Infobrief vom 22. Mai 2021: Vom Klang der deutschen Sprache

Liebe Leser,
normalerweise beantworten wir jede Zuschrift, das gehört sich so. Allerdings sind wir kein kleiner Verein mehr. Zum Sprachgendern und zum Duden werden wir seit Monaten mit täglich über zweihundert Briefen, digital oder auf Papier, geflutet, und es bleibt nicht aus: Viele Schreiber beklagen das Gleiche, manche erwarten eine Antwort, einige sofort, ein paar beschimpfen uns. Woher sollen sie auch wissen, dass wir landunter sind?
Wir danken für Ihre Teilnahme, wir lesen Ihre Post, vieles können wir für unsere Arbeit aufnehmen, beispielsweise in die Arbeitsgruppen weiterleiten. So manches ist längst Teil unseres Alltags. Anderes können nur Betroffene anpacken, zum Beispiel sprachliche Missetäter zu verklagen. Wenn zu Zeiten der Arbeit im „Heimkontor“ auch dringliche Anfragen zeitweilig liegen bleiben, erhoffen wir Ihr Verständnis. Auch die Mitarbeiter der Geschäftsstelle verdienen ihren Urlaub. Bitte bedenken Sie: Der Infobrief dient der Information, nicht der Kommunikation; Leserbriefe nehmen wir nicht auf. Wenn Sie uns dennoch schreiben, dann nur an leserbriefe@vds-ev.de.


1. Presseschau

Vom Klang der deutschen Sprache

Bild: Corinna Dumat / pixelio.de

Wenn Nicht-Muttersprachler die deutsche Sprache imitieren, klingt das oft aggressiv, es erinnert an Radioübertragungen in den Dreißigern. Das bewusste Überbetonen der Rachenlaute r und ch verstärkt diesen Effekt und führt dazu, dass dem Klang der deutschen Sprache solche Attribute allgemein zugeschrieben werden. Eine weltweit durchgeführte Studie des Sprachwissenschaftlers François Conrads bestätigt dies: Harsh, hard und strong – übersetzt etwa rau, hart und kräftig – sind die Begriffe, die der Großteil der Befragten mit dem Deutschen assoziiert. Diese Stereotype sind schwer zu durchbrechen, deutschen Muttersprachlern scheinen sie übertrieben. Ist es tatsächlich die NS-Vergangenheit, die der deutschen Sprache dieses Bild aufdrückt? Oder lässt sich dieses Klischee sprachwissenschaftlich begründen?

Diesen Fragen geht Conrad in seinem jüngst erschienenen Buch Warum Deutsch bellt und Französisch schnurrt nach und führt Elemente an, die für einen eher härteren Klang der Sprache sorgen. Ein Beispiel sei die Auslautverhärtung, die etwa bei Wörtern wie Hund oder klug hörbar ist: Sowohl das d als auch das g verlieren ihren ursprünglich weichen Klang. In der Aussprache wird das d zum t (Hunt statt Hund) und das g zum k (kluk statt klug). Die Endungen klingen härter als in anderen Sprachen. Hinzu komme, so Conrad, dass deutsche Silbenstrukturen komplex seien. Das Verhältnis von Vokalen und Konsonanten sei ungewöhnlich, beispielsweise beim Begriff Strumpf: Sechs Konsonanten sind kombiniert mit einem einzigen Vokal. Deutschlernende erleben daher oft Probleme mit der Aussprache. Allerdings habe die Wahrnehmung von Sprache viel damit zu tun, wie man das Land ihrer Sprecher sieht, betont Conrad. Die NS-Vergangenheit trage ihren Teil dazu bei, zumal ihre Wiedergabe in Hollywoodfilmen, dass dem Deutschen dieser harte und aggressive Klang anhaftet. (deutschlandfunknova.de)


Audi-Klage liegt bei Gericht

Jetzt heißt es Warten. Die Klage des VW-Mitarbeiters, der gegen den Genderleitfaden bei Audi vorgeht, liegt beim Landgericht Ingolstadt. Laut Klageschrift wird der Kläger in seinem allgemeinen Persönlichkeitsrecht verletzt. Der Genderleitfaden führe eben nicht zu mehr Geschlechtergerechtigkeit, sondern verkehre diese sogar ins Gegenteil, wenn durch den genutzten sog. Gender_Gap falsche Wortstämme plus einer weiblichen Endung (-innen) zusammengeführt werden, so die Anwälte Benecken (Marl) und Giesen (Düsseldorf), die den Kläger vertreten. Der VDS-Vorsitzende Prof. Walter Krämer kommentierte die Klage: „Dass Audi bei der Ausarbeitung des Gender-Leitfadens nicht den gesunden Menschenverstand eingeschaltet hat, kommt jetzt als Bumerang zurück. Wie kann ein Weltunternehmen ernsthaft davon ausgehen, dass seine Mitarbeiter bzw. die betroffenen Partner sich wie Schafe verhalten und widerstandslos absegnen, was in der deutschen Sprache weder Hand noch Fuß hat? Sprache ist nicht wie das Leben in der Villa Kunterbunt, in der man sich alles gerade so macht, wie es einem gefällt. Geschlechtergerechtigkeit: Ja! Aber nicht um den Preis der verständlichen zwischenmenschlichen Kommunikation. Dass wir jemanden unterstützen, der den Mumm hat sich zu wehren, ist selbstverständlich.“ (focus.de, tagesschau.de)


„Gender-Sprachpolizei“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß hat sich in einem Gastbeitrag in der Welt deutlich gegen das Gendern positioniert. Die Feinheiten der Grammatik würden verwischt, wenn auch dem „Koch“ ein „Kochender“ werde. Es finde eine neue Art der Kategorisierung statt. Wenn jemand nicht direkt mit der vermeintlich korrekten Form dieser Kategorie angesprochen wird, werde er dafür angeprangert. Sichtbarmachung sei das Gebot der Stunde. Das Gemeinsame, das eine Gesellschaft ausmache, stehe nicht mehr im Vordergrund, sondern nur noch das Individuelle, nur was man an äußeren Merkmalen erkennen kann. Der Konformitätsdruck sei groß, wer nicht gendert, werde im besten Fall nur belächelt. Eine Sprachpolizei, wie sie in Leitfäden an Universitäten und in Verwaltungen sichtbar wird, sei nicht hinnehmbar – da sollten in der bürgerlichen Mitte „alle Alarmglocken schrillen“, so Ploß. (welt.de, Bezahlschranke)


Pfarrerinnen kritisieren das Gendern

Deutsches Pfarrerblatt hieß die Zeitschrift der evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer bis zum vergangenen Jahr. Jetzt heißt es Deutsches Pfarrerinnen- und Pfarrerblatt. Pfarrerin Elisabeth Küfeldt, die auch Germanistin ist, hält solches für eine Verschwendung von Zeit und Druckerschwärze. Corona, sinkende Mitgliederzahlen und wegbrechende Steuereinnahmen seien die Dinge, welche die Menschen bewegen, sagt sie – Gendern gehöre nicht dazu, es sei weit weg vom wirklichen Selbstbildnis der Menschen: „Wie armselig muss eigentlich unser weibliches Selbstwertgefühl sein, dass wir uns ‚unsichtbar‘ fühlen, nur weil das generische Maskulin verwendet wird?“ Pfarrerin Manja Pietzcker nennt die Umbenennung „albern und unnötig“. Die evangelische Kirche biedere sich dem Zeitgeist an, die Probleme der Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen würden durch das Gendern nicht getilgt, „wenn wir uns auf derlei Sprachverkomplizierungen versteifen, statt zum Beispiel mal tatsächlich die Familienfreundlichkeit kirchlicher Anstellungsverhältnisse zu hinterfragen – und zwar für Eltern beiderlei Geschlechts“. (idea.de)


Einen steilen Zahn abchecken

Jede Generation hat ihre Sprachbesonderheiten, man kann durch sie auch ziemlich genau das Alter einer Person schätzen, schreibt der Berliner Kurier. Wer früher gerne schwoofte – natürlich auf einer steilen Fete – war meistens auf der Suche nach einem steilen Zahn. Für die Generation der sogenannten Baby-Boomer, also der besonders geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946-1967, war das ihre tägliche Sprache. Die Millennials (1980-1999) gingen schon mal gut betankt (betrunken) in den Club (Disko); wem es dort zu laut war, hat lieber zuhause gedaddelt, also am Computer gespielt. Manche Wörter und Redewendungen überdauern die Jahrzehnte. Auch Ältere finden heute manches cool. Und knorke sei keine Erfindung der 1950er Jahre, es war ein Modewort schon im frühen 20. Jahrhundert, sagt die Sprachwissenschaftlerin Maren Pauli. (berliner-kurier.de)


Kein Genderzwang – Petition des RCDS

Seit kurzem pflegt der Verein Deutsche Sprache eine Kooperation mit dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Der Verein stellt Werbematerial und Referenten zur Verfügung, für Mitglieder des RCDS ist das erste Jahr der VDS-Mitgliedschaft gratis. Der RCDS hat am vergangenen Wochenende bei seiner Bundesdelegiertenversammlung eine Petition gegen den Genderzwang an Universitäten vorgestellt. Unterstützt wird sie unter anderem vom VDS-Vorsitzenden Prof. Walter Krämer, aber auch von den Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor und Christoph Ploß. Die Petition richtet sich gegen forcierte gendergerechte Sprache an den Hochschulen. Studenten werden zunehmend angehalten, falsches Deutsch zu schreiben. Unterschriften sind hier möglich: rcds.de.


Nicht nur mit Händen und Füßen

Wie ist Sprache entstanden? Lautmalereien haben wesentlich zur Entstehung der Sprache beigetragen, sagt die Sprachforscherin Aleksandra Ćwiek vom Berliner Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS). Nicht nur Gesten, wie bisher angenommen, seien der Ursprung. Die Forschung zeige, dass schon Kinder vor der Sprechfähigkeit hören, was gemeint ist. Runde Formen zum Beispiel hängen mit rund empfundenen Lauten zusammen , sagt Ćwiek. Offenbar gebe es einen „natürlichen Mechanismus“, den Menschen unterschiedlicher Herkunft einfach haben, „ein Gefühl der Verbindung zwischen dem, wie wir sprechen und was wir bezeichnen.“

Probanden wurden online Hörbeispiele vorgespielt, denen sie eine Bedeutung zuordnen sollten – das gelang erstaunlich gut. Auch beim anschließenden Feldexperiment an verschiedenen Orten der Welt mit anwesenden Testpersonen haben diese die Hörbeispiele so zugeordnet. „Bisher nahm man an, dass sichtbare Gesten die wesentlichen Bausteine für die Entstehung menschlicher Sprache lieferten. Unsere Studie beweist, dass Sprache auch aus Lautmalereien entstanden sein kann,“ sagt Dr. Susanne Fuchs, Gruppenleiterin der Laborphonologie am ZAS, die gemeinsam mit der Doktorandin Aleksandra Ćwiek und zwei Kollegen aus Birmingham die Studie leitete. (mdr.de, idw-online.de)


Wal-O-Mat

Ein neues Sprachforschungsprojekt soll die Sprache der Wale mit neuen Methoden entschlüsseln. Das interdisziplinäre Projekt CeTI (Centre for Tactile Internet) vereint Biologen, Linguisten, Informatiker und Ingenieure. Mithilfe von computergestützten Lernverfahren sollen möglichst viele Begriffe in einer Datenbank gesammelt werden. Automatisierte Sprachmodelle könnten Kommunikation mit Walen ermöglichen. Eine Schwierigkeit sei hierbei, dass die Modelle nichts über den Sinngehalt der Begriffe aussagen. Nur die Grammatik könne korrekt erfasst werden. Deshalb wird das Verhalten der Tiere beobachtet: In welchem Kontext werden die Begriffe von den Tieren verwendet? Dass Tiere grundsätzlich über eigene Sprachen verfügen, sei unumstritten. Der Meeresbiologe Karsten Brensing gibt zwei notwendige Bedingungen, die für die Klassifikation als Sprache hinreichend seien. Zum einen müsse es ein semantisches System geben und zum anderen müssten Äußerungen auch eine gewisse Regelhaftigkeit aufweisen, also über eine Grammatik verfügen. (srf.ch)

Mit Mathematik zur Geschlechtergerechtigkeit

Das Deutsche hat, im Vergleich mit einigen anderen Sprachen, ein Problem, findet der Mathematiker und Hobby-Linguist Fritz Henze: Auf Grundlage der vorhandenen Grammatik lasse sich kein geschlechtsloser Plural bilden. In der Zeit präsentiert er daher eine mathematische, logische Lösung – und die entnimmt er dem Lateinischen. Die Wortstämme werden im Singular weiterhin gebeugt – der Plural hingegen könne gleichermaßen geschlechtsneutral gebildet werden, zum Beispiel für das Wort „Leser“: der Lesiar, die Lesiam, deat (als neuer, geschlechtsneutraler Artikel) Lesiar. Im Plural würde daraus „Lesiares“. Das funktioniere auch bei Fremdwörtern: „Ingenier“, „Ingeniam“, „Ingeniar“ => „Ingeniares“. Behelfskonstruktionen wie Sternchen, Doppelpunkte und Unterstriche ließen sich so vermeiden. Neu ist seine Idee nicht, er hatte sie bereits 2009 in einem Buch vorgestellt – Einzug in die Sprache hat sie nicht gefunden. (zeit.de, Bezahlschranke)


2. Unser Deutsch

Kanzlerinnenamt

Meine Sympathie für die Grünen hat Schaden genommen, seit sie das Gendern zu ihrem Programm gemacht haben. Nur eine Kapriole, die Jugend und Weiblichkeit geschuldet ist? Wohl kaum. Im Interview mit BILD am SONNTAG gibt Frau Baerbock die Richtung an. Im Vorspann der Redaktion ist noch vom Kanzleramt die Rede, im Text der Autorin wird daraus ein monströses Kanzlerinnenamt. Das verrät methodischen Rigorismus. Es geht hier nur scheinbar um eine Parallele von Kanzler und Kanzlerin. Dies ist die regelhafte Umwandlung einer maskulinen in eine feminine Personenbezeichnung, wie sie tausendfach belegt ist. Immer wenn es um eine weibliche Person geht, sei sie von Beruf Schneider, Präsident oder Linguist, ist es geboten, sie Schneiderin, Präsidentin oder Linguistin zu nennen. Anders ist die Lage bei Wörtern wie Führerschein, Arztrechnung oder Idiotentest. Dies sind feste Begriffe. In solchen Zusammensetzungen hat die maskuline Personenbezeichnung ausschließlich generische Bedeutung, sie hat nichts mit dem natürlichen Geschlecht zu tun. Es geht um die Berechtigung, ein Kraftfahrzeug zu führen, die Rechnung aus einer Arztpraxis und die leidige Eignungsprüfung für den eingebüßten Führerschein. Frau oder Mann, das ist hier egal. Es geht um Berufe oder geistige Fertigkeiten.

Unser Wortschatz wimmelt von solchen Komposita. Gerade hier kommt der Vorzug des Genus als neutrale Kategorie zum Ausdruck. Nehmen wir als Beispiel die Wortfamilie mit Bauer. Das repräsentative Duden Universalwörterbuch verzeichnet 30 Komposita von Bauernaufstand über Bauernbrot, Bauernhaus, Bauernkrieg bis Bauernopfer und Bauerntheater. Sollen sie alle künftig gegendert werden? Bei einem Bäuerinnenaufstand wären keine Männer beteiligt. So ist es auch verfehlt, das Studentenwerk in Studentinnenwerk umzutaufen. Denn die movierte Form kann nur Frauen bezeichnen. Das ist der Mangel, der elementare Fehler solcher Umbenennungen: Die feminine Form von Personenbezeichnungen ist niemals generisch. Dies zu ändern wäre ein Sprachdiktat, wie es Diktaturen lieben. Denken wir an die Umtaufung von Chemnitz zu Karl-Marx-Stadt oder das Gebot der Nazis, Guten Tag und Grüß Gott durch ein panegyrisches Heil Hitler zu ersetzen. Stets war eine Ideologie im Spiel, bei den Kommunisten der DDR wie bei den Nationalsozialisten.

Zurück zu den Grünen. Das Kanzlerinnenamt mag ein Gag im politischen Wettbewerb gewesen sein, eine sprachliche Distanzierung von der großen Amtsinhaberin im Kanzleramt. Sollte dies aber System werden, dann liefert es einen Vorgeschmack auf künftige Radikalität, auch bei verfehlten Entscheidungen, weitab von der Mehrheit, der angestrebten Mitte der Wählerschaft.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Nach dem letzten Flüstern

Aus heiterem Himmel, der für SAID selten heiter war, kam am 15. Mai die Nachricht: SAID ist tot. Er gehört zu den Dichtern, die trotzdem weiterleben – in seinen Werken, in den Gedanken, die er niedergeschrieben, vorgetragen, veröffentlicht hat. Und im Gedächtnis derer, für die seine Dichtung Anreiz wurde zu tieferem Verständnis für das Rätselhafte. SAID starb in München wenige Tage vor seinem 74. Geburtstag an den Folgen eines Herzinfarkts.

Der Dichter, der alles klein schrieb außer seinem Pseudonym, das zugleich sein richtiger Vorname war, hatte Gründe zur Vorsicht. Er lebte seit mehr als 60 Jahren zurückgezogen im Exil, verriet nur engen Freunden seine Wohnadresse und war nur über sein Postfach oder mit E-Mail zu erreichen. Er wusste, dass er gleichwohl der Aufmerksamkeit des Geheimdienstes seines Geburtslandes nicht entkommen konnte, dem „langen Arm der Mullahs“, den er auch zum Titel seines Buches über die politische Lage in Persien, die Revolution und deren Folgen gewählt hatte. Vor zwei Monaten schrieb er: „irgendwann war ich meiner paranoia müde und habe das postfach gelöscht.“

Sein persönlichstes Buch, in dem er Einblicke in sein schweres und ereignisreiches Leben gewährt, ist „landschaften einer fernen mutter“. Er schildert die Komplikationen einer zerrissenen Familie, beschreibt seine denkwürdige, letztlich aber enttäuschende Begegnung: „ich habe meine mutter kennengelernt, als ich 41 jahre alt war“. Das Buch ist zugleich eine Abrechnung mit dem Vater, die archaische Konfrontation von Vätern und Söhnen, die als Motiv in der Literatur aller Epochen wiederkehrt. In der Odyssee Telemachos und Odysseus, im althochdeutschen Hildebrandslied der Kampf auf Leben und Tod mit dem Sohn Hadubrand, später in der persischen Heldengeschichte Rostem und Suhrab ebenfalls als Vater-Sohn-Konfrontation, bei Kleist (Friedrich von Homburg), bei Turgenjew (Väter und Söhne), bei Dostojewski (Die Brüder Karamasow), auch in Kafkas Brief an den Vater – und letztlich in fast jeder Familie: der Zorn der Kinder über den Tod des Vaters, der sich umgebracht hat oder die Wut der Söhne auf den Vater, der sich nicht getötet hat, obwohl das für alle Beteiligten die bessere Wahl gewesen wäre. Hier reiht sich SAID ein, obwohl das Buch vor allem die Konstellation von kleinem Sohn und ferner, rätselhafter Mutter beschreibt, die auch trotz aller Bemühungen rätselhaft und dadurch fremd und enttäuschend bleibt.

Zwei Monate vor seinem Tod erschien sein letztes Buch „flüstern der wölfe“ – kleine Geschichten, die zum Teil lyrisch sind, ohne Gedichte zu sein. Es ist das letzte Flüstern des Dichters, dem fast alle großen Auszeichnungen, Preise und Ehrungen zuteilgeworden sind, die es für deutsche Literatur gibt. SAID war auch Ehrenmitglied im Verein Deutsche Sprache. Erst kürzlich, in Ausgabe I/2021 der Sprachnachrichten wurde dem Dichter neben seinem Text „zur entstehung der poesie“ ein ausführliches Porträt gewidmet. Im Gespräch mit den Sprachnachrichten machte SAID seine Verbindung zur deutschen Sprache deutlich: „Deutsch ist die Sprache meiner Freiheit. Diese Sprache schenkt mir die Möglichkeit, mich frei zu äußern. Die ‚Fremdsprache‘ bietet mir eine Heimstätte an, die die Heimat nicht ersetzt und nicht ersetzen will. Aus dem Grund könnte ich heute die deutsche Sprache nie verlassen.“ Text und Interview finden Sie hier zum Nachlesen: vds-ev.de/sprachnachrichten und Nachrufe in allen großen Zeitungen, unter anderen: nzz.ch, spiegel.de, faz.net, rheinpfalz.de.


Gender-Umfrage bleibt unter Verschluss

Wie halten es Schriftsteller mit dem Gendern? Das wollte Lutz Götze von der Universität des Saarlandes ermitteln. Er befragte die rund 800 Mitglieder des PEN-Zentrum Deutschland. Die – nicht repräsentativen – 150 Antworten, aufgeteilt nach Männern und Frauen, ergaben: Vor allem Männer lehnen das Gendern ab, aber auch eine knappe Mehrheit der Frauen sprach sich für das generische Maskulinum aus. „Insgesamt“, resümiert Götze, „setzen die Schriftstellerinnen stärker als ihre Kollegen auf den Sprachwandel.“ Das sei die grobe Tendenz. Die gesamte Umfrage wird jedoch – obwohl es Götzes Wunsch ist – nicht veröffentlicht. PEN-Präsidentin Regula Venske sagt der FAZ: „Die Ergebnisse der Untersuchung, bei der wir dem Wunsch von Herrn Götze gerne nachgekommen sind, sind nicht geeignet, aus ihr eine offizielle Position des PEN abzuleiten.“ Lutz Götze hält diese Argumentation jedoch für fadenscheinig, „im Grunde schon für ‚Zensur‘“. Er verweist auf eine stichprobenhafte Befragung unter Mitarbeitern des Goethe-Instituts: Hier haben sich drei Viertel für die Beibehaltung des generischen Maskulinums ausgesprochen. Ein Mitarbeiter aus Ostasien äußerte zudem Bedenken: Wenn sich das Gendern durchsetze, würde das Deutsch in aller Welt bald überhaupt nicht mehr gelernt. Das PEN-Zentrum Deutschland tritt ein für die Freiheit des Wortes. Im PEN International sind über 150 Schriftstellerorganisationen aus mehr als 100 Nationen vereinigt. (faz.net, Bezahlschranke)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Dorota Wilke, Alina Letzel, Frank Reimer, Oliver Baer

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