Infobrief vom 2. Oktober 2021: Kommunikation per Sprachnachricht

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1. Presseschau

Kommunikation per Sprachnachricht

Dienste wie Whatsapp leisten mehr als den Versand geschriebener Texte. Auch Telefonate, sogar mit Video, sind möglich. Diesen gilt die Aufmerksamkeit der Sprachwissenschaftlerin Jana Tschannen, die sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit mit dem Phänomen der Sprachnachrichten befasst. Zwar verbinden sie viele der zuvor gängigen Kommunikationsformen miteinander, bilden aber dennoch eine eigene Form. Eine Sprachnachricht sei weder mit einer Nachricht auf dem Anrufbeantworter, noch mit einem Telefonat oder einer geschriebenen Nachricht gleichzusetzen. Sie liege irgendwo dazwischen: „Sie ist gesprochen, sie ist aber nicht synchron (wie etwa ein Telefonat) und sie ist dialogisch“, erklärt Tschannen. Auch folgen Sprachnachrichten bestimmten Strukturen, beispielsweise gebe es Begrüßungs- und Abschiedsformeln. Dabei gelte: Je länger die Nachricht, desto wahrscheinlicher die Formeln und Floskeln. In längeren Nachrichten gebe es außerdem viele Füllwörter, sogenannte „Diskursmarker, die der Gliederung dienen“.

Sprachnachrichten werden immer beliebter. Laut einer Umfrage des Bundesverbands Digitale Wirtschaft aus dem Jahr 2019 verschicken fast 70 Prozent aller Befragten Sprachnachrichten, 16 Prozent davon täglich. Tschannen sieht verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Während das Tippen mit den Fingern unsere volle Aufmerksamkeit benötige, sei eine Sprachnachricht schneller und einfacher getan, man habe Hände und Blick frei und nehme die eigenen Worte wie nebenbei auf, etwa beim Autofahren. Gegenüber einem Anruf habe eine Sprachnachricht für den Empfänger auch Vorteile: „Die andere Person ist nicht gezwungen, unmittelbar zu reagieren“, sagt Tschannen. „Sie kann dann einfach antworten, wenn sie Zeit hat.“ (deutschlandfunknova.de, deutschlandfunknova.de)


Vom Aussterben der Satzzeichen

Immer wieder werden die Rechtschreibkompetenzen der Schüler moniert. Der Verfall der Kommakompetenz sei kein Mythos, betont der Bonner Linguist Kristian Berg. Er räumt jedoch ein, dass Vergleiche mit früheren Zeiten schwierig seien, Abituraufsätze würden dafür nicht lange genug aufbewahrt. Er fand jedoch einen brauchbaren Fundus, der über 100 Jahre zurück reicht. Danach lasse sich festhalten, dass ungefähr seit den Sechzigerjahren die Fähigkeit zur Kommasetzung konstant zurückgeht. Vor allem in Sätzen mit dem erweiterten Infinitiv setze ein Großteil der Schüler heute keine Kommata mehr. Je nach Aussage könne dies aber tückisch sein: „Ein Satz wie ‚Sie versuchte nicht schnell zu sein‘ kann je nachdem, ob und wo ich ein Komma setze, völlig unterschiedlich verstanden werden“, erklärt Berg. Verantwortlich für solche Entwicklungen ist laut Berg wahrscheinlich die kommunikative Wende im Deutschunterricht. „Bis in die Siebzigerjahre verbrachten Deutschlehrer viel Zeit mit Diktaten und dem Einüben formaler Regeln. Danach verlagerte sich der Schwerpunkt des Unterrichts auf die Analyse von Sprache, die Argumentationsfähigkeit der Schüler und das Sprechen selbst.“ Das sei nicht per se schlecht, jedoch müsse man für einen ansprechenderen Grammatikunterricht sorgen, meint Berg. Gänzlich aussterben werde das Komma nicht. Während es an vielen Stellen weggelassen wird, taucht es an anderen Stellen im Satz wieder auf, ohne dort hinzugehören. Auffallend sei, dass die Anzahl anderer Satzzeichen wie Gedankenstriche, Doppelpunkte oder Fragezeichen zurückgeht. (zeit.de)


2. Gendersprache

Oberbürgermeister in Plauen verbietet Gendersprache

Seit Juli ist Steffen Zenner (CDU) der neue Oberbürgermeister von Plauen (Sachsen). In dieser Funktion hat er eine richtungsweisende Entscheidung getroffen. Die CDU hatte den Antrag gestellt, dass die Verwaltung auch künftig in ihren Schreiben nicht gendern solle. Statt den Antrag im Stadtrat zu erörtern, hat Zenner erklärt: Die Zuständigkeit für diese Frage liege nicht beim Rat, sondern bei ihm als Chef der Verwaltung. Als solcher habe er entschieden: Die Verwaltung solle sich nach der amtlichen deutschen Rechtschreibung richten. „Es gibt keinen Grund, weshalb wir uns grammatikalisch falsch äußern sollten“, so Zenner. (freiepresse.de)


DAX-Unternehmen: Nur Münchner RE gendert nicht

Die Agentur Coco Content Marketing hat 40 DAX-Unternehmen auf den Gebrauch von Genderformen untersucht. Das Ergebnis: Die Münchner Rückversicherungsgesellschaft ist die einzige Firma, die nicht gendert. Alle anderen nutzen verschiedene Formen, wenn auch nicht in der gleich starken Ausprägung. Während 95 Prozent der Unternehmen bei ihren Stellenausschreibungen m/w/d nutzen (das steht für männlich/weiblich/divers), zum Beispiel sucht die BASF hausintern „Data Engineer – Cloud and Automation (m/f/d)“. Knapp 18 Prozent verwenden genderneutrale Begriffe. Auch die Internetseiten sind nicht durchgängig „gegendert“, das gelte nur für lediglich knapp 60 Prozent der Texte. Insgesamt würden nur fünf Unternehmen (darunter BASF und Deutsche Bank) konsequent gendern. Auffällig ist bei der Untersuchung, dass die Agentur parteiisch vorgeht. Wer gendert, wird durchweg als positiv dargestellt; die übrigen hätten „Nachhilfe“ nötig. Tatsächlich macht sich strafbar, wer Stellenausschreibungen nicht korrekt verfasst. Die Münchner RE, die als Einzige der 40 Untersuchten überhaupt nicht gendert, wird im O-Ton wie folgt abgefertigt: „Das ist nicht nur moralisch und imagetechnisch verwerflich, sondern schließt eben auch nicht alle Personen mit ein. Aus diesen gennannten Aspekten ergibt sich unsere Wertung null Punkten. Durchgefallen!“ (coco-content-marketing.de)

Anmerkung: Da freut sich das Herz, dass es so wachsame Bewahrer des Guten gibt: ‚Seht her, wie vorbildlich wir sind!‘


Gendersprache und Denglisch

Der Vorsitzende des VDS, Prof. Dr. Walter Krämer, fasst auf dem Video-Kanal Argumentorik noch einmal seine Kritik an der Gendersprache zusammen und erklärt, warum es unnötig ist, auf das generische Maskulinum zu verzichten. „Man kann sich für Gleichberechtigung einsetzen, ohne die Sprache mit Füßen zu treten“, sagt Krämer. Außerdem erinnert er an die übrigen Themen des VDS, insbesondere Denglisch. „Soccer steht im Duden als deutsches Wort“, so Krämer. „Das ist doch ein Fall von Kulturkriminalität.“ (youtube.com)


3. Unser Deutsch

Schwammerl

In Bayern und im benachbarten Österreich, also im bairischen Sprachgebiet, ist Schwammerl die Standardbezeichnung für den Pilz. Sie findet sich auf Speisekarten und in den Ankündigungen der Schwammerl-Saison in allen Zeitungen. Das Wort ist offensichtlich eine Verkleinerungsform von Schwamm. Den kennen wir als unerwünschten Gast in den Mauern eines Hauses oder als angenehmes Werkzeug beim Baden. In der Bedeutung ‚Pilz‘ ist der Schwamm schon im Althochdeutschen belegt. Es ist ein germanisches Wort, bekannt aus dem Gotischen, Altnordischen und Altenglischen. Dieser Gebrauch hat sich im Süden des deutschen Sprachgebiets – in leicht abgewandelter Form erhalten.

Warum und woher kommt aber der Pilz? Es ist ein Lehnwort aus lateinisch bōlētus, das schon althochdeutsch als buliz belegt ist. Im Mittelhochdeutschen wurde es zu büliz umgelautet, später der Stammvokal ü zu i entrundet. Das Interessante ist die Affrikate z am Ende, ein Zeugnis der frühen Lautverschiebung von t > ts. Der Pilz gehört mithin zu den ältesten Lehnwörtern aus dem Lateinischen. Und man kann fragen, warum die Vorfahren der Deutschen (außer den Bayern) das neue Wort übernommen haben. Hier ist Spekulation erlaubt. Pilze waren den Römern an Rhein und Donau aus ihrer Heimat als Delikatesse bekannt. Erfreut, dies auch in der Fremde zu finden, ließen sie sich die Waldfrüchte in ihre Militärcamps liefern und gaben der Handelsware ihren Namen. So mag sich in der späten Römerzeit der Pilz als Wort für ein gut verkäufliches Produkt eingebürgert haben. Wir kennen solchen Entlehnungsweg von anderen gesammelten Früchten wie den Preißelbeeren, eine mit beere erweitere Entlehnung aus dem Sorbischen bruslica.

Es spricht nun andererseits von Beständigkeit und sprachlicher Tradition, dass in Bayern bis heute nicht Pilze sondern Schwammerln gesammelt werden.

Anhang des Autors in eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser,

drei Jahre konnten Sie in jedem Infobrief des VDS eine Glosse über ‚Unser Deutsch‘, über ein deutsches Wort lesen. Jetzt nehme ich mir eine kreative Pause. Andere Autoren werden für mich einspringen, nur ab und zu werde ich mich beteiligen.

Sehr viele von Ihnen haben mir regelmäßig geschrieben, oft kamen bis zu einem Dutzend Mails zu einer Glosse, mit viel Zustimmung, Verbesserungen, weiterführenden Ausführungen. Dafür danke ich Ihnen. Ich habe mich bemüht, allen zu antworten (horst.munske@fau.de). Diese Gespräche haben mir immer wieder Ansporn gegeben, jede Woche etwas Aktuelles, etwas Bedenkenswertes, etwas Interessantes zu erklären und zu kommentieren.

Falls Sie einmal in älteren Glossen blättern wollen, sie sind in zwei Sammelbänden publiziert und im Netz umsonst einzusehen: Horst Haider Munske, Unser Deutsch. 100 Glossen zum heutigen Wortschatz. FAU University Press, Erlangen 2019, 180 Seiten sowie Unser Deutsch II. Neue Glossen zum heutigen Wortschatz. FAU University Press, Erlangen 2020, 184 Seiten. Im Netz zu finden unter Munske, Glossen.

Ich wünsche allen Lesern des Infobriefes weiterhin Freude an Unserem Deutsch.

Horst Haider Munske,

Dazu ein Wort von der Redaktion: Wir bleiben bemüht, das Schöne, das Bemerkenswerte und das Komische im Umgang mit Sprache aus verschiedenen Blickwinkeln zu zeigen. Lassen Sie sich überraschen!


4. Kultur

Sprache in der DDR

In ihrem Beitrag für die Berliner Zeitung räumt Ruth Reiher, Professorin für deutsche Sprache, mit Klischees über die Sprache in der DDR auf. Sie erklärt, dass in der DDR eine Variante des Deutschen gesprochen wurde, die sich vor allem durch eine lebendige Alltagssprache auszeichnete. Jedoch fielen vor allem im öffentlichen Sprachgebrauch ideologisch geprägte Formulierungen auf. Beispielsweise in der Straßenverkehrsordnung oder sogar in Kochbüchern sei von der „Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft“ und der „glücklichen Zukunft unseres Volkes im Rahmen der sozialistischen Gesellschaftsordnung“ gesprochen worden. Jedoch gab es schon zu DDR-Zeiten kritische Stimmen, sie empfanden die Sprache als zu bürokratisch. Reiher betont, die DDR-Sprache umfasse nicht nur den offiziellen Sprachgebrauch, sie sei ein komplexes System gewesen, das regionale, soziale und institutionelle Unterschiede enthielt. Vor allem der ausgeprägte Wortschatz und eigene Textsorten sowie Redewendungen sind bezeichnend. Jedoch sind viele dieser Redewendungen und Textsorten nach der Wende untergegangen. Der Sprachgebrauch in der DDR entsprach einer liberalen Haltung gegenüber sprachlichen Formen außerhalb der Hochsprache. (berliner-zeitung.de)


Ralph Dutli erhält Deutschen Sprachpreis

Der Schriftsteller und Übersetzer Ralph Dutli hat in diesem Jahr den von der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der Reinheit der deutschen Sprache gestifteten Deutschen Sprachpreis bekommen. Jury-Mitglied Michael Knoche würdigte in seiner Laudatio besonders Dutlis Ossip-Mandelstam-Gesamtausgabe sowie seine maßgebliche Mandelstam-Biographie: „Sie ist so fesselnd geschrieben, dass man mit Bekümmerung das Ende des Buches herannahen sieht.“ Er lobte zudem die Lautlichkeit von Dutlis Texten und bezeichnete ihn als Sprechkunstvirtuosen, dessen Werke eigentlich alles Hörbücher seien.

Der Deutsche Sprachpreis wurde zum 33. Mal verliehen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Peter von Matt, Herta Müller, das Goethe-Institut, Wulf Kirsten, Gerhard Stadelmaier, Josef Kraus und viele andere Persönlichkeiten und Organisationen, die sich um die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Sprache verdient gemacht haben. (deutschlandfunk.de)


Sprachen-Broschüre der EU-Übersetzer

Die Übersetzer würdigen im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 die Sprachen der EU. In der jetzt erschienenen Schrift Unsere Sprachen – eine Geschichte zum Anfassen stellen sie die 24 Amtssprachen der EU vor. Manche Artikel wurden geradezu wissenschaftlich recherchiert, andere widmen sich der Sache mit Humor. Das Ergebnis ist eine Stil- und Themen-Mixtur aus Lehnwörtern, Literatur und Landeskunde. Man kann die Broschüre als PDF herunterladen, dazu verführt spontan das Inhaltsverzeichnis, darin zum Beispiel: „Dänisch – eintausend Jahre hygge“ oder „Rumänisch – ein bisschen von allem“, „Englisch, die unzähmbare Sprache“. Den Leser erwartet viel Überraschendes. So wundern sich die Dänen selbst nicht, dass Fremde glauben, sie hätten beim Sprechen eine heiße Kartoffel im Mund – denn häufig würden Konsonanten beim Sprechen einfach „verschluckt“. Das Bulgarische hat es auf eine besondere Weise in den Weltraum verschlagen: Die Aufnahme eines bulgarischen Volksliedes ist auf einer Datenplatte an Bord der Raumsonden Voyager 1 und 2 im All unterwegs. Und das Ungarische ist so eigen, dass es mit keiner Nachbarsprache verwandt ist – nur die Finnen können damit etwas anfangen. Die Broschüre ist eine unterhaltsame Abhandlung über Sprachen verbunden mit einer spannenden Geschichtslektion. (uepo.de, uepo.de (PDF-Datei))


5. Berichte

Umfrage: Sprache und Kreativität

Ein sprachwissenschaftliches Forschungsprojekt an der Justus-Liebig-Universität Gießen geht der Frage nach, wie die Verben im Deutschen als System organisiert sind, ob es eine Bedeutungshierachie gibt und ob bestimmte Verben bei der Ideenfindung eine Rolle spielen. Diese Forschung ist nicht nur linguistisch wichtig. Mit einem gut durchdachten „Verbbaum“ können beispielsweise Suchanfragen im Internet besser sinnvoll interpretiert werden (Stichwort: semantisches Netz). Auch maschinelle Übersetzungen werden damit einfacher. Für die Umfrage dürften die Teilnehmer rund 15 Minuten benötigen. Sie erfolgt anonym und die Ergebnisse fließen in ein langjähriges Forschungsprojekt ein, dessen Theoriekonzept nun an realen Sprachdaten geprüft wird. Hier geht es zum Fragebogen: ulrichfrey.eu.


6. Denglisch

Seufzen in der Netzsprache

Was auf den ersten Blick wie eine Abkürzung wirkt, ist in Wahrheit eine Lautäußerung: Das Wörtchen oof taucht in letzter Zeit immer häufiger im Netz auf. Es ist das englische Pendant zum deutschen uff – also sozusagen die schriftliche Version eines Seufzers. Seine Verwendung ist vielfältig. In den meisten Fällen soll damit ein negatives Gefühl geäußert werden, etwa Trauer, Bedrückung, Frust, Wut oder Enttäuschung. Aber auch Desinteresse, Überforderung oder Ablehnung von etwas Gehörtem oder Gelesenem werden damit vermittelt. Dem englischsprachigen Urban Dictionary zufolge hat oof seinen Ursprung in der Spielewelt: Im Spiel Roblox macht die Spielfigur nämlich ein ähnlich klingendes Geräusch beim Sterben. Jedoch besteht auch Verwechslungsgefahr – wer den Ausdruck oof in einer E-Mail verwendet, will normalerweise kein Seufzen darstellen, sondern kürzt damit ab, dass er out of office ist. Die Älteren unter unseren Lesern erinnern sich an Karl May. Ihnen ist das Wörtchen uff längst vertraut. (giga.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Alina Letzel, Asma Loukili, Dorota Wilke