Infobrief Nr. 491 (46. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Bauern in der deutschen Sprache

Bild: pixabay / analogicus | Pixabay-Lizenz

Der Bauer scheint es in unserer deutschen Sprache schwer zu haben. Überall muss er für negativ konnotierte Redewendungen herhalten. Ein „Bauerntölpel“ beispielsweise ist jemand, der als ungebildet und ungeschickt gilt. Etwas Ähnliches vermittelt die Redewendung vom „dümmsten Bauern“, der die „dicksten Kartoffeln“ erntet. Sie impliziert, dass für einen erfolgreichen Landwirt Intelligenz nicht von Bedeutung sei – obwohl Landwirte eine intensive Ausbildung oder ein Studium absolvieren, in dem sie sich umfassendes Wissen über Tiere, Pflanzen, Bodenbearbeitung, Umweltschutz oder Klimaschutz aneignen. Ebenfalls spricht man vom „Bauernopfer“. Um schlimmeren Schaden zu vermeiden, opfert man lieber den Bauern, denn um den ist es scheinbar nicht so schade. Konservativ und festgefahren ist er außerdem auch, denn „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“. Gelegentlich hören Kinder während der Mahlzeiten auch den Satz: „Du isst wie ein Bauer“, was heißen soll, dass man sich bitte richtig hinsetzt, nicht schmatzt und nicht kleckert. Mit dem Begriff „Bauer“ werden generell viele negative Eindrücke transportiert, sagt Carina Konrad, Diplom-Agraringenieurin und stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft. Sie kritisiert die Geringschätzung von Landwirten in unserer Sprache und meint, eigentlich verdienten sie Respekt, Anerkennung und Dank. Denn „sie füllen unsere Teller mit den Mitteln zum Leben – unter Einhaltung strengster Auflagen und zu hohen Standards. Sie ackern von früh bis spät, egal ob Wochenende, Feiertag oder Urlaubszeit; sie stellen vielfach das Wohl ihrer Tiere über ihr eigenes [und] pflegen unsere Kulturlandschaft.“ (focus.de)


Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen …“

Mit diesen Worten beginnt die Präambel der deutschen Verfassung, die nicht so heißt, da sie sich vom lateinischen Begriff lex fundamentalis und nicht dem üblichen constitutio ableitet. Diese Einleitung war nicht unumstritten, es wurde hart um sie gerungen. Mittlerweile befindet sich das Grundgesetz – mit seinen knapp 70 Jahren – im Rentenalter. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nahm das zum Anlass zu untersuchen, inwiefern sprachlich, rechtlich und institutionell aktuell unsere Verfassung ist. Jurist Michael Stoll fasst das Sprachniveau wie folgt zusammen: Im Nachwirken der NS-Herrschaft und im Angesicht des Neubeginns, hätten die Verfassungseltern „eine feierliche, hohe Sprache gewählt“. Viele Begriffsinhalte seien auf eine unmittelbare Erfahrung des Nationalsozialismus zurückzuführen, zum Beispiel, dass der Begriff Rasse erwähnt werde. Zudem handele es sich beim in Art. 1 (1) GG kodifizierten Würdebegriff um einen moralischen Appell. Dass die Mütter und Väter des Grundgesetztes es sich bei keiner Formulierung leicht machten, wird erlebbar in einer Hörspielreihe, die in Kooperation von DLF, WDR und BR entstanden ist. „Guter Rat. Ringen um das Grundgesetz“, sei jedem wärmstens empfohlen, der sich noch näher mit den sprachlichen Verhandlungen und inhaltlichen Nuancen beschäftigen möchte, die der parlamentarische Rat ausfocht.

Auf Basis der Textprotokolle – nachgesprochen – und originaler Audioaufnahmen, wird dieses zentrale Ereignis deutscher Geschichte erlebbar.

DLF: Sprachanalyse: deutschlandfunk.de

Hörspiel: deutschlandfunkkultur.de

Arbeit des parlamentarischen Rates: deutschlandfunkkultur.de


Integration oder Segregation? Expats in der Schweiz

Der Terminus Expat bezeichnet ausländische Arbeitnehmer, die von ihrem international tätigen Hauptkonzern in ausländische Zweigstellen entsendet werden. Oftmals handelt es sich bei diesen Arbeitnehmern um hoch qualifiziertes Fachpersonal. Dieser – meistens temporäre Umzug – ist verbunden mit neuen Sprachen und einer Auseinandersetzung mit anderen Kulturen – sicherlich keine einfache Herausforderung. Kritik an dem Zuzug von Fachpersonal wird wegen einer scheinbaren Segregation geübt. Der Unternehmer und Publizist Daniel Wehner äußerte sich in einem Kommentar äußerst kritisch über den Integrationswillen und die Deutschkenntnisse der sogenannten Expats. Eine ähnliche Meinung vertritt der Autor und Wahlschweizer Bryan Stone: „Leider sehe ich immer noch so viele Expats, die nie aus dem intellektuellen Ghetto herauskommen.“ Die Expats würden sich dem Kontakt mit der lokalen Bevölkerung verweigern und verkehrten nur in ihrer eigenen internationalen Blase. So einfach liegt der Fall natürlich nicht. Neben der Arbeit und einer neuen Landeskultur auch noch das eigenständige Erlernen der Landessprache zu fordern, ist vielleicht etwas zu viel des Guten – gerade auch, wenn es sich beim Aufenthalt im Gastland um einen zeitlich befristeten handelt. Anders liegt der Fall, wenn es um einen zeitlich unbefristeten Aufenthalt geht. Hier sind mitunter auch die Kinder von Expats betroffen, welche oftmals auf internationale Schulen geschickt werden. An den meisten dieser Schulen würde dabei auf einen ausreichenden Deutschunterricht geachtet. Zusammengefasst muss festgehalten werden, dass eine kulturelle und sprachliche Begegnung immer von zwei Seiten und von vielen Faktoren abhängig ist. Kathy Hartmann-Campbell, Gründerin von „Basel Connect“ – einer Organisation, die sich für einen verstärkten Kontakt zwischen Schweizern und Expats einsetzt, kenne selbst niemanden, der sich grundsätzlich lokalen Kontakten verschließen würde. Sie kenne aber sehr wohl Leute, die es aufgegeben haben. In Umfragen sei zudem herausgefunden worden, dass Expats Schwierigkeiten hätten, Kontakte mit der lokalen Bevölkerung aufzubauen, außerdem würden 30 Prozent der Befragten die Schweizer als ablehnend empfinden. (bzbasel.ch, bzbasel.ch)


Sprachliche Diskriminierung im Schweizer Fußball

Im Schweizer Fußball kann neben der sportlichen Leistung auch die Sprache Einfluss auf das Ergebnis nehmen, stellt eine Studie der Universität St. Gallen fest. Treten zwei Mannschaften aus unterschiedlichen Sprachgebieten gegeneinander an, kann es eine Rolle spielen, welche Sprache der Schiedsrichter spricht. Die Studie verglich die Daten von Fußballspielen der beiden höchsten Schweizer Ligen in einem Zeitraum von zwölf Jahren. Dabei sei festgestellt worden, dass die Schiedsrichter den Mannschaften aus einem anderen Sprachgebiet deutlich mehr Sanktionen in Form von Gelben und Roten Karten zuwiesen. Sprachliche Diskriminierung sei eine Sorge der Schweizer Gesellschaft im Allgemeinen und des Schweizer Fußballs im Besonderen, so der Sportökonom und Mitautor der Studie Alex Krumer. Für seine Untersuchungen habe er sich für den Schweizer Fußball entschieden, weil es dort Mannschaften und Schiedsrichter aus drei verschiedenen Sprachräumen gebe. (sport.oe24.at)


2. Unser Deutsch

Automobil

Das Wort lebt heute nur noch in Zusammensetzungen wie Automobilclub oder Automobilausstellung fort. Mit dem Siegeszug der neuen Fahrzeuge seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird es zu Auto verkürzt, denn Alltagsprodukte brauchen kurze Namen. Andere Sprachen verkürzen den vorderen Teil und nennen es bil wie die Skandinavier.

Aber woher stammt das Wort? Der Lateiner erkennt die klassischen Wurzeln, griechisch autós ‚selbst‘ und lateinisch mobilis ‚beweglich‘; erfunden wurde das Wort jedoch in Frankreich, zunächst im Ausdruck voiture automobile, das bereits 1890 zu automobile verkürzt und so ins Deutsche entlehnt wurde. Allerdings sprechen wir es – in Anlehnung an Automat, Autogramm, Autobiographie – wie ein lateinisches Lehnwort aus. Auch die Kurzform Auto wird alsbald ins Deutsche und in die meisten Sprachen dieser Welt aufgenommen. Damit bleibt ‚selbst‘, das semantische Kernelement des Wortes erhalten. Denn die ursprüngliche französische Bildung wollte sagen: ein Fahrzeug (voiture), das sich von selbst bewegt. Damals waren Pferdekutschen das gängige Transportmittel, das Auto aber brauchte keine Pferde mehr. Die ersten Autos sahen übrigens den Kutschen recht ähnlich. Das Lenkrad ersetzte nun Deichsel und Peitsche.

Wir im Deutschen haben jedoch noch ein zweites Wort für dieses Gefährt: Kraftfahrzeug. Wir danken es dem Allgemeinen Deutschen Sprachverein, der im Kaiserreich großes Ansehen genoss und der den Ersatz von Fremdwörtern auf seine nationalen Fahnen geschrieben hatte. In zahlreichen Zweigvereinen wurden Verdeutschungen diskutiert und als Empfehlung an die Behörden weitergegeben. So verordnete der Generalpostmeister Heinrich von Stephan bereits 1875 den Ersatz von Telefon durch Fernsprecher. Dem folgte später der Fernschreiber für Telegraph und zuletzt das Fernsehen für Television. Für das Automobil gab es auch Vorschläge wie Selbstfahrer, Kraftwagen, Motorwagen. Durchgesetzt hat sich das Kraftfahrzeug, es wurde bereits 1909 in einem Reichsgesetz festgeschrieben. Viele dieser Ersatzwörter haben den kommunikativen Radius der Amtssprache nicht überschritten. Dafür sind Kraftfahrzeug und Fernsprecher sprechende Beispiele. Sie haben das Auto und das Telefon nicht aus dem Alltag verdrängen können. Die Langform Kraftfahrzeug wird überdies zumeist zum Kurzwort Kfz vereinfacht.

Vielleicht findet die Semantik von griechisch autós demnächst eine späte Bestätigung, wenn unsere Autos wirklich selbst fahren, ohne Mitwirkung der Insassen oder auch ganz alleine.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Digitale Lesehäppchen als Vorspeise

Dass die Welt immer digitaler wird, muss nicht heißen, dass dadurch auch weniger Literatur gelesen wird. Die „New York Public Library“ macht sich die sozialen Medien zunutze und präsentiert kleine Lesehäppchen auf Instagram. In den sogenannten „Insta Novels“ veröffentlicht sie Auszüge aus Literaturklassikern und erreicht damit zum Teil mehr als 300.000 Nutzer. Wenn die Menschen nicht mehr in die Bibliothek kommen, müssen die Bücher eben zu ihnen kommen, sagt die Lese-Beraterin der Bücherei. „Wir holen sie gerne da ab, wo sie sind – wenn sie auf ihr Smartphone schauen und sich durch Instagram scrollen.“

Der Plan scheint aufzugehen. Über 130.000 neue Leser sind dazugekommen und die Kommentare überschlugen sich. Lynn Lobash von der New York Public Library berichtet begeistert: „Das Beste war für mich, wenn Leute schrieben: Ich bin daran erinnert worden, wie schön es ist, zu lesen.“ Auch der Medienforscher Jeremy Caplan glaubt, dass die Leute künftig wieder mehr lesen werden. Die Lesehäppchen auf Instagram könne man dabei mit einer Art Vorspeise vergleichen. „Wenn dir danach ist, holst du dir einen Bissen. Und vielleicht bekommst du Hunger auf das ganze Buch.“ (deutschlandfunkkultur.de)


Deutsch-Deutsche Filmtage in Plauen

Zum zehnten Mal fanden in diesem Jahr die Deutsch-Deutschen Filmtage im vogtländischen Plauen und der fränkischen Partnerstadt Hof statt. Insgesamt wurden neun Dokumentar- und Spielfilme zur jüngsten deutschen Geschichte präsentiert, die schwerpunktmäßig die Friedliche Revolution sowie die späte DDR-Geschichte behandelten. Ein besonderes Merkmal der Filmtage seien die Gesprächsrunden mit Zeitzeugen nach den Vorführungen, so die Organisatorin Steffi Behncke vom Kulturreferat der Stadt Plauen. Mit etwa 3000 Kinogästen hatten die diesjährigen Filmtage 500 Besucher mehr als im vergangenen Jahr. „Die große Nachfrage beweist, dass unser Konzept angenommen wird und das Interesse an der jüngsten deutschen Geschichte ungebrochen ist“, sagte der Plauener Kulturbürgermeister Steffen Zenner (CDU). (freiepresse.de)


4. Denglisch

Ei der Daus!

Elektroautos sind modern, tun der Umwelt gut und sind auch was fürs Ohr – so leise, wie sie sich durch die Städte schnurren. Dennoch werden sie zum Tinnitus, wenn man anschaut, wie sie heißen – VW treibt es dabei auf die Spitze. Da heißt deren neuere Errungenschaft doch tatsächlich ID.3. „Idee3“ würde jetzt jemand sagen, der älter ist und Englisch vermutlich nicht als Fremdsprache hatte. Diese Dummerchen! VW ist ein Weltkonzern! Da gehört es sich doch, modern und damit englisch zu klingen. Das I wird zum „Ei“, das D zum „Die“… und die 3, was machen wir denn damit? Hach, halt englisch: Three. Reimt sich ja auf „Die“. Ach ne, doch nicht! Bei der Werkseröffnung in Zwickau sprachen die VW-Manager allesamt vom ID-Drei. WieWoWas? Richtig gelesen. ID-Drei. Das ID blieb englisch, die 3 wurde als „Drei“ gesprochen. G‘hört das so? Das Misch-Masch in diesem Fall ist also offenbar gewollt. Nicht Fisch, nicht Fleisch – Denglisch at its best.


5. Termine

25. November, Region 08/09 (Zwickau, Plauen, Chemnitz)
Mitgliedertreffen mit Vortrag: Verschwundene und kuriose Berufe – gestern und heute
Zeit: 17:00 – 18:30 Uhr
Ort: Solisturm, Neeferstr. 88, 09116 Chemnitz

26. November, Region 10 – 16 (Berlin/Brandenburg)
VDS-Jugendstammtisch mit Weihnachtsmarktbesuch (offen für Mitglieder und Noch-nicht-Mitglieder bis 40 Jahre)
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Gendarmenmarkt Berlin, 10117 Berlin

27. November, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

28. November, Region 90/91/92 (Nürnberg, Erlangen)
Mitgliedertreffen mit Leseabend
Zeit: 18:00 – 20:00 Uhr
Ort: Altdorfstübchen im Weinstadel, Maxplatz 8, 90403 Nürnberg

28. November, Region 70/71/73/74 (Stuttgart, Nordwürttemberg)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Brauereigaststätte Dinkelacker, Tübinger Str. 46, 70178 Stuttgart

29. November, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Informations- und Diskussionsveranstaltung: Die deutsche Sprache – ein Pflegefall?
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Gemeindehaus der Rellinger Kirchengemeinde, Hauptstraße 36a, 25462 Rellingen

3. Dezember, Region 28 (Bremen)
Mitgliedertreffen / Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant 1783 (Kaffeezimmer), Am Markt 13, 28195 Bremen

9. Dezember, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

10. Dezember, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Alina Letzel, Frank Reimer

© Verein Deutsche Sprache e. V.