Infobrief Nr. 481 (36. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Fußball und Sprache

Bild: pixabay /  PexelsPixabay-Lizenz

Die Sprache des Fußballs strotzt vor Metaphern und Vergleichen. Ob die Abwehr wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen durch den Strafraum rennt oder die Mannschaft mit angezogener Handbremse spielt – Fußballsprache ist äußerst kreativ. Der Dresdner Sprachwissenschaftler Simon Meier-Vieracker hat allein für das Verb schießen in Live-Tickern von Medien über 180 verschiedene Wörter gefunden: Dreschen, zimmern und spitzeln seien bekannt, jedoch könne der Ball auch ins Tor gezuckert, gezwitschert oder geschallert werden. Der Fußball bedient sich Wörtern aus gänzlich anderen Lebensbereichen. Aber auch in die andere Richtung lässt sich ein Einfluss beobachten. Ausdrücke wie den Ball flachhalten oder jemandem die rote Karte zeigen sind längst in den normalen Sprachgebrauch übergegangen. Auch die Aussage „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ von Sepp Herberger lässt sich schablonenhaft auf andere Themen anwenden, wie beispielsweise „Nach der Wahl ist vor der Wahl“. (idw-online.de, mdr.de)


Gendersprache abgelehnt

Immer mehr kommunale Gremien lehnen Anträge auf Einführung der Gendersprache ab. Nachdem die Gleichstellungsbeauftragte in der nordrhein-westfälischen Stadt Gevelsberg vergangene Woche ihren Gleichstellungsplan vorgestellt hatte, erklärte Bürgermeister Claus Jacobi (SPD): „Sprache muss sich auch ihre Eleganz bewahren. Da müsst ihr mich auch aushalten.‟ Die Gleichstellung der Geschlechter will die Stadt Gevelsberg auf andere Weise erreichen: durch fortschrittliche Arbeitsmodelle so familienfreundlich wie nur eben möglich und mehr Frauen in Führungspositionen.

Der Kreistag des Landkreises Bautzen hat im August unter dem Titel „Sprachliche Gleichstellung‟ folgende Änderung seiner Satzung beschlossen: „In den Satzungen, Richtlinien und Verordnungen des Landkreises wird die männliche Sprachform verwendet. Damit sind auch stets die Angehörigen des anderen Geschlechts gemeint. Wird ein Amt von einer weiblichen Person ausgeübt, ist die weibliche Form der Amtsbezeichnung, soweit es eine solche gibt, zu verwenden.

Und auch in der Stadt Münster wird es „Bürger*innen“, „Münsteraner*innen“ und andere Bezeichnungen mit dem Genderstern im Schriftverkehr und den Dokumenten der Stadtverwaltung weiterhin nicht geben. Der Ausschuss für Gleichstellung hatte einen entsprechenden Antrag der SPD abgelehnt. (wp.de, muensterschezeitung.de)


Schnelle und langsame Sprachen

Jede Sprache hat ihr eigenes Sprechtempo. Japanisch gilt als schnellste Sprache der Welt und auch Spanisch oder Italienisch werden ähnlich schnell wahrgenommen, während Deutsch oder Mandarin eher ein langsameres Sprechtempo aufweisen. Forscher haben nun allerdings festgestellt, dass die Schnelligkeit einer Sprache nicht im Zusammenhang zu ihrem überbrachten Informationsgehalt steht. „Bei Sprachen, in denen Silben viel Information tragen, tendieren die Menschen dazu langsamer zu sprechen als bei Sprachen, wo jede neue Silbe weniger Information liefert“, erklärt Sprachforscher Dan Dediu. Die durchschnittliche Informationsrate war bei allen untersuchten Sprachen nahezu gleich. 39 Bit pro Sekunde – ein Wert, der sich aus Informationsdichte und typischem Sprechtempo ergibt. Eine eindeutige Erklärung, warum alle Sprachen unabhängig von ihrem Sprechtempo eine sehr ähnliche Informationsmenge aufweisen, gibt es noch nicht. Vermutet wird, dass das menschliche Gehirn mit dieser Informationsrate das Gesprochene am besten verarbeiten kann. (sueddeutsche.de, deutschlandfunk.de)


2. Unser Deutsch

Ende Gelände

Was hat es auf sich mit diesem geflügelten Wort? Wir benutzen es, um zu sagen ‚Schluss damit‘, ‚Ende der Diskussion‘ und ähnliches. Wie entsteht der Effekt? Durch den Reim und die eigentlich unsinnige Reihung zweier Substantive. Die Bedeutung des Ganzen wird durch Ende signalisiert und dann verstärkt durch das Reimwort Gelände. Natürlich kann man eine solche Nonsens-Wendung gleichsam semantisch beleben.Das tut die Umwelt-Aktion Ende Gelände, die zum Ausstieg aus der Kohle-Förderung aufruft. Hier wird Gelände auf einmal wörtlich genommen. Es geht um das Ende auf dem Gelände der Kohlebagger.

Einen ähnlichen Erfolg in den Medien hat die Bildung hätte, hätte, Fahrradkette. Peer Steinbrück, einst Kanzlerkandidat der SPD, beendete damit 2013 ein Interview und machte die Wendung zu einem geflügelten Wort. Im Mittelpunkt steht hätte, der Irrealis des Hilfsverbs haben. Eigentlich gehört dazu ein Hauptverb, wie in diesem Satz: „Hätten wir den Krieg nicht verloren… hätte, hätte, Fahrradkette.“ Das fehlt in der Wendung, es gibt dem hätte eine generalisierende Bedeutung, etwa in dem Sinn, „es lohnt nicht, weiter darüber zu diskutieren, die Sache ist nicht zu reparieren.“ Wieder trägt das erste Wort die Bedeutung, welche durch das reimende Fahrradkette verstärkt wird. Dieses Alltagswort, das mit dem diskutierten Thema überhaupt nichts zu tun hat, macht den Nonsens-Charakter der Wendung deutlich.

Und schließlich ein drittes Beispiel: Danke, Anke.Wir kennen es aus der Familienshow von der Schauspielerin Anke Engelke (1998-2003). Aber der Spruch ist älter. Die TV-Autoren haben ihn werbewirksam adaptiert. Auch hier verstärkt das zweite Wort, der reimende Vorname Anke die Bedeutung von Danke. Wer den Spruch benutzt, braucht keine Anke als Gesprächspartner. Jeder kann Anke sein.

Der Vorname ist alt,die niederdeutsche Koseform von Anna. Mancher kennt das bis heute volkstümliche Lied vom Ännchen von Tharau, im plattdeutschen Original Anke von Tharaw. Es beginnt mit der Zeile:

Anke van Tharaw öß, de my geföllt, Se öß mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt. (Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt. Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.)

Das Gedicht stammt von Simon Dach, dem Barockdichter und Inhaber des Lehrstuhls für Poesie an der Universität Königsberg. Er verfasste es anlässlich der Hochzeit von Anna Neander mit dem Pfarrer Johann Portatius im Dezember 1636. Die Verbreitung dieses Liedes bis heute mag den Spruch Danke Anke ausgelöst haben.

Wer kennt weitere Wendungen dieses Typs? Paarformeln gibt es unzählige wie Ach und Krach, mit Sack und Pack, auf Schritt und Tritt, weit und breit, dann und wann – aber die Nonsens-Wendungen sind etwas Besonderes. Der Autor dankt für Hinweise mit einem Verwendungsbeispiel und einer ungefähren Bedeutungsangabe. Stoff für eine weitere Glosse.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Festspiel der deutschen Sprache

Am 12. September begann im Goethe-Theater das Festspiel der deutschen Sprache im Goethe-Theater Bad Lauchstädt. Das Festspiel dauert mittlerweile vier Tage an und endet am Sonntag mit Liedern von Robert Schumann, Othmar Schoeck, Hugo Wolf und Gustav Mahler. Zu einem literarisch-philosophischen Gespräch treffen sich am Samstag Georg-Büchner-Preisträger Martin Mosebach und Reiner Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt. Zweimal auf dem Programm steht Mozarts „Zauberflöte‟ in der von Johann Wolfgang von Goethe 1794 für das Weimarer Hoftheater eingerichteten Fassung. Dabei wird der Versuch unternommen, anhand des in Weimar vorhandenen, originalen Aufführungsmaterials diese Fassung der Oper so weit wie möglich zu rekonstruieren.

Der MDR stellt aus Anlass des Festspiels dessen Gründerin Edda Moser vor. „Auch acht Jahre später ist es immer noch ihr größtes Anliegen, die deutsche Muttersprache in ihrer Vielfalt und Schönheit zu zeigen und zu erhalten.‟ (festspiel-der-deutschen-sprache.com, mdr.de)

4. Berichte

Tag der deutschen Sprache am 14. September

Für VDS-Mitglieder ist es ein festgelegter Aktionstag, aber auch viele Organisationen und Medien greifen den 2. Samstag im September auf, um sich mit der deutschen Sprache zu beschäftigen. In Koblenz findet zum 12. Mal der Wettbewerb „Werbewerke‟ statt. Das Preisgericht unter dem Vorsitz von Regionalleiter Heinz-Günther Borck hat wieder die Urheber besonders guter und auffallend schlechter Werbung ausgewählt. Die Verleihung der Preisurkunden und der „Sprachrüffel‟ findet am 14.9.2019 um 15.00 Uhr in der Sparkasse Koblenz statt.

Das Statistische Bundesamt hat anlässlich des Tags der deutschen Sprache gefragt, wie es um die Verwendung der deutschen Sprache bei Zuwanderern steht. Ergebnis der Umfrage: Die Alltagssprache ist meistens Deutsch. Wenn in einem Haushalt genau eine Person mit Migrationshintergrund lebt, dient fast überall Deutsch der allgemeinen Verständigung – in 95 Prozent der Fälle. Das überrascht. Denn in letzter Zeit dominieren Berichte darüber, dass viele Kinder bei der Einschulung gar kein Deutsch können, oder dass die bundesweiten Integrationskurse oft nicht den gewünschten Erfolg bringen. Offenbar ist die Integrationswirkung der deutschen Sprache trotzdem größer, als viele annehmen.

Die VDS-Forderung „Deutsch ins Grundgesetz‟ ist sicherlich wieder ein Thema für den Tag der deutschen Sprache, vermutet die Magdeburger Volksstimme. Zu Wort kommt allerdings der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), Peter Schlobinski: Deutsch als Staatssprache, als ein symbolisch schützenswertes und Normen prägendes Gut in das Grundgesetz aufzunehmen, dem könne die GfdS prinzipiell zustimmen.

In Würzburg wird wie in jedem Jahr der Sprachbewahrerpreis verliehen (15.9.), in Hamburg der bekannte Elbschwanenorden (13.9.), in Köln gibt die VDS-Region ein abendfüllendes Sprachfest zur Verleihung des Lehrer-Welsch-Preises (15.9.). Den mit 1.000 Euro dotierten Sprachpreis des Landes Mecklenburg-Vorpommern erhält in diesem Jahr der Journalist Mende (22.9.). In Koblenz gibt es auch in diesem Jahr den Wettbewerb „Werbewerke“, bei dem gelungene Werbesprüche ausgezeichnet werden. Eine Liste aller Veranstaltungen gibt es auf den Netzseiten des VDS. (pr-inside.com, merkur.de, volksstimme.de)


5. Denglisch

Durch Crashkurse zum Führerschein

Wer Auto fahren lernen möchte, muss für gewöhnlich einmal wöchentlich zum Unterricht und regelmäßige Fahrstunden nehmen. Mehrere Monate dauert es meist, bis man seinen Führerschein in der Hand hält. Wem das zu lange dauert, dem steht bei der Fahrschule Driving Star in Niedersachsen eine andere Möglichkeit zur Verfügung: Crashkurse. In nur knapp zwei Wochen lässt sich alles nötige erlernen. Fragt sich nur, was dort letztendlich vermittelt wird – sicheres Autofahren? Dass man nach einem Crashkurs verantwortungsvoll Auto fährt, lässt diese Wortwahl eher weniger vermuten. (driving-star.de)


6. VDS-Termine

14. September, Region 03 (Cottbus)
Informationsstand
Zeit: 10:00 – 18:00 Uhr
Ort: Altmarkt, 03046 Cottbus

14. September, Region 07 (Gera, Jena)
Festveranstaltung zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 14:00 Uhr
Ort: Am Schloss 1, 07907 Schleiz

14. September, Region 60 (Frankfurt/Main)
Informationsstand
Zeit: 11:00 – 15:00 Uhr
Ort: Börsenstr. 1, Ecke Kalbächer Gasse, 60313 Frankfurt am Main

14. September, Region 66 (Pfalz)
Festveranstaltung zum Thema Deutsch in Belgien
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Bürgerhaus Waldmoor, Saarpfalzstraße 12, 66914 Waldmoor

14. September, Region 72, Region 78 (Schwarzwald-Neckar-Alb)
Infostand zum Tag der deutschen Sprache
Zeit: 9:00 – 13:00 Uhr
Ort: Marktplatz, 72108 Rottenburg am Neckar

14. September, Region 77 (Ortenau)
Informationsstand auf dem Bauernmarkt
Zeit: 9:00 – 13:00 Uhr
Ort: Marktplatz Gengenbach, Victor-Kretz-Str. 6, 77723 Gengenbach

14. September, Region 56 (Koblenz)
Preisverleihung im XII. Wettbewerb Werbewerke
Zeit: 15:00 Uhr
Ort: Sparkasse Koblenz, Bahnhofstr. 11, 56068 Koblenz

15. September, Region 97 (Würzburg)
Feierliche Verleihung des regionalen Sprachbewahrerpreises
Zeit: 15:00 – 17:00 Uhr
Ort: Barockhäuser, Ignaz-Neumann-Stube, Neubaustr. 12, 97070 Würzburg

15. September, Region 50/51 (Köln)
Verleihung des Lehrer-Welsch-Sprachpreises
Eintritt frei, Anmeldefrist abgelaufen
Zeit: 17:00 Uhr (Einlass ab 16:15 Uhr)
Ort: Aula, Hildegard-von-Bingen-Gymnasium, Leybergstr. 1, 50939 Köln

16. September, Region 44 (Bochum, Dortmund, Herne)
Vortrag und Buchvorstellung von VDS-Mitglied Horst Hensel: Die Sehnsucht der Rosa Luxemburg
Eintritt 2,50€
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Studio B, Stadt- und Landesbibliothek, Max-von-der-Grün-Platz 1-3, 44137 Dortmund

17. September, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Gaststätte Kaiser-Treff, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

19. September, Region Österreich (Wien)
Satirische Lesung zum Thema Völlig vergendert!
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Café Ritter Ottakring, Ottakringer Str. 117, 1160 Wien, Österreich

21. September, Region 84, 85 (Landshut, Niederbayern, Ingolstadt, Freising)
Poetischer Spaziergang Laufend Lyrik (anlässlich des TdS)
Zeit: 14:00 Uhr
Ort: Rathausplatz Kumhausen, Rathausplatz, 84036 Kumhausen

22. September, Region 18 (Rostock)
Verleihung des Sprachpreises Gutes Deutsch in Mecklenburg-Vorpommern sowie Sprachvorbild 2019
Zeit: 16:00 – 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus Zum Bauernhaus Biestow, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

25. September, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

25. September, Region 84, 85 (Landshut, Niederbayern, Ingolstadt, Freising)
Literaturaustausch Leselupe
Zeit: 19:00 – 21:00 Uhr
Ort: Evangelisches Bildungswerk Landshut (2. Stock), Luitpoldstr. 3, 84034 Landshut

27. September, Region 24 (Kiel, Flensburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Sportrestaurant Altenholz, Klausdorfer Str. 78b, 24161 Altenholz

5. Oktober, Region Dänemark
Konferenz: Sprachen und Mundarten im deutsch-dänischen Grenzgebiet
Zeit: 9:00 – 16:00 Uhr
Ort: Askov Højskole, Maltvej 1, 6600 Askov, Dänemark

10. Oktober, Region 58 (Hagen/Ennepe-Ruhr/Mark)
Mitgliedertreffen mit Vortrag zur Auffassungsgabe von Migranten sowie Neuwahl der Regionalleitung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Kath. Gemeindehaus St. Philippus und Jakobus, Wetterstraße 15, 58313 Herdecke

10. Oktober, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Oliver Baer

© Verein Deutsche Sprache e. V.