Infobrief vom 24. Juli 2026: Die Angst vor der Zweisprachigkeit

1. Presseschau

Die Angst vor der Zweisprachigkeit

Die Befürchtung, dass frühe Zweisprachigkeit Kinder überfordern oder ihre Muttersprache beeinträchtigen könnte, ist nach wie vor weit verbreitet. Die Linguistin Faidra Faitaki von der Universität Oxford kommt im Rahmen einer Studie jedoch zu einem anderen Ergebnis. Für die Untersuchung wurden 140 griechische Kinder im Alter von vier bis elf Jahren verglichen, die unterschiedlich intensiv mit der englischen Sprache in Kontakt gekommen waren. Demnach stärkt der frühe Kontakt mit einer zweiten Sprache das Sprachbewusstsein von Kindern und kann sowohl ihre Grammatikkenntnisse als auch ihren Wortschatz fördern. Laut Faitaki sei die Sorge vieler Eltern wissenschaftlich nicht begründet. Stattdessen entwickelten zweisprachig aufwachsende Kinder ein besseres Verständnis für sprachliche Strukturen, was ihnen auch das Erlernen weiterer Sprachen erleichtern könne. In der Wissenschaft wird dieser Prozess als „crosslinguistischer Transfer“ bezeichnet. Besonders Kinder, die in einer bilingualen Vorschule mit der sogenannten Immersionsmethode lernten, erzielten bessere Ergebnisse in Grammatiktests und verfügten über einen größeren Wortschatz als einsprachig aufwachsende Kinder. Bei der Immersionsmethode werden zwei Sprachen parallel im Unterricht verwendet, sodass Kinder die Zweitsprache „beiläufig“ im Alltag erwerben. (fr.de)


Deutsche Welle nun auch auf Georgisch

Im Rahmen einer EU-Förderinitiative startet die Deutsche Welle am 3. August ein neues Nachrichtenangebot in georgischer Sprache. Zunächst wird der Kanal über Instagram verfügbar sein und aktuelle Entwicklungen aus Georgien sowie internationale Themen für ein georgischsprachiges Publikum aufbereiten. Ziel des Projekts ist es, gemeinsam mit der Mediengesellschaft France Médias Monde und dem polnischen Auslandssender TVP World unabhängigen Journalismus und verlässliche Informationen im Südkaukasus zu stärken. (n-tv.de)


Sprachwandel der kasachischen Kirche

In Kasachstan richtet die katholische Kirche ihre Seelsorge zunehmend auf die einheimische Bevölkerung aus. Während Russisch bislang die wichtigste Sprache in Liturgie und Gemeindearbeit ist, arbeitet eine Bischofskommission rund um den Leiter der Pontifikalen Missionswerke in Kasachstan, Gabriel Jocher, derzeit an der Übersetzung der Bibel und liturgischer Texte ins Kasachische. Das berichtete er gegenüber der missionarischen Nachrichtenagentur Fides. Ziel sei es, Gottesdienste und Gebete verstärkt in der Landessprache feiern zu können. Erste Schritte seien bereits kasachischsprachige Gebete, Gesänge und Testgottesdienste sowie eine teilweise Ausbildung der Priesterseminaristen auf Kasachisch. Der Sprachwandel geht mit einem strukturellen Wandel der Kirche einher. Nach der Auswanderung vieler Angehöriger historischer Minderheiten richtet sich die katholische Kirche zunehmend an kasachische Gläubige und Interessierte. (vaticannews.va)


2. Gendersprache

Gendern in der Steiermark

In der österreichischen Steiermark wurde eine neue Regelung zur Gendersprache eingeführt. Personenbezeichnungen in Gesetzen gelten nun grundsätzlich für alle Geschlechter. Gleichzeitig sollen Behörden möglichst geschlechtsneutrale Formulierungen verwenden. Anstelle des generischen Maskulinums werden zum Beispiel Begriffe wie „Studierende,“ „Lehrkräfte“ oder „Mitarbeitende“ empfohlen. Ziel der Regelung ist es, alle Menschen sprachlich einzubeziehen und eine diskriminierungsfreie Kommunikation zu fördern. (heute.at)


3. Sprachspiele: Wortfelderwirtschaft

Fegen

Im Ferienort meiner Kindheit las ich öfters an Geschäften den Familiennamen Harnischfeger. Für ein Grundschulkind ein ungewöhnliches Wort. Wenn ich heute nachforsche, begegnet es mir dort als häufiger Name. Aber was bedeutet er? Ungefähr dasselbe wie Schwertfeger: die Bezeichnung für einen, der die Waffen pflegen und in Ordnung halten sollte. Das Schwert sollte ja nicht nur sauber und blank sein, sondern auch scharf. Dazu musste es gewetzt werden. Und dieses Wetzen ist die Grundbedeutung des Fegens: eifrig hin-und-her-bewegen.

Von dieser Bedeutung her versteht man auch den Sinn des verwandten F-Wortes einschließlich seines obszönen Klangs.

Hirsch und Rehbock fegen das Gehörn, um den alten Bast abzuscheuern. Von alters her fegt ein Gläschen Rum den Magen. Die Brunnenputzer wurden regional auch Brunnenfeger genannt. In der Bibel (in der Sprache Luthers) wird der (Opfer-)Altar gefegt, um ihn von der Asche zu befreien, im Matthäusevangelium wird die Tenne gefegt und Paulus fordert die Korinther dazu auf, den alten Sauerteig auszufegen.

Der Schornsteinfeger geht seiner Tätigkeit in der Vertikalen nach, der Straßenfeger horizontal. Doch als solcher wurde gelegentlich auch ein besonders spannender Fernsehfilm in der Frühzeit dieses Mediums bezeichnet. Die Zuschauer, die öffentlichen Räume fliehend, saßen in ihren Wohnzimmern vor der Flimmerkiste, um nichts zu versäumen, der Bürgersteig war leer, wie gefegt.

Einem jungen Mann, begeistert von einer jungen Frau, gingen die Augen über: So ein Feger! Hoffentlich lernte er sie näher kennen! Auch das niederländische <Vegen> meint das Zusammenkehren und somit das Reinigen.

Heftig fegt der Wind durch die Straßen und wirbelt das Laub durch die Luft. Die mittelalterliche Höllenvorstellung hatte vor die ewige Strafe – oder den Zugang zur Seligkeit – das Fegefeuer platziert, damit der Reinigungs- und Läuterungsprozess gründlich sei. Die Angst davor war so groß, dass man für den Erlass – vergleiche Luthers Streiten um den Ablasshandel – gerne kräftig zahlte.

Wilhelm Wegner

Theologe und Cellist aus Frankfurt am Main

4. Kultur

Vom Essenslieferanten zum Schriftsteller – Eine inspirierende Geschichte aus China

Ein chinesischer Essenslieferant arbeitet tagsüber als Kurier und verfasst in seiner Freizeit (in den Pausen zwischen zwei Bestellungen) Gedichte. Mit seinen Werken gewann er einen der wichtigsten Literaturpreise Chinas. Der 58-jährige Wang Jibing arbeitet seit vielen Jahren als Lieferant. Trotz seines Berufs wurde er als Schriftsteller bekannt und erhielt einen bedeutenden Literaturpreis. Seit 2019 arbeitet er als Essenslieferant und nutzt seine Alltagserfahrungen als Inspiration für seine Texte.

Er schreibt Gedichte und Essays und veröffentlicht sie in den Sozialen Medien. Dadurch wurden viele Menschen auf seine Werke aufmerksam. Eine besondere Erfahrung inspirierte ihn ebenfalls zum Schreiben: Nachdem ein Kunde eine falsche Adresse angegeben hatte, musste er mehrfach ein Treppenhaus hinaufsteigen. Dieses Erlebnis verarbeitete er später in seinem Gedicht „Menschen in Eile“

Ich finde diese Geschichte sehr inspirierend. Sie zeigt, dass Talent und Kreativität nicht vom Beruf abhängen. Auch Menschen mit einem anstrengenden Alltag können große literarische Erfolge haben. Außerdem beweist sie, dass Ausdauer, Leidenschaft und harte Arbeit dazu beitragen können, Träume zu verwirklichen. Deshalb sollten wir unsere Ziele niemals aufgeben. (bild.de)

Fatma Nur Gün

Fatma Nur Gün ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur an der Fırat Universität Elazığ und beendet dort gerade ihre Doktorarbeit. Im Rahmen des Erasmus-Programms absolvierte sie diese Woche ein Praktikum beim VDS und half bei der Erstellung dieses Infobriefs.


Lörracher Schüler gewinnt Sprach- und Literaturpreis 

Im baden-württembergischen Lörrach hat Emanuel Schleyerbach vom Hebel-Gymnasium als einer von 22 Preisträgern den Landeswettbewerb für deutsche Sprache und Literatur gewonnen. Ausgezeichnet wurde er für einen fiktiven Dialog zwischen dem Dichter Rainer Maria Rilke und dem Mediziner Viktor von Weizsäcker, in dem er sich mit Rilkes Krankheit und dessen Verständnis von Medizin auseinandersetzt. Für den Wettbewerb wurden rund 400 Beiträge eingereicht. Schleyerbach entwickelte seinen Text auf Grundlage von Recherchen zu Rilkes Leben und Werk. (badische-zeitung.de)


Sanskrit wiederbeleben

Nur noch knapp 25.000 Menschen in Indien sprechen Sanskrit, eine der ältesten Sprachen der indogermanischen Sprachfamilie. Betrachtet man das vor dem Hintergrund von knapp 1,5 Milliarden Einwohnern in Indien, könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, die Sprache sei praktisch ausgestorben. Die hindu-nationalistische Regierungspartei Bharatiya Janata Party von Premierminister Narendra Modi versucht seit 2014, das zu ändern, sie sieht in Sanskrit eine indische Ur-Sprache. Sanskrit ist ähnlich wie Latein eine Sprache der religiösen Kultur, kann dazu von Hindi-Sprechern gut gelesen, aber wegen der anderen Grammatik schwer gesprochen werden.  

Mithilfe moderner Computertechnik ist es seit einiger Zeit möglich, Sanskrit wieder lebendig werden zu lassen: Am Indian Institute of Science in Bengaluru wurde ein Text-zu-Sprache-Generator geschaffen, mit dem Sanskrit wieder erlebbar gemacht wird. Die Seite wird millionenfach besucht, erlaubt sogar Gespräche und Rap-Gesang. Mit dem Programm, aber auch mit verschiedenen Lehr- und Forschungseinrichtungen soll Sanskrit wieder in den Fokus geholt werden. (heise.de)


5. Berichte

Praktikantin aus der Türkei

Diese Woche hatten wir auf dem Sprachhof Besuch aus der Türkei! Fatma Nur Gün ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für deutsche Sprache und Literatur an der Fırat-Universität Elazığ und beendet dort gerade ihre Doktorarbeit. Im Rahmen des Erasmus-Programms war sie diese Woche zum Praktikum beim VDS. Unter anderem hat sie am wöchentlichen Infobrief mitgearbeitet und Anfragen an unsere Sprachberatung beantwortet. (instagram.com/vds, facebook.com/vds)


6. (D)englisch

„Das war so cringe“

Immer mehr englische Begriffe gehören heute zum deutschen Alltag. Besonders junge Menschen verwenden Wörter wie cringe, lost, nice, liken, downloaden oder streamen. Diese Entwicklung wird vor allem durch Soziale Medien, das Internet und die Internationale Kommunikation beeinflusst.

Ein typisches Beispiel ist der Satz „Das war so cringe“. Das Wort „cringe“ stammt aus dem Englischen und bedeutet im Deutschen so viel wie „peinlich“ oder „unangenehm“. Früher hätte man wahrscheinlich „Das war peinlich!“ oder „Voll peinlich!“ gesagt. Heute benutzen viele Jugendliche stattdessen ganz selbstverständlich das englische Wort. (blog.duolingo.com)


7. Buchwelt

Bücher für KI schreddern

Seit Ende April wundern sich deutsche Antiquariate über Bestellungen, meist mitten in der Nacht. Eine Firma namens „Zoom Books“ aus Nordamerika bestellt alles: Kochbücher, Biografien, Sachbücher oder Reiseführer – quer durch alle Wissensgebiete und sogar Ladenhüter, alles aus den 1960er bis 70er Jahren. Bestellt wurde immer nur ein Exemplar. Die deutschen Antiquariate machten innerhalb weniger Wochen bis zu 50.000 Euro Umsatz, wunderten sich aber gleichermaßen über diese hohen Einnahmen. Laut Markus Brandis, dem Vorsitzenden des Verbands Deutscher Antiquare (VDA), brachten dann Kontakte in die USA die Aufklärung. Dort hatte es solche Massenbestellungen kurz vorher ebenfalls gegeben. Laut Washington Post stecke hinter den Masseneinkäufen das KI-Unternehmen „Anthropic“. Unter dem Namen „Projekt Panama“ wolle man „alle Bücher der Welt destruktiv scannen“.  Das heißt: Die Buchrücken werden abgeschnitten, die einzelnen Seiten gescannt und das Original dann vernichtet. So sollen die Bücher verschiedene KI-Modelle unterstützen.  

Das Problem ist das Urheberrecht, denn gerade die jüngeren Werke sind nicht gemeinfrei, und das hat dafür gesorgt, dass das Vorgehen von „Anthropic“ überhaupt erst ans Licht gekommen ist: US-Firmen hatten illegale Dateien aus sogenannten „Schattenbibliotheken“ heruntergeladen. Das Verfahren gegen „Anthropic“ wurde gegen eine Zahlung von 1,5 Milliarden Euro an die klagenden Autoren eingestellt, aber vermutlich auch nur, weil die Richter angedeutet haben, dass sie die Downloads für illegal halten.

Auch der Deutsche Börsenverein schließt sich dieser Meinung an, so deren Sprecher Thomas Koch: „In unseren Augen ist solch eine Trainingspraxis ein klarer Verstoß gegen das Urheberrecht. Nach deutschem Recht wäre das Einscannen der Bücher – zu welchem Zweck auch immer – nicht möglich.“ Das „Projekt Panama“ selbst scheint in den USA jedoch erlaubt zu sein: In zwei Urteilen haben US-Richter geurteilt, dass die Verwendung von Büchern durch Technologieunternehmen zum Trainieren von KI-Modellen ohne die Zustimmung des Autors oder Verlags rechtmäßig sei. Bücher zu kaufen, auseinanderzunehmen, einzuscannen und anschließend zu entsorgen, stelle keine Urheberrechtsverletzung dar, so die Richter, die Bücher seien mit dem Kauf Firmeneigentum geworden. (fr.de)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.

Redaktion: Fatma Nur Gün, Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Stephanie Zabel

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