Infobrief 402 (8/2018): Internationaler Sprachschutz

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23.02.2018

1. Presseschau vom 16. bis 22. Februar 2018

  • Internationaler Sprachschutz
  • Eine Kundin klagt
  • Wahl zum oberfränkischen Wort des Jahres
  • Schweigen als Aussage

2. Unser Deutsch

  • Zeitnah

3. Berichte

  • Sprachrunde Kelkheim
  • Die letzte Bastion
  • Internationaler Tag der Muttersprache

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Rechtschreibung als Quiz
  • Digitale Liebesbriefe

6. Denglisch

  • Literally genervt

 

1. Presseschau vom 16. bis 22. Februar 2018

Internationaler Sprachschutz

Bild: Wikimedia, Oceancetaceen Alice Chodura, CC BY-SA 3.0

Seit 2000 stellt die UNESCO alljährlich am 21. Februar den kulturellen Wert der Sprachen heraus. Der Internationale Tag der Muttersprache soll auf die Relevanz der sprachlichen und kulturellen Vielfalt hinweisen, Traditionen stärken und für ihren Schutz eintreten. Die UNESCO befürchtet, dass viele Sprachen in den kommenden Jahrzehnten verschwinden werden. Durchschnittlich gehe demnach alle zwei Wochen eine Sprache verloren. Der 21. Februar nimmt Bezug auf Proteste in Ost-Pakistan im Jahr 1952. Auslöser war das Vorhaben der Regierung, Urdu als Amtssprache einzuführen – eine Sprache, die von gerade einmal 3 Prozent gesprochen wurde. Die Bemühungen der Bevölkerung zum Schutz ihrer Sprache zahlten sich aus: Nach neun Monaten des Bürgerkrieges gründete sich der Staat Bangladesh, der mit einem Sprecheranteil von 98 Prozent Bengali als Amtssprache einführte. Am Montag (26. Februar) beschäftigt sich auch die Sendung „Wortspiel“ im DMR mit dem Thema. (unesco.de, dw.com, wn.de)


Eine Kundin klagt
Weil sie als „Kunde“ und nicht als „Kundin“ bezeichnet wurde, ist die 80-jährige Saarländerin Marlies Krämer gegen die Sparkasse Saarbrücken vor Gericht gezogen. Die Anklage wurde bereits sowohl von dem Amts- als auch dem Landgericht Saarbrücken mit der Begründung zurückgewiesen, das generische Maskulin sei als Kollektivform zu verstehen, das „aus einer historischen Übereinkunft gewachsen“ sei, berichtet die Süddeutsche. Nun bringt Krämer den Fall vor den Bundesgerichtshof. Wann das Urteil erwartet wird, ist noch unklar. Fest steht jedoch bereits jetzt, dass es sich maßgeblich auf den institutionellen Sprachgebrauch auswirken wird. „Sollte die Sparkasse als öffentlich-rechtliches Kreditinstitut in Zukunft ihre Formular- und Vertragssprache gendern müssen, um dem Anspruch auf Gleichstellung der Geschlechter nachzukommen, würde das auch alle anderen Verträge und Formulare in öffentlich-rechtlichen Institutionen betreffen“, heißt es dazu in der ze.tt. Krämer hatte bereits in der Vergangenheit um die Berücksichtigung des Femininums in der Sprache gekämpft. 1996 erwirkte sie, dass die Formulierung „Inhaber“ in Reisepässen durch die weibliche Form erweitert wurde. Außerdem erreichte sie zusammen mit dem TV-Meteorologen Jörg Kachelmann, dass in der Wettervorhersage Tiefdruckgebiete auch männliche Namen tragen können. (spiegel.de, sueddeutsche.de, ze.tt)


Wahl zum oberfränkischen Wort des Jahres
Pünktlich zum Internationalen Tag der deutschen Muttersprache startete am 21. Februar die Wahl zum oberfränkischen Wort des Jahres. Diese Aktion findet zum vierten Mal statt. Vorschläge müssen beim Bezirk Oberfranken eingereicht werden. Die Jury will ihre Entscheidung im September bekanntgeben. Im letzten Jahr gingen rund 1200 Einsendungen ein. Die Jury wählte schließlich „urigeln“ aus, ein kurzes, prägnantes Wort für „das Gefühl, wenn kalte Hände und Füße wieder langsam warm werden und es dabei kribbelt“, das leider nur noch selten gebraucht werde. (focus.de)

 

Schweigen als Aussage
Das Kinderhilfswerk UNICEF hat in einer Meldung auf Twitter ohne die Verwendung von Wörtern Kritik an den Kriegsparteien in Syrien geübt. Durch zwei wortlose Zeilen will die Organisation Sprachlosigkeit und Protest angesichts der Bombardierungen im syrischen Ost-Ghuta ausdrücken. Dazu der Kommentar: „Keine Worte können den Kindern, Müttern, Vätern und ihren Angehörigen Gerechtigkeit widerfahren lassen.“ (spiegel.de)

 

2. Unser Deutsch

Zeitnah
Das unscheinbare Wort erobert seit Beginn dieses Jahrhunderts die Reden der Politiker und die Kommunikation von Handel, Gewerbe und Dienstleistung. Und zwar als Adverb in der Bedeutung ‚in Kürze‘. Einen unfreiwilligen Beitrag zu seiner Verbreitung leistete der Berliner Bürgermeister Diepgen, als er auf die Frage nach dem Rücktritt des CDU-Fraktionsvorsitzenden antwortete: „Die Entscheidung wird zeitnah erfolgen.“ Offensichtlich drückte er sich vor der Angabe eines genaueren Zeitpunkts. Darin steckt das semantische Potential des Adverbs zeitnah. Es wird gerne genutzt, eine Lieferung anzukündigen oder die Fertigstellung eines Auftrags, ohne sich terminlich festzulegen. Ein Wirtschaftsverband hat es darum als Unwort des Jahres vorgeschlagen, um Kundenkommunikation anzuprangern. Vergeblich. Denn das Wörtchen ist uns auch in redlichem Gebrauch unentbehrlich geworden. Die Ärztin fragt „wollen wir die Operation zeitnah ansetzen?“ und beginnt Termine vorzuschlagen. In zeitnah steckt auch ein Versprechen, es zeugt von Planung. Im Umfeld der Termingestaltung zwischen Datum, Kalenderwoche (KW) und vager Aussicht benennt es eine flexible Zeitspanne, die branchenspezifisch bedeuten kann: in ein paar Tagen, in Kürze oder sobald ich Zeit habe.

Fragen wir zum Schluss nach Wortgeschichte und Wortbildung. Die Zusammensetzung aus Substantiv und Adjektiv (Zeit und nah) ist eine gängige, aber nicht häufige Bildung. Vergleichbar sind steuerfrei, fußkalt, blutarm, die ein syntaktisches Gefüge komprimieren. Zeitnah ist erst seit dem 20. Jahrhundert belegt, zuerst in der Bedeutung ‚zeitgemäß‘, zum Beispiel in zeitnahe Komödie. Erst das Adverb erschafft die neue Bedeutung und wird zum beliebten Gegenstand sprachkritischer Reflexion.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Sprachrunde Kelkheim
In Kelkheim traf sich am 14. Februar die „VDS-Sprachrunde“. Dazu sind in jedem Monat Sprachinteressierte aus dem Main-Taunus-Kreis eingeladen. Einladungen veröffentlichen jeweils das Höchster Kreisblatt und die Bad Sodener Zeitung, die 2008 für ihre Verdienste um die deutsche Sprache ausgezeichnet wurde. (bad-sodener-zeitung.de)

 

Die letzte Bastion
Leserbrief von VDS-Vorstandsmitglied Birgit Schönberger zu den Artikeln der Landshuter Zeitung vom 21.2.18 „Gerichtsverfahren auf Englisch“ (S.5) und „Bairisches Lehrstück“ (S.13)

Als in Ostpakistan Bengalisch als Amtssprache erkämpft wurde, gab es Todesopfer unter den dortigen Muttersprachlern. Seit dem Jahr 2000 gibt es deshalb den von der UNESCO ausgerufenen „Internationalen Tag der Muttersprache“. Und just an diesem Jahrestag, dem 21. Februar, meldet die LZ, dass durch einen Anstoß des bayerischen Justizministers Winfried Bausback das Kabinett in München eine Bundesinitiative beschlossen hat, die Landgerichtskammern für internationale Handelssachen vorschlägt. Dort soll auf Englisch verhandelt werden. Das ist eine unscheinbare Notiz, für die hier kein Mensch auf die Straße ginge, und doch ist es eine Ungeheuerlichkeit.

Unsere Gesetzgeber haben es trotz mehrerer Tausend Unterschriften bis heute nicht geschafft, die Landessprache im Grundgesetz zu verankern. Als Gerichtssprache allerdings ist Deutsch gesetzlich geschützt (§ 184 Satz 1 Gerichtsverfassungsgesetz). Nun also soll es aus Profitgier möglich sein, auf Englisch zu verhandeln und Recht zu sprechen – im Namen des Volkes. Dabei wird kaum etwas mehr überschätzt als die Fähigkeit, souverän Englisch als Fremdsprache zu gebrauchen. Der englische Muttersprachler wird in jedem Fall im Vorteil sein, besonders dort, wo es auf Feinheiten ankommt wie bei Gericht. Wenn diese Bastion fällt, dann kommt das einem Dammbruch gleich, der unsere Landessprache endgültig unbedeutend macht.

Der Vorsitzende des „Bundes Bairische Sprache“, Sepp Obermeier, hat sich für den „Internationalen Tag der Muttersprache“ mit einem Aufruf stark gemacht. „Redet mehr bairisch!“, lautet seine Aufforderung. Sein „Dialekt-Manifest“ allerdings ist wohl an den Falschen geraten. Mit dem TU Präsidenten Wolfgang Herrmann hat er den Bock zum Gärtner gemacht. Dieser Herr Professor fällt dem Verein Deutsche Sprache seit Jahren als Eiferer für die englische Sprache auf und wurde 2015 zum „Sprachpanscher des Jahres“ gekürt. Zunächst wurden unter Herrmanns Ägide sämtliche Fachbereiche in Departments umgetauft und mittlerweile spielt in Forschung und Lehre die deutsche Sprache keine Rolle mehr, geschweige denn die bairische. Wie charakterlos muss man eigentlich sein, ein solches Manifest zu unterschreiben und das Gegenteil im Schilde zu führen?!

 

Internationaler Tag der Muttersprache
Zum Internationalen Tag der Muttersprache hat sich der Würzburger VDS-Regionalleiter Dr. Bernhard Sturn, kritisch mit „sprachlicher Unterwürfigkeit“ auseinandergesetzt. Uns sei nicht bewusst, was wir hergeben, wenn wir unseren Sprachschatz gedankenlos an die Globalisierung anpassen, sagte er gegenüber inFranken.de. Sprache bedeute auch immer Heimat, die Verarmung durch das Englische resultiere gleichwohl in einem Verlust der deutschen Kultur. (infranken.de)

 

4. VDS-Termine

26. Februar, Deutsches Musikradio
„Wortspiel“ beim Deutschen Musikradio DMR mit Holger Klatte und Stefan Ludwig.
Schwerpunkt: Internationaler Tag der Muttersprache
Sendungsseite: www.deutschesmusikradio.de/dmr/wortspiel/
Zeit: 20 bis 21 Uhr, Wiederholung: 23 Uhr

26. bis 27. Februar, Akademie für politische Bildung Tutzing
„Die Sprache von Forschung und Lehre. Lenkung durch Konzepte der Ökonomie?“
Gemeinsame Tagung des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache e.V. (ADAWIS) und des Zentrums für Europäische Bildung in der Akademie für politische Bildung Tutzing.
Referenten u. a. Prof. Dr. Ralph Mocikat, Bundestagsvizepräsident a. D. Johannes Singhammer, Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin, Prof. Dr. Harald Lesch.
apb-tutzing.de

28. Februar, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Gast: Oliver Haustein Teßmer, Chefredakteur der Lokalzeitung (Lausitz/Nordsachsen) Lausitzer Rundschau. Gespräch zu seiner Haltung zu Anglizismen und Denglisch, besonders im Hinblick auf die Sprache in der LR
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. Februar, Region 84 (Landshut)
Leselupe, Zusammenkunft für literarisch interessierte Menschen.
Projekt des VDS e. V. gemeinsam mit dem Evangelischen Bildungswerk Landshut e. V. Jeder Anwesende kann einen sprachlich oder inhaltlich beeindruckenden Text vortragen.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut, Luitpoldstraße 3 (II. Stock), 84034 Landshut

1. März, Region 28 (Bremen)
Treffen der Freunde der deutschen Sprache
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant „Platzhirsch“, Ostertorsteinweg 50, 28203 Bremen

 

5. Literatur

Rechtschreibung als Quiz
Fühlen Sie sich bei der Schreibung von Reißverschluss und Rhythmus wirklich 100%ig sicher?, fragt VDS-Mitglied Christian Stang in seinem neuen Buch „Als das Känguru sein h verlor …“ (Praesens-Verlag 2017). Das Büchlein ist als Quiz angelegt, bei dem auf 105 Seiten in lockerer und leicht verständlicher Form 50 typische Zweifelsfälle erklärt werden. (praesens.at)

 

Digitale Liebesbriefe
Liebespaare tauschen im digitalen Zeitalter keine handgeschriebenen Liebesbriefe mehr aus. Trotzdem gibt es nicht weniger Liebesbotschaften – ganz im Gegenteil. Der Kommunikations-wissenschaftler Stephan Porompka findet: „Es ist Liebe“, wenn die zumeist jungen Menschen sich mithilfe von Whatsapp oder anderen digitalen Kommunikationsdiensten Symbolbildchen von küssenden Liebespaaren, Audioaufnahmen selbstgereimter Liebeslieder oder erotische Fotos zusenden, und nennt so auch gleich sein neues Buch. Darin schildert er die Vielfalt der Kommunikation von Verliebten über digitale Kurznachrichten. Porompka spricht von „experimentierenden Autoren und Lesern“. Es gebe keine Vorlagen und Regeln, keine Poesiealbumsprüche, die man abschreiben könne, deshalb probierten die Verfasser unterschiedlichste Formate aus. Hierbei entstünde eine Kollage, „eine Multimedia-Schau der Liebe“, die die Kommunikation komplexer mache. Deshalb eskalierten aber auch Missverständnisse schneller, weil sie nicht mehr so einfach erkannt und ausgeräumt werden könnten. (deutschlandfunkkultur.de)

 

6. Denglisch

Literally genervt
Nicht nur die Deutschen nervt der falsche Gebrauch von Anglizismen, auch in Amerika selber stößt die unkritische Verwendung mancher Begriffe auf Kritik. Weil in einer New Yorker Bar scheinbar zu oft und unsachgemäß der Begriff „literally“ (dt.: buchstäblich, im wahrsten Sinne des Wortes) benutzt wurde, droht der Betreiber jedem mit einem Rauswurf, der seinen Satz mit „I literally“ beginnt. „Es ist das am übermäßigsten gebrauchte, nervigste Wort in der englischen Sprache, und wir werden es nicht dulden“, lautet die Begründung auf dem Aushang am Eingang. Der falsche Gebrauch des Wortes ist in Amerika inzwischen so weit verbreitet, dass Wörterbücher auf die Entwicklung mit neuen Definitionen reagierten. „Literally“ bedeute zwar ‚buchstäblich‛, werde aber auch ‚auf übertriebene Weise verwendet, um eine Aussage oder Beschreibung hervorzuheben, die nicht buchstäblich wahr oder möglich ist‛“, schreibt beispielsweise das Merriam-Webster-Wörterbuch. (spiegel.de, welt.de)


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

RECHTLICHE HINWEISE

Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch, Holger Klatte, Ann-Sophie Roggel

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