Infobrief vom 16. Oktober 2021: Armut behindert Spracherwerb

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

1. Presseschau

Armut behindert Spracherwerb

Der Infobrief vom 9. Oktober berichtete bereits über den Zustand der deutschen Sprache an den Schulen (laut 3. Bericht zur Lage der deutschen Sprache der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften). Besonders die Rechtschreibung wurde moniert, vor allem der häufigste Fehler: die Unterscheidung das/dass. Ein weiteres, gleichermaßen alarmierendes Detail wurde hervorgehoben: große Unterschiede in der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit zwischen Schülern des Gymnasiums und der Gesamtschule. „So er­reich­ten letztere selbst in der neunten Klasse nicht das sprachliche Ni­veau, über das Gym­­na­si­asten bereits als Fünftklässler verfügten“, berichtet die Frankfurter Allgemeine. Begründet wird diese Diskrepanz vor allem durch geringeres Bildungsniveau in der Familie. Soziale Ungleichheit wirke sich direkt auf die schulischen Leistungen aus. Wegen des familiären Bildungshintergrund können die schulischen Inhalte zuhause nicht in Gesprächen vertieft werden. Ein Grund für hohe Fehlerquoten beim Umgang mit der Rechtschreibung sei „der ständige Strategiewechsel im Deutschunterricht der Grundschulen, der das Erlernen der Grammatik erschwere.“ (faz.net)


2. Gendersprache

Gendersternchen in der Bibel?

Vor 15 Jahren wurde die privat initiierte Bibelübersetzung „Bibel in gerechter Sprache” auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt. Die Initiatorin Claudia Janssen, Professorin für Neues Testament und Theologische Geschlechterforschung in Wuppertal, kündigte nun die Arbeit an einer Neufassung dieser Bibel an. In der Neufassung soll vor allem Rücksicht auf Geschlechtergerechtigkeit und Postkolonialismus gelegt werden. Laut Janssen wird für die Neufassung ebenfalls das Gendersternchen diskutiert. (deutschlandfunk.de)


Pfarrer gegen Schluckauf-Sprache

Der Vorsitzende der Geistlichen Gemeinde-Erneuerung (GGE) in der Evangelischen Kirche, Pfarrer Henning Dobers, hat sich gegen das Gendern ausgesprochen. Er bedauert, dass auch die evangelische Kirche sich davon vereinnahmen lässt und auf „den Wellen des Mainstreams mitgesegelt“ sei. Laut Dobers verkompliziere Gendern die Kommunikation um der politischen Korrektheit zu genügen – die Folge sei eine „Schluckauf-Sprache“: etwa Zuhörer:innen, Christ:innen, Konfirmand:innen-Unterricht. Die Regeln der Grammatik würden ignoriert, darüber hinaus würde auch das Gemeindeleben darunter leiden; statt Brüder und Schwestern gebe es bei vielen Pfarrern nur noch Kolleg:innen. Er vermisst einen Aufschrei der Basis und bedauert, dass es keine wirkliche Diskussion über dieses Thema gibt: „Permanent werden über unsere Köpfe hinweg sprachliche Fakten geschaffen.“ (idea.de)


Deutschsprachiges Belgien nun auch betroffen

Das Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft (DG) in Belgien hatte zu einer Matinee eingeladen, das Thema: Gendersprache. Mit dabei war Prof. Dr. Heinz Boullion, der als Vertreter der DG im Rat für deutsche Rechtschreibung sitzt und dort sogar die Arbeitsgruppe „Geschlechtergerechtes Schreiben‟ leitet. Die Sache sei kontrovers, sagte Boullion. Die einen meinten, dass Genderregeln „unökonomisch sind, und dass man sich doch in der Sprache eher leichter, ökonomisch ausdrückt. Die anderen wollen mehr politische Gerechtigkeit in die Sprache bringen‟. Als Befürworterin der Genderregeln trat Sabine Bausch auf, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aachen. Dagegen sprach sich Julia Ruhs, Volontärin beim Bayerischen Rundfunk, aus. Ruhs war vor einigen Monaten in den Sozialen Medien berühmt geworden, weil sie Gendersprache für Unfug hält. „Wenn wir die Sprache verändern, um das Denken zu verändern, dann, finde ich, überlasten wir die Sprache‟, so Ruhs auf der Veranstaltung in Eupen. (brf.be)


Werber unter Druck

Immer mehr Unternehmen nutzen Gendersprache oder eine größere Diversität auf ihren Plakaten – weil sie es nicht anders können, so das Marketing-Portal Horizont. Gendern werde als politisch korrekte Möglichkeit gesehen, öffentlich positiv wahrgenommen zu werden – und zwar unabhängig davon, dass die Mehrheit das Gendern ablehnt. Unternehmen haben verstärkt die Sorge, eine Minderheit zu brüskieren, deswegen fügen sie sich dem emotionalen Druck, der aufgebaut wird. Der Blick gilt speziell jüngeren Zielgruppen der sogenannten „Generation Y“ und „Generation Z“, die immer häufiger ihre Produktempfehlungen von Influencern in den sozialen Medien beziehen. Diese Klientel wolle man nicht vergraulen. Gendersprache werde trotz der Kritik aus den Kommunikationsabteilungen der Unternehmen eingesetzt. (horizont.net)

Anmerkung: Mit Influencern sind vermutlich Träger und Verbreiter der Influenza gemeint, also der Grippe, sei sie nun bakteriell oder viral ist egal, Hauptsache die Leute stecken sich an.

3. Sprachspiele: Redewendungen

Vogel in der Morgenstund

Gehört der frühe Vogel zu den ganz und gar deutschen Redewendungen, ist er uns zugeflogen oder zählt er zu den in Europa gleichlautenden Redewendungen? L’oiseau qui se lève tôt capture le premier ver ist vermutlich eine direkte Übersetzung des deutschen oder englischen Sprichwortes: „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ / The early bird catches the worm. Gemeint ist im Französischen: Le monde appartient aux lève-tôt / „Die Welt gehört dem Frühaufsteher“ – wie langweilig. Es klingt dem zu prosaisch, der sich früh tatsächlich aufgerafft, sein Ding erledigt hat und anschließend verkündet: „Den Wurm hab ich, noch ist es früh, da leg ich mich gleich wieder hin.“ Ein eigenes Wort halten die Italiener bereit, ihre Redewendung lautet wie unsere: L’uccello mattiniero cattura il verme, der Frühaufsteher heißt folgerichtig auch das Hauptwort il mattiniero, la mattiniera (aus mattino, der Morgen – wie hübsch!). Skeptiker diesseits der Grenze halten das heimische „Morgenstund hat Gold im Mund“ für vornehmer, das bei Jugendlichen zwar total durchfällt, andererseits durch das italienische Il mattino ha l’oro in bocca und das schwedische Morgonstund har guld i mund gestützt wird. Wieder andere winken ab: „Der frühe Vogel kann mich mal“, auf Englisch ganz sicher nicht: „The early bird can me once.“


4. Kultur

Die meistübersetzten Bücher

Die Online-Sprachenlernplattform Preply veröffentlicht anlässlich der Frankfurter Buchmesse am 20. Oktober eine Internetrecherche über die meistübersetzten Bücher. Auf Platz 1 landet der französische Klassiker Antoine de Saint-Exupérys Der kleine Prinz, übersetzt in 382 Sprachen. Auf den weiteren Plätzen folgten unter anderem Carlo Collodis Die Abenteuer des Pinocchio mit über 300 Übersetzungen und Lewis Carrolls Alice im Wunderland mit rund 175 Übersetzungen. Auch Deutschland schaffte es in die Liste. Patrick Süskinds Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders verkaufte sich weltweit über 20 Millionen Mal und wurde in 49 Sprachen übersetzt. Laut Preply haben es vor allem nichteuropäische Autoren schwer, insbesondere Bücher aus Afrika werden selten in andere Sprachen übersetzt. (tagesspiegel.de)


Sprache im Sport

Die Linie zwischen „ein dummer Spruch“ und „verbale Entgleisung“ ist häufig sehr dünn. Das wird vor allem bei der Sportberichterstattung deutlich. In einer Direktübertragung haben die Akteure wenig Zeit, ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Zuletzt bekam das der Co-Kommentator Steffen Freund zu hören, als er nach einem Foulspiel sagte: „Die Frauen bitte wegschauen bei dieser Zeitlupe zu Hause. Das tut schon weh beim Hinschauen.“ Altherrendenken und Sexismus wurden ihm vorgeworfen. Seine Kollegin Claudia Neumann sieht diese Aussage nicht so eng: „Wir können mit Sprache das Bewusstsein für wichtige Themen unserer Zeit sensibilisieren. Was wir nicht machen sollten, ist, permanent die Moralkeule zu schwingen. Das führt nur zu noch mehr Konfrontation“, sagte sie dem Portal t-online.de. Wichtiger sei es, so die einhellige Meinung, Rassismus im Sport zu begegnen, der komme nicht immer nur aus den Fan-Blöcken, sondern häufig von den Sportvertretern selbst: „Es wäre sein erster Treffer für 96 gewesen. Den letzten hat er im Land der Sushis geschossen.“ (Sky-Kommentator Jörg Dahlmann über 96-Verteidiger Sei Muroya) oder „Ist Dennis eigentlich euer Quotenschwarzer?“ (Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann an Dennis Aogo) sind nur zwei Beispiele dafür, wie sehr rassistische Untertöne an die Oberfläche kommen. Sport-Reporter Robby Hunke nimmt seine Kollegen und die Sportler selbst in die Pflicht. Sie hätten durch ihre Position eine Vorbildfunktion und müssten durch ihre Sprache dafür sorgen, dass Rassismus nicht gesellschaftsfähig wird. (t-online.de, br.de)

Ergänzung: Elke Heidenreich wurde in ähnlichem Zusammenhang bei Markus Lanz mit der Bemerkung erwischt: „Alles ist so hysterisch geworden.“ Als Antwort darauf überfiel sie ein sogenannter Shitstorm (auf Deutsch Hysterie) in den „sozialen“ Medien.


5. Denglisch

Parteien-Denglisch

Denglisch rules – auch in der Politik. Zu diesem Schluss kommt Peter Littger in seiner Kolumne in der Wirtschaftswoche. Parteien hoffen durch englische Begriffe international und zukunftsorientiert zu wirken. Vor allem zweisprachig gepantschte Wörter haben es den Parteien angetan: „Cybersicherheit“ (SPD), „Smart-City Projekte“ (Die Grünen), „Midlife Bafög“ oder „enkelfitte Rente“ (FDP). Aber auch rein englische Begriffe machten sich breit, so Littger: „Green Deal“ (Grüne) „New Space“ (alle, auch CDU), „Road Map“ (FDP). Die Parteien scheinen also davon auszugehen, dass alle Deutschen des Englischen mächtig sind. Darüber hinaus sind viele Begriffe zwar gut gemeint, aber eben nicht gut gemacht. Dass “homeoffice” kein englisches Wort (jedenfalls nicht für das Arbeiten zuhause) ist, spricht sich mittlerweile herum, die korrekte Bezeichung ist „remote work“ oder „working from home“; aber auch die hier so beliebten „Start-Ups“ (also neu gegründete, aufstrebende Unternehmen) kennt man im englischsprachigen Raum nur unter “start-up companies”, und was wir Mobbing nennen, heißt auf Englisch „bullying“, und „mobbing“ bedeutet etwas nur entfernt Verwandtes, beispielsweise wenn zehn Reporter ihre Mikrofone einem Strafverteidiger unter die Nase halten; ein „mob“ ist nun mal eine Menge. Der Vorteil der Protzerei mit Englisch ist sicherlich: Wer seine Ideen durch fremdsprachige Ausdrücke kaschiert, die dazu noch unklar besetzt sind, der täuscht darüber hinweg, dass ihm auf Deutsch keine konkreten Verbesserungen für seine Wähler einfallen. (wiwo.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Alina Letzel, Asma Loukili, Dorota Wilke