Infobrief vom 18. September 2021: Tabu-Wörter im Museum

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

1. Presseschau

Tabu-Wörter im Museum

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden überprüfen derzeit die Titel und Bezeichnungen von eineinhalb Millionen Exponaten, ob sie rassistische oder auf andere Weise diskriminierende Begriffe enthalten. Bisher wurden 143 Titel neu bearbeitet. Das wahrscheinlich bekannteste Kunstwerk ist der „Mohr mit der Smaragdstufe“ (eine Holzskulptur von Balthasar Permoser aus dem Jahr 1724, zu sehen im Dresdner Grünen Gewölbe). Es ist nun betitelt mit „**** mit der Smaragdstufe“. Zwar kann man sich über die Netzseite durch Klicken auf die Sternchen den Originaltitel anzeigen lassen, aber ob der neue Titel dem musealen Bildungsauftrag entspricht, bleibt fraglich.

Andere Beispiele für die Umbenennungen: Das Bild „Großer Hund – Zwerg und Knabe“ (1652) des flämischen Malers Jan Fyt heißt nun „Hund, kleinwüchsiger Mann und Junge“. Aus „Landschaft mit mohammedanischen Pilgern“ (Gemälde von Christoph Ludwig Agricola, um 1710) wurde „Landschaft mit betenden Muslimen“. Auch die Wörter „Zigeuner“ oder „Eskimo“ wurden aus Werkbezeichnungen entfernt.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Sammlungen, rechtfertigt sich: Das sei „übliche Museumsarbeit“. Reinhard Spieler, Vorstandsmitglied des Deutschen Museumsbundes, erklärte dazu im MDR: „Ich finde, wir sind als Museen historische Institutionen und wir wollen eigentlich sichtbar machen, dass man in anderen Kulturen und zu anderen Zeiten andere Werte vertreten hat. Das ist der Sinn von Museen.“ Der Historiker Michael Wolffsohn sagte der BILD-Zeitung: „Merken denn die Umbenenner vom Dienst nicht, wie sehr sie sich und die eigentlich gute Absicht zum Gespött machen?“ (mdr.de, welt.de, skd.museum)


Dialekte beeinflussen die Persönlichkeitswahrnehmung

Die Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Kerstin Trillhaase untersuchte in ihrer Dissertation die Auswirkungen von Dialekten auf das Berufsleben. Sie hat sich konzentriert auf den obersächsischen und den mittelbairischen Dialekt: Wie werden Menschen mit Dialekt von anderen wahrgenommen? Hierfür wurden Sprachaufnahmen von Probanden verwendet, die ganze Sätze sowohl in ihrem Dialekt als auch im Standarddeutsch vortragen mussten. Kombiniert wurden diese Sprachaufnahmen mit dem Modell der Persönlichkeitswahrnehmung aus der Psychologie. Die Hörer aus anderen Bundesländern beurteilten anhand der Aufnahmen drei spezifische Merkmale: Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Es stellte sich heraus, dass Menschen mit dem sächsischen und mittelbairischen Dialekt bei der Offenheit schlechter abschnitten. Auch in dem Punkt Gewissenhaftigkeit wurden vor allem Männer mit obersächsischem Dialekt schlechter eingeschätzt. Bei den Frauen gab es im Gegensatz zu den standarddeutschen Aufnahmen keinen großen Unterschied. Trillhaase stellt fest, dass vor allem die Männer mit Dialekt in ihrer Kompetenz nicht ernst genommen werden. Schon im Jahr 2008 hatte das Allensbach Institut bekannt gegeben, Sächsisch sei der unbeliebteste Dialekt Deutschlands. Dialekte beeinflussen also die Wahrnehmung von anderen Menschen. Vor allem Männer sind von verzerrter Wahrnehmung betroffen. Trillhaase erklärt den Ursprung dieses Zustands mit der früher gängigen Stigmatisierung der Dialekte als eine Art Bauernsprache, sie lösten die gedankliche Verknüpfung mit Bildungsferne und Einfältigkeit aus. (mdr.de)


Etwas durch die Blume sagen

Wenn jemand etwas durch die Blume sagt, drückt er sich nicht eindeutig aus oder seine Aussage ist indirekt und ausgeschmückt. Der Ursprung dieser Redewendung geht zurück auf die Blumensprache: Blumen tragen eindeutige Botschaften mit sich. So weiß jeder, dass rote Rosen für die Liebe stehen. Bekommt man sie geschenkt, wird etwas ausgedrückt, ohne dass es verbal zu kommunizieren ist – eben „durch die Blume gesagt“. Heutzutage wird die Redewendung vor allem bei Kritik angewendet. Zuerst die positiven Eigenschaften herauszustellen und im Anschluss dezent Verbesserungsvorschläge zu geben gilt heutzutage als konstruktive Kritik. Wer durch die Blume kritisiert, ist somit indirekt und freundlich. Das Gegenteil der Redewendung ist die unverblümte Sprache, frei heraus und direkt. (praxistipps.focus.de)


2. Gendersprache

Umfrage: Wie mögen es die Leser?

Die Netzversion des Focus fragt ihre Leser, wie die Redakteure künftig alle Geschlechtsidentitäten ansprechen sollen. Partizipien, Doppelformen und graphische Kürzungsvarianten (Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich) stehen zur Auswahl. Das gegenwärtige Standarddeutsch mit seinem generischen Maskulinum ist bei den Varianten in der Umfrage nicht mehr aufgeführt.

Kürzlich hatte auch die „Bild der Frau“ eine ähnliche Umfrage durchgeführt. Die überwältigende Mehrheit der Leser, darunter vor allem Leserinnen, sprach sich gegen gendersprachliche Eingriffe in der Zeitschrift aus. Deswegen erklärte Chefredakteurin Sandra Immoor: „Gendersternchen bleiben draußen“. (chipdigital.typeform.com)


Söder gegen Genderstrafzettel

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder lässt Leitfäden zum Gebrauch der Gendersprache an bayerischen Hochschulen überprüfen. „Es kann nicht sein, dass Studenten möglicherweise eine schlechtere Bewertung bekommen, nur weil sie keine Gendersternchen verwenden“, sagte Söder der Augsburger Allgemeinen. „Genderstrafzettel“ wolle er verhindern und habe deshalb Wissenschaftsminister Bernd Sibler (CSU) um eine Überprüfung gebeten. (augsburger-allgemeine.de)


Kommentar zum fehlenden Gespür

Im Tagesspiegel vor drei Wochen hatte Karin Christmann Dieter Hallervorden nachgesagt, im fehle „das Gespür für die Gleichstellung.“ Der Vorwurf ist unredlich. Wie Hallervorden zur Gleichstellung steht, sei dahingestellt. Dass ihm das Gendern nicht gefällt, ist jedenfalls kein Beleg für „fehlendes Gespür“, sondern ein Beweis, dass ihm das Gendern nicht gefällt. Christmann verlangt jedoch Unterwerfung: Nur wer gendert, findet Gnade. Schade, denn man merke: Der Geschlechtergerechtigkeit ist gedient, wenn man sie praktiziert. Das ganze Gefummel mit dem Gendern lenkt davon ab.

Kein Gespür für Geschichte beweist hingegen Christmann: Hallervorden dürfe nicht den Vergleich ziehen, auch Nazis und Kommunisten hätten die Sprache „von oben herab auf Befehl“ zu entwickeln versucht. Doch, erstens haben sie das, und zweitens führt nur der Vergleich – bei hinlänglicher Genauigkeit des Hinsehens – zu der Erkenntnis, wo sich das Verglichene voneinander unterscheidet, oder auch nicht. Christmann meint vermutlich, man dürfe diese Dinge nicht gleichsetzen. (ob) (tagesspiegel.de)


3. Unser Deutsch

3G-Regel und Impfdurchbruch

Sprachliche Innovationen begleiten die Neuerungen im gesellschaftlichen Leben. Die jüngste Kreation heißt 3G. Sie stammt von unseren österreichischen Nachbarn, die uns im Management der Pandemie manchmal über waren. Das Kurzwort lässt sich leicht merken und aussprechen (drei’gee). Es steht für ‚Geimpfte, Genesene und Getestete‘. Damit lässt sich regeln, wer ins Flugzeug steigen, Ämter und Geschäfte aufsuchen und wer an Veranstaltungen teilnehmen darf.

Zuerst dachte ich, es hätte etwas mit 5G zu tun, der Abkürzung für die neueste, die 5. Generation des Mobilfunks, die das Telefonieren überall und viel schneller möglich machen soll. Aber diese Ähnlichkeit ist Zufall, eben weil Buchstaben für vieles stehen können. Schnell haben wir gelernt, was mit 3G gemeint ist, eben weil es immer im Zusammenhang der verteufelten Pandemie und seiner Bekämpfung auftritt. Anfangs hieß es noch, dieser Ausschluss der Ungeimpften aus dem öffentlichen Leben sei fragwürdig, eine verdeckte Impfpflicht. Doch inzwischen hat sich diese Erklärung durchgesetzt: Man könne den Geimpften, den Genesenen und den Getesteten, eben jenen 3G, ihre Freiheitsrechte nicht länger vorenthalten. Oder andersherum: Der Ausschluss gelte eben nur jenen, die sich und andere gefährden. Seit es das Testen gibt, könne sich ja jeder den 3G zugesellen.

Allerdings mehren sich die Zweifel an der Praxis und dem Nutzen des Testens. Unter den 3Gs sind die Getesteten die unsicheren Kantonisten. Einfacher und sicherer ist die 2G-Regel: nur die Geimpften und Genesenen dürfen wieder überall hin. Darf der Staat so rigoros sein? Oder soll er es dem Markt überlassen, den Lokalbesitzern und Ladenpächtern? Geraten wir hier in eine neue Bürokratie der Zugangsbeschränkungen, immer abhängig von Inzidenzzahlen oder Hospitalisierungen? Die neuen Wörter 3G und 2G täuschen Lösungen vor. Helfen wird nur sinnvolles Verhalten.

Ein anderes Neuwort ist der Impfdurchbruch, unter dem sich der Laie zunächst garnichts vorstellen kann. Wer durchbricht hier was? Bisher kannten wir den ‚Durchbruch der Feindlinie‘ im Krieg‚ ähnlich – im Fußball – den ‚Vorstoß durch die gegnerische Deckung‘, etwas anders – in der Industrie – die erfolgreiche Platzierung eines Produkts. Auch Künstler können einen Durchbruch schaffen. Was aber ist beim Impfdurchbruch gemeint? Als erstes mag man an den erfolgreichen Durchbruch gegen eine Krankheit denken, eben durch das Impfen. Das Impfen durchbricht das Bollwerk von Covid-19.

Aber leider ist das Gegenteil gemeint. Ein digitales Wörterbuch erklärt zum Impfdurchbruch: „Infektion oder Erkrankung durch einen Erreger, gegen den man geimpft worden ist“. Es geht offenbar um den Sieg des Krankheitserregers gegen die Verteidigungslinie des Impfens. Mich erinnert diese Bedeutung an die Verwirrung, welche die Wörter positiv und negativ beim Ergebnis eines Tests spielen. Beim Impfdurchbruch hat vielleicht ein anderer Terminus der Medizin Pate gestanden: der Darmdurchbruch. Hier ein Loch im Darm, dort eins im Grenzzaun der Impfung. Sprache ist vieldeutig, vor allem in Kurzwörtern und Zusammensetzungen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


4. Kultur

Auf Maori heißt Neuseeland Aotearoa

Seit Jahren steht in Neuseeland die Frage nach dem Landesnamen zur Debatte. Vor knapp einem Jahr haben wir bereits im Infobrief über die Bestrebungen der Maori, der neuseeländischen Ureinwohner, berichtet, das Land künftig Aotearoa zu nennen. In der maorischen Sprache bedeutet das so viel wie „Land der langen, weißen Wolke“. Doch nicht nur den Maori ist der Ausdruck bekannt: Auch neuseeländische Unternehmen und Regierungsbehörden verwenden häufig den Namen Aotearoa, der zudem auch in den Reisepässen der Bürger steht.

Die Partei der Maori hat nun eine Petition zur Umbenennung des Landes eingereicht und setzt sich damit auch für die Stellung der maorischen Sprache ein. Die Namensänderung und die „Auferlegung einer kolonialen Agenda im Bildungssystem“ hätten dazu geführt, dass immer weniger Maori ihre eigene Sprache fließend beherrschten, betont Debbie Ngarewa-Packer, eine der zwei Vorsitzenden der Partei. Von 90 Prozent sei die Rate auf 20 Prozent gesunken. Wenn das Land wieder Aotearoa heiße, könne dies dazu beitragen, den Status der Sprache wieder herzustellen. Mit der Umbenennung solle zudem auch die Wiedereinführung der maorischen Namen für alle Städte und Orte einhergehen. (merkur.de, vds-ev.de)


Ersatz durch Vielfalt

Die Hälfte der Orchestermitglieder der English Touring Opera werde in der kommenden Saison nicht mehr beschäftigt, berichtet die Frankfurter Allgemeine aus London: Die weißen Musiker ensprächen nicht den Vielfaltskriterien, die das für die Verteilung des staatlichen Kulturetats zuständige Arts Council als „bindende Richtlinien zur Erhöhung der diversity“ erlassen habe. Wie zu erwarten, widerspricht die Behörde, sie habe solches nicht veranlasst. Vorläufig will es erst einmal keiner gewesen sein.

In den USA ist man schon weiter. Die 125 Musiker des Gateways Music Festival Orchestra sind anscheinend zuerst nach ihrer Hautfarbe ausgesucht, dann erst nach ihrer Befähigung für die Orchestermusik. Das stimmt aber (noch) nicht, die Musiker sind oder waren bei den renommiertesten Orchester der USA angestellt (darunter New York, Los Angeles, Cleveland).

Angekündigt als erstmaliges Ereignis in der 130-jährigen Geschichte der Carnegie Music Hall tritt das Gateways Orchester im kommenden Jahr als „all-Black classical symphony orchestra“ auf. Die Betonung der Hautfarbe erstaunt insofern, als in allen namhaften Orchestern weltweit eine – anderswo unerreichte – Vielfalt an Kulturen, Sprachen, Nationalitäten herrscht. Vielfalt ist der Goldstandard in der Darbietung klassischer Musik. Der Anspruch entsteht einzig aus dem Bedürfnis, die jeweils bestgeeigneten und auch verfügbaren Musiker zu versammeln. In den USA muss diese Tatsache offenbar noch mit Paukenschlägen hervorgekehrt werden, damit „die schwarzen Kinder mitbekommen, auch sie können klassische Musik auf höchstem Niveau spielen“, sagt Lee Koonce, Präsident des Orchesters.
(faz.net, englishtouringopera.org.uk, classicfm.com)

Anmerkung: Was auf diesem Niveau alles dazu gehört, dürften musikalisch interessierte Kinder schon selber bemerkt haben. Aber mit guten Taten lässt sich immer stark punkten…


5. Denglisch

Denglisches Brettspiel-ABC

Wer regelmäßig Brett- oder Kartenspiele spielt, kennt auch die zugehörigen Begrifflichkeiten. Ausdrücke wie Stich, Trumpf oder Aktionspunkte sind da keine Fremdwörter. Jedoch gibt es auch eine große Menge an englischen Ausdrücken, die in der Spielewelt bekannt sind und sich in Deutschland etabliert haben. Ein Bluff zum Beispiel dient dazu, den Gegner in die Irre zu führen, er wird vor allem bei Kartenspielen eingesetzt. Die Bezeichnungen für Spielgenres behalten außerdem oft englische Namen bei: So gibt es etwa Legacy Spiele, Pen & Paper Rollenspiele, Worker Placement Spiele oder Eurogames. Mit End Game hingegen ist die letzte Phase eines Spiels gemeint. Als Booster werden kleine Extra-Packungen mit neuen Karten oder Figuren bezeichnet, die sich dem Originalspiel hinzufügen lassen. Ebenfalls etabliert hat sich außerdem das niedlich klingende Wort Meeple, welches für kleine bunte Holzfiguren steht. Gerüchten zufolge entstand der Begriff im Jahr 2000 während des Spiels Carcassonne: Aus „my people“ soll damals die Abkürzung „meeple“ entstanden sein. (tonight.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Alina LetzelAsma Loukili