Infobrief Nr. 460 (15. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Gendergerechte Wikipedia

Bild: pixabay / geraltPixabay-Lizenz

Wer für Wikipedia schreiben will, muss sich an die Richtlinien halten und das generische (grammatikalische) Maskulinum verwenden. Die 34-jährige Autorin Theresa Hannig hat eine Initiative gegen diese Regelung ins Leben gerufen und hofft auf Änderung der Richtlinien von Wikipedia. Ihr sei die geschlechtergerechte Sprache sowie die Ansprache von nicht-binären Menschen auf der Online-Enzyklopädie wichtig. Den Aufruf gegen das Gendern des Vereins Deutsche Sprache kritisiert sie: „Die VDS-Mitglieder sind genau die klischeehafte Zielgruppe, die sich für das generische Maskulinum einsetzt. Salopp gesagt: alte weiße Männer und nur ganz wenige Frauen.“ Hannig konnte für ihre Initiative bislang rund 1.500 Unterschriften sammeln. Bekannt wurde sie durch ihren Science Fiction Roman „Die Optimierer“, den sie 2017 veröffentlichte. Optimierer*innen gab es damals wohl noch nicht (jetzt.de, jungefreiheit.de)

Kommentar:

Die Zielgruppe des VDS seien „alte weiße Männer und nur ganz wenige Frauen“. So klingt es, wenn einer falsch singt. Das Grundgesetz besagt aber im Artikel 3 (3): „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Männer sind nun mal behindert, das ist bekannt, und alte, schon gar alte weiße Männer sind offenbar jenseits von Gut und Böse; sie muss man sexistisch beleidigen dürfen. Darüber hinaus verkennt Hannig in ihrem Zorn die Wirklichkeit: Über 72 Prozent der Frauen und Männer lehnen gendergerechte Sprache ab, alte und junge Leute. Peinlich. Demnach zählen siebzig von hundert Deutschen zu einer rechtspopulistischen Minderheit im Lande.


Fundamentale Denkfehler

Ob der Mensch das Schultergelenk erfunden habe? Genauso wenig wie sein Knochengestell habe er sich die Grammatik seiner Sprachen ausgedacht. „Verfechter der gendergerechten Sprache begehen aus linguistischer Sicht ein paar fundamentale Denkfehler.“ Das schreibt in der Neuen Zürcher Zeitung Josef Bayer, emeritierter Professor für allgemeine und germanistische Linguistik an der Universität Konstanz.

Die gendergerechte Sprache käme jedenfalls nicht aus der wissenschaftlich ernstzunehmenden Linguistik. Sonst blieben uns so unpassende Lesarten wie der „Sprechende“ erspart. Mit dem „Sprecher“ ist jemand in einer administrativen Funktion gemeint und keine Person, die gerade redet; bei „Sprechender“ ist es genau umgekehrt. Mit natürlichem Sprachwandel habe Gendersprache nicht das Geringste zu tun, denn „Sprachen wandeln sich niemals in Richtung Unfug.“ Die Menschen können neue Begriffe für neue Dinge einführen und neue Namen für alte Dinge ersinnen, „aber sie konnten nie die Grammatik oder ihr phonologisches System erfinden. Das wäre etwa so absurd, wie zu sagen, dass der Mensch das Schultergelenk oder den Haarwuchs erfunden habe.“

Wieso sollten andere Völker solche vermeintlichen Erfindungen nicht gemacht haben? „In Bengali – immerhin die derzeit siebtgrösste Sprache der Welt – gibt es keinen Genus/Gender-Unterschied. Waren die Bengalen zu dumm, um daran zu denken?“ Die Gendersprache folge einem kruden Funktionalismus, der in allem, was die Sprache bietet, einen für den Menschen wesentlichen Sinn suche. Das aber sei extrem naiv, sagt Bayer. „Ein Gendersystem ist nicht dazu da, etwas über Männer und Frauen in einer Gesellschaft zu sagen, sondern allenfalls, um eine Beziehung zwischen Wörtern zu stiften, die man Kongruenz nennt.“

Schließlich fragt Bayer (wie übrigens der VDS): Auch wenn alles auf einer Fehlanalyse aufgebaut sei, könnte es trotzdem der Sache der Frauen dienlich sein? Das bezweifelt Bayer. „Man weiß, dass Umbenennungen noch nie etwas an den wirklichen Sachverhalten bewirkt haben. Ein Altenheim, das in Seniorenstift umbenannt worden ist, bleibt für die Insassen weiterhin ein reichlich tristes Ambiente. Und da die gendergerechte Sprache nichts anderes ist als eine fehlmotivierte Umbenennung von bestimmten Bezeichnungen, wird sie außer einer Menge stilistischer und ästhetischer Entgleisungen nichts Positives und schon gar nichts Fortschrittliches hervorbringen. (nzz.ch)

Zum gleichen Thema ein Beitrag im Frühstücksfernsehen: sat1.de.


Neuer Name des Instituts für Deutsche Sprache

Aus dem Institut für Deutsche Sprache (IDS) wird das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. Das IDS in Mannheim nimmt den Namen des Leipziger Philosophen Leibniz in seinen Namen auf, um sich zur Leibniz-Gemeinschaft zu bekennen, dem Zusammenschluss der von Bund und Ländern getragenen Forschungseinrichtungen. Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) war Philosoph, Mathematiker, Linguist, Historiker und Paläontologe. (rtl.de)


Sprachenvielfalt im Kölner Dom

Der Kölner Dom begrüßt seine Besucher ab sofort in neun verschiedenen Sprachen, Kölsch eingeschlossen. Durchsagen gibt es zum Mittagsgebet, zu den Heiligen Messen und zur Schließung des Doms, also zwei- bis dreimal am Tag. Neben Deutsch, Englisch und Französisch sind nun auch Chinesisch sowie Arabisch dabei. Die Kölsche Version hat der langjährige Hänneschen-Puppenspieler Hans Fey getextet und eingesprochen. Die sprachliche Breite der Ansagen soll zu einer Kultur des Willkommens beitragen. „Wir wollen die Besucher unseres Domes damit noch besser und persönlicher ansprechen“, erklärt Dompropst Gerd Bachner. (ksta.de, express.de)


2. Unser Deutsch

Insektenhotel

Seit wann gibt es dieses Wort, seit wann die Sache selbst? Darüber gibt das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (DWDS) Auskunft. Die seltene Zusammensetzung wird etwa seit 1995 häufiger gebraucht, etwa 2005 steigt die Kurve der Häufigkeit rasant an. Nun wirbt nicht nur der Naturschutzbund für Artenvielfalt bei den Insekten, auch der Handel ist eingestiegen und vertreibt zahllose Produkte aus Holz, Terrakotta, Pappe, Metall, Schilf mit Löchern unterschiedlicher Größe und Länge. Einige von ihnen bewertet der ausführliche Wikipedia-Artikel als unbrauchbar. Alle haben eine zusätzliche Funktion: Sie befriedigen unser schlechtes Gewissen. Was die Agrarindustrie zerstört, kann der kleine Mann in seinem Gärtchen wiederherstellen. Hummeln, Wildbienen, Wespen, Fliegen, Schmetterlinge, Marienkäfer – sie alle sind in ihrer Vielfalt, ihrem Bestand bedroht. Das Insektenhotel verspricht Abhilfe.

Was macht die Attraktivität des Ausdrucks aus? Hotels dienen ja üblicherweise dem Menschen als Unterkunft auf Reisen und im Urlaub. Mit frischen Betten, geputztem Bad – für jedermann, der dafür bezahlt. Im Insektenhotel wird die Bedeutung ‚Unterkunft‘ übertragen auf die Nisthilfen für Insekten. Dort können sie den Winter überleben, Nachwuchs heranziehen, die Art erhalten.

Die Verwendung von Hotel stellt eine Humanisierung dieser fliegenden Tierwelt dar. Die Insekten werden zu einer Art Haustier, der Beobachtung zugänglich, frei in ihrem Tun, aber doch in menschliche Obhut genommen. Auch der positive Beiklang von Hotel schwingt mit. Wir geben den lieben kleinen Tieren komfortable Unterkunft, wir zahlen dafür durch Kauf oder mit dem Aufwand eigener Bastelei. Das Wort ist eine erfolgreiche PR-Aktion für Artenschutz und zugleich eine Geschäftsidee, welche den Zeitgeist für sich nutzt.

Dieser hat ja ohnehin immer das große Ganze im Auge. So darf man hier weiterdenken. Denn letztlich hilft das Insektenhotel auch der gefiederten Tierwelt, den zahlreichen Vögeln, die sich von Insekten ernähren und dann am Ende hilft es – man wagt es kaum auszusprechen – auch noch den lieben freilaufenden Katzen, welche den Vögeln erfolgreich auflauern. Da endet zum Glück die Verzehrkette. Zumindest in Europa.

Kritiker mögen hier einwenden, die menschliche Hilfe für die Insektenwelt könne die Agrarwüsten nicht ersetzen. Auch Blühstreifen, ein neues Wort der Umweltrettungsdebatte, seien nur eine Alibi-Aktion, eben nur ein Streifchen am Rande riesiger zerstörter Ackerkulturen. Immerhin: Dies sind Signale für eine Wende, die das Bewusstsein prägen und hoffen lassen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Berichte

Deutsch statt Denglisch

Wolfgang Hildebrandt, Regionalleiter für die Postleitregion 27, widersetzt sich der Verbreitung von Anglizismen. Seit über 20 Jahren ist er Mitglied im Verein Deutsche Sprache. Auf die Bedeutung der Sprache machte ihn damals sein Bruder aufmerksam, der ihn darauf hinwies, dass er statt eines denglischen Begriffs doch einfach einen deutschen verwenden könne. Wolfgang Hildebrandt geht es nicht nur um sprachliche Ästhetik, sondern auch um Politik: „Viele Menschen verstehen nicht mehr, was sie lesen, und werden somit von Informationen ausgeschlossen und dadurch ausgegrenzt.“ (weser-kurier.de)


4. Kultur

Gendersprache in feministischer Literatur

Auch feministische Autoren befassen sich mit gendergerechter Sprache. Margarete Stokowski und Alice Schwarzer sind verschiedener Meinung über das Gendersternchen. „Ich verwende unterschiedliche Varianten“, sagt Stokowski und fährt fort: „Es wäre mir aber auch egal, wenn ein Sternchen die Leute zunächst aus dem Text rauswirft. Wir haben uns schon an viele Sachen gewöhnt. Und es gibt auch die Möglichkeit, Sternchen oder Unterstrich als Pause auszusprechen.“ Schwarzer dagegen kritisiert die Gendersprache und betont, man solle sich davor hüten, eine bestimmte Sprache vorzuschreiben. Sie erklärt: „Als Journalistin weiß ich aber auch, dass Sprache lebendig ist und man sie sprechen können muss. Einen Unterstrich oder ein Sternchen im Wort kann ich nicht sprechen. Das verhunzt die Sprache.“ (tagesspiegel.de)


Dokumentarfilm Klasse Deutsch

Ab Mai im Kino zu sehen, aber bereits vorher preisgekrönt – der Dokumentarfilm Klasse Deutsch handelt von Spracherwerb und gelingender Integration und erzählt von der Lehrerin Ute Vecchio. Mit Härte und Hingabe bereitet sie neu ins Land gekommene Kinder auf das deutsche Schulsystem vor. Die Herausforderungen, auf die sie dabei stößt, sind vielfältig. Der Film von Regisseur Florian Heinzen-Ziob wurde mit dem Hauptpreis LÜDIA sowie dem Schülerpreis gekrönt. Er war Publikumsliebling beim Kinofest Lünen 2018. „Es geht nur vordergründig um das Erlernen der deutschen Sprache, eigentlich aber um das Leben an sich“, heißt es auf programmkino.de. (wfilm.de, programmkino.de)


„Richtige“ Zeichensetzung

Zeichensetzung muss gekonnt sein. Vor allem die gern genutzten Anführungszeichen sorgen immer wieder für Verwirrung. Was hat es zu bedeuten, wenn ein Wiener Restaurant dafür wirbt, dass alle Speisen „frisch“ zubereitet werden? Oder wenn im Baumarkt ein Kollege dem Kunden „helfen“ kann? Bildliche Untermalung gibt es hier: bento.de.


5. Denglisch

Je Anglizismus ein Mööp

Die A-cappella-Gruppe „Medlz“ trat vergangene Woche in der ausverkauften Stadthalle ihrer Heimatstadt Dresden auf. Das aktuelle Programm der vier „Medlz“ heißt Heimspiel – Medlz singen deutsch, zu verstehen alsWertschätzung der deutschen Sprache. Voraussetzung für das Konzert in Dresden war, ausschließlich Deutsch zu sprechen sowie zu singen. Wenn auch nur einer der vier Frauen ein Anglizismus herausrutschte, durfte das Publikum „Möööp“ rufen.(schwaebische.de)


6. VDS-Termine

16. April, Region 57 (Siegen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Landgasthof Merje, Kredenbacher Str. 18, 57223 Kreuztal-Kredenbach

24. April, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

25. April, Region 27 (Bremerhaven, Cuxhaven)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthof Bathmann, Bremerhavener Str. 30, 27612 Loxstedt

29. April, Region 50, 51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

2. Mai, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen, Thema: „Fontane“
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

3. Mai, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Hotel Alter Kreisbahnhof, Königstr. 9, 24837 Schleswig

8. Mai, Region 17 (Neubrandenburg, Greifswald)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Hotel Restaurant „Sankt Georg“, St. Georg 6, 17033 Neubrandenburg

13. Mai, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

13. Mai, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Sogar alte, weiße Männer sind angesprochen, die anderen Geschlechter sowieso. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen ausnahmsweise der Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel, Stephanie Zabel

© Verein Deutsche Sprache e. V.