Infobrief Nr. 468 (23. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Lernmittel YouTube

Bild: pixabay / mohamed_hassanPixabay-Lizenz

Eine aktuelle Studie des Rates für Kulturelle Bildung stellt fest: Viele Schüler lernen selbständig mithilfe von YouTube-Videos. 86 Prozent der 818 befragten Jugendlichen geben an, die Plattform generell zu nutzen. 47 Prozent der befragten Schüler nutzen YouTube für Schulthemen. Ob zur Wiederholung des Stoffes, für die Hausaufgaben oder zur Prüfungsvorbereitung – YouTube ist – oder erscheint – relevant. Knapp 60 Prozent der Jugendlichen wünschen sich eine kritische Auseinandersetzung mit YouTube im Unterricht und die schulische Unterstützung bei der Erstellung von eigenen Videos. „Eine wichtige Schlussfolgerung aus der Studie ist, dass man dieses Medium nicht ignorieren darf“, betont Eckart Liebau, Vorsitzender des Rates für kulturelle Bildung. Man könne davon ausgehen, dass YouTube die Bildungslandschaft im ganzen berührt und verändert. (zdf.de, tagesspiegel.de)


Ärger um das Wurschtbrot

Im bayrischen Schwandorf soll eine Erzieherin einem Kind verboten haben, Wurschtbrot zu sagen. Das Mädchen solle nicht im Dialekt sprechen, korrekt hieße es Wurstbrot. Heftig kritisiert wird der Vorfall vom Bund Bairische Sprache: Der Dialekt im Elternhaus solle als Grundlage für eine spätere Mehrsprachigkeit weitergegeben und im Kindergarten gefestigt werden. Auf der Facebook-Seite des Bundes heißt es: „Wer Fälle von Verächtlichmachungen unserer Muttersprache kennt, soll sich an uns wenden. Wenn es möglich ist, machen wir die Verfehlungen bekannt.“ Eine offizielle Bestätigung für den Vorfall in Schwandorf gibt es jedoch nicht. Die Leiterin des Kindergartens gab an, nichts dergleichen gehört zu haben und betonte, dass keinem Kind der Dialekt verboten würde. (stern.de, augsburger-allgemeine.de)


Moral gegenüber Taktgefühl

Zum Thema Sprachgendern begegnen einander Befürworter und Gegner immer öfter. Zwar meint der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch, dass das grammatisch maskuline Geschlecht einer Fiktion ähnelt. Aber selbst als Gegner des Sprachgenderns kann man sich – probehalber! – auf folgenden Gedanken einlassen: Wer darauf besteht, dass mit dem Wort Lehrer nur Männer gemeint sein können, der glaubt es irgendwann selber. Ärger gibt es, wenn aus dem Glauben eine Mission erwächst. Treffend bemerkt Stefanowitsch in der Aachener Zeitung: „Egal, wie recht einige Leute mit ihren Forderungen haben, kann es kontraproduktiv sein, bestimmte Dinge einfach umzusetzen.“ (aachener-zeitung.de)

An gleicher Stelle meint Joachim Söder, Professor für Philosophie an der Katholischen Hochschule Aachen: „Es gibt nicht den moralischen Imperativ der Gendergerechtigkeit. Egal, welche Art von Ethik oder von Moralphilosophie man zu Grunde legt: Es gibt keine moralische Verpflichtung dazu.“ Stattdessen plädiert Söder für Entspannung: „Ich finde, wir müssen aus dieser Moralisierungsfalle herauskommen und für Höflichkeit plädieren.“ Er hätte auch Taktgefühl sagen können, oder Herzenstakt. Der uns beispielsweise beim ersten Rendezvous daran hindert, so herauszuplatzen: „Meine Fresse, sind Sie aber hässlich!“ (aachener-zeitung.de)


Politiker sind keine Sprachpianisten

Im Zeit-Magazin nimmt Heike Faller deutschsprachige Politiker in Schutz, die sich international auf Englisch durchschlagen. Nicht ohne Seitenhiebe wie diesen: „Auch Wolfgang Schäuble, von dem man fairerweise sagen muss, dass er kaum Grammatikfehler macht, klingt auf englischen Pressekonferenzen wie ein Schwabe, der in der Bronx überfallen wird und verzweifelt versucht, aus der Situation herauszukommen.“ Indes vermutet auch Faller, dass die Bürger von den Politikern zu viel verlangen. Deshalb sei hier an den Beruf der Dolmetscher und Übersetzer erinnert. Auf Augenhöhe mit englischen Muttersprachlern bewegen sich nur Profis. Auch Pianisten lernen lange und üben täglich. (zeit.de)


2. Unser Deutsch

Worte und Wörter

Wieso hat unser Wort zwei Pluralformen, Worte und Wörter? Wie unterscheiden sie sich und wie kam das zustande? Dazu müssen wir Form und Inhalt betrachten. Wir beginnen mit dem Bedeutungsunterschied! Die Wörterbücher nennen beim Lemma Wort zwei Hauptbedeutungen: (1) ‚Kleinste selbständige sprachliche Einheit in Laut und Bedeutung‘ (zur Erklärung: kleiner sind die unselbständigen Einheiten, d.h. Laute, Stämme und Affixe, und größer die Einheiten Satz und Text), (2) ‚Ausspruch, der aus mehreren Wörtern oder einem ganzen Text besteht‘.

Im Singular kommen beide Verwendungen vor: z. B. (1) ein Wort buchstabieren, er sagte kein einziges Wort, auch in Zusammensetzungen wie Fachwort, Schimpfwort, Wortklauberei. Vielseitiger ist Bedeutung (2), z.B. jemanden beim Wort nehmen, jemandem das Wort abschneiden, Wort halten, Gottes Wort, auch in Zusammensetzungen wie Sprichwort und Vorwort sowie in Zitaten wie Du sprichst ein großes Wort gelassen aus (Goethe, Faust).

Anders steht es bei den zwei Pluralformen. Hier verteilt sich die Bedeutung. Die Form Wörter kommt nur in Bedeutung (1) vor, z.B. in dieser Text hat 2000 Wörter, auch in den Zusammensetzungen Wörterbuch, Wörtersammlung. Dagegen begegnet der Plural Worte fast nur in Bedeutung (2) , z.B. in den Wendungen in knappen/anderen Worten, Worte des Dankes, ohne Worte, denk an meine Worte, auch im Zitat Der Worte sind genug gewechselt (Goethe, Iphigenie).

Die heutige Unterscheidung bildete sich in der Frühen Neuzeit heraus und wurde schon 1663 von dem Grammatiker Justus Georg Schottel formuliert: Wörter pflegt man zu gebrauchen, wenn die Meinung auf etzliche eintzelne Wörter gerichtet ist: Worte aber, wann man eine gantze Meinung andeutet.

Auch ein alter Kalauer hat sich seiner bedient: Ein Mann ein Wort – eine Frau ein Wörterbuch.

Es bleibt die Frage: Wie kam es zu dieser doppelten Pluralbildung und zu der semantischen Differenzierung? Die Antwort führt uns zu einer grundlegenden Entwicklung im System der Substantivflexion. Sie wurde ausgelöst durch den starken Akzent auf der betonten Silbe, das führte zum Verfall der Endungen, welche die Flexion markieren. Das wiederum löste zwei Ersatzstrategien aus: teils wurden die drei Kategorien Genus (Maskulinum, Femininum, Neutrum), Numerus (Singular/Plural) und Kasus (Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ) zunehmend durch die begleitenden Artikel der/die/das oder entsprechende Artikelwörter ausgedrückt, teils wurde die Pluralbildung durch die Suffixe -e, -er und –er + Umlaut (Haus – Häuser) ausgebaut.

So erhielten auch Wörter, die im Althochdeutschen keine Pluralform hatten wie blat, ding, kint, lant, rint, tal, wort eine eigene Pluralform, manchmal auf –e (Dinge), meist auf -er (Kinder, Rinder), und wo Umlaut möglich war, auch Umlaut + -er (Blätter, Länder, Täler, Wörter). Die Konkurrenz von –e und –er führte jedoch in einigen Fällen dazu, dass beide Pluralformen erhalten blieben wie in Dinge/Dinger, Lande/Länder, Orte/Örter, Stücke/Stücker und eben Worte/Wörter. Dies sind gleichsam Reste bei der Neuordnung der Pluralkennzeichnung.

Aber warum sind sie nicht gleichbedeutend? Hier zeigt sich ein ökonomischer Zug der Sprachentwicklung. Varianten werden genutzt, den Bedarf an semantischer Differenzierung zu decken. Wir sehen das besonders häufig im Schreibsystem, z.B. bei das und daß/dass. Wir sehen es auch, wenn Entlehnung und einheimisches Wort sich in inhaltlichen Nuancen unterscheiden wie z.B. Arbeit und Job, Ticket und Fahrschein, Respekt und Rücksicht.

Bleibt die letzte Frage: warum steht der deutlich markiertere Plural von Länder, Stücker, Wörter für das Zählbare, während Lande, Dinge, Worte eher einen Sammelbegriff bilden? Das muss offen bleiben, weil unerforscht.

Fazit: kleine Unterschiede haben oft tiefe Ursachen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Herz Kraft Werke

Sarah Connors erstes deutschsprachiges Album Muttersprache kam 2015 auf den Markt. Vier Jahre später bleibt sie mit Herz Kraft Werke bei ihrer Muttersprache. Jedes Lied stammt aus ihrer eigenen Feder und ist auf Deutsch geschrieben. (stern.de)


Zauberwelten

Über Harry Potter gibt es noch etwas zu entdecken. Die Autorin der Buchreihe, Joanne K. Rowling, hat vier neue Bände angekündigt. Um eine Fortsetzung der Geschichte handelt es sich dabei zwar nicht, aber man taucht tiefer in ihre magische Welt ein. Die Bücher behandeln die Schulfächer in Hogwarts: Zaubertränke und Kräuterkunde, Zauber und Verteidigung gegen die dunklen Künste, Weissagung und Astronomie sowie Pflege magischer Geschöpfe. Ab dem 27. Juni sollen die ersten beiden Bände als E-Buch unter anderem auf Englisch und Deutsch erhältlich sein. (kino.de, rp-online.de)


4. Denglisch

Bling-bling-Berufe

Auf Stellenanzeigen mit englischen Jobnamen regieren zu wenige Bewerber, beobachtet Reiner Pogarell, Leiter des Instituts für Betriebslinguistik in Paderborn. „Übernimmt dann eine bezahlte Personalagentur die Suche, werden die Anzeigen wesentlich einfacher und auf Deutsch formuliert“, sagt Pogarell. So wird aus dem Cash-Relation-Officer am Ende doch wieder der vertraute Kundenberater. „Und plötzlich bewerben sich Leute.“ (kn-online.de)

Kommentar

Zu meiden ist der Outplacement-Consultant. Er berät das Unternehmen bei Entlassungen von Mitarbeitern – außer seiner eigenen. Sei‘s drum, einen Vorteil haben die bunten Bling-bling-Titel: sie klingen irgendwie geschlechtsneutral. Das passt zum Zeitgeist: Wer etwas zu verbergen hat, sagt es auf Englisch.


5. VDS-Termine

10. Juni, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

11. Juni, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

12. Juni, Region 38 (Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg)
Projekttag für Studenten an der Hochschule Harz / Vorstellung VDS – Seminar „Gutes Deutsch in Wirtschaft und Wissenschaft“ (Prof. Dr. B. Klauk, Dipl.-Ing. J. Bönisch)
Zeit: 9:30 – 14:30 Uhr
Ort: Hochschule Harz, Friedrichstr. 57-59, 38855 Wernigerode

13. Juni, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

14. Juni, Region 60 (Frankfurt/Main)
Mitgliederversammlung mit Wahl der Regionalleitung (Raum 4)
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Bürgerhaus Griesheim, Schwarzerlenweg 57, 65933 Frankfurt am Main

15./16. Juni, Region 61, 63 (Bad Homburg, Offenbach, Hanau, Aschaffenburg)
Infostand am Mainuferfest
Zeit: 15. Juni, 16:00 Uhr – 16. Juni, 20:00 Uhr
Ort: Fest der Vereine am Mainufer, Hernstr. 59, 63065 Offenbach

17. Juni, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

21. Juni, Region 08 (Zwickau, Plauen)
Mitgliedertreffen mit Wahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthof zur Eiche, Klingenthaler Str. 22, 08209 Auerbach

26. Juni, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

27. Juni, Region 09 (Chemnitz)
Mitgliederversammlung und Vortrag von Heino Neuber
Bergbau und sein Einfluss auf die Sprachen
Zeit: 17:00 – 18:30 Uhr
Ort: Deutsches SPIELEmuseum e.V., Neefestr. 78A, 09119 Chemnitz

27. Juni – 29. Juni
Deutsche Sprachtage in Halle (Saale)
27. Juni: Bildungsreise
28. Juni: Tagung der Arbeitsgruppen sowie offizielle Eröffnung
29. Juni: Delegiertenversammlung

30. Juni, Region 48 (Münsterland)
Lyriknachmittag an der Ems
Zeit: 15:00 Uhr
Nähere Informationen: vds-ev.de

3. Juli, Österreich (Wien)
Zweiter Stammtisch des Jungen VDS in Wien (gemeinsam mit dem Verein „Muttersprache“)
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Café Ritter Ottakring, Ottakringer Str. 117, 1160 Wien, Österreich

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.