Infobrief Nr. 457 (12. Ausgabe in diesem Jahr)

1. Presseschau

Sprache der Radfahrenden

Bild: pixabay / HansPixabay-Lizenz

Sprache solle sprechbar und lesbar bleiben, kritisiert Fernsehmoderator und Bestsellerautor Peter Hahne. Gendern sei nichts als „Selbstmord unserer Sprache“. Einen weitergehenden Vorwurf äußert Alexander Mitsch, Vorsitzender des konservativen Flügels der CDU/CSU, der WerteUnion. „Es geht den Vertretern der Gender-Ideologie gar nicht um die eigentlich völlig selbstverständliche Gleichstellung von Frauen und Männern“, sondern darum, „über Vorschriften zum Gebrauch von Worten das Denken der Menschen zu manipulieren und letztlich die Meinungsfreiheit einzuschränken.“ An manchen Universitäten würden Studenten schlechter bewertet, wenn sie ihre Examensarbeiten nicht gendergerecht verfassten. Hahne: idea.de

Bemerkenswert bleibt ein uralter Vorwurf, der nun erneut erblüht. Indem der VDS bürgermeisterliche Anweisungen an die Hannoversche Stadtverwaltung anprangert, mache sich der Verein zur Sprachpolizei. Der Verein, nicht der Bürgermeister. Dazu Alexander Wendt (PUBLICO): publicomag.com

Dem gegenüber stehen vier Sprachwissenschaftler der Universität Osnabrück sowie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit einer Petition gegen den Verein Deutsche Sprache: Kein Rechtspopulismus unter dem Deckmantel der Sprachpflege! (change.org)

Kommentar

Man kann jede abweichende Meinung als rechtspopulistisch abtun, dann lässt sie sich leichter ignorieren. Man kann vereinfachende Formulierungen bekritteln, aber dann sollte man nicht selber beim Vereinfachen erwischt werden. Im VDS finden sich nämlich, auch wenn das manche nicht wahrhaben wollen, Wähler aller Parteien, auch Linke, Sozialdemokraten und Grüne.


Sprachwahrer des Jahres 2018

Die Leser der Zeitung Deutsche Sprachwelt wählen den Österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zum Sprachwahrer des Jahres 2018. Er habe durch „Beredsamkeit“ überzeugt und verstehe es, „mit wohlgesetzten Worten auch schwierige politische Zusammenhänge verständlich darzustellen.“ Er verschaffe sich „ohne Geschrei Gehör und wende sich gegen eine Verrohung der Sprache.“ Neben seiner Sprache überzeugen auch seine politischen Errungenschaften wie die Einrichtung von Deutschklassen für Schüler mit mangelhaften Deutschkenntnissen und die Kürzung von Sozialleistungen für Asylberechtigte, die wenig Einsatz beim Deutschlernen zeigen. Die Deutsche Sprachwelt lobt auch die Entideologisierung der Verwaltungssprache durch die Österreichische Regierung, die sich gegen Genderismen einsetze. (oe24.at, diepresse.com)


Gebärdenübersetzer

In einem Bericht über die Gebärdensprachübersetzer Anke Hagemann und Sabine Wanner stellt die Badische Zeitung die Bedeutung dieser Berufsgruppe heraus und macht die Professionalisierung der Übersetzer deutlich. In Deutschland gebe es etwa 80.000 gehörlose Menschen, die sich der Gebärdensprache bedienen. Sie treten zunehmend selbstbewusster auf, zumal seit 2002 die deutsche Gebärdensprache offiziell anerkannt wurde, so Anke Hagemann. Dies führe auch dazu, dass gehörlose Menschen häufiger Übersetzer für alltägliche Situationen wie Arztbesuche, Behördengänge, aber auch Mitarbeiterbesprechungen am Arbeitsplatz anforderten. (badische-zeitung.de)


Jungensprache, Mädchensprache

Der Germanist Jürgen Baurmann kritisiert laut Bericht der Westdeutschen Zeitung wie das Jugendwort des Jahres zustande kommt. Die Abstimmung im Internet (sogenanntes Voting) sei ebenso undurchsichtig wie die Zusammensetzung der Jury. Experten wie Eva Neuland, die zum Sprachgebrauch von Jugendlichen forschen, halten das Verfahren für unseriös, so Baurmann. Zum Thema geschlechtsspezifische sprachliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen erläutert er: Jungen verwenden doppelt so häufig Anglizismen und lassen eher Wörter weg, sagen zum Beispiel „Isch geh Kino.“ Gleichheit herrscht in einem anderen Bereich: Das Erfinden und Benutzen von Schimpfwörtern sei bei Jungen und Mädchen gleichermaßen beliebt. (wz.de)


2. Unser Deutsch

Grenzwert

Grenzwerte sind das aktuelle Diskussionsthema bei Schadstoffen, die von Autos, Flugzeugen, Schiffen und Heizungen erzeugt werden und unsere Luft verpesten. Man findet Grenzwerte aber auch auf allen Verpackungen von Lebensmitteln (Mindesthaltbarkeit), Medikamenten (Ablauf der Verwendbarkeit) und bei der Analyse von Blut: sei es PSA oder Cholesterin. Hier heißen sie Richtwerte, ein gewisser Spielraum des Normalen.

Schaut man im Lexikon (bzw. Wikipedia) nach, so findet sich als erstes eine mathematische Definition. Grenzwert steht für Limes in der Analysis, ein „Zahlenwert, nach dem eine Folge reeller Zahlen hinstrebt“, dazu ältere und neuere Formeln für Mathematiker. Als zweites wird die allgemeine Bedeutung angeführt, die dem Laien vertraut ist: „äußerster Wert, der nicht überschritten werden darf.“ Aufschlussreich ist die Kurve der Häufigkeit im Digitalen Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS): Ab Ende der 70er Jahre steigt der Gebrauch rapide bis zum Zehnfachen an. Hier setzt offenbar die Umweltdebatte ein, welche die Grenzwerte, ihre Bestimmung, ihre Messung und ihre Befolgung zu einem zentralen Thema gemacht hat. Dass der Grenzpunkt ein Wert ist, gibt dem Wort einen besonderen Rang, der zu beachten ist. Schon verbal deutet sich der Charakter einer Vorschrift an.

Im Gegensatz zur Mathematik beruhen Grenzwerte auf empirischen Messungen. An Tieren wird die Schädlichkeit gemessen und danach auf den menschlichen Organismus übertragen, wobei Kinder, Alte, Kranke als gefährdete Personen besondere Berücksichtigung finden. Es ist die Politik, welche schließlich Grenzwerte für bestimmte Schadstoffemissionen bestimmt. Sie sind maßgebend für Fahrverbote und Strafen oder für ordnungspolitische Maßnahmen zum Umweltschutz.

Warum sind Grenzwerte nötig, was macht sie dennoch suspekt? Wenn der weiße Hemdkragen schon nach einem Tag braun ist, die Fensterscheiben verschmutzt sind, Allergien zunehmen und der Husten nicht enden will – wir wissen es, ohne wissenschaftliche Nachweise: Die Luft ist verpestet, und zwar durch uns. Intuitiv fliehen wir in die Berge, an Nord- und Ostsee, zum Mittelmeer oder noch weiter, sobald Urlaub ansteht, Brückentage bevorstehen, Feiertage locken. Auf der anderen Seite stehen die gesetzlichen Heilmittel, welche unseren Alltag mit Grenzwerten beschränken. Auch davor gilt unsere Urlaubsflucht. Der Streit um die Höhe der Grenzwerte ist einer um ihre Vermeidung, ihre Umgehung. Denn unser Leben wird zunehmend eingekastelt durch Vorschriften, Gebote und Verbote. Der Kampf gegen Schadstoffimmissionen ist nur ein Hebel, der unser Leben drangsaliert.

Anders die Grenzen der Haltbarkeit und Benutzbarkeit von Lebensmitteln und Medikamenten. Der Grenzwert ist hier die Zeit, der Ablauf, die Dauer, die zu beachten sind. Bekanntlich werden die Daten zur Haltbarkeit aus lauter Ängstlichkeit oftmals missverstanden und führen zu ungeahnter Lebensmittelverschwendung.
Ein Drittes sind die sogenannten Richtwerte der Medizin und Pharmazie. Wann beginnt die Krankheit, die Gefahr bei Blutdruck, Cholesterin, PSA? Wenn hier an den Grenzen gedreht wird, können Millionen Gesunde auf einmal als krank erklärt werden. Sie benötigen Medikamente.

Umgekehrt können Zweifel an den Grenzwerten ganze Produktpaletten der Pharmaindustrie wertlos machen. Den ‚wissenschaftlichen‘ Studien über Grenzwerte kommt immense wirtschaftliche Bedeutung zu. Darum geben die Betroffenen solche Studien am liebsten selber in Auftrag und wehren sich, sie publik zu machen.

Grenzwerte sind zum Symbol westlicher Zivilisation geworden. Sie sollen Schaden abwehren, Glück möglich machen. Sie stehen im Mittelpunkt von Umweltdebatte und Gesundheitsfürsorge, sie sind auch Leitlinien industrieller Produktion. Sie umzingeln unsere Freiheit. Mit dem Versprechen, Schaden abzuwehren, schädigen sie zugleich unser Leben, unser Glück.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Beobachtung

Entgendern und Entsexen

Auf die „Expertn und Expertn“ in ihrem Hause berief sich diese Woche im Fernsehen ein unverdächtiger Zeuge, Frau Justizminister Katarina Barley, kein Gegner des Sprachgenderns. Dennoch und unversehens bestätigt sie, dass aus der „Sichtbarmachung der Frauen“ durch Sprachregelung nichts wird. Barley verdient dafür keinen Vorwurf, in ihrer Ausdrucksweise geschieht, was jedem blüht: Beim zügigen Sprechen lässt man unbetonte Laute einfach weg (aus „Philosophie“ wird ungewollt „Phisophie“).

Wenn schon Eingriff in die Sprache, wie wäre es mit komplettem Entgendern und Entsexen? Hier ein Vorschlag, der ein winziges bisschen weniger grotesk ist als alle anderen, immer vorausgesetzt die Sprecher des Deutschen lassen sich darauf ein: Betrachten wir alle Funktions- und Berufsbezeichnungen erstens als sexus-neutral (wie beim Lehrer oder Bäcker, es spielt ja keine Rolle, ob Frau oder Mann), und zweitens was das genus betrifft, beschränken wir uns darauf, was grammatisch (leider!) längst als maskulinum bezeichnet wird. Das Ergebnis wären dann Frau Minister Barley, Frau Bundeskanzler Merkel, Verfassungsrichter Frau Professor Doktor Doris König.

Man könnte aufhören, dauernd über das Geschlecht zu grübeln, wo es mit der Sache wirklich nichts zu schaffen hat.


4. Literatur

Neue Sendung

Mit „Gottschalk liest?“ startete Thomas Gottschalk am 19. März eine eigene Literatursendung im Bayrischen Fernsehen. Die Sendung soll nur viermal im Jahr ausgestrahlt werden und auch regionalen Bezug haben. Gottschalk wird Gäste aus unterschiedlichen bayrischen Regionen aber auch nicht-bayrische Literaturschaffende einladen und mit ihnen über ihre Neuerscheinungen und aktuelle Kulturthemen sprechen. Der Moderator sieht sich selbst dabei nicht als Literaturkritiker: „Wer bin ich denn, einem Autor zu sagen, dass er es versemmelt hat? Auf keinen Fall! Ich sage: Habe ich nicht verstanden. Oder: Habe ich nicht gebraucht. Oder: Was hast du da gemeint, was willst du mir damit sagen? Dieser neugierige Ansatz ist mir wichtig“, so Gottschalk. Die Gäste der ersten Sendung waren Ferdinand von Schirach, Vea Kaiser, Daniel Biskup und Sarah Kuttner. (br.de)


Literaturmessen

Neben der Leipziger Buchmesse findet an diesem Wochenende auch die Lit.Cologne in Köln statt. Beide Messen setzen auf prominente Gesichter. Die Leipziger Buchmesse kündigt neben den Autoren Marc Elsberg, Simon Beckett, Sasa Stanisic und Jan Wagner auch Größen aus dem Musiksektor, unter anderem den Schlagzeuger der Ärzte, Bela B., und Tocotronic-Sänger Dirk von Lotzow an, die ihre Bücher vorstellen werden. Auf der Lit.Cologne werden Frank Schätzing, Autor von „Der Schwarm“, und die Darsteller des Münster-Tatorts erwartet, die das Werk Mark Twains in einer Hommage würdigen wollen. Zudem werden Cordula Stratmann, Mariele Millowitsch, Walter Sittler, Annette Frier, Wolfgang Niedecken, Mario Adorf und Ulrich Noethen auf der Lit.Cologne auftreten. Fast 200 Veranstaltungen sind geplant. Auf der Leipziger Buchmesse gibt es erneut einen Stand des VDS: Halle 5, Stand E101. (focus.de, diepresse.com)


5. Denglisch

Englisch im Büro

Der Stern berichtet über das Englisch in deutschen Büros und ­­benennt das Kauderwelsch als Denglisch. Das Magazin stellt seinen Lesern englische Redewendungen für ihren Wortschatz vor, „um weiter mitsprechen zu können.“ (stern.de)


6. VDS-Termine

26. März, Region 06/39 (Halle/Magdeburg)
Mitgliederversammlung mit Neuwahl des Regionalvorstandes
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Dorint-Hotel Charlottenhof, Dorotheenstraße 12, 06108 Halle (Saale)

26. März, Region 01 (Dresden, Riesa)
Schöne deutsche Blumennamen. Bildlich, literarisch & musikalisch, vorgestellt von Barbara Hoene
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden

26. März, Region 30, 31 (Hannover, Nienburg, Wunstorf, Hildesheim, Stadthagen, Hameln, Peine)
Sprachtreff mit dem Vortrag „Kulturgeschichte der deutschen Erfindungen und Entdeckungen von Albertus Magnus bis Konrad Zuse“
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Rudolf-Steiner-Haus, Brehmstr. 10, 30173 Hannover

27. März, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. März, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Nebenzimmer der Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

1. April, Region 52 (Aachen)
Vortrag und Diskussion: Regionalleiter Claus Günther Maas zum Thema „Fack ju Deutsch – was passiert mit unserer Sprache?“. Es handelt sich um eine zweiteilige Veranstaltung. Teil zwei folgt am 6. Mai.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Volkshochschule Jülicher Land, Am Aachener Tor 16, 52428 Jülich

3. April, Region 07 (Gera, Jena)
Erster Stammtisch der Region
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Str. 14, 07545 Gera

4. April, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Lesumer Hof, Oberreihe 8, 28217 Bremen

5. April, Region 24 (Kiel, Flensburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Sportrestaurant Altenholz, Klausdorfer Str. 78b, 24161 Altenholz

8. April, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

10. April, Region 04 (Leipzig)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Raum S 122, Seminargebäude der Universität Leipzig, Universitätsstr., 04109 Leipziger

11. April, Region 83 (Rosenheim, Oberbayern)
Themen- und Diskussionsabend: „Die deutsche Sprache im Zangengriff zwischen Anglizismen und Gender“
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Landgasthof Bauernwirt, Ströbinger Str. 1, 83093 Bad Endorf

13. April, Region 78 (Bodensee/Ostschwarzwald)‘
Regionalversammlung
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Café am Marktplatz, Marktplatz 2, 78234 Engen

29. April, Region 50, 51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, manchmal oder immer. Namentlich gekennzeichnete Beiträge können mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. Müssen sie aber nicht.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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