Infobrief Nr. 482 (37. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Tag der deutschen Sprache

Foto: VDS

Der Tag der deutschen Sprache ist erwachsen geworden, zum 18. Mal rief der Verein Deutsche Sprache e. V. dazu auf. An Infoständen, auf Preisverleihungen und Kulturfesten gab es für seine Mitglieder viel zu tun. Im Duden-Museum in Schleiz fand eine Festveranstaltung statt, bei der VDS-Vorstandsmitglied Jörg Bönisch einen Vortrag hielt und das „Doppelquartett“ vom Chor des Schleizer Gym­nasiums für die musikalische Umrahmung sorgte. Einen weiteren Vortrag hielt der 2. Vorsitzende des VDS, Roland Duhamel, im pfälzischen Waldmohr. „LachHaft auf Bewährung“ war der Titel der Veranstaltung des VDS-Dresden, auf der Kleinodien deutscher Dichtkunst vorgestellt wurden. Mit dem „Elbschwanenorden‟ wurde in Hamburg der Verein „Leseleo e.V.“ ausgezeichnet. Der Verein „leistet einen unschätzbaren Beitrag zur frühen Sprachförderung der Kinder, zum besseren Erlernen unserer Sprache in Wort und Schrift, zur Verbesserung ihrer Bildungschancen und zur kulturellen und gesellschaftlichen Integration von Zuwanderern‟, so die Begründung. Auf der Verleihung des Kölner „Lehrer-Welsch-Sprachpreises‟ an das Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e. V. sprach der Politiker Wolfgang Bosbach die Laudatio. Den „Sprachbewahrerpreis‟ der VDS-Regionalgruppe Mainfranken erhielt in Würzburg Thorsten Drechsler, Inhaber des Spielwarenfachgeschäfts „Die Murmel‟.

Viele Medien und Organisationen griffen zum VDS-Aktionstag auch andere Sprachthemen auf: Der Deutsche Jagdverband gab einen Einblick in den Wortschatz der Jägersprache. Im Deutschlandfunk unterhielten sich Moderatorin Ute Welty und der Kommunikationsberater Murtaza Akbar über die Verrohung der Sprache. Die Nordwest-Zeitung befragte Jugendliche in einem Jugendzentrum in Varel und einen ehemaligen Gymnasiallehrer nach ihrer Einschätzung zum Zustand der deutschen Sprache und zu Denglisch. Josef Kraus referierte bei der Goethe-Gesellschaft Fulda, rief zum Widerstand gegen die Sprachverhunzung auf und forderte einen qualifizierten Deutschunterricht, der die Schönheit und Vielfalt der deutschen Sprache bewahren helfe.

In Cottbus, Gengenbach, Rottenburg, Frankfurt, Emsdetten und Mannheim konnte man VDS-Mitglieder an Informationsständen treffen. Termin für den Tag der deutschen Sprache war in diesem Jahr der 14. September. Viele der Veranstaltungen fanden aber auch an anderen Tagen statt. In Landshut findet am 21. September noch der poetische Spaziergang „laufend Lyrik‟ statt. Beschlossen wird der Aktionstag am 22. September mit einer Festveranstaltung in Rostock, auf der auch der Sprachpreis „Gutes Deutsch in Mecklenburg-Vorpommern‟ verliehen wird und zwar an den NDR-Moderator Hans-Jürgen Mende. (deutschlandfunkkultur.de, otz.de, pfaelzischer-merkur.de, jagdverband.de, osthessen-news.de)


Sprache und Nation

Die italienische Journalistin Francesca Polistina sinniert im MIGAZIN über den Zusammenhang zwischen deutscher Sprache und Deutschsein. Ihr Eindruck ist, dass die Muttersprachen in Deutschland unterschiedliche Wertigkeiten haben. Sie erinnert an den Vorschlag eines SPD-Politikers, Englischunterricht an der Grundschule zu streichen und stattdessen Schülern aus Migrantenfamilien Schulunterricht in ihren Muttersprachen Türkisch oder Arabisch zu ermöglichen. Für Polistina grenzt die deutsche Sprache als „Klebstoff des Landes‟ andere Sprachen aus. Völlig auf den Holzweg gerät die Kolumnistin, als sie jene, die den Stellenwert des Deutschen bewahren, gleichsetzt mit einem „Kampf derer, die das Deutschsein über die DNA bestimmen wollen‟. Die Kommentare zu dem Beitrag widersprachen ihr deswegen vehement. (migazin.de)


Deutschsprachige Familien mit Migrationshintergrund

Entgegen der Erwartung, dass Familien mit Migrationshintergrund zu Hause in ihrer Herkunftssprache kommunizieren, zeigt eine Studie, dass ein Großteil der Haushalte miteinander Deutsch spricht. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes wird in 63 Prozent der Haushalte hauptsächlich Deutsch gesprochen. Türkisch ist bei sieben Prozent die Hauptsprache, Russisch in fünf Prozent. Deutlicher wird der Zusammenhang, wenn man auf die Anzahl der Personen mit Migrationshintergrund pro Haushalt schaut – stammt nur ein Familienmitglied aus dem Ausland, ist Deutsch 95 Prozent aller Haushalte die Alltagssprache, wenn hingegen aber alle Personen einen Migrationshintergrund haben, sprechen nur noch 44 Prozent Deutsch.

Hans-Joachim Roth, Professor am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften, sieht die hohen Deutschquoten in den Generationen begründet. „Die eingewanderten Generationen aus den fünfziger bis siebziger Jahren sind immer älter geworden und heute sprechen viele Menschen, die hier leben, oft nur noch mit ihren Großeltern ihre Muttersprache.“ In allen Untersuchungen wurde festgestellt, dass vor allem in der Großeltern-Generation noch am häufigsten die Herkunftssprache gesprochen wird. (merkur.de, sueddeutsche.de)


Sprache in Stellenanzeigen

Wer eine Stelle ausschreibt, kann mit der entsprechenden Wortwahl schon im Voraus steuern, welches Geschlecht die Bewerber haben. Die linguistische Unternehmensberaterin Simone Burel beschäftigt sich mit Sprache und Geschlecht und hat in ihrer Doktorarbeit festgestellt, dass es bestimmte Wörter gibt, die das eine Geschlecht eher ansprechen als das andere. Wenn eine Stellenanzeige teamfähige und kooperationsfähige Mitarbeiter sucht, dann fühlen sich eher Frauen als Männer angesprochen – andersherum ist es beispielsweise bei dem Wort analytisch. Studien belegen außerdem, dass Frauen mehr Fokus auf die in der Anzeige genannten Anforderungen legen als Männer. Erst wenn etwa 70 Prozent der geforderten Fähigkeiten auf sie zutreffen, bewerben sie sich. Männer dagegen überfliegen die Anzeige eher und geben sich schon mit einer Überschneidung von 30 Prozent zufrieden. (faz.net)


2. Unser Deutsch

Generisches Maskulinum

Dieser sprachwissenschaftliche Begriff geistert durch alle Gender-Debatten. Viele verstehen ihn nicht. Und die wenigsten haben eine genaue Kenntnis der Sache. Für Feministinnen und ihre politischen Freunde ist das generische Maskulinum die versteinerte Verkörperung patriachalischer Sprache. Sie hindere eine gleichberechtigte Sicht auf Frauen. Darum entfalten sie große Kreativität, dies Manko auf unterschiedlichste Weise in der Schriftsprache zu beseitigen. Fachleute der deutschen Grammatik sagen hingegen: das geht gar nicht, es führt zu einer grotesken Entstellung der Sprache, die im übrigen nichts bewirkt. Die Eigenart und die Leistung der Genus-Kategorie im Deutschen werde überhaupt nicht wahrgenommen. Echte Frauenförderung lasse sich nur durch fördernde Gesetze bewirken und durch ein angemessenes soziales Verhalten.

Wir versuchen eine knappe Erklärung. Es geht beim generischen Maskulinum um einen Grundzug aller grammatischen Kategorien, ob Numerus (,Zahl‘) Kasus (,Fall‘) und Genus (‚grammatisches Geschlecht) der Substantive oder Tempus (‚Zeitstufen‘) Diathese (‚Aktiv/Passiv‘)und Person der Verben: Immer wird eine kategorische Form, also Singular, Nominativ, Maskulinum, Präsens oder Aktiv, sowohl spezifisch als auch allgemein (‚generisch‘) verwendet. Die Präsensform bezieht sich zum Beispiel auf die Gegenwart und wird außerdem zeit-unspezifisch verwendet (die Erde ist rund), die Singularform bezieht sich auf die Einzahl, wird aber auch ohne Zahlbezug verwendet (Liebe macht blind). So steht auch das maskuline Genus von Personenbezeichnungen sowohl für männliche Personen wie für Personen allgemein. Dies kommt besonders bei unflektierbaren Pronomina zum Ausdruck (wer, man, jemand, niemand); aber auch bei Pronomina mit zwei Genusformen wie jeder, keiner, einer, dieser wird die maskuline Form generisch verwendet (jeder ist seines Glückes Schmied). Zahlreiche Personenbezeichnungen (viele auf –er) nutzen diese ökonomische Prägung sprachlicher Kategorien, zum Beispiel in dem bekannten TV-Satz: „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Hier sind offensichtlich die Vertreter eines Berufs gemeint, gleich welchen Geschlechts.

Ein zweiter wichtiger Punkt betrifft die Verankerung der drei Genera des Deutschen im Satz und im Text. Pronomina und Adjektive verlangen eine Übereinstimmung in Numerus und Kasus mit dem Substantiv, auf das sie sich beziehen, teils als Attribute teils durch die Wiederaufnahme, z. B. in Relativsätzen (Sprachwissenschaftler nennen es Kongruenz). Verschiedene Stellenausschreibungen in der akademischen Zeitschrift Forschung & Lehre (8/2019) illustrieren die Probleme gegenderter Texte:

„Zum Vorschlag gehören der Name der/des Vorgeschlagenen, die Hochschule, die/der sie/er angehört, eine Begründung des Vorschlags, die das Verdienst der/des Vorgeschlagenen skizziert, sowie ggf. aussagekräftige Unterlagen über die Leistung der/des Vorgeschlagenen.“ (S. 715), oder: „Zu den Aufgaben der/des zukünftigen Stelleninhaberin/Stelleninhabers…“ (S. 766) oder „Die/Der zukünftige Stelleninhaber/-in…“ (S.771)

Der Querstrich soll die Gleichberechtigung symbolisieren, notgedrungen muss er auch auf die Artikel angewandt werden. Bei Verkürzung der Paarform auf Stelleninhaber/-in wird der Text völlig ungenießbar. Im ersten Text hat sich die Autorin oder der Autor offenbar gendermäßig verhauen. Dies ist der elementare Mangel der allermeisten gegenderten Texte. Sie verlassen die selbstverständliche Funktion der Schriftsprache: natürliche, gesprochene Sprache möglichst vollständig, linear und vorlesbar wiederzugeben.

Inzwischen hat das Gendern einige Ämter und Universitäten erreicht. Es werden sogenannte ‚Empfehlungen‘ ausgegeben, die tatsächlich den Charakter von Anweisungen haben. Damit hört der Spaß auf. Ideologische Marotten werden zum Sprachdiktat. Es wird Zeit, die Sprache, das beste Gemeinsame, was wir besitzen, vor Missbrauch zu schützen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Kurt-Tucholsky-Preis geht an Margarete Stokowski

Seit 1995 ehrt die Kurt-Tucholsky-Gesellschaft alle zwei Jahre Autoren der literarischen Publizistik. Unter den bisherigen Preisträgern waren der Journalist Deniz Yücel sowie der Liedermacher Konstantin Wecker. In diesem Jahr bekommt die Spiegel Online-Kolumnistin Margarete Stokowski (laut Magazin der Süddeutschen Zeitung die „lauteste Stimme des deutschen Feminismus“) den mit 5000 Euro dotierten Kurt-Tucholsky-Preis. Die 34-jährige Autorin zeichne sich durch eine kompromisslose Entlarvung gesellschaftlicher Missstände, präzise Sprache und gekonnte Ironie aus, so die Jury. „Damit steht sie unzweifelhaft in der Tradition Kurt Tucholskys.“ Die Preisverleihung soll am 3. November in Berlin stattfinden. Laudatorin wird die Zeit-Redakteurin Susanne Mayer sein. (augsburger-allgemeine.de)


4. Denglisch

Powertrain für den Streetscooter

Nach den ganzen Skandalen der Automobilindustrie in den vergangenen Jahren hoffte man, Autohersteller würden versuchen, mit einer klaren Sprache wieder Vertrauen bei ihrer Kundschaft aufzubauen. Wer die Internetseite der gerade zu Ende gegangenen Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt besucht, wird bitter enttäuscht: Denglisch in Reinform. „Egal ob E-Move Track, Test Drive, Offroad Parcours, IAA Heritage oder die Kids World – mit der IAA Experience Mobilität mit allen Sinnen erleben‟ heißt es bereits auf der Eingangsseite. Auf einer Veranstaltung mit dem Titel „Bürgerdialog‟ sagte Bosch-Chef Volkmar Denner, man liefere „den Powertrain für den Streetscooter, ein frugales Fahrzeug“.

Die deutsche Sprache scheint sich aus der Domäne Auto zu verabschieden. (welt.de)


5. VDS-Termine

21. September, Region 84, 85 (Landshut, Niederbayern, Ingolstadt, Freising)
Poetischer Spaziergang Laufend Lyrik (anlässlich des TdS)
Zeit: 14:00 Uhr
Ort: Rathausplatz Kumhausen, Rathausplatz, 84036 Kumhausen

22. September, Region 18 (Rostock)
Verleihung des Sprachpreises Gutes Deutsch in Mecklenburg-Vorpommern sowie Sprachvorbild 2019
Zeit: 16:00 – 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

25. September, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

25. September, Region 84, 85 (Landshut, Niederbayern, Ingolstadt, Freising)
Literaturaustausch Leselupe
Zeit: 19:00 – 21:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut (2. Stock), Luitpoldstr. 3, 84034 Landshut

27. September, Region 24 (Kiel, Flensburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Sportrestaurant Altenholz, Klausdorfer Str. 78b, 24161 Altenholz

5. Oktober, Region Dänemark
Konferenz: Sprachen und Mundarten im deutsch-dänischen Grenzgebiet
Zeit: 9:00 – 16:00 Uhr
Ort: Vejen Højskole, Maltvej 1, 6600 Askov, Dänemark

10. Oktober, Region 58 (Hagen/Ennepe-Ruhr/Mark)
Mitgliedertreffen mit Vortrag zur Auffassungsgabe von Migranten sowie Neuwahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Kath. Gemeindehaus St. Philippus und Jakobus, Wetterstr. 15, 58313 Herdecke

10. Oktober, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim

10. Oktober, Region 28 (Bremen)
Vortrag von Henryk M. Broder: Gender und andere Irrlichter
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Hotel Strandlust, Rohrstr. 11, 28757 Bremen

14. Oktober, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

14. Oktober, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

17. Oktober, Region 01 (Dresden, Riesa)
Besuch im Schulmuseum mit Besuch einer Schulstunde zur Kaiserzeit
Eintritt 9€ (Anmeldung erforderlich)
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Schulmuseum Dresden, Seminarstr. 11, 01067 Dresden

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Oliver Baer

© Verein Deutsche Sprache e. V.