Infobrief Nr. 474 (29. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Wofür Peter Eisenberg mit dem Jacob-Grimm-Preis geehrt wird, und wofür nicht

Bild: pixabay / Free-Photos | Pixabay-Lizenz

Sehr viele Medien übernahmen einen Beitrag der Deutschen Presse-Agentur, der den diesjährigen Träger des Jacob-Grimm-Preises vorstellt, den Potsdamer Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg. Im Vordergund dieser Meldungen steht seine Kritik am Zwang zu geschlechtergerechter Sprache an Universitäten und in Behörden. Laut Eisenberg würden amtliche Stellen Dienstpflichtverletzungen begehen, wenn sie sich mit eigenen Leitfäden zum Gendern über die geltenden Rechtschreibregeln hinwegsetzten. Er kritisiert auch die Berliner Humboldt-Universität, die Wissenschaftler zwinge, Anträge auf universitäre Forschungsmittel in geschlechtergerechter Sprache zu verfassen.

Mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache hat dieses – wenn auch gängige – Thema nichts zu tun. Eisenberg erhält den Preis für seine großartigen Leistungen in der Erforschung der deutschen Grammatik. Sein Werk habe Maßstäbe gesetzt, erklärte der Bamberger Sprachwissenschaftler und Sprecher der Jury, Helmut Glück. An vielen Universitäten seien Generationen von Deutschlehrern an seiner Grammatik ausgebildet worden, in der Germanistik weltweit sei sie ein Standardwerk: „Eisenbergs Grammatik hat die Qualität der Lehre deutlich erhöht, wo sie mit Verstand eingesetzt wurde“, sagte Glück. Die Preisverleihung findet am 19. Oktober 2019 in Kassel statt. Weitere Preise bekommen die Hamburger Musikgruppe „Tonbandgerät“ und die Zeitung „Kaukasische Post“. (lvz.de, n-tv.de, kulturpreis-deutsche-sprache.de)


2. Unser Deutsch

Organspende

Am 26. Juni 2019 fand im Deutschen Bundestag die erste Lesung über ein Gesetz zur Organspende statt. Über zwanzig Abgeordnete haben dazu je fünf Minuten gesprochen. Es ging um zwei Anträge: die sogenannte Widerspruchslösung oder die Zustimmungslösung. Kurz gesagt um die Frage, ob ein Organ oder ein Gewebe eines gehirntoten Menschen automatisch entnommen werden darf, wenn der Betreffende dies nicht zuvor ausdrücklich abgelehnt hat, oder ob dies zuvor seiner ausdrücklichen Zustimmung bedarf. In diesem letzten Fall braucht sich der Mensch, sozusagen der künftige Tote, überhaupt nicht zu äußern. Er wird aber darüber informiert und auch aufgefordert, seine Zustimmung zu äußern und registrieren zu lassen.

Was hat dies ernste Problem mit der Sprache zu tun? Einige Abgeordnete haben es erwähnt, dass eine Spende immer eine freiwillige Gabe ist. Man kann sie geben oder (auf Nachfrage) verweigern oder sich überhaupt nicht darum kümmern. So wird das Wort Spende lexikalisch beschrieben: „eine freiwillige, zur Hilfe bestimmte Gabe“. Wie die Sache ist auch das Wort alt. Es ist schon im Althochdeutschen als spenta belegt, eine Abstraktbildung zu althochdeutsch spendōn, dies ist aus mittellateinisch spendere entlehnt, das zurückgeht auf lateinisch expendere ‚(Speise) ausgeben‘. Schon die Wortgeschichte deutet auf die Verteilung von Almosen hin. In der Tat war Spende ursprünglich ein kirchliches Wort, es ging um die Gabe von Almosen an Arme. Später erweiterte sich der Gebrauch, jeder kann spenden. Zu dem Gedanken freiwilliger Hilfe tritt nun ein Aspekt persönlicher Freigiebigkeit hinzu. Das kommt noch deutlicher in spendieren zum Ausdruck, einer studentischen Weiterbildung des 17. Jahrhunderts. Umgangssprachlich flott heißt es, einer habe die Spendierhosen an, er ist spendabel. Demgegenüber ist Spende ein gehobenes Wort. Allerdings hat die Flut des Spendens, für die die Deutschen berühmt sind, die Sache wieder normalisiert. Bei Banküberweisungen werden wir automatisch gefragt, ob es um eine Spende geht – die kann dann steuersparend angegeben werden.

Zurück zur Organspende. Der aktuelle Gebrauch, ebenso die Wortgeschichte, die bis ins Altertum reicht, weist vor allem folgende zwei Merkmale einer Gabe auf, welche Spende genannt wird: die Freiwilligkeit und der gute Zweck, die Hilfe für andere Menschen. Beides war bisher auch mit der Organspende verbunden. Die sogenannte Zustimmungslösung soll dies fortführen und verbessern: Es bleibt jedem überlassen, ob er spendet oder nicht oder ob er sich garnicht damit befasst. Dieser letzte Punkt macht den Hauptunterschied zur sogenannten Widerspruchslösung aus. Diese setzt den Spenderwillen automatisch voraus, sofern der Mensch nicht ausdrücklich widerspricht. Er wird also gesetzlich zur Stellungnahme gezwungen. Eben dies ist mit dem Grundgedanken jeder Spende unvereinbar. Man kann es tun, man kann es ablehnen und man kann es einfach ignorieren. Wenn die Widerspruchslösung Gesetz wird, dann sollte sie einen anderen Namen erhalten und nicht im Wort etwas behaupten, was sie nicht ist. Der Widerspruch zwischen der traditionellen Bedeutung von Spende und dem gesetzlich ausgeübten Zwang bliebe ein Dorn, welcher der allseits gewünschten Organspende wenig nützt und auch den Staat in Misskredit bringt, der dies verordnet.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Brigitte Kronauer ist tot

Wie ihr Verlag Klett-Cotta am Dienstag bekannt gab, ist die Schriftstellerin und Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer im Alter von 78 Jahren gestorben. Ihr erster Roman Frau Mühlenbeck im Gehäus erschien 1980. Zu ihren bedeutendsten Werken gehören dem Verlag zufolge Teufelsbrück (2000) , Verlangen nach Musik und Gebirge (2004), Errötende Mörder (2007), Gewäsch und Gewimmel (2013) und Der Scheik von Aachen (2016). Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte sie „die beste Prosa schreibende Frau der Republik‟. Kronauer hat für ihr Werk zahlreiche Preise bekommen, 2005 auch den wichtigsten deutschen Literaturpreis, von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Nicht mehr erleben wird sie das Erscheinen ihres letzten Buches Das Schöne, Schäbige, Schwankende, das ihr Verlag für August angekündigt hat. (dw.com)


4. Denglisch

Seltsam für die Briten

Die Britin Rachel Stewart stellt in einem englischsprachigen Video-Blog der Deutschen Welle mit den Namen Meet the Germans alle zwei Wochen Besonderheiten des deutschen Alltags und der deutschen Sprache vor. Stewart lebt seit 2016 in Deutschland und spricht ausgezeichnet deutsch. Auch die Denglisch-Neigung der Deutschen ist häufig Thema ihrer Beiträge, hier Anglizismen, die im Englischen etwas ganz anderes bedeuten wie Handy, Public Viewing oder Home Office. (dw.com)


5. VDS-Termine

31. Juli, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

1. August, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Graftwerk, Mühlendamm 1a, 27749 Delmenhorst

7. August, Region 07 (Gera, Jena)
Zweiter Stammtisch der Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Straße 14, 07545 Gera

8. August, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliederversammlung mit anschließendem Vortrag „Deutsch im Wandel“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gaststätte Tante Jenny, Schiffbrücke 12, 25813 Husum

12. August, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Straße 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

24. August, Region Österreich (Wien)
Stammtisch des Jungen VDS
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Café Ritter am Ottakring, Ottakringer Str. 117, 1160 Wien

28. August, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

29. August, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Oliver Baer

© Verein Deutsche Sprache e. V.