Infobrief Nr. 456 (11. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Aufregung über den Aufruf

Bild: pixabay / 3dman_euPixabay-Lizenz

Am Aschermittwoch gab es einen Aufruf vier bekannter sprachbesorgter Bürger und hundert prominenter Erstunterzeichner. Er ist gerichtet an Politiker, Behörden, Firmen, Gewerkschaften, Betriebsräte und Journalisten: Sie mögen die deutsche Sprache wieder gegen den Gender-Unfug durchsetzen. Gerechnet wurde mit ein paar hundert, vielleicht ein paar tausend Mitunterzeichnern im Netz: vds-ev.de

Tatsächlich haben bereits 53.000 Mitbürger (bis Sonntag, 17. März 2019) den Aufruf mit ihrer beglaubigten Unterschrift unterstützt. An dieser Netzadresse kann, wer sich anschließen möchte, den Wortlaut des Aufrufs lesen und unterzeichnen. Betreiber einer eigenen Website finden darüber hinaus Links und ein Banner zum Einbetten in ihren Seitencode auf dieser Seite: vds-ev.de


Zwei Beobachtungen

Auf den ersten Blick erstaunt das Echo in den Medien, denn auch der Guardian und die New York Times haben berichtet. Auf den zweiten Blick ist zweierlei zu beobachten: einerseits eine beachtliche Polemik, weniger gegen die Sache als gegen die Unterzeichner; andererseits geben nun auch – bislang anderweitig festgelegte – Sprachwissenschaftler zu, dass an der Gendersache einiges nicht stimmt. Margarete Stokowski stellt im Spiegel Online (spiegel.de) eine gute Frage: „Wer ist hier hysterisch?“ – allerdings gebärdet sie sich selber recht aufgeregt und nähert sich mit ihren Schlägen der Gürtellinie. Unterhalb dieser Linie liegt der Kommentar in der taz: „Würde selbstgerechter Zorn den Körper durch die Harnröhre verlassen, ertrinken würden die hundert Erstunterzeichner*innen des Aufrufs […] in ihren eigenen Ausscheidungen.“ (taz.de)

Eine Ausdrucksweise, für die andere Blätter größere Buchstaben verwenden. Offenbar im Irrtum befindet sich die Kollegin bei der taz (taz.de) mit dieser Tunnelsicht: „In diesen Zeiten müssen wir besonders auf unsere Werte achtgeben, auch wenn gendergerechte Sprache längst eine Norm ist, die kaum jemand mehr zu hinterfragen wagt.“

Kommentar

In die Irre führt der Vorwurf, wer das Gendern der Sprache ablehne, der stehe auch gegen Geschlechtergerechtigkeit. Der Verein Deutsche Sprache kann damit nicht gemeint sein, insofern gehört zu dieser Unterstellung schon eine Portion Bösartigkeit. Sie gelingt nur, wenn man eine Tatsache leugnet. Die beiden lateinischen Wörter genus und sexus – aus denen die englischen Wörter gender und sex hervorgehen – bedeuten nämlich ausdrücklich nicht dasselbe. Nur sexus bezeichnet das biologische Geschlecht; genus bedeutet Art, Gattung, auch Geschlecht (wie in „das Fürstengeschlecht der Habsburger“). Das kann ernsthaft kein Wissenschaftler bestreiten (man könnte nachträglich die römischen Grammatiker rügen, dass ihnen nichts Besseres einfiel als die genera mit masculinum, femininum und neutrum zu bezeichnen; praktischer aus heutiger Sicht wären AA, BB und CC).

Gemeint ist seitens der Genderbefürworter nicht die Sprache, sondern eine Bewusstseinsänderung. Zu diesem Zweck sei die Sprache zu manipulieren. Das ist verständlich, aber nicht zu rechtfertigen, denn so werden zwei Dinge gegeneinander ausgespielt, die miteinander nichts zu tun haben. Das ist nicht nur wissenschaftlich unredlich, es gibt in solchen Situationen auch keinen Sieger, nur Verlierer. Das Bewusstsein wird verdreht, wenn auch mit ungewissem Ausgang, und die Sprache wird „zäh, angstbesetzt, nervös und unnatürlich“ (Peter Eisenberg). Mit beidem ist am Ende niemand gedient.

Kurzum: Das Gendern der Sprache schadet den Frauen (auch den Minderheitsgeschlechtern), denn es führt zu Lippenbekenntnissen, die keiner glaubt; zu Floskeln, die von Ohr zu Ohr den Kopf durchqueren, ohne auch nur eine Synapse zu bemühen; schließlich zu Ärger bei den Lesern und Hörern. Der sich gegen wen richtet? Gegen die Frauen, und erst recht gegen die Minderheiten! Dafür die Sprache zu opfern, ist nicht nur eine unbillige Forderung, es ist eine Aufforderung zur Spaltung der Gesellschaft. (ob)

Hier finden Sie eine Auswahl an Beiträgen:

(faz.net, sueddeutsche.de, sueddeutsche.de, freitag.de, tagesspiegel.de, tagesspiegel.de, jungefreiheit.de, haz.de, tichyseinblick.de, 20min.ch, nau.ch)

The Guardian: (theguardian.com)

The New York Times (nytimes.com)

Videobeiträge: (wdr.de, rtl-west.de)


Dummes gegen Leeres

„Im politmedialen Meinungskampf wuchert das Phrasendeutsch“ überschreibt die Neue Zürcher Zeitung einen Gastkommentar von Reinhard Mohr. Er beobachtet zwei gängige rhetorische Muster: „Auf der einen Seite extrem polemische, oft vulgäre, dumme, menschenverachtende Äusserungen, auf der anderen Seite politische Phrasen und Allgemeinplätze, abgedroschene Sentenzen, die die Dinge eher vernebeln, als sie aufzuklären.“ Oft sei ihr entscheidendes Merkmal „eine vordergründige Scheinplausibilität.“ Da kommt einem beim Lesen dieses Beitrags manche Phrase vertraut vor: Man hat sie selber schon verwendet. (nzz.ch)


Keine Verlotterung

Unter dem optimistischen Motto „Deutsch in Sozialen Medien – interaktiv, multimodal, vielfältig“ lud das Institut für Deutsche Sprache (IDS) zur 55. Jahrestagung in Mannheim ein. Sein Direktor, Henning Lobin, lobt die Interaktivität, den schnellen Austausch von Meinungen und Nachrichten, sowie die Bildlichkeit, die das Geschriebene prägt, indem man Emojis verwendet und Fotos versendet. Als besondere Form bezeichnet er die gesprochenen Botschaften. Sie seien interessant, weil sie die schriftliche mit der mündlichen Kommunikation vermischen. Laut Lobin droht keine „Verlotterung“ der Sprache durch die sozialen Medien, ganz im Gegenteil entstehe vor allem durch die Bildlichkeit eine neue Ebene von Sprache, die erweiternd oder deutend wirken kann. (mdr.de, tagesspiegel.de)


Flasche leer

Seit über 20 Jahren ist Giovanni Trapattoni, der frühere Trainer des FC-Bayern, bekannt für seine Ausdrücke „Ich habe fertig“ und „Flasche leer“. Viel zitiert wurde er nach einem Wutausbruch auf einer Pressekonferenz; er selbst ist jedoch alles andere als stolz darauf. Neben gehäuften grammatikalischen Fehlern sieht er die unerwartete Tragikomik der Pressekonferenz als Begründung, dass seine Wutrede von 1998 so bekannt geblieben ist. Trapattonis größtes Hindernis sei die Sprache gewesen: „Ein wirklich knallharter Gegner, den ich unterschätzt hatte. Ohne die richtigen Ausdrücke habe ich es nicht geschafft, so wie ich wollte, mit der Mannschaft zu kommunizieren.“ (swp.de, frankenpost.de)


Lesen sollte man können

„Wer nicht lesen kann, kann auch kein Mathe“, sagt Schulpädagogin Franziska Schwabe. Ein Fundstück aus der NRW-Beilage der WELT am Sonntag 17. März 2019. Mehr darüber demnächst in den Sprachnachrichten des VDS.


2. Unser Deutsch

Piefke

Wir kennen diesen Spottnamen, mit dem die benachbarten Österreicher uns Deutsche gerne bedenken, zumal wenn zu viele von uns die Verkehrswege des Landes, meist nur auf dem Weg über die Alpen, passieren oder wenn Studierende die alpenländischen Universitäten bevölkern, Beschränkungen in ihrer Heimat umgehend. Allerdings gibt es Abstufungen: es seien vor allem die Besucher mit norddeutscher ‚Sprachfärbung‘, dem akkuraten Deutsch, die zum Spott veranlassen, weniger die bayerischen Nachbarn mit ihrem verwandten Idiom. Diese haben ja ihrerseits den Preiß, und bösgemeint den Saupreiß auf Lager, um die Nachbarn nördlich der Maingrenze zu titulieren. Spottnamen werden zumeist in Abwesenheit der Betroffenen gebraucht, sie dienen der Distanzierung, meist mehr oder weniger abwertend. Im Piefke klingt der Ärger über präpotentes Gehabe, über allzu akkurates Auftreten und Reden mit.

Solche Benennung der Nachbarn ist weit verbreitet, wird aber in den Handbüchern der Namenkunde umgangen, wohl der politischen Korrektheit wegen. Tommi, Ami, Ruski und Ösi (der verbale Konter der Piefkes) sind übliche Kurznamen mit i-Suffix. Dazu gehören auch Ossi und Wessi. Umgekehrt wissen wir, wie Franzosen, Niederländer, Engländer, Amerikaner uns nennen (boches, moffen, krauts, fritz). Das ist Alltag gegenseitiger Spöttelei.

Wie aber kam Piefke über uns? Wir danken die Bezeichnung dem preußischen Militärmusiker Johann Gottfried Piefke (1815-1884). Er schuf zur Feier des Sieges über die k. und k. Monarchie den Königgrätzer Marsch. Die Sage berichtet, er habe 1866 auf dem Marchfeld nahe Wien, zusammen mit seinem Bruder Rudolf, die große Parade des preußischen Armeekorps dirigiert. Da hätten die herbeieilenden Wiener gerufen „die Piefkes kommen.“ Und so sei der Name an den Preußen hängen geblieben. In Gänserndorf erinnert noch heute ein Piefke-Denkmal an dies Ereignis.

Und wie erklärt sich der Familienname Piefke? Das führt uns in die Geschichte der deutschen Ostkolonisation, zu Germanisierung und Sprachwechsel. Zugrunde liegt der altpolnische Familienname Piwka, wohl abgeleitet von piwo ‚Bier‘, der bereits 1445 in einer deutschen Lemberger Urkunde als Piwke belegt ist. Unsere Form ist die orthographisch integrierte Variante.

Zurück zum Piefke. Längst ist die Geschichte der deutsch-österreichischen Nachbarschaftsbespöttelung literarisch verarbeitet: schon in den 1990er Jahren durch Felix Mitterers ‚Piefke-Saga‘ und 2010 in Hubertus Godeysens ‚Kulturgeschichte einer Beschimpfung‘. Manchen von uns stört der Name garnicht mehr. Spitznamen kann man annehmen, dann verlieren sie ihre Spitze.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Berichte

Denglisch-Ausstellung in Radevormwald

Im Sparkassengebäude der Stadt Radevormwald wurde diese Woche eine Ausstellung zum Thema Denglisch eröffnet. Zu sehen sind Anglizismen in Karikaturen des Zeichners Friedrich Retkowski aus Hameln. Organisiert und eröffnet haben die Ausstellung Karin Michels, Hans-Ulrich Mundorf und dem Regionalleiter der Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen) Jörg-Peter Schundau, in Zusammenarbeit mit Sparkassen-Vorstandsmitglied Alexander Still. Die Ausstellung läuft bis 29. März. (rp-online.de)


4. Literatur

Mit Gedichten bezahlen

Im Trend der Zeit liegt die Frage: Wer nutzt noch Bargeld? Kartenzahlung, besser noch kontaktlose Kartenzahlung, sei die vermehrt gewählte Zahlungsmethode, weil sie schnell und einfach ist. Das Kaffeeunternehmen Julius Meinl geht einen Schritt weiter. Zum Anlass des weltweiten Tages der Poesie kann man am 21. März in ausgewählten Kaffeehäusern mit einem Gedicht bezahlen. Selbstgeschrieben muss es sein, dann gibt es einen Kaffee oder Tee dafür. Der Großteil der teilnehmenden Kaffeehäuser steht in Österreich, dazu gibt es weltweit vereinzelte Cafés, die ein selbstverfasstes Gedicht als Zahlung annehmen. (meinbezirk.at, meinlcoffee.com)


Neue Ausstellung für Kinder

Das Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart hat am 12. März eine Mitmachausstellung zum Thema Kommunikation eröffnet. Sie steht unter dem Motto Spielplatz Sprache für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Der Berliner Verlag Wamiki konzipierte die Ausstellung, die Sprache lebendig und begreifbar machen soll. Die Ausstellung kann bis zum 12. April besucht werden. (blog.mercedes-benz-passion.com)


5. Sprachschnipsel

Sex

Seit sexus und genus verwechselt werden, bin ich täglich ein Dutzend Mal gefordert, beim Sprechen und Schreiben an Sex zu denken. Das stört, ich möchte auch mal „an etwas Schönes denken“, (ob, mit Dank an Olaf Schubert für dieses aus dem Zusammenhang gerissene Zitat).


6. VDS-Termine

18. März, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

21. März, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

21. März, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Café Schwarz, Breitenburger Str. 14, 25524 Itzehoe

24. März, Region 04 (Leipziger Buchmesse)
Lesung von Kurt Gawlitta zu seinem Dokuman Youssefs Gesetz
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Forum Literatur, Halle 5, Stand K600, Leipziger Messe, Messe-Allee 1, 04356 Leipzig

26. März, Region 06/39 (Halle/Magdeburg)
Mitgliederversammlung mit Neuwahl des Regionalvorstandes
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Dorint-Hotel Charlottenhof, Dorotheenstraße 12, 06108 Halle (Saale)

26. März, Region 01 (Dresden, Riesa)
Schöne deutsche Blumennamen. Bildlich, literarisch & musikalisch, vorgestellt von Barbara Hoene
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden

26. März, Region 30, 31 (Hannover, Nienburg, Wunstorf, Hildesheim, Stadthagen, Hameln, Peine)
Sprachtreff mit dem Vortrag „Kulturgeschichte der deutschen Erfindungen und Entdeckungen von Albertus Magnus bis Konrad Zuse“
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Rudolf-Steiner-Haus, Brehmstr. 10, 30173 Hannover

27. März, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. März, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Nebenzimmer der Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

1. April, Region 52 (Aachen)
Vortrag und Diskussion: Regionalleiter Claus Günther Maas zum Thema „Fack ju Deutsch – was passiert mit unserer Sprache?“. Es handelt sich um eine zweiteilige Veranstaltung. Teil zwei folgt am 6. Mai.
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Volkshochschule Jülicher Land, Am Aachener Tor 16, 52428 Jülich

3. April, Region 07 (Gera, Jena)
Erster Stammtisch der Region
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Str. 14, 07545 Gera

8. April, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

10. April, Region 04 (Leipzig)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Raum S 122, Seminargebäude der Universität Leipzig, Universitätsstr., 04109 Leipziger

11. April, Region 83 (Rosenheim, Oberbayern)
Themen- und Diskussionsabend: „Die deutsche Sprache im Zangengriff zwischen Anglizismen und Gender“
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Landgasthof Bauernwirt, Ströbinger Str. 1, 83093 Bad Endorf

29. April, Region 50, 51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Die verwendete Sprache ist geschlechterneutral, denn gemeint sind stets alle; das steht mit der Grammatik der deutschen Sprache im Einklang. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen gelegentlich der Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel