Infobrief Nr. 450 (5. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Anglizismus des Jahres

Bild: pixabay / AbsolutVisionPixabay-Lizenzz

Als Anglizismus des Jahres 2018 wurde das Wort Gendersternchen gekürt. Damit ist das typografische Zeichen gemeint, das zwischen der männlichen und der angefügten weiblichen Endung einer Personenbezeichnung eingefügt wird. Offenbar wurde das Wort im vergangenen Jahr zehnmal häufiger als zuvor verwendet. In der deutschen Sprache bekannt ist es seit 2013, zunächst als Gender Star. Daraus wurde der Genderstern, bis es 2016 zum Gendersternchen verniedlicht wurde. Der Anglizismus des Jahres wird seit 2010 jährlich vergeben, um den positiven Beitrag des Englischen zur Entwicklung des deutschen Wortschatzes zu betonen. Vorsitzender der Jury ist Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. (anglizismusdesjahres.de, spiegel.de, zeit.de, idowa.de)

Englisch statt Chinesisch

An der Duke University in Durham, North Carolina wurden chinesische Studenten dabei belauscht, wie sie sich – noch dazu lautstark – in ihrer Muttersprache verständigten. Megan Neely, Professorin für Biostatistik und Betreuerin des Masters-Programmes, bat die Studenten, sie sollten „PLEASE, PLEASE, PLEASE“ ihre Kenntnisse der Sprache verbessern, in der sie sich beim Lernen bewegen, sie sollten in öffentlichen Räumen der Universität auch aus Höflichkeit für alle verständlich bleiben und ihre künftigen Berufschancen nicht gefährden. Der vermutlich nur gut gemeinte Rat verursachte campusweite Entrüstung, gefolgt von einem Entschuldigungsschreiben des Rektors und dem – zweifellos freiwilligen – Rücktritt Neelys von ihrem Betreuungsamt. (spiegel.de, german.china.org.cn)

Kommentar

Dass man Leute steinigt, die missverstanden wurden, gehört zum universitären Alltag; man kann sich kaum noch vorsichtig genug ausdrücken. Am besten wir gewöhnen uns daran, nur mit Symbolen und Floskeln zu hantieren, dann erübrigt sich das lästige Formulieren punktgenauer Texte. Im Durhamer Getümmel geht derweil eines unter: Offenbar sind 36 der 54 Biostatistikstudenten Chinesen. Drei Dutzend Schwalben machen zwar noch keinen Sommer, aber besorgte Gemüter grübeln bereits: Wie lange noch bleibt Englisch die einzige, die unangefochtene Sprache der Wissenschaft? Sollten wir hierzulande lieber gleich auf Standardchinesisch statt Englisch als künftige Weltsprache setzen? Zusatzfrage: Wie klingt politische Korrektheit auf Chinesisch? Etwa so: 政治上的正确 ?

Lieber gut gemeint als schlecht gemacht

In der Politik zeigt sich eine neue Tendenz. Ein gutes Gesetz nach dem anderen wird verabschiedet. Es wird nur so mit positiv-konnotierten, erbauenden Worten um sich geworfen. Erst kürzlich trat das Gute-Kita-Gesetz in Kraft. Darauf soll schon bald das Starke-Familien-Gesetz folgen. Journalist Reinhard Mohr fragt sich, ob wirklich alles so gut ist, wie es scheint, oder ob das ganze nichts als sprachliche Spielereien sind, die uns bloß den Eindruck vermitteln, dass nun alles besser werde. Immanuel Kant bezeichnete den guten Willen als das höchste Gut des Menschen. Aber führt guter Wille auch zu guten Ergebnissen? Mohr führt die neue Ausdrucksweise zurück auf Gewerkschaftskreise, wo man seit einigen Jahren vor jedes Substantiv das Wort „gut“ setzt. Man spricht von „guter Arbeit“ und „gutem Geld“, ohne genau zu klären, was damit gemeint sei. In jedem Fall habe die Bundesregierung begriffen, so Mohr, dass ellenlange und schwer verständliche Gesetzestitel – wie das 2009 verabschiedete Finanzmarktstabilisierungsfortentwicklungsgesetz – nur Verwirrung stiften und die positive Absicht des Gesetzes ungenügend betonen. (deutschlandfunkkultur.de)

Hasswörter

Jeder kennt Wörter, die er nicht ausstehen kann. Sei es der Zuckerrübensirup, den die Großmutter Goldschleim nennt oder Füllwörter wie quasi und irgendwie. Regine Eckardt, Konstanzer Sprachwissenschaftlerin, erklärt die Wirkung solcher Wörter mit der Alarmfunktion, die sie in uns auslösen. In neurowissenschaftlichen Experimenten wurde nachgewiesen, dass Hasswörter nicht nur einen Alarm bewirken; das Gehirn kreiert sofort ein Bild zu dem gehörten Hasswort, welches seinerseits — bei einem Wort wie Blut — wiederum Angst auslöst. Jedoch sollten wir versuchen, mit unseren Hasswörtern Frieden zu schließen, sagt Eckardt. Vor allem in Zeiten von Globalisierung und Migration sei es wichtiger denn je, offen für Ausdrucksweisen zu sein, die wir selbst vielleicht weder verwenden noch mögen. (suedkurier.de)

2. Unser Deutsch

Gelungene Wörter

Gute-KiTa-Gesetz
Man darf sich die Augen reiben über solche verbale Kühnheit einer Ministerin. Franziska Giffey steht dem ‚Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend‘ vor, abgekürzt BMFSJ, ein groteskes Beispiel administrativen Benennungs- und Abkürzungsvermögens. Es ist wie ein Schlag durch den Gordischen Knoten, mit dem sie die Bezeichnungspraxis unserer Gesetzgeber durchbricht und für ein wichtiges Gesetz einen sprechenden, einen werbenden Namen erfindet und einfach so in den medialen Strom wirft. Gleich darauf folgt das Starke-Familien-Gesetz. Wir sehen hier nicht nur einen gelungenen Marketing-Gag. Es ist der ernste Versuch, Politik wieder verstehbar zu machen, Gutes auch gut zu benennen.

Verschlimmbessern
Das Wort soll der Göttinger Physiker und berühmte Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg geprägt haben, vermerkt das Grimm’sche Wörterbuch. Es verweist auf den Lexikographen Joachim Heinrich Campe, der es Lichtenberg zuschrieb, aber ausdrücklich nicht aufnahm in sein Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke (1801). Trotzdem hat sich das Wort eingenistet im Deutschen, seine Verwendung steigt in den 1970er Jahren plötzlich an und ist seit der Jahrhundertwende allgemein geläufig. Hängt das gar mit der ärgerlichen Überregulierung in vielen Lebensbereichen zusammen, die Gutes möchte, aber die Sache nur verschlimmert?


„Etwas durch vermeintliches Verbessern schlechter machen“ ist eine knappe Bedeutungserklärung. Wir erkennen eine Verschmelzung der Verben verbessern, also ‚besser machen‘, und verschlimmern, ‚schlimmer machen‘. Die neue Prägung zeigt durch die Kontamination (Zusammenziehung) der beiden gegensätzlichen Verben treffend an, wie gute Absicht in ihr Gegenteil verfallen kann.

Ameisenscheiße
Einige Jungs und Mädel hatten sich zum Gruppenfoto aufgestellt. Vor ihnen die Fotografin. Bevor sie abdrückte, rief sie „jetzt rufen alle Ameisenscheiße“, alles lachte los – und das sollten sie ja – und die bewegten Lippen und Gesichter erzeugten jenes Bild von gemeinsamer Heiterkeit, das als Erinnerung an die Ferienzeit festgehalten werden sollte. Wissen Sie, was Ameisenscheiße ist? Ich nicht. Es ist bloß ein erfundenes, ein Nonsens-Wort, viel schöner als jenes „say cheese“, das die Fotografen den Prominenten zurufen, bevor sie abdrücken. Willy Brandt, der Schweden-Emigrant, antwortete einmal auf diese Aufforderung mit dem schwedischen Pendant für Käse, das ist ost, gesprochen ust. Dann doch lieber Ameisenscheiße.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Berichte

Walter Krämer im Interview

Als Wirtschafts- und Sozialstatistiker hat Prof. Dr. Walter Krämer neben der im Verein Deutsche Sprache bekannten eine berufliche Leidenschaft: Er entlarvt fragwürdige Datenanalysen. Statistiken werden manipulativ so formuliert, dass im Kopf des Lesers ein überspitztes Bild entsteht, das die Tatsachen entstellt. Es zeigt sich, wer schon mit der Sprache unpräzise umgeht, kann Statistik missbrauchen. Womöglich merkt er es selber nicht. Im Interview für das Schweizer Nachrichtenportal Watson spricht er über lügnerische Zahlen und wie sie uns falsche Ängste vermitteln. Weitere Informationen unter: watson.ch

4. VDS-Termine

7. Februar, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

8. Februar, Region 53 (Bonn, Vor-Eifel und Siebengebirge)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 UhrOrt: Tennis-Club Heiderhof, Sommerbergweg 4, 53177 Bonn

11. Februar, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal

13. Februar, Region 52 (Aachen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung, mit Impulsreferat von Oliver Baer
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Ev. Familienbildungsstätte Martin-Luther-Haus, Martin-Luther-Straße 16, 52062 Aachen

5. Literatur

Diskussion statt Rezension

Während im Feuilleton Bücher von Fachleuten rezensiert werden, schlägt Swips, der Schweizer Verband unabhängiger Verlage, einen neuen Blickwinkel vor. Zu einer Abendveranstaltung kamen vergangene Woche Fachleute mit Lesern zusammen, um sich über Bücher auszutauschen. Die Einführung übernahmen jeweils die Fachleute: Literaturwissenschaftler Daniel Rothenbühler, Tagblatt-Journalistin Katja Fischer De Santi sowie Buchhändlerin Marianne Sax stellten jeweils ein Buch aus dem Swips-Verlag vor. Anschließend gab es Zeit für Reaktionen, Fragen und Diskussion. Das neue Veranstaltungsformat des Verlags nennt sich Salon Swips, es wird nun vermutlich öfters erprobt. (tagblatt.ch)

Britischer Literaturpreis verliert Sponsor

Der britische Man-Booker-Literaturpreis ist auf der Suche nach einem neuen Sponsor. Das Unternehmen Man Group, welches bislang den Literaturpreis finanziert hatte, gab kürzlich bekannt, dass es seine Unterstützung beenden wolle. Die Sponsorenschaft war vom britischen Journalisten und Autor Sebastian Faulks kritisiert worden. Hedgefonds-Banker seien „nicht die Art Leute, die Literaturpreise sponsorn sollten – sie sind die Art Leute, die von Literaturpreisen kritisiert werden sollten“, zitiert ihn die Süddeutsche Zeitung. Helena Kennedy, Vorsitzende der Stiftung, ist hingegen dankbar für die bisherige Unterstützung der Man Group, sie sei ein ausgezeichneter und großzügiger Sponsor gewesen. Sie ist zuversichtlich, dass sich bis zum Jahr 2020 eine neue Geldquelle finden lässt. (sueddeutsche.de)

6. Denglisch

Abmahnung wegen englischer Textilkennzeichnung

Ein Verkäufer bot bei dem Online-Anbieter Amazon Jogginghosen an und bekam eine Abmahnung, da er seine Artikel falsch etikettiert. Er hatte die Materialen als „52% Cotton, 40% Polyester, 8% Acrylic“ angegeben. Laut der Textilkennzeichnungsverordnung sind dies aber keine zulässigen Kennzeichnungen in Deutschland. Statt „Cotton“ hätte „Baumwolle“ auf dem Etikett stehen müssen und statt „Acrylic“ entweder „Modacryl“ oder „Polyacryl“. Die Abmahnung selbst kam von einem Bekleidungshersteller, wurde aber noch vom Oberlandesgericht München sowie vom Bundesgerichtshof berichtigt. Die Bezeichnung Acrylic sei in der Tat irreführend, da dem Verbraucher wesentliche Informationen vorenthalten werden. Cotton dagegen habe sich im deutschen Sprachgebrauch schon eingebürgert, so dass der Verbraucher problemlos die Verbindung zur Baumwolle ziehen könne. (haufe.de)

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Namentlich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht Meinung der Redaktion sein. Männer sind ausnahmsweise mitgemeint. Alle anderen Geschlechter auch.

Redaktion: Oliver Baer*in, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.