Infobrief vom 20. März 2020: Hamstern in der Sprache

1. Presseschau

Hamstern in der Sprache

Bild: Katrin Schindler / pixelio.de

Sie hinterlassen Knappheit in den Supermärkten: die Hamsterkäufe. Klopapier ist bereits kurze Zeit nach der Auffüllung schon wieder vergriffen, und auch bei Mehl oder Konservenprodukten sieht es ähnlich aus. Das Horten von Lebensmitteln oder knapp werdenden Dingen war den Menschen schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als „Hamstern“ bekannt, stellt das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache fest. Richtig beliebt wurde der Ausdruck aber erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Damals sprach man auch von „Hamsterfahrten“. Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin, sieht hierin ein typisches Beispiel für das Bilden von neuen Wörtern im Deutschen: „Wir beobachten Tiereigenschaften und übertragen sie auf uns.“ Der Hamster sei dabei kein Einzelfall, auch Begriffe wie „herumtigern“ oder „einsauen“ funktionierten nach demselben Prinzip. Andere Sprachen kennen ebenfalls ähnliche Ausdrücke – in Schweden zum Beispiel spricht man von „hamstra“, im Englischen hingegen muss das Eichhörnchen herhalten: „to squirrel something away“. (focus.de)


Mehrsprachigkeit in der EU

In der Europäischen Union sprechen knapp 20 Prozent der Menschen Deutsch als Muttersprache. Zusammen mit weiteren 10 Prozent, die Deutsch als Fremdsprache beherrschen, sprechen insgesamt rund 30 Prozent der EU-Bürger Deutsch. Im Arbeitsbetrieb der EU-Einrichtungen und in ihrer Außendarstellung überwiegen jedoch das Französische und insbesondere das Englische. Dietrich Voslamber, Leiter der VDS-Arbeitsgruppe Sprachenpolitik in Europa, sprach über dieses Thema mit Frank Burgdorfer, Vorstandsmitglied der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD), welcher auch der VDS angehört. Das Gespräch diente dazu, die politischen Forderungen der EBD für das nächste Jahr zu erarbeiten, die dann der Mitgliederversammlung zur Abstimmung gestellt werden.

Voslamber äußerte die Sorge, dass sich in den Mitgliedsstaaten viele von der EU abwenden könnten, wenn sich beispielsweise Ursula von der Leyen und die Europäische Kommission der Öffentlichkeit gegenüber vornehmlich auf Englisch präsentierten. Vielmehr sei es wichtig, Sprachenvielfalt in ganz Europa als etwas Bereicherndes und Sinnstiftendes anzuerkennen. Voslamber bedauerte, dass sich unter den gängigen Verfahrenssprachen der EU keine slawische Sprache befindet und schlug vor, den offiziellen Internetauftritt der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab Juli 2020 sechssprachig zu gestalten: auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Polnisch. (netzwerk-ebd.de)


WHO warnt vor sprachlicher Verunsicherung

Immer häufiger kommt es zu Diskriminierungen und rassistischer Gewalt im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet dies mit Sorge und plädiert für eine reflektierte Sprache. Bestimmte Ausdrücke könnten Vorurteile hervorrufen, woraufhin einzelne diskriminiert und anders behandelt würden. Beispielsweise solle man Begriffe wie „Fälle“ oder „Opfer“ vermeiden und stattdessen von „Menschen, die Covid-19 haben“ sprechen. Ebenfalls ungeeignet sei es, das Virus „Wuhan Virus“, „Asiatisches Virus“ oder „Chinesisches Virus“ zu nennen – angebrachter sei der korrekte Name der Krankheit. Generell sollten verängstigende Begriffe wie „Seuche“ oder „Apokalypse“ vermieden werden. Es sollte betont werden, dass die Krankheit gut überstanden wird, und über Risiken nur in Zusammenhang mit wissenschaftlichen Daten und aktuellen Hinweisen von Gesundheitsbehörden gesprochen wird. (rnd.de)


Frühes Vorlesen fördert Sprachvermögen

Wer seinen Kindern regelmäßig etwas vorliest, ermöglicht ihnen damit einen besseren Zugang zur Sprache. Dadurch wachse ihr Wortschatz und es entstehe ein besseres Gefühl für Satz- und Textstrukturen, so Daniel Schnock von der Stiftung Lesen. Hinzu komme, dass Kinder durch die Geschichten mehr Fantasie und Empathie entwickeln. Laut Schnock warten viele Eltern zu lange, bis sie mit dem Vorlesen beginnen. Man könne die Kinder ruhig schon im ersten Lebensjahr damit in Kontakt bringen. „Bücher mit vielen Bildern und nur wenig Text funktionieren in dem Alter schon ganz gut.“ (morgenweb.de)


2. Unser Deutsch

Sommerfrische

Ein hübsches Wort, eine altmodische Form der Erholung – beides droht in unserer Welt des globalen Tourismus unterzugehen. Darum lohnt es, dem Wort nachzugehen. Schon früh haben sich Sprachwissenschaftler mit dem Wort beschäftigt. Das Grimm’sche Wörterbuch (Band 10, 1905) enthält bereits einen längeren Artikel und definiert ‚erholungsaufenthalt der städter auf dem lande zur sommerzeit, auch ort dafür‘. Erste Belege stammen aus dem 16. Jahrhundert und weisen auf Südtirol als Herkunft hin. In der Hitze des Sommers haben Bozener und Meraner ihre Sommerwohnungen in den Bergen bezogen. In einer volkskundlichen Darstellung von 1898 wird vermutet, Sommerfrische sei ein Hirtenwort für die Zeit des Weidens auf der Alm. Ursprünglich hieß es einfach Frische und das legt eine Übersetzung von italienisch frescura ‚frische Luft, angenehme Kühle‘ nahe. So nennen die Bewohner am Gardasee die Zeit, in der sie sich auf ihrem Landsitz aufhalten, aber auch – in metonymischer Übertragung – den Landsitz selbst.

Bereits um die Jahrhundertwende hatte die Sommerfrische die Alpen überquert und war zu einem Begriff für die sommerliche Freizeit der Begüterten geworden. 1908 verbrachte Thomas Mann „die Sommerfrische“ in Bad Tölz. Später baute er sich dort eine repräsentative Villa. Die ärmeren Zeitgenossen mieteten Wohnungen. So berichtet Theodor Fontane schon 1898 von einer Liesenschen Sommerfrische, einem Lokal in der Nähe des Oranienburger Tores. So wurde aus den alpinen Urlaubszielen ein Sammelbegriff für den Sommerurlaub.

Was ist geblieben von den einstigen Sommerfrischen? Preiswerte Flüge, schnelle Züge und moderne Autobahnen haben die Reisezeiten verkürzt, die Ziele erweitert und für viele auch mehrere Urlaube im Jahre möglich gemacht. Nur eines erinnert noch an frühere Zeiten: die gemietete Ferienwohnung, populär FeWo genannt, selbstbewirtschaftet, per Auto erreichbar, seit langem vertraut. Die meisten Feriengäste kommen immer wieder, ihre Erholung beginnt am ersten Tag, sie klagen nicht übers Wetter, dessen Wechsel ihnen schon vertraut ist, sie verlangen nicht nach Programmen und nach Reiseführerinnen mit hochgehaltenem Schild. Es sind unsere traditionellen Ferienregionen, die malerischen Seen in Bayern und Österreich, die Inseln und Küsten an Nord- und Ostsee, für leichtes Wandern auch die waldreichen Mittelgebirge. Vielleicht besinnen sich auch geübte Pauschaltouristen wieder aufs Naheliegende, die klassische Sommerfrische. Und entgehen dem Corona-Virus.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Kultur

Frauen in der Literatur

Vor zwei Jahren stellte eine Studie der Universität Rostock fest, dass Schriftstellerinnen in den Medien schlechter repräsentiert sind als ihre männlichen Kollegen. Für viele ist das Thema heute noch immer aktuell. Bei großen Literaturverlagen wie Klett-Cotta ist das Verhältnis von Männern zu Frauen 7:1, und auch bei anderen Verlagen liegt die Frauenquote nur knapp über 20 Prozent. Maria-Christina Piwowarski, Leiterin eines Berliner Buchladens, glaubt, dass eine Frau unter viel schwierigeren Bedingungen schreibe und seltener als ernsthafte Schriftstellerin wahrgenommen werde. „Frauen werden gefragt, wie sie schreiben können, wenn ihnen die Kinder am Rockzipfel hängen. Und wenn sie keine haben, wird gefragt, wie sie sich die Zukunft mit Kindern vorstellen.“ Die Autorin Kerstin Hensel hingegen sieht das anders: „Wenn ich wirklich schreiben will, ist es egal, ob ich ein Kind habe oder drei Hunde.“ Hensel stört sich eher an dem Frauenbild, welches von Kindheit an „durch diese dümmliche Aufteilung in hellblau und rosa“ festgelegt werde, und daran, dass es zum Beispiel Mädchen- und Jungsbücher gebe. Grundsätzlich sehe sie aber eine positive Entwicklung in der Männer-Frauen-Problematik. (fr.de)


4. Berichte

Wettbewerb im Beleidigen

Beleidigungen sind Teil der Kommunikation, wobei es gleichgültig ist, ob wir sie gutheißen oder nicht. Es dürfte nur wenige Menschen geben, die sich niemals respektlos äußern. Der IFB-Verlag Deutsche Sprache hat nun einen Wettbewerb ausgeschrieben: Wie wird heutzutage zeitgemäß beleidigt? Teilnehmer können in maximal 200 Wörtern schildern, wie sie anderen Menschen bewusst und vorsätzlich den Respekt verweigern. Die besten zehn Einsendungen werden mit dem Buch „Die Kulturgeschichte der großen deutschen Erfindungen und Entdeckungen“ belohnt, und die Einsender erhalten ein Überraschungspaket des VDS sowie ein Jahr lang die Zeitschrift „Sprachnachrichten“ kostenlos. Die besten drei Einsendungen werden zudem in den „Sprachnachrichten“ abgedruckt. Den Text bitte mit Anschrift bis zum 10. Mai 2020 schicken an: IFB Verlag Deutsche Sprache, Schulze-Delitzsch-Straße 40, 33100 Paderborn oder an info@ifb-verlag.de.


Neuerscheinung: Zeitgemäße Sprachkritik

Aus der Empörung über zu viele Anglizismen in der deutschen Sprache entstand über viele Jahre die zeitgemäße Sprachkritik. Die Vierteljahreszeitschrift „Sprachnachrichten“ war dabei das Forum, in dem sich die unterschiedlichen Strömungen und Anspielungen spiegelten. Der Herausgeber Wiard Raveling legt hier 125 repräsentative Ausschnitte dieser wichtigen kulturellen Debatte vor. Alle ausgewählten Beiträge sind auch heute noch erhellend und lesenswert. Ein Buch für alle Menschen, die sich für unsere Sprache interessieren.

Wiard Raveling (Hrsg.): Wege zur zeitgemäßen Sprachkritik. 125 Texte aus 20 Jahren Sprachnachrichten. IFB Verlag Deutsche Sprache. 430 Seiten, 22,00 Euro. ISBN 978-3-942409-90-2

5. Denglisch

Social Distancing

Überall liest und hört man derzeit vom Begriff „Social Distancing“. Gemeint ist, Abstand zu anderen Menschen zu halten und Versammlungen zu unterlassen. Der Anglizismus sei jedoch irreführend und sprachlich inkorrekt, erläutert Eric Wallis in seiner Kolumne. Das eigentlich Gemeinte sei die räumliche, physische Distanz – nicht die soziale Distanz. Sozial ist alles, was menschliche Beziehungen betrifft. In einer digitalen Welt ist es auf unzählige Arten und Weisen möglich, sozial zu sein und Beziehungen zu pflegen, ohne einander physisch nah zu sein. Treffender seien also zum Beispiel Ausdrücke wie „spacial distancing“ oder „physical distancing“. Der falsch gebrauchte Anglizismus führe dazu, so Wallis, dass nun nahezu alle deutschen Medien den „Verzicht auf Sozialkontakte“ fordern – was falsche Assoziationen wecke; denn gerade in solchen Krisenzeiten sei der soziale Kontakt, solange er nicht physisch sei, wichtiger denn je. (uebermedien.de)


Sprachpanscher-Bewerbung

Wenn die Kirchen sich an Jugendliche wenden, geht das meistens nicht ohne Denglisch. Das Erzbistum Köln ruft jetzt zur „KoKi-Bibelchallenge‟ auf. Das Kurzwort KoKi ist den Katholiken meistens noch geläufig: Kinder die zur Erstkommunion gehen. Aber eine Bibelchallenge klingt nach „Germany’s next Topmodel‟ – nur dass hier nicht der Modenachwuchs im Wettbewerb steht, sondern Kommunionkinder, die Bibelstellen erklären sollen.

Die Evangelische Kirche ist für derlei sprachliche Fehlgriffe 2017 Sprachpanscher des Jahres geworden. Bewirbt sich die Katholische Kirche nun auch? (erzbistum-koeln.de)


6. Termine

ABGESAGT! 25. März, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

ABGESAGT! 25. März, Region 07 (Gera, Jena)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Paulaner Wirtshaus Gera, Clara-Zetkin-Str. 14, 07545 Gera

ABGESAGT! 26. März, Region 53 (Bonn, Voreifel, Ville, Siebengebirge)
Mitgliedertreffen mit Vortrag: Die Sprache der politischen Korrektheit
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Tennis-Club Heiderhof, Sommerbergweg 4, 53177 Bonn

ABGESAGT! 26. März, Region 44 (Bochum, Dortmund, Herne)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: VDS-Dortmund, Martin-Schmeißer-Weg 11, 44227 Dortmund

ABGESAGT! 27. März, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Mitgliedertreffen mit anschließendem Vortrag der „Petuhtanten aus Wees“
Zeit: 17:30 Uhr
Ort: Gaststätte Tante Jenny, Schiffbrücke 12, 25813 Husum

ABGESAGT! 28. März, Region Elfenbeinküste
Deutschlehrertag 2020: Der Deutschlehrerverband (AGERESCI) in Zusammenarbeit mit dem VDS-Elfenbeinküste und dem Goethe Institut veranstaltet den Deutschlehrertag 2020 zum Thema: „Ivorische Deutschlehrerkräfte-Herausforderungen und Aussichten“
Zeit: 8:00 – 17:00 Uhr
Ort: Goethe-Institut Abidjan, C 31 Abidjan, Elfenbeinküste

ABGESAGT! 30. März, Region 01 (Dresden, Riesa)
Mitgliedertreffen mit Vortrag: Wie der Bergbau unsere Sprache veränderte
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstr. 3, 01326 Dresden

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel

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