Infobrief Nr. 488 (43. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Mutige Studenten gesucht!

Bild: pixabay / StockSnapPixabay-Lizenz

Mittlerweile werden immer mehr Fälle bekannt, dass Personen benachteiligt werden, weil sie sich der Gendersprache verweigern und stattdessen lieber ihrem Sprachgefühl folgen wollen. An Universitäten wird mit Notenabzug gedroht, wenn Seminar- oder Abschlussarbeiten nicht in „gegenderter‟ Sprache abgeliefert werden. Der VDS bietet in solchen Fällen nun Hilfe an. Es werden „mutige Studenten“ gesucht, die für ihre den Regeln der deutschen Sprache folgenden Arbeiten schlechtere Noten bekommen haben und dagegen klagen möchten. „Es haben sich immer wieder Studenten an uns gewandt, die sich durch das Gendern gegängelt fühlen, aber sich nicht trauen, dagegen vorzugehen‟, sagte VDS-Geschäftsführer Holger Klatte der Süddeutschen Zeitung. „Wir würden es daher gerne rechtlich klären lassen, ob Dozenten eine solche Kunstsprache zur Pflicht für ihre Studenten machen können.‟ Bundesweit wurden deswegen Flugblätter an Hochschulen verteilt. Schwerpunkte waren Universitäten, die besonders strenge Vorgaben zum Verwenden der Gendersprache erlassen haben. (sueddeutsche.de, forschung-und-lehre.de)


Sprache bei Verdacht

Sprache beeinflusst unsere Wahrnehmung. Je nachdem, was für Wörter verwendet werden, können wir Tatbestände unterschiedlich verstehen. Wenn es um Berichte über Straftaten geht, kann das problematisch sein. Einem Arzt aus Berlin wurde vorgeworfen, Patienten in seiner Praxis sexuell missbraucht zu haben. Über den Fall berichteten die Internetmedien „Buzzfeed“ und „Vice“. Dabei nannten sie teilweise den Vornamen des Arztes und kürzten den Nachnamen nach dem ersten Buchstaben ab. Der Angeklagte ging dagegen vor und bekam Recht. Das Berliner Landgericht entschied, dass die Berichte schwere wirtschaftliche und soziale Folgen für den Arzt habe, obwohl der Fall noch gar nicht abschließend geklärt sei. Buzzfeed-Anwalt Jan Hegemann erwidert, dass ein Mindestmaß an Belegtatsachen für eine identifizierbare Berichterstattung erfüllt gewesen sei und im Text „ermittelt“ gestanden habe, was den Lesern zeige, dass die Ermittlungen noch laufen. Mehr als Konjunktive und „die Worte ‚mutmaßlich‘, ‚offenbar‘ und ‚soll‘ gibt die deutsche Sprache nicht her”, um Ungeklärtheit sprachlich darzustellen, so Hegemann. Nun soll der Frage nachgegangen werden, wie Verdachtsberichterstattung funktionieren kann, ohne dass bei schwebenden Verfahren eine Vorverurteilung erfolgt. (meedia.de)


2. Unser Deutsch

Multitasking

Was ist damit eigentlich gemeint? Das dem Englischen entlehnte Wort hat bisher keine brauchbare Übersetzung gefunden. Es stammt aus der EDV und bezeichnet die ‚Simultanerledigung verschiedener Aufgaben (tasks) im selben Speicherbereich des Rechners‘, so klären neuere Wörterbücher auf. Die Fachliteratur nennt es ‚Mehrfachaufgabenperformanz‘. Die Allgegenwart der PCs hat das Wort alltagstauglich gemacht. Wir begegnen der Sache auf Schritt und Tritt bei Rad- und Autofahrern: In der linken Hand ein Hamburger, mit rechts die Lenkstange halten, links SMS lesen und verschicken, mit der Rechten das Auto steuern, dabei abwechselnd aufs Handy und nach vorne schauen – inzwischen verboten, weil lebensbedrohlich. Oder: bei einem Vortrag Zuhören und gleichzeitig die Powerpoint-Präsentation verfolgen. Wann ist es Unterstützung, wann störende Ablenkung?

Ein besonderes Beispiel wird nie erwähnt, ist aber ein ganz ungewöhnliches Phänomen: das Simultandolmetschen. Es wurde für die Nürnberger Prozesse erfunden, um in den vier Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch, Russisch verhandeln zu können. Dafür wurden Erfahrungen aus den USA erstmals praktisch in großem Stil umgesetzt. Bis dahin gab es nur die sogenannte Konsekutive Übersetzung, ein zeitversetztes Nacheinander von Hören und Übersetzen. Geübte Übersetzer konnten viele Minuten zuhören, sich Notizen machen und dann eine exakte Übersetzung vortragen. Meist trat der Übersetzer auf wie ein zweiter Redner. Beim Simultandolmetschen sitzt der Dolmetscher – meist sind es mehrere, die sich ablösen – in einer Kabine, hört per Kopfhörer einen Text, übersetzt ihn fast zeitgleich und spricht die Übersetzung ins Mikrophon. Während er spricht, muss er schon die nächsten Sätze hören und in Gedanken übersetzen. Und das am laufenden Band. Eine Extremleistung. Wir gewinnen einen Eindruck, welch außergewöhnliche Konzentration solches Multitasking erfordert und wie gefährlich die Sache im Straßenverkehr ist.

Aber müssen wir überhaupt so seltene Fälle gleichzeitiger Aufgabenbewältigung heranziehen? Sind nicht unsere Fünf Sinne mit ihren je eigenen Aufgaben auf extremes Multitasking ausgelegt? Alle in einem Körper, einem lebenden Speicher, organisiert: Hören und Sehen, Riechen, manchmal Tasten, seltener Schmecken. Und manche Menschen verfügen sogar über einen 7. Sinn. Interessant ist die Arbeitsteilung der Wahrnehmung: Lässt das Sehen nach, wird das Hören schärfer. Hunde und Katzen haben eine Domäne des Riechens und Hörens. Mensch und Tier sind seit eh und je Multitasker ‚Mehrfachaufgabenbewältiger‘. Darauf macht der Fachausdruck der EDV aufmerksam. So lernen wir von unseren eigenen Produkten. Sie geben uns Namen für Dinge, die wir längst haben.

Eigentlich wollte ich etwas gegen den Anglizismus sagen. Das ist misslungen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Deutsche Rapperin hängt US-amerikanische Konkurrentinnen ab

Die Hamburger Rapperin Shirin David schreibt mit ihrem Album „Supersize“ derzeit Musikgeschichte und führt das fort, womit die Fantastischen Vier einst begonnen haben: erfolgreiche deutschsprachige Rap-Musik. Als erstes Album einer Rapperin, das im Jahr 2019 veröffentlicht wurde, knackte sie die Marke von 100 Millionen Aufrufen bei Internet-Musikdiensten. Aktuell wurde das Album bereits 155 Millionen mal angehört. Damit ließ Shirin David US-amerikanische Künstlerinnen hinter sich. Gleichzeitig ist sie der erste weibliche Solo-Rap-Star, der den ersten Platz der deutschen Charts erklimmen konnte. (hiphop.de)

Die vergessene Lyrikerin Lisel Mueller

Der US-amerikanische Pulitzer-Preis ist eine der bekanntesten Auszeichnungen für sprachliche Werke. Weitgehend unbekannt ist dagegen, dass der Preis in der Kategorie Dichtung auch bereits an eine muttersprachliche Deutsche ging: Lisel Mueller im Jahr 1997. Ihr widmet das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven nun eine Ausstellung.

Lisel Mueller wurde am 8. Februar 1924 als Elisabeth Annedore Neumann in Hamburg geboren. 1939, als sie 15 Jahre alt war, musste ihr Vater vor den Nazis fliehen, so dass die Familie in die USA emigrierte. Dort studierte Neumann Soziologie und Vergleichende Literatur, heiratete ihre Campusliebe und arbeitete in unterschiedlichen Anstellungen. Den Pulitzer-Preis erhielt sie für ihren Gedichtband „Alive Together. New and Selected Poems“. Ihre Kindheit in Deutschland lässt sich an ihren Gedichten gut nachvollziehen, sagt Museumsleiterin Simone Eick.

Die Ausstellung ist noch bis zum 5. Januar 2020 zu sehen. (dah-bremerhaven.de, abendblatt.de)


4. Berichte

Der VDS-Bergisch Land auf der Remscheider Nacht der Kultur und Kirchen

Der VDS-Bergisch Land beteiligte sich am 26. Oktober an einer rundum gelungenen Kulturnacht in Remscheid. An mehr als 80 Veranstaltungsorten konnten sich Kulturinteressierte unterhalten, informieren oder einfach nur treiben lassen. Auch die deutsche Sprache kam dabei nicht zu kurz: Im Programm standen neben Lesungen auch die Informationsangebote des Verein Deutsche Sprache e. V., mit einem Schwerpunkt zu Anglizismen in der deutschen Sprache. (luettringhauser.de)


5. Denglisch

Das soll dir ein Learning sein

In der Neuen Zürcher Zeitung ärgert sich Frank Sieber über den Anglizismus „Learnings‟ (statt Lehren), ein Wort, das vor allem in der Kommunikationsbranche häufig vorkommt. Ihm fällt kein anderes Wort ein, das noch überflüssiger, noch aufgeblasener, noch lächerlicher sein könnte als dieses – „offensichtlicher Brunz‟. Seinen Ärger nimmt er zum Anlass zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Sprachkritik. „Wenn Sprachkritiker Widerspruch provozieren, müsste ihnen das eigentlich recht sein, selbst wenn sich der gegen eigene Ratschläge richtet‟, so Sieber. Er will mit seiner Kritik nicht einfach die Verwendung eines Wortes seiner „persönlichen schwarzen Liste‟ anprangern, sondern betonen, „dass es einen Wert hat, sich nach Kräften um eine genaue, differenzierte, ungekünstelte Sprache zu bemühen.‟ Recht hat er. (zeitungsarchiv.nzz.ch)


6. Termine

2. November, Region 48 (Münsterland)
Literaturnachmittag
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Bürgersaal Saerbeck, Ferrières-Str. 12, 48369 Saerbeck

5. November, Region 38 (Braunschweig, Salzgitter, Wolfsburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 16:00 Uhr
Ort: Gaststätte Holzwurm, Georg-Westermann-Allee 36, 38104 Braunschweig

6. November, Region 07 (Gera, Jena)
3. Stammtisch
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Str. 14, 07545 Gera

7. November, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

8. November, Region 23 (Lübeck/Wismar)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:30 Uhr
Ort: Restaurant Bootshaus, Hüxtertorallee 4, 23564 Lübeck

8. November, Region 08 (Zwickau, Plauen)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gaststätte zum Vogtländer, Schmidtstr. 17, 08606 Oelsnitz

11. November, Region 24 (Kiel, Flensburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:30 Uhr
Ort: Restaurant St. Knudsborg, Munketoft 33, 24937 Flensburg

11. November, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

11. November, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

14. November, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

21. November, Region Österreich (Wien – Verein Muttersprache)
70-Jahr-Feier Verein Muttersprache
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Magistratisches Bezirksamt, 3. Bezirk, Karl-Borromäus-Platz 3, 1030 Wien, Österreich

21. November, Region 67/68/69 (Rhein-Neckar)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gastwirtschaft Epirus, Augusta-Anlage 42, 68165 Mannheim

25. November, Region 09 (Chemnitz)
Mitgliedertreffen mit Vortrag: Verschwundene und kuriose Berufe – gestern und heute
Zeit: 17:00 – 18:30 Uhr
Ort: Solaristurm, Neeferstraße 88, 09116 Chemnitz

27. November, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. November, Region 90/91/92 (Nürnberg, Erlangen)
Mitgliedertreffen mit Leseabend
Zeit: 18:00 – 20:00 Uhr
Ort: Altdorfstübchen im Weinstadel, Maxplatz 8, 90403 Nürnberg

28. November, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

29. November, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Informations- und Diskussionsveranstaltung: Die deutsche Sprache – ein Pflegefall?
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gemeindehaus der Rellinger Kirchengemeinde, Hauptstraße 36a, 25462 Rellingen

6. Dezember, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant 1783 (Kaffeezimmer), Am Markt 13, 28195 Bremen

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Frank Reimer

© Verein Deutsche Sprache e. V.