Infobrief Nr. 467 (22. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Sprachpanscher 2019

Bild: pixabay / mintchipdesignsPixabay-Lizenz

Es ist wieder soweit: Die fünf Kandidaten für den jährlichen Sprachpanscher sind nominiert worden. Die Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache wählen ihn nun zum 22. Mal. Angeführt wird die Reihe von Heidi Klum, die in ihrer Sendung Germany’s Next Topmodel kaum einen Satz ohne Anglizismen über die Lippen bringt. Ein Topmodel muss personality haben, challenges meistern, sich einem umstyling unterziehen und außerdem den neuen look am Ende vor friends und families präsentieren. Auch Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist nominiert. Seine Fahrradhelm-Kampagne mit der Aufschrift „Looks like shit. But saves my life.“ wird für ihre sexistische Aussage kritisiert sowie für die Annahme, deutsche Jugendliche wären nur noch auf Englisch anzusprechen, noch dazu in falschem. Aber nicht nur Denglisch bietet einen Grund zur Nominierung als Kandidat. Vertreten sind der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der Genderdeutsch mit Imponierdenglisch verstrickt, sowie Hannovers Ex-Oberbürgermeister Stefan Schostok, der es dank seinenr Vorschriften zur Gendersprache in der Stadtverwaltung auf den Stimmzettel geschafft hat. Den Zettel vervollständigt die Südzucker AG, die aus einem Wort gleich drei gemacht hat: Puder Zucker Mühle – welche ein Anfänger Fehler! (vds-ev.de, swp.de)


Perspektiven auf die Gendersprache

Während man in Braunschweig noch die Verständlichkeit geschlechtergerechter Texte erforscht, schießt man in Siegen bereits auf die Zielgerade zu. Martina Kratzel, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Siegen, arbeitet an einem Prospekt, der den Angestellten in der Verwaltung die Verwendung der Gendersprache erleichtern soll. „Sprache erzeugt Bilder“, sagt sie und findet es problematisch, dass Frauen in diesen Bildern nicht auftauchen. Der Gleichstellungsplan fordert Respekt und Höflichkeit sowie das eindeutige verbale Sichtbarmachen von Frauen. Demnach sind geschlechtergerechte Formulierungen Pflicht für die gesamte interne und externe behördliche Kommunikation in Siegen, schriftlich sowie mündlich. An der Technischen Universität Braunschweig dagegen befindet sich die Gendersprache noch auf dem Prüfstand. Im Rahmen einer psychologischen Studie wurden den Studenten verschiedene Versionen eines Schreibens vorgelegt, jeweils mit oder ohne Gebrauch von Gendersprache. Anschließend wurde die Verständlichkeit der Texte bewertet. Das Ergebnis: Die rund 350 Versuchspersonen stuften die Verständlichkeit der verschiedenen Texte als gleich ein.

Im Verein Deutsche Sprache werden wir nicht müde, weiterhin auf das Missverständnis der Gendersprache aufmerksam zu machen. Stephanie Zabel erklärt in der Lokalzeit Duisburg, wo das Problem liegt und weshalb das generische Maskulinum mit Diskriminierung jedenfalls nichts zu tun habe.

Video: wdr.de
Siegen: wp.de
Braunschweig: waz-online.de


Deutsche Bildung im Ausland

Werte vermitteln, Fachkräfte bilden – unter diesem Motto findet am 6. Juni 2019 das jährliche Symposium des Weltverbands Deutscher Auslandsschulen (WDA) in Berlin statt. Insgesamt 140 deutsche Auslandsschulen in mehr als 70 Ländern sind Orte des interkulturellen Dialogs. Die Schüler können dort sowohl deutsche als auch internationale und einheimische Schulabschlüsse erwerben. Auf dem WDA-Symposium geht es um eine Standortbestimmung des Deutschen Auslandsschulwesens. Sollen die Schulen in erster Linie Werte vermitteln oder liegt der Fokus auf der Ausbildung der Fachkräfte? Fragen wie diese sollen mit Vertretern aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft diskutiert werden. Zu den Rednern gehören Christian Wulff, Bundespräsident a.D., Michelle Müntefering, Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, sowie der Präsident der Freien Universität Berlin, Prof. Dr. Günter Ziegler. (newsletter.auslandsschulnetz.de)


2. Unser Deutsch

Saftschubse

Unfreundliche, saloppe Bezeichnung von Stewardessen, deren Hauptaufgabe im Verteilen von Getränken und Mahlzeiten im Flugzeug besteht. Es sind meist gutaussehende junge Damen, die einen Karren mit Flaschen, Saftbehältern und abgepackten Speisen durch den Gang zwischen den Sitzreihen schieben: Stückchen voran, mit dem Fuß arretieren, nach rechts und links die Wünsche erfragen, immer lächeln, bücken, Essenstablett herausholen, überreichen, Saft einschenken, überreichen, dann Karren zwei Reihen vorschubsen, und weiter, alles wie gehabt, bis alle versorgt sind.

Warum dieser despektierliche Ausdruck? Neu gebildet aus dem Ausdruck Saft schubsen. Saft steht hier für die genannte Karre mit Getränken. Eine eher seltene Bildungweise, darum auffällig. Aber warum diese Herabwürdigung? Ich denke, es ist eine Reaktion auf den Höhenflug dieser fliegenden Berufsgruppe, die Überschätzung kostenloser Weltreisen, des Anbändelns mit betuchten Bussinessclass-Reisenden oder mit gutverdienenden Flugkapitänen. Inzwischen hat Fliegen jegliche Exklusivität verloren, ist Alltag mit langen Wartezeiten, wenig Beinfreiheit, mittelmäßiger Kost. Dazu passt der edle Name Stewardess nicht mehr, die Airlines haben ihn schon durch das schlichtere Flugbegleiter ersetzt, das einstmals noch geschlechtsneutral gebraucht wurde. Es ist verbale Abwehr gegen die Überschätzung dieses Berufs, gegen den Schein gepflegter Weiblichkeit, der von gestärkter Uniform, frischem Makeup und routinierter Freundlichkeit ausstrahlt.

Aber eigentlich kein leichter Job. Wenn der Flieger durch die Gewitter rüttelt, immer neue Sonderwünsche vorgebracht werden – neben mir ließ sich eine geübte Reisende zweimal Ayran, dann Wasser, dann Kaffee, dann noch mal Wasser servieren -, und wenn es ernst werden sollte – Emergency! – dann die Ruhe bewahren, helfen, als letzter aus dem brennenden Flieger. Überhaupt nicht beneidenswert. Auch wenn eine von ihnen nach diesem Job bis zur TV-Moderatorin aufgestiegen ist. Karrieren gibt es auch in anderen Berufen.

Also, liebe Saftschubsen, nehmt es nicht übel, nehmt es sportlich. Ihr könnt Euch wenigstens bewegen in den Fliegern, während wir in der Klemme hocken, aufs Essen warten, endlich das Aufgewärmte mit Plastikbesteck auslöffeln, hoffentlich nicht bekleckert lange warten, bis die geleerte Schale wieder entgegengenommen wird von den jungen Frauen mit den Saftkarren. Wenigstens das ein erfreulicher Anblick.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Berichte

Werbewerke werden auch 2019 ausgeschrieben

Die deutsche Sprache ist in der Theorie als europäische Amtssprache gesichert, wird jedoch in der Praxis von deutschen Abgeordneten gemieden. Auf der Mitgliederversammlung der Region 56 (Koblenz) am 20. Mai 2019 sprach Dr. Werner Langen über die deutsche Sprache in den europäischen Gremien. Der Vortrag des langjährigen Europaabgeordneten zeigte, wie notwendig und sinnvoll Maßnahmen zur Stärkung der deutschen Sprache sind. Nach einem kurzen historischen Rückblick auf das Deutsche als Amtssprache ging es um die Sprachpolitik in verschiedenen Ländern. Auf der anschließenden Mitgliederversammlung der Region wurde einstimmig beschlossen, den seit 2008 jährlich durchgeführten Wettbewerb Werbewerke auch 2019 auszuschreiben. Der Wettbewerb würdigt gutes, einfallsreiches Deutsch in der Werbung. Untermalt wurde die Veranstaltung vom Neuwieder Liedermacher Manfred Pohlmann. Er spielte mehrsprachige Lieder und beendete den Abend traditionsgemäß mit dem alten Volkslied Die Gedanken sind frei. (pr-inside.com)


4. Kultur

Zwischen Humor und Düsternis

Im Alter von 95 Jahren ist die Kinderbuchautorin Judith Kerr gestorben. Bekannt wurde sie in Deutschland durch das Buch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, das die Geschichte ihrer Freundin Anna erzählt, die auf der Flucht ein rosa Plüschkaninchen in Berlin zurücklassen muss. Als Neunjährige floh Kerr mit ihrer jüdischen Familie aus Berlin und verarbeitete diese Erfahrung, indem sie über Flucht, Vertreibung und Rassismus aus ihrem kindlichen Blickwinkel schrieb. Doch Kerr sah sich selbst weniger als Schriftstellerin denn als Illustratorin. „Ich kann mich nicht an eine Zeit erinnern, als ich nicht zeichnen wollte“, sagte sie. Klassiker waren ihr Bilderbuch Der Tiger kommt zum Tee sowie die Kinderbuchserie um den Kater Mog. Typisch für ihre Werke war die Verbindung von Leichtigkeit und Humor mit einem Anflug von Düsternis. Judith Kerrs Bücher werden weltweit millionenfach gelesen, dennoch ist sie als Autorin ein bescheidener Mensch geblieben. (focus.de, waz.de, rp-online.de)


Literaturpreis Text & Sprache

Der jährlich verliehene Literaturpreis Text & Sprache geht in diesem Jahr an die junge Autorin Enis Maci, die ihre Texte für die Bühne, das Internet und das gedruckte Buch schreibt. Maci stammt aus Gelsenkirchen, sie studierte Literarisches Schreiben und Kultursoziologie, und wurde 2018 zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres gewählt. Die Jury begründete ihre Entscheidung unter anderem mit der innovativen und mitreißenden Schreibweise, in der Maci die Gegenwart erzähle. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis wird vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft verliehen. Die Preisverleihung findet am 12. Oktober in Leipzig statt. (boersenblatt.net, presseportal.de)


5. Denglisch

Denglisch im Wörterbuch

Der Duden hat 200.000 Wörter, das Grimmsche Wörterbuch 350.000. Tatsächlich enthält das Deutsche rund fünf Millionen Wörter. Wie groß mag der Anteil der Wörter sein, die aus anderen Sprachen, vorzugsweise aus dem Englischen übernommen wurden? Sprachwissenschaftler Wolfgang Klein verantwortet das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache. Er versichert, dass der Anteil an Wörtern aus anderen Sprachen immer noch sehr gering sei. Jedoch gebe es auffällige Bereiche, vor allem das Marketing mit Werbung und Verkauf. Für Klein hat die Anglisierung der deutschen Sprache zwei Seiten. „Ich finde, dass Anglizismen in vielen Fällen eine Bereicherung sind, in manchen scheußlich. Dass man etwas als Service Point bezeichnet, kann ich nicht nachvollziehen. Auf der anderen Seite bezeichnen sie Dinge, die es vorher nicht gab.“ (badische-zeitung.de)


6. Kommentar zur Lage

Man wird als Sprachfreund mehr reden und schreiben müssen über den Umgang mit der Sprache. Bei der gängigen Politikverdrossenheit dürfte es sich eher um Abscheu, Zorn und Wut gegenüber Personen handeln, also um Politikerverdrossenheit.


7. VDS-Termine

5. Juni, Region 97 (Würzburg)
Mitgliedertreffen und Vortrag von Dr. Christoph Weißer, stellv. Regionalleiter
Worthülsen und Phrasen in der Sprache der Politik
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Am Stift Haug, Textorstr. 24, 97070 Würzburg

6. Juni, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

6. Juni, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Grollander Krug, Hotel Robben, Emslandstr. 30, 28259 Bremen

10. Juni, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

11. Juni, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

12. Juni, Region 38 (Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg)
Projekttag für Studenten an der Hochschule Harz / Vorstellung VDS – Seminar „Gutes Deutsch in Wirtschaft und Wissenschaft“ (Prof. Dr. B. Klauk, Dipl.-Ing. J. Bönisch)
Zeit: 9:30 – 14:30 Uhr
Ort: Hochschule Harz, Friedrichstr. 57-59, 38855 Wernigerode

13. Juni, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

14. Juni, Region 60 (Frankfurt/Main)
Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung (Raum 4)
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Bürgerhaus Griesheim, Schwarzerlenweg 57, 65933 Frankfurt am Main

17. Juni, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

21. Juni, Region 08 (Zwickau, Plauen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthof zur Eiche, Klingenthaler Str. 22, 08209 Auerbach

26. Juni, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

27. Juni – 29. Juni
Deutsche Sprachtage in Halle (Saale)
27. Juni: Bildungsreise
28. Juni: Tagung der Arbeitsgruppen sowie offizielle Eröffnung
29. Juni: Delegiertenversammlung

30. Juni, Region 48 (Münsterland)
Lyriknachmittag an der Ems
Zeit: 15:00 Uhr
Nähere Informationen: vds-ev.de

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.