Infobrief Nr. 490 (45. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Sprache beeinflusst den Bewerbungserfolg

Bild: pixabay / styles66Pixabay-Lizenz

In einem Bewerbungsgespräch wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt: Personaler und Bewerber tasten sich gegenseitig ab – auch sprachlich. Dass ein positiver oder negativer Eindruck schneller entstehen kann als gedacht, haben jetzt Forscher der Universität Yale herausgefunden.

In verschiedenen Studien wurde klar, dass bereits sieben zufällig gewählte Wörter ausreichten, um den sozialen Status eines Bewerbers festzustellen. Interessant bei den Ergebnissen ist vor allem, dass weniger die gewählten Worte einen Einfluss auf die Bewertung durch die Personaler hatten, sondern eher der phonetische Vortrag durch die Bewerber. Dabei diente eine Selbstvorstellung der Bewerber – ohne Angaben der beruflichen Qualifikation – als Vergleichsinstrument. Eine Hälfte der Personaler hatte Audiomitschnitte zur Bewertung der Qualifikation zur Verfügung, der anderen Hälfte lagen nur Textprotokolle vor. Die Gruppe, die Audiomitschnitte bekommen hatte, konnte mit größerer Sicherheit auf die soziale Klasse der Bewerber schließen. Nach Michael Kraus, Professor an der Yale School of Management, zeigten die Studien, „dass selbst bei kürzesten Interaktionen die Sprachmuster einer Person die Art und Weise prägen, wie Menschen sie wahrnehmen, einschließlich der Beurteilung ihrer Kompetenz und Eignung für einen Job“. So schätzten die Personalverantwortlichen Bewerber mit einem höheren sozialen Status als grundsätzlich kompetenter ein, was sich in erhöhten Einstellungschancen und Einstiegsgehältern niederschlagen würde. Hier wird deutlich, dass Sprache in Bezug auf soziale Ungleichheiten eine zentrale Rolle spielt. (merkur.de)


Lesetherapie im Selbstversuch

Lesen bildet nicht nur, Lesen kann auch helfen, den eigenen Alltag zu bewältigen. Wie das funktionieren kann, das fragte sich der Journalist Robin Schwarzenbach. Mithilfe der Züricher Lesetherapeutin Karin Schneuwly wagte er den Selbstversuch. Das Feld der Lesetherapie ist in Europa zwar nicht unbekannt, aber weitestgehend ungenutzt. In den USA wird diese Therapieform bereits auf breiter Basis verwendet, unter anderem auch von Psychotherapeuten. Ziel ist es dabei, durch eine Annäherung an das Schicksal von literarischen Figuren das eigene Leben besser zu verstehen und vielleicht sogar eigene Lösungsansätze zu entwickeln. Neben dem eigenen Lesen gehört auch das gemeinsame Gespräch über den Text mit zu dieser Therapieform. Zum Ende des Versuchs empfiehlt die Therapeutin dem Autor: „Hören Sie nicht auf zu lesen! Das finde ich wichtig. Nur so kann man die Welt mit anderen Augen betrachten.“ Dieser Aussage kann man nur zustimmen. Den kompletten Selbstversuch findet man hier: nzz.ch.


Sprache oder Dialekt?

Das Schwäbische wird von den meisten als Dialekt betitelt. Eigentlich sei es aber eine Sprache, sagt Albrecht Fetzer, der im Rahmen der Volkshochschule Höfen einen Vortrag zum Thema „Wie funktioniert schwäbisch“ hielt. Schwäbisch sei eine Muttersprache und jedes Dorf habe seinen eigenen schwäbischen Dialekt. Im Oberen Enztal bis etwa Calmbach mache sich zum Beispiel der fränkische Einfluss bemerkbar, im südlichen Schwarzwald dagegen der alemannische Dialekt. Das Schwäbische hat genau wie jede andere Sprache Entwicklungen und Veränderungen hinter sich. Fetzer zeigte dies an verschiedenen Beispielen auf, so unter anderem an dem Wort „nein“. Die Entwicklung sei folgendermaßen verlaufen: „nae – noe – noa – nee – nä“. Ebenfalls erklärte er, dass der Schwabe sparsam mit der Sprache umgehe. Der knappe Ausdruck „Noh gange äba hoem!“ lasse sich als „Dann gehe ich eben nach Hause“ übersetzen, vermittle aber gleichzeitig auch eine gewisse Enttäuschung oder Unzufriedenheit. (schwarzwaelder-bote.de)


2. Unser Deutsch

hanebüchen

Ein Wort im Sterben. Ältere kennen noch Wendungen wie hanebüchener Unsinn oder den Ausruf das ist ja hanebüchen! Den Jüngeren ist das fremd. Sie drücken ihr Erstaunen mit neuen Worten aus wie irre, saudumm, voll krass. Sie verstehen die Wörter ihrer Eltern und Großeltern zwar noch, gebrauchen sie aber nicht mehr. Der Weg ins Vergessen führt vom aktiven Sprachgebrauch zum passiven und schließlich zum Erlöschen durch den Tod der letzten Benutzer. Natürlich sterben Wörter in Wahrheit nicht aus, sie bleiben präsent in der Literatur, nur ihr aktueller Gebrauch ist untergegangen.

Ein Grund dafür ist oftmals ihre Isoliertheit im deutschen Wortschatz. Kann man hanebüchen in irgendeine Wortfamilie einordnen, aus der Wortbildung erklären? Allenfalls durch ähnliche Adjektive wie golden ‚aus Gold‘, ledern, eisern, stählern und viele andere, die alle die Herkunft aus einem bestimmten Material ausdrücken. Da endet die Erklärbarkeit, denn das Grundwort für hanebüchen gibt es in dieser Form nicht mehr. Erst die Wortgeschichte klärt auf: Unser Wort hatte mittelhochdeutsch die Form hagenbüechīn, abgeleitet aus dem Substantiv hagenbuoche, unser heutiges ‚Hainbuche‘. Das Adjektiv bedeutete also ‚aus dem Holz der Hainbuche‘. Und wie erklärt sich das Grundwort hagenbuoche? Es heißt soviel wie ‚Buche für einen Hag (eine Hecke oder Einzäunung)‘. Durch die Kontraktion von hage- zu hain wurde die Beziehung zum Grundwort hage verdunkelt. (Ähnlich entstand aus maget ‚Magd‘ auch die Nebenform Maid.) Der zweite Bestandteil buoche nimmt die Ähnlichkeit mit der Rotbuche auf, obwohl die Hainbuche ein Birkengewächs ist. Offenbar diente der buchenähnliche Baum bzw. Strauch schon damals als leicht zu schneidende Hecke. Dieses Holz ist besonders hart und knorrig, weshalb landschaftlich auch die Bezeichnung Eisenbuche verbreitet ist.

Mit dieser Eigenschaft, die heute kaum noch bekannt ist, haben wir die Basis des Vergleichs und der aktuellen Bedeutung gefunden. Die Eigenschaft des Holzes wird auf menschliche Eigenschaften übertragen, zum Beispiel einen hanebüchenen Dickschädel. Später wird dies weiter auf die heutige Bedeutung ‚haarsträubend‘, ‚unerhört‘ (auch dies sind beides Metaphern) eingeschränkt. Vielleicht überlebt es hier noch eine Weile. Denn das Seltene, das Isolierte hat auch einen besonderen poetischen Reiz.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Kultur

Johannes Oerding über die Sprache

Der aus Münster stammende Musiker Johannes Oerding hat kürzlich seine neue Platte „Konturen“ herausgebracht. Im Interview spricht er über seine Karriere und die deutsche Sprache. „Ich sträube mich gegen Anglizismen“, sagt er. Hin und wieder kommt dennoch das eine oder andere englische Wort in seinen Texten vor, ein Titel des neuen Albums lautet sogar „All In“. Bewusst passiert das aber nicht, so Oerding. Wenn er englische Begriffe verwende, dann „sind das Worte, die mehr oder weniger schon eingedeutscht wurden“, die er sowieso benutze, wie zum Beispiel den Ausdruck „All In“ beim Pokerspiel. Auch bestimmte Begriffe der Jugendsprache sind Oerding nicht unbekannt. „Dann hör‘ ich meinen Neffen und Nichten zu und denk’ mir: Was bedeutet das jetzt schon wieder? Irgendwann wird’s auch albern, wenn ich den ganzen Tag nur in Kürzeln reden würde. Lol oder Yolo oder ‚du ghostest mich‘.“ Andererseits kann Jugendsprache aber auch einfach dazu dienen, sich bewusst von den Erwachsenen abzugrenzen. „Das wollten wir früher ja auch, das war so eine Art Geheimsprache […]. Das finde ich eigentlich ganz lustig, das war schon immer so.“ (service.oeticket.com)


Haus der deutschen Sprache

In Mannheim wird es voraussichtlich bald ein neues Projekt zur deutschen Sprache geben. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) plant, das „Haus der deutschen Sprache“ zu errichten. Eine Art Mitmach-Museum soll es sein, mit Ausstellungs- und Bibliotheksräumen sowie multimedialer Technik: ein „virtuelles“ Haus der deutschen Sprache, das Jung und Alt zum Mitmachen einlädt. Ausstellungen soll es zum Beispiel zur Geschichte und Verbreitung der deutschen Sprache oder zu Dialekten geben. Der Direktor des IDS, Henning Lobin, stellte das Projekt im Arbeitskreis Alter Meßplatz vor. „Zur Verbesserung und Weiterentwicklung der deutschen Sprache, gerade angesichts der sprachlichen Verrohrung, aber auch zur Integration, bedarf es eines Diskussionsforums, auf dem Forschung und Praxis zueinanderfinden, voneinander lernen und sich gegenseitig befruchten“, erklärt Lobin. Er betonte den Charakter des Mitmach-Museums. Das Haus solle kein elitäres Museum mit Büchern werden, das nur von Studenten und Wissenschaftlern genutzt wird. Die Idee steht, über die Umsetzung und die finanzielle Planung wird momentan aber noch nachgedacht. (morgenweb.de)


4. Denglisch

Mehr als nur „soft power“

„Europa muss auch die Sprache der Macht lernen“, hieß es in einer Rede der künftigen EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Europa solle sich besser gegen führende Staaten wie China und die USA behaupten, forderte sie. Dafür reiche die sogenannte „soft power“ heute nicht mehr aus. Die vorhandene Kraft müsse stärker genutzt werden, um europäische Interessen durchzusetzen, und Europas Partner sollen sich künftig auf härtere Positionen der EU einstellen. Für die Klimapolitik nannte von der Leyen ein klares Ziel, auch die Sicherheitspolitik sprach sie an. (tagesschau.de)


5. Termine

20. November, Region 76 (Karlsruhe, Baden-Baden)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Leonardo, Ettlinger Str. 23, 76137 Karlsruhe

20. November, Region 10 – 16 (Berlin/Brandenburg)
Treffen VDS Berlin/Brandenburg mit Lesung zum Fontanejahr
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Ristorante Galileo, Otto-von-Simson-Str. 26, 14195 Berlin

21. November, Region Österreich (Wien – Verein Muttersprache)
70-Jahr-Feier Verein Muttersprache
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Magistratisches Bezirksamt, 3. Bezirk, Karl-Borromäus-Platz 3, 1030 Wien, Österreich

21. November, Region 67/68/69 (Rhein-Neckar)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gastwirtschaft Epirus, Augusta-Anlage 42, 68165 Mannheim

25. November, Region 08/09 (Zwickau, Plauen, Chemnitz)
Mitgliedertreffen mit Vortrag: Verschwundene und kuriose Berufe – gestern und heute
Zeit: 17:00 – 18:30 Uhr
Ort: Solisturm, Neeferstr. 88, 09116 Chemnitz

26. November, Region 10 – 16 (Berlin/Brandenburg)
VDS-Jugendstammtisch mit Weihnachtsmarktbesuch (offen für Mitglieder und Noch-nicht-Mitglieder bis 40 Jahre)
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Gendarmenmarkt Berlin, 10117 Berlin

27. November, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. November, Region 90/91/92 (Nürnberg, Erlangen)
Mitgliedertreffen mit Leseabend
Zeit: 18:00 – 20:00 Uhr
Ort: Altdorfstübchen im Weinstadel, Maxplatz 8, 90403 Nürnberg

28. November, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

29. November, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Informations- und Diskussionsveranstaltung: Die deutsche Sprache – ein Pflegefall?
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gemeindehaus der Rellinger Kirchengemeinde, Hauptstraße 36a, 25462 Rellingen

3. Dezember, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant 1783 (Kaffeezimmer), Am Markt 13, 28195 Bremen

9. Dezember, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

10. Dezember, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Frank Reimer

© Verein Deutsche Sprache e. V.