Infobrief vom 24. April 2020: Welttag des Buches

1. Presseschau

Welttag des Buches

Bild: Andreas Hermsdorf / pixelio.de

Lesen macht Spaß, es bildet – und es ermöglicht uns das Eintauchen in neue und spannende Welten. Zum Welttag des Buches und des Urheberrechts am 23. April hat der VDS an den Wert des gedruckten Wortes erinnert. Prof. Walter Krämer, Vorsitzender des VDS, hält es für wichtig, dass schon kleinen Kindern regelmäßig vorgelesen wird: „Lesen fördert die Sprachentwicklung – Kinder, die von ihren Eltern Geschichten vorgelesen bekommen, können meist schneller und umfangreicher kommunizieren und sich mit anderen Kindern austauschen“, sagt Krämer. Mehr als ein Nebeneffekt sei, wie das Vorlesen später beim Schrifterwerb hilft. Außerdem sei es sinnvoll, gedruckte Bücher zu lesen oder, wenn digital dann auf dafür entwickelten Endgeräten. Am Computerbildschirm, so Krämer, seien außer dem Text auch noch Banner, Werbeeinblendungen und andere bewegte Elemente eingebettet; diese würden die Konzentration auf den Text stören. (volksfreund.de, plus.pnp.de)


Sprachtipps für zuhause

Keine Konzerte, kein Kino, kein Restaurantbesuch mit Freunden – wer in Zeiten von Corona trotzdem Zerstreuung braucht oder die Kinder beschäftigen muss, ist momentan im Netz besonders gut bedient. Auf goethe.de sind viele Märchen der Brüder Grimm in einer erzählten Version zum Anhören verfügbar. Das Deutsche Historische Museum eröffnet eine digitale Ausstellung zu Hannah Arendt mit einer Bildergalerie und Hörcollagen. Auch die Musiksendung TV Noir hat regelmäßig Konzerte im Programm, die man sich zuhause anschauen kann, das nächste findet am 26. April mit Bodo Wartke statt. Literaturliebhaber kommen ebenfalls auf ihre Kosten: Die Initiative dichterlesen.net stellt im Archiv alle vergangenen Lesungen und Literaturveranstaltungen zum Nachhören zur Verfügung. Hier ein Gespräch und eine anschließende Lesung mit dem Autor Navid Kermani, der über seinen Roman „Kurzmitteilung“ spricht: dichterlesen.net. (goethe.de, dhm.de, tvnoir.de, dichterlesen.net)


Frage der Perspektive

Sprache beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen. Ein erstaunliches Beispiel ist die Wahrnehmung von Zeit. In unserer Vorstellung ist es ganz natürlich, dass Zeit von links nach rechts verläuft. Schaut man aber auf Sprachen wie das Hebräische, so verläuft dort die Zeit in der Vorstellung von rechts nach links – genau so logisch, da im Hebräischen die Schrift linksläufig ist. Alles eine Frage der Perspektive, meint Ulrich Ansorge, Psychologieprofessor an der Universität Wien. Auch Gefühle werden je nach Wortwahl unterschiedlich wahrgenommen: So beziehe sich der Begriff Freude im Deutschen typischerweise auf die Gegenwart oder die Vergangenheit. Eine auf die Zukunft gerichtete Freude bezeichne man hingegen eher als Vorfreude oder Hoffnung. Die Wirkung von Sprache auf den Geist sei vielfältig, so Ansorge, und geschehe häufig unbewusst. (derstandard.de)


Steinmeier und sein Floskel-Deutsch

„Die Menschen erwarten mit Recht, dass die Politik ihre tatsächlichen Probleme adressiert.“ Seit 2017 ist Frank-Walter Steinmeier Bundespräsident – ein Amt, das in Deutschland eher eine mahnende und repräsentative Bedeutung hat, erklärt die Neue Zürcher Zeitung. Im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger wirke Steinmeier dabei allerdings blass, wenn es um die Darstellung seiner Position Themen geht, so der Kommentar in der NZZ. Es wirke, als würde Steinmeier „seiner Muttersprache den Krieg erklären“. Er habe einen Hang zu Floskeln und Phrasen, die das Gesagte häufig fast komisch wirken lassen. (nzz.ch)


2. Unser Deutsch

Exit

Wir können eben die Entstehung eines neuen Lehnworts im Deutschen beobachten: Exit steht für den ‚Ausstieg aus den Korona-Beschränkungen‘. Es gibt die Exit-Strategie, Exit-Modelle, den Exit-Kurs. Die Diskussion ist entbrannt, erste Beschlüsse sind gefasst. Friseursalons und kleinere Läden sind die ersten, Schulen folgen. Und wann endlich dürfen wir wieder Restaurants und Biergärten besuchen, Hotelzimmer und Ferienwohnungen buchen?

Das Wort ist uns schon durch die Debatte um den Brexit, den ‚Ausstieg des Königreichs Britannien aus der EU‘ bekannt, ein Kurzwort aus Britain Exit, im Übrigen natürlich von unseren internationalen Reisen, von Flughäfen und Bahnhöfen. Hier steht EXIT einfach für ‚Ausgang‘, an den Autobahnen für ‚Ausfahrt‘. Wir dagegen übernehmen es nur in seinem aktuellen Gebrauch, als ‚Ausstieg aus den rigiden Korona-Beschränkungen‘. Dies ist ein typisches Phänomen im Sprachkontakt. Man entlehnt Wörter immer nur in einem aktuellen Gebrauch, niemals in ihrer ganzen Bedeutungsvielfalt.

Im Englischen gehört exit im Übrigen zum Kernwortschatz wie viele Latinismen. Sie gelten allenfalls als hard words, als schwierige Wörter‘. Im Deutschen sind sie immer Fremdwörter. Die unterschiedliche Rolle des Lateins in beiden Sprachen zeigt ein Beispiel: Flusspferd heißt auf englisch hippopotamus.

Das lateinische exitus wurde auch ins Deutsche entlehnt, ist aber fast nur Medizinern bekannt, als verhüllendes Wort für den Tod eines Patienten, den ‚Ausgang aus dem Leben‘. Diese Bedeutung hatte exitus schon bei den Römern.

Überhaupt ist die Zahl von Entlehnungen, die auf das lateinische Verb īre zurückgehen, zahlreicher als man heute erkennt. Zu ihnen gehört auch Koitus ‚Beischlaf‘, eigentlich ‚Zusammengehen‘ (aus co-īre), wiederum eine verhüllende Bezeichnung; ferner Transit ‚Durchfahrt‘, das schon im 19. Jahrhundert aus italienisch transito (zu transīre) entlehnt wurde. Von ab-īre ist als Partizip des Futurs abīturus ‚einer der weggehen wird‘ abgeleitet. Im Schullatein des 17. Jahrhunderts wurde daraus ein abīturiens, im 18. Jahrhundert unser Abiturient gebildet. Schon 1788 führte Preußen das Abiturienten-Examen ein, im 19. Jahrhundert wurde daraus unser Abitur. Bekanntlich wird diese Prüfung in Österreich Matur(a) genannt, amtlich Maturitätsexamen. Das preußische Wort hat dort keine Karriere gemacht.

Sprachhistoriker finden noch weitere īre-Abkömmlinge, zum Beispiel den grammatischen Terminus Präteritum (von praeteritus ‚vergangen‘ zu praeter-īre ‚vorübergehen‘), das Ambiente, entlehnt aus italienisch ambiente (aus lateinisch ambiens zu amb-īre ‚herumgehen) und die Inititale, im 18. Jahrhundert entlehnt und substantiviert aus neulateinisch initialis ‚anfänglich‘ (zu in-īre). Die Herkunft aus einem präfigierten īre-Verb ist zumeist verdunkelt. Nur im Exit scheint sie durch, ein verborgenes Band unter den europäischen Sprachen.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Vor 50 Jahren: Tod des Schriftstellers Paul Celan

Durch lyrische Auseindersetzung mit dem Holocaust wurde Paul Celan nach 1945 zu einem der wichtigsten deutschsprachigen Dichter. Geboren wurde er im damals rumänischen, heute ukrainischen Tschernowitz, als Sohn deutschsprachiger, jüdischer Eltern. Sowohl Celan selbst als auch seine Eltern wurden in Zwangsarbeitslager deportiert. Celan überlebte als einziger und floh über Ungarn und Wien nach Paris, wo er schließlich bis zu seinem Tod lebte. Die vielen Kulturen der verschiedenen Stationen seines Lebens vereinte er in seiner Persönlichkeit, und das Flüchtling-Sein prägte seine Literatur. Seine Gedichte, Prosawerke, Reden und Übersetzungen, sowie auch sein Frühwerk und die Gedichte aus dem Nachlass füllen sieben Bände – insgesamt 3.380 Seiten. Am 20. April 1970 nahm Celan sich unter nicht vollständig geklärten Umständen das Leben. Doch sein Werk bleibt: So wird das Gedicht „Todesfuge“ heute noch häufig in der Schule durchgenommen. (wort.lu)


Deutsch-Tschechisches Kulturnetzwerk

Seit vierzehn Jahren existiert das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB). Es steht für die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Bayern und Tschechien, steht als Ansprechpartner zur Verfügung, und bietet als Koordinierungsstelle Unterstützung für grenzüberschreitende Arbeit. Das deutsch-tschechische Internetportal bbkult.net, aus dem das CeBB entstand, informiert im Netz über die Arbeit des CeBBs: Alle Ergebnisse des grenzüberschreitenden Miteinanders der letzten 17 Jahre sind dort gesammelt. Zu finden sind mehr als 2.000 redaktionelle Beiträge, über 31.000 Kulturveranstaltungen, fast 6.000 Kulturadressen, 341 Ortsinformationen und rund 40.000 Bilder. Kürzlich wurde der Netzauftritt von bbkult.net überarbeitet, sodass nun alles übersichtlicher und leichter zugänglich ist. Der Leiterin des CeBB, Dr. Veronika Hofinger, war es ein Anliegen, die Arbeit als Koordinierungsstelle für die bayerisch-tschechisch kulturelle Zusammenarbeit mehr in den Vordergrund zu rücken, sowie auch die grenzüberschreitenden Projekte und die „Kulturtouren“ vorzustellen. (onetz.de, bbkult.net)


4. Berichte

Gewinner-Limericks

Die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in der Corona-Zeit haben auch eine inspirierende Seite: Sie regen an und bieten die Zeit zum Dichten. VDS-Regional- und Arbeitsgruppenleiter Dieter Rasch aus Rostock hatte im März einen Limerick-Wettbewerb ausgerufen. Aus über 100 Einsendungen von 28 Limerick-Begeisterten aus sechs Ländern hat eine Jury nun die drei besten ausgewählt. Die Preise in Form von Büchergutscheinen gehen an: Dieter Liewerscheidt (Mönchengladbach), Winfried Rathke (Geisenheim) und an Anneliese Penn (Linz). Alle eingereichten Gedichte – und solche, die uns weiterhin erreichen – stehen zum Nachlesen zur Verfügung auf: schönetexte.de.


5. Denglisch

Kein Engländer macht „Homeoffice“

Handy und Public Viewing kennen deutsche Denglisch-Plapperer seit Jahren – und die Engländer schütteln verdutzt den Kopf: Denn beide Wörter gibt es dort nicht bzw. sie bedeuten etwas anderes (Public Viewing = Leichenschau). Jetzt kommt ein weiteres Wort hinzu, das den Engländer weiter über uns Deutsche wundern lässt: Homeoffice. Bei uns wird es genutzt, um zu signalisieren: Arbeit ist im Büro mit den Kollegen wegen Corona nicht mehr möglich, stattdessen arbeitet man von zu Hause aus. Im Englischen bedeutet Home Office allerdings nicht den privaten Arbeitsplatz, sondern ist die Bezeichnung fürs Innenministerium. Wer von zu Hause aus arbeitet, arbeitet „from home“ oder „remotely“. (faz.net)


6. Termine

ABGESAGT! 27. April, Region 06/39 (Halle/Magdeburg)
Mitgliedertreffen und Führung durch die Marienbibliothek in Halle (Saale)
Zeit: 17:00 Uhr

ABGESAGT! 29. April, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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