Infobrief Nr. 464 (19. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Analphabetismus

Bild: pixabay / blickpixelPixabay-Lizenz

Mehr als sechs Millionen Erwachsene in Deutschland haben erhebliche Lese- und Schreibprobleme in der deutschen Sprache. Das zeigt die in vielen Medien zitierte Studie des Bundesbildungsministeriums. In der Zahl enthalten sind jene, die zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, aber keine zusammenhängenden Texte verstehen können. Das gilt nicht nur für lange Sätze. Bemerkenswert an der Studie ist der Zusammenhang zwischen Analphabetismus und Herkunft. Für etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen ist Deutsch die Muttersprache. Die übrigen haben einen Migrationshintergrund; die meisten geben an, sie könnten in ihrer eigenen Muttersprache anspruchsvolle Texte lesen und schreiben. Menschen mit Flüchtlingsstatus nahmen nicht an der Studie teil.

„Laut Studie haben gerade einmal 0,7 Prozent der Betroffenen in den zwölf Monaten vor der Befragung an einem Alphabetisierungskurs teilgenommen“, berichtet die Süddeutsche Zeitung. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Seit der Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 hat sich die Zahl der Menschen mit geringen Lese- und Schreibfähigkeiten von 7,5 auf 6,2 Millionen Menschen verringert. (sueddeutsche.de, sueddeutsche.de)


Kritik an neuen Gesetzesnamen

Immer häufiger arbeitet die Politik mit wohlklingenden Bezeichnungen. Sie sollen Gesetze verständlicher machen. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) begann im Januar 2019 mit dem Gute-Kita-Gesetz, wenig später folgte das Starke-Familien-Gesetz, und fortgesetzt wurde das ganze von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) mit dem Geordnete-Rückkehr-Gesetz.

Ernst Osterkamp, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, kritisiert die positiv wertenden Gesetzesnamen: „Solche Titulierungen verbinden Gesetzgebungsverfahren mit den Strategien der Reklame. Sie geben damit einen Vertrauensverlust gegenüber der Politik zu erkennen, schon deshalb sollte man auf sie verzichten.“ Solche Namen ließen die Gesetze positiver erscheinen, als sie es sind. Dagegen befürwortet Everhard Holtmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die neuen Gesetzesnamen und sagt, gegen den positiven Signalcharakter sei nichts einzuwenden: „Man kann darin den Sinn sehen, die Adressaten von Gesetzen stärker auf diese aufmerksam zu machen.“ (deutschlandfunk.de, stuttgarter-nachrichten.de, maz-online.de)


Wahlen in leichter Sprache erklärt

Die rheinland-pfälzische Landesregierung hat ein Video veröffentlicht, in dem die anstehenden Kommunalwahlen in leichter Sprache erklärt werden. Das soll Menschen mit Lernschwierigkeiten zum Wählen ermutigen. Leichte Sprache ist eine Sprachvariante, die den Inhalt von Texten verständlicher machen soll. Sie besteht aus kurzen Sätzen und möglichst wenigen Fremdwörtern, enthält dagegen viele erklärende Beispiele. „Mit unserem Video möchten wir einen Beitrag leisten, dass Menschen mit Behinderungen aktiv ihr Wahlrecht wahrnehmen können“, teilten Sozialministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) und der Landesbehindertenbeauftragte Matthias Rösch mit. Ähnliches wurde in Osnabrück umgesetzt. Alle Infos zur Europawahl und zum Bürgerentscheid über eine kommunale Wohnungsgesellschaft wurden in leichte Sprache übersetzt und unter osnabrueck.de/leichte-sprache angeboten. (hasepost.de, n-tv.de)
Video: msagd.rlp.de


Finnisch in Not

„Der ohnehin schon begrenzte Raum der schwedischen Sprache in der finnischen Gesellschaft wird immer kleiner, aber jetzt schrumpft auch der Anwendungsbereich des Finnischen“, schrieb Helsingin Sanomat (zitiert in der Finnischen Rundschau vom März 2019). Der Verzicht auf die Muttersprache zugunsten des Englischen werde zunächst nur einige Teilbereiche betreffen, dann aber immer weitere Sphären des Lebens. Damit hat sich die Finnische Sprachkommission in ungewöhnlich scharfem Ton an die Öffentlichkeit gewandt. Die Nationalsprachen Finnisch und Schwedisch weichen dem Englischen nicht nur in Wissenschaft und Unterricht, sondern auch im Arbeitsleben, sogar im Kundendienst.

Kommentar

Dagegen blüht auch hierzulande das sattsam bekannte Argument, die Muttersprache müsse sowieso durch die Weltsprache Englisch ersetzt werden. Eine Schnapsidee, denn das dauert mehrere Generationen, und bis dahin kommen wir mit einem immer noch schwachen Englisch und einem nicht mehr hochwertigen Deutsch aus? Wenigstens in Finnland regt sich der Widerstand gegen solchen Schwachsinn.


2. Unser Deutsch

Bruch

Alte Wörter erhalten neue Bedeutungen. Das ist das gängigste Verfahren, mit dem wir das Universum unseres Wortschatzes erweitern – neben der Bildung neuer Wörter durch Zusammensetzung oder Ableitung – und natürlich der Entlehnung.

Oft ist ein neuer Gebrauch nur lokal oder regional üblich. Als ich von Hessen nach Franken kam – es war die Vorweihnachtszeit – wurden die beliebten Lebkuchen in Läden und auf Straßenständen auch als Bruch angeboten. Macht nichts, dachte ich mir, wenn es etwas bröckelt, Hauptsache frisch. Überraschenderweise wurde der Bruch in hübschen Tüten und allen Variationen angeboten. Und drinnen keinerlei Zerbrochenes. Kein Bruch, wie in der Kaufmannssprache die beschädigte, minderwertige Ware genannt wird. Vielmehr gilt hier alles als Bruch, was den lokalen Verbrauchern angeboten wird, im Gegensatz zu den bedruckten Blechkistchen oder Dosen, die für Geschenke, für den Export in deutsche und fremde Lande bestimmt sind. Natürlich ist der Bruch ein bisschen preiswerter, aber um nichts schlechter. Das wäre den Franken nicht zu verkaufen.

Inzwischen haben wir die neue Bedeutung von Bruch adaptiert und wundern uns nicht, wenn in der Spargelzeit auch Bruch angeboten wird. Jetzt allerdings wirklich verbrochene Stiele, krumme, dünne, auch holzige. Alles per Kilo und für die Hälfte. Aber immer frisch. Die fränkische Hausfrau schält lieber etwas länger, nutzt das Geschälte für eine Suppe und genießt die kurze Spargelzeit in vollen Zügen. Und selbstverständlich zieht sie den ‚fränkischen‘, den regionalen Spargel, allen Importen von Kavalla bis Spanien oder gar aus Peru oder Mexiko vor.

Bleibt eine kurze Anmerkung zur Wortbildung von Bruch. Es kommt von brechen. Ähnlich gebildet sind Wurf von werfen, Trunk von trinken, Guss von gießen insgesamt etwa zwei Dutzend häufig gebrauchte Substantive. Hinzukommen viele Ableitungen mit Präfix wie Freispruch, Fortschritt, Hinauswurf zu den Verben freisprechen, fortschreiten, hinauswerfen. Es ist dies eine Wortbildung, die den Ablaut benutzt, das heißt den Wechsel im Stammvokal (also von e zu u wie in brechen zu Bruch). Den Ablaut kennen wir vor allem aus der Tempusbildung starker Verben wie in trinken, trank, getrunken. Er ist bereits seit über 1000 Jahren nicht mehr produktiv. Beim Verbum wurde er durch die schwache Tempusbildung mit t-Suffix ersetzt wie in setzen, setzte, gesetzt, in der Wortbildung durch Präfixe und Suffix. Trotzdem werden starke Verben und Substantive mit Ablaut bis heute sehr häufig gebraucht. Sie gehören zum Grundwortschatz des Deutschen, der in seiner Frühzeit gebildet wurde. Dies Neben- und Miteinander von heutiger produktiver Bildung und überkommenen Prägungen machen das Leben unserer Sprachen aus. Das gilt übrigens auch für das vielbesprochene generische Maskulinum. Man kann es nicht beseitigen, aber durch Alternativen ergänzen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Deutsche Literatur in den USA

Übersetzte Literatur macht auf dem amerikanischen Buchmarkt einen geringen Anteil aus. Damit sich das ändert, waren vergangene Woche deutsche Autoren auf dem Bay Area Book Festival in Kalifornien vertreten und stellten ihre Bücher vor. Dabei waren Takis Würger, Autor des kontrovers diskutierten Romans „Stella“, die ukrainischstämmige Schriftstellerin Katja Petrowskaja, Nora Krug mit ihrem Roman „Heimat. Ein deutsches Familienalbum“ sowie die Schweizerin Dorothee Elmiger. Das Bay Area Book Festival hatte mehr als 250 Autoren eingeladen, davon knapp zehn Prozent aus dem Ausland. Vor zwei Jahren stellte bereits die Jugendbuchautorin Cornelia Funke ihre Bücher in Kalifornien vor. (focus.de)


Joseph-Breitbach-Preis

Seit 1998 verleiht die Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz den Joseph-Breitbach-Preis an deutschsprachige Schriftsteller. Der diesjährige Preisträger ist Thomas Hettche, der als Stilist und Mitgestalter der ästhetischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte gilt. Er gehöre zu den herausragenden Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur verkündet die Akademie. Hettche studierte Germanistik, Philosophie und Filmwissenschaft und lebt heute als freier Schriftsteller in Berlin und in der Schweiz. Der Joseph-Breitbach-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert und wird am 20. September im Theater Koblenz verliehen. (boersenblatt.net, volksfreund.de)


4. Denglisch

Leben leicht gemacht

Nicht jeder versteht die englischen Begriffe, die im Gebrauch mit Smartphones alltäglich verwendet werden. Wir posten Fotos, verschicken Emojis und installieren Apps. Wenn man nicht mit diesen Begriffen aufgewachsen ist, bedürfen sie der Erklärung. Das Büro für Leichte Sprache in Dormagen will das komplizierte Sprachniveau und die vielen Anglizismen der digitalen Welt in einfache und verständliche Sprache verwandeln. „Wir stellen fest, dass es fast immer um drei große Themen geht: Whatsapp, Sprachnachrichten und Emojis“, sagt Michaela Holzberg. Ihr Büro bietet eine kostenlose Beratung zur Nutzung von Händis an. Das Angebot gilt nicht nur Senioren, sondern allen Mitbürgern mit Lernschwächen. Jeder Besucher erhält kostenlos das Heft „Handynutzung leicht gemacht“. Allerdings geht das Beratungsangebot über das mobile Telefonieren hinaus. Fragen dürfen zu nahezu allen Lebensbereichen gestellt werden, wo die Sprache zu sperrig ist, beispielsweise um ohne sinnlose Hürdenläufe einen Hund anzumelden. (rp-online.de)


5. VDS-Termine

11. Mai, Region 99 (Weimar, Thüringen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 15:30 Uhr
Ort: Zum Hamster, Hauptstr. 24, 99100 Großfahner

13. Mai, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

13. Mai, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

15. Mai, Region 76 (Karlsruhe, Baden-Baden)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Leonardo, Ettlinger Str. 23, 76137 Karlsruhe

17. Mai, Region 24, 25, 26 (Schleswig-Holstein)
Mitgliederversammlung und Vortrag „Wertschätzend miteinander sprechen: Gewaltfreie Kommunikation“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Sportrestaurant Altenholz, Klausdorfer Str. 78b, 24161 Altenholz

20. Mai, Region 56 (Koblenz)
Mitgliederversammlung und Vortrag von Dr. Werner Langen MdEP Die deutsche Sprache in den Gremien der Europäischen Union
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Kurt-Esser-Haus, Markenbildchenweg 38, 56068 Koblenz

22. Mai, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

25. Mai, Region 47 (Duisburg, Moers, Krefeld)
Mitgliedertreffen und Regionalwahl
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Seniorenclub „Em Cavenn“, Albert-Steeger-Str. 27, 47809 Krefeld

28. Mai, Region 01 (Dresden, Riesa)
Sinnvolle und hilfreiche deutsche Werbung oder sinnlose „denglische“ Werbung in Dresdens Handel und Gewerbe am Beispiel. Jeder bringt ein Beispiel mit (Foto oder Text mit Ortsangabe); (es könnte eine Aktion in der Altmarktgalerie folgen: „Wie wirkt die Werbung auf die Kunden?“)
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstraße 3, 01326 Dresden

6. Juni, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Grollander Krug, Hotel Robben, Emslandstr. 30, 28259 Bremen

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, die anderen Geschlechter auch. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.