Infobrief vom 19. Juni 2020: Diskriminierende Sprache

1. Presseschau

Diskriminierende Sprache

Bild: AdobeStock / Jakub Krechowicz

Die Rassenunruhen der vergangenen Wochen in den USA und die Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus auf der ganzen Welt haben erneut die Frage aufgeworfen, wie Sprache funktionieren kann, ohne andere Ethnien zu verletzen. Der schweizer Handelsriese Migros hat seine Mohrenköpfe aus dem Sortiment genommen, bekommt dafür Lob und Tadel zugleich. Auch die Computerbranche setzt sich mit den Feinheiten der eigenen Fachsprache auseinander: Typische Begriffe wie Master, Slave oder Blacklist, die im Gebrauch von Computerexperten gang und gäbe sind, stehen auf dem Prüfstand. Die Autorin Sharon Dodua Otoo, ehemalige Gewinnerin des Ingeborg-Bachmann-Preises, freut sich über die Debatte. Sie hält es für wichtig, sich über Begrifflichkeiten klar zu werden und miteinander ins Gespräch zu kommen. Otoo sieht im Rassismus ein System, das durch Wörter wie „Rasse“ dafür sorgt, dass sich bestimmte Bilder im Kopf festsetzen. Heinz Gläser schreibt in seinem Leitartikel in der Mittelbayerischen Zeitung, dass der Begriff Rasse in Grundgesetz gestrichen werden müsse: „Die Streichung des unseligen Worts ist indes längst überfällig. Der Begriff Rasse gehört, um es klar zu formulieren, auf den Müllhaufen der Geschichte.“ Auch Regierung und Opposition diskutieren über eine Änderung der entsprechenden Passage im Artikel 3 Absatz 3 entstanden. „Das Problem ist nur, dass die jetzige Formulierung suggeriert, dass es tatsächlich auch unterschiedliche menschliche Rassen gibt“, sagt der Jurist Hendrik Cremer vom Deutschen Institut für Menschenrechte. Das habe für die Betroffenen eine verletzende Wirkung. (deutschlandfunkkultur.de, swr.de, saechsische.de, srf.ch, heise.de)


Kultusministerin: Nein zur geschlechtergerechten Sprache

Susanne Eisenmann, Kultusministerin von Baden-Württemberg, lehnt Vorgaben zur geschlechtergerechten Sprache an Schulen ab. „Die gendergerechte Sprache allein ist ein Placebo“, sagt die CDU-Politikerin, „die Frage, ob ein Wort jetzt mit einem Sternchen oder einem Unterstrich geschrieben wird, bringt uns beim Thema Gleichstellung nicht weiter.“ Von den Schulen habe sie auch keine Rückmeldungen bekommen, dass da ein Handlungsbedarf bestehe. Auch der Philologenverband Baden-Württemberg hält nichts vom Gendern. Wichtiger als ein „rein formal-sprachliches Gendern“ sei es, gegen Geschlechterstereotype und Rollenzuschreibungen anzugehen, so der Vorsitzende Ralf Scholl. (schwaebische.de)


Arbeitsteilung im Gehirn

Die rechte und linke Gehirnhälfte arbeiten bei der Sprachbildung besser zusammen als bisher gedacht. Forscher der Uni Frankfurt haben festgestellt, dass sich die Gehirnhälften die Arbeiten „teilen“. Die linke Hälfte übernimmt die Wortfindung und -zusammensetzung, die rechte analysiert den Klang. Die Arbeitsteilung der Gehirnhälften, so die Vermutung der Forscher, ermögliche es, dass sich kleinteilige Aufgaben der Sprachbildung und -erkennung so besser und schneller verarbeiten lassen. (deutschlandfunknova.de)


Eine Million Euro für Gehirn- und Sprachforschung

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird untersucht, wie das Gehirn Erwartungen nutzt, um Sprache zu verstehen. Insgesamt knapp eine Million Euro bekommt das Klinikum für die Forschung von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Geforscht wird, wie das Gehirn aus akustischen Signalen eine Bedeutung ableitet, und wie diese Tätigkeit damit zusammenhängt, was der Empfänger vom Sender erwartet. Auch der Einfluss der Mimik soll geprüft werden; sie ist eine zusätzliche Komponente der Kommunikation. (nachrichten.idw-online.de)


2. Unser Deutsch

J-Wort und R-Wort

In den Nachrichten wird des Todes von Anne Frank gedacht. „Ein jüdisches Mädchen“, heißt es. Damit wird ihr jene fürchterlich diskriminierende Klassifikation der Nationalsozialisten aufgezwungen, die mit der Eintragung im Pass, den Rassegesetzen, dem Judenstern und den Konzentrationslagern verbunden ist. Und dies zwei Generationen nach dem Holocaust. Es war der Rassenwahn der Nationalsozialisten, der die Frankfurter Familie Frank zur Emigration in die Niederlande gezwungen hat. Es war die Verfolgung aller Menschen, die sie als Juden deklassierten und verfolgten, welche sie in das Amsterdamer Versteck vertrieben hat.

Stellen wir einen Vergleich mit anderen Diskriminierungen im Wortschatz an! Am bekanntesten ist das N-Wort (für englisch negroe) in den USA, das an den Sklavenhandel und die Sklavenausbeutung in den amerikanischen Südstaaten erinnert und bis heute die dortige Form der Apartheid symbolisiert. Vergleichbar ist das R-Wort (für Rasse), das sogar Eingang in das Grundgesetz gefunden hat. In Artikel 3 (3) heißt es:

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.

Mit der Aufnahme von Rasse in diesen Katalog wollten sich die Autoren unserer Verfassung ausdrücklich gegen die rassistische Verfolgung der jüngsten Vergangenheit distanzieren. Dazu schreibt Heribert Prantl in der Süddeutschen vom 13./14. Juni 2020: „Man hatte kein Bewusstsein dafür, dass also schon die Verwendung des Worts Rasse diskriminierend ist“. Er plädiert für die Entfernung dieses R-Wortes aus der Verfassung und empfiehlt die Formulierung „Niemand darf aus rassistischen Beweggründen benachteiligt werden.“ Es ist der elementare Unterschied zwischen Rasse und rassistisch, der die versteckte Diskriminierung von einer klaren Distanzierung unterscheidet.

Was ist – fassen wir es zusammen – das Verwerfliche, auch das Tückische an den N-, R- und J-Wörtern? Es ist ihr klassifizierender Charakter. Menschen werden mit einem Wort auf ihre Hautfarbe, ihren Glauben, ihre Abstammung, auf eine vermeintliche biologische Eigenschaft reduziert. Und diese Zuschreibung wird zum Instrument der Diskriminierung, der Vernichtung.

Anne Frank war ein aufgeweckter Teenager, ein Mädchen mit besonderer Sprachbegabung. Wir erleben sie in ihrem geheimen Tagebuch als scharfsinnige Beobachterin des Alltags in einem Amsterdamer Hinterhofversteck. Ein jüdisches Mädchen wurde sie erst durch die rassistische Verfolgung der Nazis, durch ihre Ermordung im KZ Bergen-Belsen.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Glaube in verschiedenen Sprachen

Die Sprache der Bibel und der Gottesdienste ist oft bildhaft, geprägt von altertümlichen Wörtern und Wendungen. Menschen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten haben oft Probleme, diese Sprache zu verstehen. Barbara Seehase, Religionspädagogin und Referentin der Geschäftsführung der Behindertenhilfe der St. Augustinus Gruppe in Neuss, will Abhilfe schaffen. Gemeinsam mit Jochen Straub vom Bistum Limburg hat sie ein Buch über Gottesdienste in Leichter Sprache veröffentlicht. Es soll vor allem denen helfen, die Gottesdienste gestalten. In ihrem Werk gibt es mehrere Beispielpredigten und Gebete, aber auch weiterführende Materialvorschläge und Regieanweisungen für den Gottesdienst.

Glaube ist vielseitig und spricht viele Sprachen – das möchte Ute Eisenack vermitteln. Sie ist Beauftragte für Evangelischen Religionsunterricht in Neuruppin in Brandenburg und bietet in ihrer örtlichen Gemeinde Gottesdienste an, die komplett auf Plattdeutsch gehalten werden. „Es ist sehr schön, die Verkündung auf Plattdeutsch anzubieten und somit auch die Sprache lebendig zu halten“, erzählt Eisenack. (lokalklick.eu, moz.de)


Deutsche Minderheit in Dänemark

Deutsch soll in Nordschleswig – dem heute dänischen Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig – wieder verstärkt gelernt und gelehrt werden. Der Kontaktausschuss, der als Bindeglied zwischen der deutschen Minderheit und der Regierung dient, hat sich im Juni erstmals seit zwei Jahren wieder getroffen. Ziel der deutschen Minderheit ist es, der deutschen Sprache eine höhere Wertigkeit zu verschaffen als einer regulären Fremdsprache, die in dänischen Schulen gelernt werden kann. Der Ausschuss will die Möglichkeiten prüfen, Deutsch früher als bisher in den Schulen zu unterrichten. Ebenfalls soll beraten werden, ob und wie Kindergärten der deutschen Minderheit von besonderen Zuschüssen profitieren könnten. (nordschleswiger.dk)


4. Denglisch

Weekender informiert über aktuelle Kulturthemen

Die Idee ist schön, nur bei der Namensgebung hätte man ein bisschen mehr Kreativität einfließen lassen können: Weekender nennt sich der neue Newsletter von Deutschlandfunk Kultur. Immer freitags pünktlich zum Wochenende soll er künftig erscheinen, daher auch der Name Weekender. Er bietet kurze Texte zu den Kulturthemen der Woche, stellt aktuelle Debatten vor und immer wieder soll es auch kontroverse Positionen geben – das kleine Feuilleton für unterwegs sozusagen. Schade, dass man keinen deutschsprachigen Namen für das Projekt gefunden hat oder wenigstens einen Namen, der darauf hinweist, dass es um Kultur geht. (presseportal.de, deutschlandfunkkultur.de)


5. Termine

ABGESAGT! 20. Juni, Region 61/63 (Bad Homburg, Offenbach, Hanau, Aschaffenburg)
VDS-Infostand auf dem Mainuferfest
Zeit: 20. Juni, 10:00 Uhr – 21. Juni, 20:00 Uhr
Ort: Mainuferfest Offenbach, Schloßstr. 66, 63065 Offenbach

24. Juni, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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