Infobrief Nr. 459 (14. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Einwände gegen Eingriffe in die Sprache

Bild: pixabay / andibreitPixabay-Lizenz

Roland Tichy meint zum Gendern: „Sprache sollte elegant und in der Aussage klar bleiben und darf nicht zum Instrument der Umerziehung mißbraucht werden“. (tichyseinblick.de)

Der Stern verwendet ein bewährtes Klischee: „Die selbsternannten Sprachfreunde sorgen sich um die […] zerstörerischen Eingriffe in die deutsche Sprache.“ (stern.de)

Das reizt zu der bewährten Gegenfrage: Wer wäre befugt, jemand zum Sprachfreund zu ernennen, wenn nicht jeder selbst? Gibt es ein dafür zuständiges Amt?

Die Hannoversche Allgemeine bemerkt, dass die Genderdebatte auf einer falschen Voraussetzung fußt: „Tatsächlich aber ist das Maskulinum sprachhistorisch gesehen gar nicht männlich. Explizit gemeint sind weder Männer noch Frauen. Lehrer etwa sind nicht automatisch Männer, sondern lehrende Personen, denn das Wortgeschlecht (Genus) ist nicht deckungsgleich mit dem natürlichen Geschlecht (Sexus).“ (haz.de)

Diese Tatsache ist bei manchen unbeliebt, sie verfahren lieber nach dem Motto: Es ist zwar nicht so, aber ich lasse mir einreden, es wäre so.

Dass Sprache ein Instrument der Machtausübung sei, hebt in seinem Kommentar Jörg Zajonc auf Youtube hervor: „Wer nicht mitmacht, ist ein schlechter Mensch.“ (youtube.com, 1:16 min)


Gendern unter Voraussetzungen

Gendern ja, aber nicht um jeden Preis. So stellt sich die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zur geschlechtergerechten Variante der Sprache. Es soll nur gegendert werden, wenn der Text verständlich, lesbar, vorlesbar und grammatisch korrekt bleibt. Zudem müssten die Eindeutigkeit sowie die Rechtssicherheit gewährleistet sein. Die GfdS unterstützt die Bemühungen um eine sprachliche Gleichbehandlung, jedoch nur unter gegebenen Voraussetzungen. Weiteres Kriterium ist die Frage nach der Zielgruppe und der Textsorte. Unterschiedliche Regelungen können greifen, je nachdem ob ein Text formell oder informell, behördlich oder privat verfasst ist oder ob es sich um das geschriebene oder gesprochene Wort handelt. „Je nach Kontext erhält die geschlechtergerechte Formulierung eine unterschiedliche Relevanz“, erklärt die GfdS. (volksstimme.de)


Deutsch im Rundfunk

Vor Jahren forderte auch der VDS Deutschquoten. Die Zeiten ändern sich, „Von der Mitte der Neunzigerjahre bis 2016 wurde in Deutschland immer wieder über Quoten für deutschsprachige Musik im Radio diskutiert. Heute wirken diese Debatten völlig aus der Zeit gefallen, denn deutschsprachige Lieder dominieren die Charts.“ schreibt einfachdienst.de: Was labert der? Die Sprache der Nummer-Eins-Hits in Deutschland. (einfacherdienst.de)

Löst sich das Problem von allein? „Der beispiellose aktuelle Höhenflug in den Topplatzierungen der Single-Charts wird dabei klar von einer Musikrichtung getrieben: deutscher Rap. Alle Lieder in den aktuellen Top 10 der MTV Single-Charts sind nicht nur deutschsprachig – sie sind deutscher Rap.“ Da wird mit der Sprache, mit mehreren Sprachen gespielt. Das ermuntert das Bewusstsein für die Ausdrucksmöglichkeiten in unserer und in fremden Sprachen. In anderen Musikrichtungen gibt es allerdings Aufholbedarf, und der liegt nicht nur an der Qualität des Gebotenen.


2. Unser Deutsch

Komma

Dies ist für viele ein Alptraum der Schriftlichkeit. Wo und warum ein Komma stehen soll, haben sie nie richtig gelernt und es bald aufgegeben, sich darum zu kümmern. Meist orientieren sie sich am gesprochenen Text. Und das ist falsch. Es führt oft in die Irre und ist die unzuverlässigste Methode. Denn unsere kleinen Sprechpausen haben wenig mit der syntaktischen Gliederung von Sätzen zu tun. Um diese aber geht es beim Komma. Es ist ein optisches Signal für ein schnelles und eindeutiges Verständnis des Textes.

Übrigens gehörten die Satzzeichen bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gar nicht zur Rechtschreibung. Dabei ging es nur um die Schreibung von Wörtern. Erst der DUDEN hat Punkt und Komma, Parenthese und Anführungszeichen ins Regelsystem aufgenommen. Die jüngste Rechtschreibreform hat dies ausführlich in den §§ 67-113 dargestellt, allein die Komma-Regeln benötigen 12 Spalten. Da wird mancher den Wald vor lauter Bäumen schwer erkennen. Bleiben wir kurz bei diesem Bild: Einen Wald kann man sich vorstellen als eine Mischung von Laubbäumen und von Nadelbäumen. So kann man auch die Komma-Regeln einteilen. Es gibt zwei Haupttypen: das einfache Komma (ein Strich), das sind die Laubbäume und das paarige Komma (zwei Striche), das einen Nebensatz oder ähnliches einschließt, also die Nadelbäume.

Im ersten Fall zeigt das Komma an, dass Wörter, Satzglieder oder Sätze gereiht sind, also nebengeordnet, wie es die Syntaktiker sagen. Dazu drei Beispiele: (1) Rot, grün, blau sind die beliebtesten Farben. (2) Das halbe Haus, der lange Garten, die breite Garage gehören mir. (3) Es regnet, die Wolken hängen tief, wir fliehen ins Haus. Meist wird in diesen Fällen das dritte Glied der Reihung (blau, die breite Garage, wir fliehen ins Haus) durch eine Konjunktion verbunden, also (1a) rot, grün und blau sind beliebte Farben. Hier ersetzt die Konjunktion das Komma, denn es hat die gleiche nebenordnende Funktion, nur semantisch aufgeladen, es weist auf eine Verbindung hin (und, sowie) oder eine Alternative (oder).

Das paarige Komma, also vor und hinter einer Einheit, hat eine andere Funktion: Es grenzt eine syntaktische Einheit vorne und hinten ab. Meist sind das untergeordnete Nebensätze, die man auch gut erkennt an einer Konjunktion (vorne) und einem finiten Verb (hinten). Daneben gibt es Konstruktionen mit einem Verb, aber ohne Subjekt. Das sind einerseits die sogenannten ‚erweiterten Infinitive‘ und Partizipkonstruktionen sowie substantivische Nachträge. Auch diese Regel ist einfach: (4) Sie kam, um für immer zu bleiben. (5) Er ging, erfreut über das gute Wetter, ohne Mantel los. (6) Mainz ist die Geburtsstadt Johannes Gutenbergs, des Erfinders der Buchdruckkunst.

Zwei Fragen bleiben: Was heißt ‚erweitert‘ bei Infinitiv und Partizip? Die Erweiterung besteht in einem Satzglied, welches das reine Verb gleichsam zu einem Satz erhebt: für immer in (4) und über das gute Wetter in (5). Fehlt so ein Satzglied, braucht es kein Komma, wie hier in (7) Es hörte auf zu regnen. Und wo ist das zweite (paarige) Komma in (4) und (6)? Es erübrigt sich durch den Schluss-Punkt. Er ist gleichsam ein höherrangiges Zeichen, das andere aufzehrt.

Das sind die Grundregeln. Wie kann man sie sich aneignen? Nehmen Sie zwei bunte Stifte und markieren die Kommata in einem Zeitungstext: einfaches Komma rot, paariges grün. So werden Sie bald zum geübten Kommatier. Und lernen beiläufig auch viele Fälle kennen, wo der ‚Schreibende‘, wie es im neuen Regelwerk heißt, nach Ermessen entscheiden darf, ob er ein Komma setzt oder es lässt. Und woran ‚misst‘ er das? Am Leser, immer am erwarteten Leser, der den Text verstehen soll.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Berichte

Pressemitteilungen des VDS

Diese Woche hat der VDS zwei Pressemitteilungen versandt: die erste am 2. April über die Ergebnisse der INSA-Umfrage über gendergerechte Sprache. Die wichtigsten Zahlen in Kürze: Auf die Frage „Wie wichtig oder unwichtig ist Ihrer Meinung nach gendergerechte Sprache für die Gleichstellung der Frau in Deutschland?“ antworteten nur 27 Prozent der befragten Männer und 28 Prozent der befragten Frauen mit sehr wichtig oder eher wichtig. Das Ergebnis ist über Bundesländer, Geschlechter und Parteien ähnlich; auch bei den Anhängern der Grünen bewerteten 60 Prozent der Befragten die Gendersprache mit sehr unwichtig oder eher unwichtig. Mehr als die Hälfte empfindet einschlägige Vorschriften durch Behörden oder Arbeitgeber als störend, 75 Prozent lehnen gesetzliche Vorschriften zur Sprachneutralisierung ab.

Die zweite Meldung gab es am 5. April über weitere prominente Mitunterzeichner des Aufrufs. Aus dem Inhalt (außer den vielen Namen): Auch junge, erfolgreiche Frauen wollen keine Gendersternchen. Auffällig unter den neuen Unterzeichnern ist der hohe Anteil von Germanisten aus dem Ausland, die das Treiben mancher deutscher Kollegen mit einer Mischung aus Unverständnis und Verzweiflung verfolgen.


Übrigens – mehrere Aufrufe!

Der Aufruf des VDS Schluss mit dem Gender-Unfug! hat mit dem Aufruf Stop Gendersprache jetzt! nichts zu tun. Versuchshalber hat sich dort jemand als Papst Pius XI eingetragen – und wurde nicht abgewiesen! Gegen weitere Aufrufe zum selben Thema ist ja nichts zu einzuwenden, so lange sie den Missbrauch ausschließen oder zumindest erschweren.

Am 7. April 2019, 19 Uhr:
67318 Unterstützer des Aufrufs Schluss mit dem Gender-Unfug!
dabei noch nicht mitgezählt die manuellen Unterschriften auf Briefen, Postkarten und Unterschriftenlisten.


4. Kultur

Tschechische Literatur

Das Gastland auf der Leipziger Buchmesse 2019 war Tschechien. Der Schriftsteller und Journalist Martin Becker erhielt 2017 den Deutsch-Tschechischen Journalistenpreis. Im Frühjahr 2019 veröffentliche er Warten auf Kafka: Eine literarische Seelenkunde Tschechiens. Becker erzählt, dass man es als Schriftsteller in Tschechien deutlich schwerer habe als in Deutschland. Man werde zwar geachtet, jedoch sei es aufgrund der ökonomischen Bedingungen sehr schwierig, vom Schreiben zu leben. In Deutschland kennt man Autoren wie Jáchym Topol oder Jaroslav Rudiš. Laut Becker ist die Szene in Tschechien männlich dominiert, allerdings ändert sich das langsam. (mdr.de)


Plattdeutscher Liedwettbewerb

Der niederdeutsche Bandwettbewerb Plattsounds sucht zum neunten Mal das beste plattdeutsche Lied. Junge Musiker zwischen 15 und 30 können sich bis zum 22. September 2019 auf www.plattsounds.de bewerben. Gesucht werden Gruppen und Solokünstler aus den Landkreisen Lüneburg, Harburg, Heidekreis, Celle, Uelzen, Lüchow-Dannenberg, Gifhorn und Wolfsburg. Auch wer kein Plattdeutsch spricht, ist zum Wettbewerb eingeladen. Die Organisatoren bieten Hilfe beim Übersetzen und Einüben des plattdeutschen Liedes an; zur Bewerbung kann ein Lied auch in hochdeutscher oder englischer Sprache eingereicht werden. Bedingung für eine Teilnahme an der Endausscheidung am 9. November 2019 ist dann aber ein plattdeutscher Text. (celler-presse.de)


5. Denglisch

Zwischen Musik und Politik

An der Westfälischen Wilhelms-Universität fand vergangene Woche eine Tagung zum Thema Musik statt. Das Germanistische Institut beschäftigte sich mit der Frage, wo sich politische Botschaften in der deutschen Popmusik finden: The Sound of Germany. (wn.de)


6. Schnipsel: Fettnäpfchen

Aus dem Stellenangebot eines Freisinger Arztes: Er sucht eine „freundliche und motivierte Arzthelferin oder Krankenschwester (m/w)“ und fügt hinzu: „Gerne auch Berufsanfänger.“ Wenigstens dieses Wort stimmt, gemeint sind ja alle.


7. VDS-Termine

8. April, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

8. April, Region 20, 22 (Hamburg)
Jahres-Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

10. April, Region 04 (Leipzig)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Raum S 122, Seminargebäude der Universität Leipzig, Universitätsstr., 04109 Leipzig

11. April, Region 83 (Rosenheim, Oberbayern)
Themen- und Diskussionsabend: „Die deutsche Sprache im Zangengriff zwischen Anglizismen und Gender“
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Landgasthof Bauernwirt, Ströbinger Str. 1, 83093 Bad Endorf

13. April, Region 78 (Bodensee/Ostschwarzwald)
Mitgliedertreffen
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Café am Marktplatz, Marktplatz 2, 78234 Engen

16. April, Region 57 (Siegen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Landgasthof Merje, Kredenbacher Str. 18, 57223 Kreuztal-Kredenbach

23. April, Region 01 (Dresden, Riesa)
Besuch im Schulmuseum mit Besuch einer Schulstunde zur Kaiserzeit

Veranstaltung findet nicht statt. Nachholtermin im Oktober.

24. April, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

29. April, Region 50, 51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, die anderen Geschlechter auch. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.