt es zum Beispiel für das Wort Ball und den Begriff schießen? Allein für schießen hat er 180 gefunden, darunter viele Phantasieworte, die ein einziges Mal aus einer Situation heraus bei einer Reportage gesprochen wurden. Sie seien daher eigentlich unbekannt, entfalteten ihren Sinn aber im Zusammenhang der Reportage. Aus linguistischer Sicht seien sie besonders reizvoll. (rsh.de, fussballlinguistik.de)


TikTok und deutsche Klischees

Birkenstocksandalen, Mülltrennung und Fenster auf Kipp – wer nach Deutschland kommt, wird mit exotischen Erfahrungen konfrontiert. Das ist der Vietnamesin Uyen Ninh aufgefallen, die 2019 zum Studium in die Rhein-Neckar-Region gelangte. 2020 kam Corona, und mit ihr die Langeweile. Im November hat sie daher spontan ein Video auf der Platform TikTok hochgeladen, wo in maximal 60 Sekunden kurze Geschichten erzählt werden können. Die 25-Jährige hat mittlerweile knapp 225.000 Abonnenten, denen sie ihre Geschichten vom Leben in Deutschland präsentiert, oft untermalt mit Musik. So lernt der Zuschauer zum Beispiel, wie bizarr die erste Begegnung mit einem Kippfenster ist; eine Obstschale ist nicht immer gleich Obstschale. Mit einem Augenzwinkern bringt sie den Deutschen ihre Eigenarten näher, immer humorvoll und verschmitzt, ohne sich über sie lustig zu machen. (faz.net)


4. Denglisch

Deutsche Sprache am Abstellgleis

Ferry Paur sind Anglizismen ein Graus. Paur betreut die Topothek in Heiligenkreuz – ein digitales Archiv, welches die Geschichte des Ortes in Form von Fotos, Videos und Dokumenten zur Schau stellt. Paur befasst sich nicht nur mit der Heiligenkreuzer Geschichte, sondern setzt sich auch für den Erhalt der deutschen Sprache ein. „Die Verdrängung unserer deutschen Muttersprache findet bereits seit mehr als 40 Jahren statt“, so der Badener. Anglizismen griffen immer weiter um sich und seien kaum noch zu umgehen. Durch Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge und englische Produktbezeichnungen würden immer mehr Fremdwörter in die deutsche Sprache eingebracht. In der Verantwortung sieht Paur die Medien und die Produkthersteller, aber auch die Akademiker sowie die Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Anglizismen seien häufig nur „mediokre Übersetzungen“, die den Sachverhalt gar nicht richtig darstellten. Gerade während der Corona-Pandemie hätte die Flut an Anglizismen eine unerträgliche Höhe erreicht. „Lockdown statt Wirtschaft herunterfahren, Cluster statt Gruppe, Homeoffice statt Heimarbeit, Homeschooling statt Heimunterricht und mehr“ seien Beispiele, wie Begriffe unkritisch übernommen werden.

Die Gefahr bestehe, dass die deutsche Sprache immer mehr zu einer „angloamerikanisch-deutschen Schrottsprache“ degeneriere. Es sei zu befürchten, dass die „deutsche Sprache (…) langfristig aussterben“ werde. Noch sei aber Zeit diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, beteuert Paur. Jeder Einzelne könne hier etwas tun. Paur ruft dabei zum Boykott von Produkten mit englischen Bezeichnungen auf. Es gelte, stets darauf aufmerksam zu machen, „fragen wir den Trafikanten und andere Handelsbetriebe permanent, warum das Schild open statt offen am Geschäft angebracht ist. Schreiben wir Leser- und Beschwerdebriefe an die Medien und verwenden wir selbst dieses angloamerikanische Kauderwelsch nicht mehr.“ (noen.at)


Viele Briefe

Liebe Leser, selbstverständlich lesen wir Ihre Post. Wir nehmen uns Ihre Beiträge zu Herzen, soweit es geht. Der Infobrief muss dennoch weiterhin ohne Veröffentlichung von Leserpost auskommen. — Ihre Redaktion

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Dorota Wilke, Alina Letzel, Frank Reimer, Oliver Baer

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