Infobrief vom 9. Oktober 2021: Schmuck spricht

Bild: Hans Baulig / pixelio.de

1. Presseschau

Schmuck spricht

Es sind nur kleine Schneckenschalen mit Löchern, die Forscher in Marokko gefunden haben – Schmuckstücke, so scheint es auf den ersten Blick. Die gefundenen Perlen wurden, so die Schätzung, vor 149.000 Jahren gefertigt. Sie sind aber ersten Erkenntnissen zufolge mehr als nur eine Kette. Das Schmuckstück diente offenbar dazu, eine Gruppenzugehörigkeit kenntlich zu machen. Damit wäre die Kette der Beleg für eine Kommunikation, die bis heute existiert. Durch Schmuckstücke, auch durch Kleidung und ihre Farbgebung, haben die frühen Menschen ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Kultur ausgedrückt, auch Fremden gegenüber. Mit der Wanderung über die Kontinente wurde diese Tradition weitergegeben. Auch heute existiert sie, zum Beispiel als Ehering, oder wie in Schottland, wo die verschiedenartige Musterung (sog. Tartan) der Kleidung erkennen lässt, welchem schottischen Clan man angehört. (welt.de)


Kaum Neues zur Lage an den Schulen

Mit „wtf“ (what the fuck) oder „Isch geh Aldi“ kann man alte Leute erschrecken. „Jugendliche haben keine Ahnung von Sprache“ – so klagten diese schon im Mittelalter. Ebenso alt lautet die Antwort derer, die es besser wissen: Das ist der Sprachwandel, und der ist weder gut noch schlecht. Es handelt sich stets nur um Nuancen einer sich stetig wandelnden Sprachwelt, wie Experten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften jetzt in einem Sammelband zusammengefasst haben. Sie untersuchten den Zustand der deutschen Sprache in den Schulen. Das Ergebnis: Es gibt wenig Neues. Die Fehlerquote in der Rechtschreibung der Grundschüler lag 2012 mehr als drei mal so hoch wie 1972. Andererseits haben Grundschüler mit Gymnasialempfehlung heute einen größeren Wortschatz und flexiblere Ausdrucksmöglichkeiten, so die Forscher. Den häufigsten Schreibfehler machen Schüler wie Erwachsene bei das/dass (darauf rutschen sogar die fleißigen Korrekturleser der seriösen Presse schon einmal aus). Die verunglückte Rechtschreibreform hat das Problem nicht behoben. Dass die sprachliche Entwicklung immer noch vom Elternhaus abhänge, wurde erneut klar: Wer zu Hause mit den Eltern über Filme oder Bücher diskutiert, hat es leichter, als wenn sich die Gespräche auf „Gib mal Käse!“ und „Räum dein Zimmer auf!“ beschränken. Projektleiterin Ursula Bredel plädiert dafür, dass Handschrift und Tastaturschreiben „gut und auch methodisch sorgfältig geübt werden.“ Die motorischen Abläufe beim Schreiben stabilisieren und unterstützen „auch das Denken und die Wahrnehmung“. Wie gesagt, kaum etwas Neues. Im Deutschlandfunk kritisiert die Journalistin Hannah Bethke in diesem Zusammenhang vor allem die mangelhafte Rechtschreibung und Sprachkompetenz bei Abiturienten. Die Didaktik sei verfehlt und die Anforderungen für Abiturienten seien gesunken. Grundlegende Kulturtechniken müssten vermittelt werden, sie seien der Schlüssel zur Freiheit und zum Verständnis der Welt. (derstandard.at, deutschlandfunkkultur.de)


Die Sprachversessenheit der Löschkultur

Die Löschkultur (Cancel Culture) hat zum Ziel, dass unangenehme, problematische und nicht allgemeinheitstaugliche Begriffe aus dem Sprachgebrauch verbannt werden. Sprache soll niemanden mehr verletzen. Das anscheinend noble Ziel gebiert eine Verengung des geistigen Horizonts. Zugleich gehen nämlich wichtige Einzelheiten verloren. Die komplexe Welt soll in klare Kategorien eingeteilt werden, beispielsweise hier der imperiale Westen, dort der marginalisierte nahe Osten. Da steht Gut gegen Böse und schuld ist selbstverständlich die Gegenseite. Populäre Begriffe wie „die weiße Mehrheitsgesellschaft“ oder „People of Color“ sind mittlerweile allgemein bekannt. Wer jedoch argumentiert, dass Armenier als Christen der weißen Mehrheitsgesellschaft angehören, unterschlägt ihre lange Verfolgungsgeschichte inklusive den Völkermord von 1915. Kann man hier noch von der privilegierten Mehrheitsgesellschaft sprechen? Die angesagten Begriffe der Cancel Culture vereinfachen, was in Wirklichkeit kompliziert ist, sie behindern die Suche nach Wahrheit – eine Suche, die auch ohne Behinderungen schwierig genug ist. Die Beschränkung auf gute und böse Sprachschubladen dient dem immer wieder angestellten Versuch, die Deutungshoheit über alles zu erlangen, was in Worte gefasst werden kann – oder muss. Das kennt man schon von sämtlichen autoritären Regimen der Weltgeschichte. (faz.net)


Zwischen Klang und Wahrheit

Immer häufiger hört man anstelle von „stimmt“ oder „da haben Sie Recht“ die Zustimmungsfloskel „klingt gut“. Der ontologische Bezugsrahmen wird zu einem akustischen Bezugsrahmen und der Klang ersetzt den Sinn. Durch die Zustimmung „klingt gut“ weicht man einem Erkenntnisanspruch aus. Inhaltlich positioniert man sich nicht, sondern verweist darauf, dass der Klang entscheidend ist. „Auch schlecht Formuliertes klingt da im Zweifel gut“, sagt Christian Geyer, „Im Sprachmüll gehen Erkenntnisverzicht und technische Rationa­lität ein eigentümliches Passungsverhältnis ein.“ (faz.net)


2. Gendersprache

Von diversen Hunden

Seit 2019 kann in Geburtsurkunden der Eintrag „divers“ eingetragen bzw. dahingehend abgeändert werden. Damit sollen Menschen, die sich keinem der zwei Geschlechter männlich/weiblich zuordnen, die Möglichkeit haben, anerkannt zu werden. Bei der Stadt Neuenrade war dies bis vor kurzem auch für Hunde möglich. Wer seinen Hund auf der Internetseite der Stadt für die Hundesteuer anmelden wollte, konnte das Geschlecht des Hundes in einem sogenannten Pull-down-Menü wählen: männlich/weiblich/divers/keine Angaben. Die Peinlichkeit wurde in den sozialen Medien ausgekostet. Dass Hundehalter ihre Tiere als divers „lesen“, sei ein weiterer Anfall von „Wokeness“, also dem Bestreben, möglichst aufgeschlossen und politisch korrekt zu sein. Unabhängig davon gebe es zwar Homosexualität im Tierreich, dabei gehe es aber eher um das Üben des Fortpflanzungstriebes, so eine Tierärztin. Auch Diversität sei bekannt, diese könne aber nur per Ultraschall beim Tierarzt festgestellt werden. Dem Bürgermeister der Stadt Neuenrade war die Auswahlmöglichkeit nicht bekannt – mittlerweile wurde die Internetseite auch angepasst: Jetzt können Hundebesitzer nur noch zwischen männlich/weiblich/keine Angabe wählen. (bild.de)

Anmerkung: „Wokeness“ verursacht offenbar vegetative Reflexe, bei denen das Gehirn gar nicht erst um irgendwelche Unterscheidungsleistungen bemüht wird. Auf diese Weise lässt sich das eigenständige Denken völlig ausschließen. Ein weiterer Beweis dafür war die Broschüre eines Ministeriums, in dem die “Sehr geehrten Prostatapatienten und -patientinnen” angesprochen wurden.

Sprechakte mit Genderstern

Ein Beitrag im Deutschlandfunk stellt die Frage: „Kann Sprache Wirklichkeit schaffen?“. Der Autor steigt ein mit der Sprechakttheorie: Der Standesbeamte stellt fest: „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau.“ Und plötzlich ist man verheiratet. Ganz klar, hier hat sich durch den Ausspruch des Beamten etwas verändert. In der Sprachwissenschaft bezeichnet man solche sprachlichen Rechtsakte als „performative Äußerungen“. Im Deutschen kommen sie allerdings nur in ganz speziellen Situationen vor. Der Beitrag stellt im folgenden fest, dass sprachliche Aussagen stets von der Wahrnehmung des Sprechers oder Schreibers beeinflusst werden und dass so eine „soziale Wirklichkeit“ konstruiert wird. Über Debatten zum Klimawandel und zu Vorstellungen der Kreationisten in den USA landet man schließlich beim Thema Gendersprache – leider ganz am Anfang der Diskussion darüber. „Wenn weibliche Sprachformen wegen des generischen Maskulinums im Deutschen seltener vorkommen, sind Frauen gesellschaftlich unterrepräsentiert“, sagt Mirko Smiljanic. Es stehe außer Frage, dass sie sprachlich seltener in Erscheinung treten und er gibt ein Beispiel: Der Satz ‚Nächste Woche streiken alle Grundschullehrer‘ schließe nach den Regeln des generischen Maskulinums auch Lehrerinnen ein – „was allerdings schon deshalb pikant ist, weil an Grundschulen rund 90 Prozent Frauen arbeiten. Hier wäre ein generisches Femininum angebracht.“ Mit dieser leicht durcheinandergeratenen Argumentationskette beantwortet man schließlich die Ausgangsfrage mit einem klaren Ja: „Sprache formt und bearbeitet, ändert und schafft Wirklichkeit!“ (deutschlandfunk.de)

Anmerkung: Dass gesellschaftliche Entwicklung doch eher durch politische Entscheidungen, durch Modetrends oder wirtschaftliches Handeln geprägt wird, kommt in dem Beitrag gar nicht erst zur Sprache. Smiljanics Beispiel ist absurd: Einerseits zeigt es auf, dass das generische Maskulinum ausgezeichnet funktioniert (sonst hätten es seine Benutzer, nämlich die Sprachgemeinschaft, nicht so entwickelt). Die betroffenen Kinder und Eltern wissen ja, dass 90 von 100 Grundschullehrern Frauen sind, sie haben offenbar kein Problem mit der Wirklichkeit. Andererseits müsste das generische Femininum, das Smiljanic sich wünscht, das generische Maskulinum ersetzen – zwei einander widersprechende Generika zerstören einander jedoch. Bei so einem Ersatz macht die Sprachgemeinschaft ohnehin nicht mit.


Justizministerin Lambrecht gegen Gendersternchen

Vor nicht allzu langer Zeit hat Justiz- und Frauenministerin Christine Lambrecht (SPD) noch einen Gesetzentwurf in weiblicher Form eingebracht, der dann aber schnell kassiert wurde. Dafür war sie auf der diesjährigen Auswahlliste zum Sprachpanscher 2021 gelandet. Jetzt hat sich Lambrecht um 180 Grad gedreht. Ministerien und Bundesbehörden sollten das Gendersternchen und andere Zeichen nicht nutzen, so ihre Forderung. Dabei verweist sie auf die Empfehlung des Deutschen Rechtschreibrates, der diese Sonderzeichen ablehnt. Zudem, so Lambrecht, sei nicht sicher, dass solche Schreibweisen allgemein verständlich seien. Stattdessen empfiehlt sie jedoch ausdrücklich das generische Maskulinum zu vermeiden, wenn von einem Wort auch eine weibliche Form existiere. Ausnahme: juristische oder abstrakte Personen wie Arbeitgeber. Für zusammengesetzte Wörter solle ein „pragmatischer Umgang“ gepflegt werden. Die Verwendung des Begriffs Ministerpräsidentenkonferenz sei zum Beispiel in Ordnung. Ansonsten plädiert Lambrecht für neutrale Wörter, beispielsweise Teilnahmeliste statt Teilnehmerliste, sowie für geschlechtsneutrale Begriffe wie Pflegekraft und Belegschaft. (tagesschau.de)


3. Sprachspiele: Stilfragen

Gewalttätige Süßigkeiten

Der Sprache wurde schon so manches untergeschoben. Dass sie mit anstößigen Ideen der Romantik des 19. Jahrhunderts verseucht sei. Dass sie sich den N-Leuten an den Hals geworfen habe (nein, nicht denen; den anderen). Dass sie die Frauen unterdrückt habe, jahrhundertelang. Sie könne sogar gewalttätig sein, die Sprache. So meinte es ein „Komitee gegen gewalttätige Süssigkeiten“, das einen Süßigkeitenhersteller in Waltenschwil (Aargau) bereits vor vier Jahren aufs Korn nahm. Er produziert doch tatsächlich, und das bis heute – Obacht, das nächste Wort ist kein gutes! – Mohrenköpfe! Das sei ein rassistischer Begriff, stellte das Komitee klar.

Das M-Wort wollen wir hier nicht wiederholen. Uns erstaunt beim Gugeln etwas anderes. Dem kampfeslustigen Komitee hätte nämlich die Frage aufstoßen dürfen: Wer tut was, wer ist die handelnde Person? Wäre es denkbar, die Süßigkeit springt der verzehrenden Person an die Gurgel statt in den Schlund? Hätte das Komitee sich daher selbst hinterfragen müssen: Zu welchen Gewaltanwendungen ist eine Süßigkeit latent fähig? Besitzt sie einen eigenen Willen? Ist das Klebrigsüße gar ferngesteuert? Mit Bazillen des einfachnichtsterbenwollenden Rassismus, der in jedem Stück dunkler (dunkler!) Schokolade innewohnt? Was, o finsterer Gedanke, mag geschehen, wenn ein N-Mensch einen M-Kopf verspeist? Oder würde das den Rassismus exorzieren? (dubler.net)


4. Kultur

Die bildhaften Redewendungen Europas

In seinem Buch Phönix aus der Asche: Redensarten, die Europa verbinden, stellt Rolf-Bernhard Essig bildhafte Ausdrücke vor, die in den europäischen Sprachen weitverbreitet sind. Das Buch solle einen Weckruf gegen die Europamüdigkeit darstellen, sagt der Autor. Der Germanist und Historiker erklärt, dass Märchen, Weisheiten und dementsprechend auch deren bildhafte Formulierungen über Grenzen hinweg wandern. So sehe man in 36 Sprachen den Wald vor lauter Bäumen nicht. Fast alle Europäer kennen die Krokodilstränen und wissen, wo der Schuh drückt. Die Aufarbeitung der Hintergründe und Bedeutung bestimmter Idiome sei eine jahrelange Arbeit gewesen. (stern.de)


Sprachpreis: Bairische Sprachwurzel für Marcel Huber

Dialekt und Standarddeutsch sind oft nicht einfach zu vereinen. Dem CSU-Politiker und ehemaligen bayerischen Umweltminister Marcel Huber scheint dies leicht von der Zunge zu gehen. Er erhielt vergangene Woche den vom Bund Bairische Sprache vergebenen Sprachpreis Bairische Sprachwurzel, der jedes Jahr an Persönlichkeiten vergeben wird, die in der Öffentlichkeit bairischen Dialekt verwenden. Huber sei eine „bekennende muttersprachliche Ausnahmeerscheinung unter Bayerns Landespolitikern“ und er verstehe es, souverän zwischen basisdialektaler Mundart und südlichem Hochdeutsch zu wechseln, hieß es in der Begründung für die Preisvergabe. Als langjähriges Mitglied der Staatsregierung sei Huber konsequent in der Nutzung seiner Muttersprache und habe das mittelbairische Idiom bei offiziellen Anlässen „auf Augenhöhe mit unserer Standardsprache gebracht“, so Sepp Obermeier, Vorsitzender vom Bund Bairische Sprache. (sueddeutsche.de)


5. Denglisch

Townus

Der hessische Lautsprecher-Hersteller Canton hat ein neues Modell auf den Markt gebracht, das sich auf den Namen Townus tauft. Dabei handelt es sich nicht um wahllos angehangene Buchstaben an das englisch Wort town (‚Stadt‘), sondern um ein denglisches Wortspiel. Townus ist eine Kombination aus den Begriffen town und Taunus – eine Anspielung auf das Herkunftsgebiet des Herstellers. Canton wolle damit die „Herkunft der Lautsprecher aus der eher ruhigen, ländlichen Natur des Taunus“ mit der Modernität des Stadtlebens verknüpfen. (fairaudio.de)

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Alina Letzel, Asma Loukili, Dorota Wilke