1. Presseschau
Keine Klassenarbeiten auf Arabisch
In Nordrhein-Westfalen ist eine stärkere Förderung von Mehrsprachigkeit an Schulen geplant. Die Schulministerin Dorothee Feller stellte nach umfassender Kritik jedoch nun klar, dass Deutsch weiterhin die Unterrichts- und Prüfungssprache bleiben wird. Hintergrund ist ein Antrag von CDU und Grünen, der vorsieht, fachliche Kompetenzen von Schülern auch dann besser erfassen zu können, wenn diese aufgrund „noch unzureichender Deutschkenntnisse ihre Leistungen nicht vollständig auf Deutsch darstellen können“. FDP-Landeschef Henning Höne befürchtete daraufhin, dass Klassenarbeiten künftig auch in anderen Sprachen geschrieben werden könnten. Feller wies diesen Vorwurf jedoch zurück und betonte, dass es lediglich um eine bessere pädagogische Unterstützung und Diagnostik gehe. Höne fordert hingegen, den Erwerb der deutschen Sprache weiterhin konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Die schwarz-grüne Regierung könne laut Höne nicht konkret sagen, welche Maßnahmen zur Erfassung der fachlichen Kompetenzen in den jeweiligen Herkunftssprachen geplant seien und er warnt vor einer „integrationspolitischen Kapitulation“. In Nordrhein-Westfalen haben rund 44 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Ein Großteil der Kinder wächst mehrsprachig auf. Der Landesintegrationsrat spricht sich zudem für bilinguale Unterrichtsangebote bis zum Abitur aus und nennt dabei Sprachen wie Arabisch, Türkisch, Polnisch oder Ukrainisch. Durch diese Angebote könne man bis zu 60 Prozent der Familien mit Migrationshintergrund erreichen. (waz.de (Bezahlschranke))
Der Traum einer europäischen Lingua Franca
Die paneuropäische Bewegung Via Nova setzt sich für eine Wiederbelebung des Lateinischen als gemeinsame europäische Sprache ein. Latein solle dabei nicht die Nationalsprachen ersetzen, sondern als kulturelle Lingua Franca Europas dienen und langfristig sogar Amtssprache der EU werden. Die Initiatoren, darunter der Via-Nova-Präsident Timi Celcer, sehen Latein als gemeinsames europäisches Erbe und Alternative zum Englischen. Jedoch gibt es auch reichlich Kritik an dem Vorhaben, unter anderem von Jennifer Jenkis, Sprachwissenschaftlerin für Englisch als Lingua Franca. Sie beschreibt das Vorhaben als „unrealistisch“ und verweist darauf, dass Englisch bereits die internationale Verständigungssprache Europas sei. Dennoch betont Via Nova, dass Latein keineswegs ausgestorben sei. Die Sprache lebe in Wissenschaft, Recht, Medizin und zahlreichen Alltagsbegriffen wie „ad hoc“, „de facto“, „alter ego“ oder „et cetera“ weiter. Auch in der EU finden sich lateinische Bezüge, etwa im Motto „In Vielfalt geeint“ oder in Bezeichnungen wie „Consilium“ und „EUR-Lex“. Die Bewegung möchte Latein zudem von seinem elitären Ruf befreien und stärker als gesprochene Sprache vermitteln. Ob sich die Sprache tatsächlich wieder als europäische Verkehrssprache etablieren kann, bleibt jedoch fragwürdig. (euractiv.com)
Sprachwissen beim Programmieren
Die Informatik wird zu den Berufsfeldern gehören, die in den nächsten Jahren von der Künstlichen Intelligenz stark umgestaltet werden. „Früher musste man programmieren, um einem Computer präzise Anweisungen zu geben. Heute reicht oft natürliche Sprache“, schreibt Stefan Scheuer im Handelsblatt. Sprache werde deswegen zur Steuerungskompetenz und Sinologe Scheuer ist froh über sein geisteswissenschaftliches Studium, das sein Sprachgefühl und seinen Blick für Bedeutungsunterschiede geschärft habe. Denn ein „präziser Prompt spart Zeit, begrenzt Fehler und macht Ergebnisse überprüfbarer“. Für Scheuer besteht die wichtigste Fähigkeit im KI-Zeitalter darin, Fachwissen, Technikverständnis und Sprache so zu verbinden, dass Maschinen nützliche Arbeit leisten und Menschen verantwortlich entscheiden. (handelsblatt.com)
Hausunterricht vs. Schulpflicht
Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnte die AfD im September eine absolute Mehrheit erreichen. In ihrem Wahlprogramm fordert die Partei unter anderem „Bildungspflicht statt Schulzwang!“ und will „in Anlehnung an das österreichische Modell eine Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen.“ Zur Kontrolle des Lernfortschritts sollen die zu Hause unterrichteten Kinder halbjährlich zentrale Prüfungen ablegen.
Für den Bildungsexperten Josef Kraus bedeutet die Abschaffung der Schulpflicht jedoch keine Abhilfe – im Gegenteil: Schule sei auch ein Ort des sozialen, kommunikativen Lernens in einer Gemeinschaft und damit Basis einer Erziehung zur Demokratie. „Hausunterricht isoliert die Kinder“, so Kraus. Zudem müsste der Unterricht zu Hause von Fachpersonal durchgeführt werden, was die Qualität der Ausbildung vom Geldbeutel der Eltern abhängig mache. Kraus befürchtet auch zunehmende „Parallelgesellschaften“, weil der Anteil der Schüler an staatlichen Schulen ohne deutsche Muttersprache durch eine Aufweichung der Schulpflicht wachsen könnte.
Allerdings bräuchten die AfD-Politiker dafür eine Zweidrittelmehrheit, denn die allgemeine Schulpflicht ist in der Verfassung von Sachsen-Anhalt verankert. Zudem wäre auch der Artikel 7 (1) des deutschen Grundgesetzes betroffen: „Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.“ (the-germanz.de)
2. Gendersprache
„Sehr geehrter Herr T.“
Besonders in Stellenanzeigen gibt es mittlerweile eine Vielzahl verschiedener geschlechtsneutraler Formulierungen und Zeichen. Denn wenn eine Stellenanzeige nicht gendergerecht formuliert ist, drohen dem Arbeitgeber empfindliche finanzielle und rechtliche Konsequenzen. Das Arbeitsgericht Berlin (Urteil vom 28.05.2026, Az. 42 Ca 3438/26) hat nun aber die Klage einer nicht-binären Person abgewiesen, die ein Unternehmen wegen einer fehlerhaften Anzeige und einer falschen Anrede in der Absage-Nachricht verklagt hatte. Diese Absage hatte der Chef des Unternehmens mit „Sehr geehrter Herr T.“ begonnen, weil der Vorname des Bewerbers „Nikolaus“ lautete.
Das Gericht war überzeugt, dass der Kläger kein echtes Interesse an der Arbeitsstelle hatte, sondern sich nur bewarb, um die Entschädigung einzuklagen. (bild.de (Bezahlschranke))
3. Kultur
„Mehrzweckeier“ ungültig?
Die Einreichung der Vorschläge für das Jugendwort des Jahres des Langenscheidt-Verlags hat vor Kurzem begonnen, jedoch sorgt bereits ein Begriff für Diskussionen. Mehrere Nutzer haben Varianten des Ausdrucks „Mehrzweckeier“ eingereicht. Dabei handelt es sich offenbar um eine Abwandlung des Spruchs „Merz leck Eier“, der bei Protesten gegen die Wehrpflicht auf Plakaten zu sehen war und für mediale Aufmerksamkeit sorgte. Ob der Begriff tatsächlich Chancen auf einen Platz in den Top 10 hat, ist jedoch unklar. Der Verlag Pons Langenscheidt betont, dass nur Wörter berücksichtigt werden, die tatsächlich zum Sprachgebrauch junger Menschen gehören. Ausgeschlossen werden unter anderem künstlich initiierte Kampagnen sowie beleidigende oder diskriminierende Begriffe. Vorschläge für das Jugendwort des Jahres können noch bis zum 17. Juli eingereicht werden. Die Top 10 werden am 28. Juli veröffentlicht, bevor die öffentliche Abstimmung beginnt. Das Jugendwort des Jahres wird traditionell am 10. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben. Im vergangenen Jahr gewann der Ausdruck „Das crazy“. (tagesspiegel.de)
Von „Chat Tschibidi“, „Rotzlöffeln“ und „Mumpitz“
Nach nur knapp zwei Wochen Abstimmungszeit steht das diesjährige „Boomer-Wort“ des Jahres fest. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von dem Berliner TikToker Levi Penell, der damit eine satirische Antwort auf das Jugendwort des Jahres schaffen wollte. Nutzer konnten in den Sozialen Medien Begriffe vorschlagen, die sie mit der älteren Generation verbinden. Den ersten Platz belegt dieses Jahr die lautmalerische Verballhornung „Chat Tschibidi“ für den KI-Chatbot ChatGPT. Auf den weiteren Plätzen folgten „Hope“, der in den Sozialen Medien verbreitete Name des Buckelwals, der erstmals im März im Hafen von Wismar in der Ostsee gesichtet wurde, sowie die altmodischen Monatsbezeichnungen „Juno“ und „Julei“ für Juni und Juli. Ebenfalls in der Rangliste vertreten sind Begriffe wie „Drückeberger“, „Sonnabend“ und „Reklame“. Bereits in den vergangenen Jahren wurden „Sportsfreund“ (2024) und „Baujahr“ (2025) zu Boomer-Wörtern des Jahres gewählt. Zu den weiteren Vorschlägen in diesem Jahr zählten unter anderem „Rotzlöffel“, „Mumpitz“, „Göttergatte“ und „Rambazamba“. (welt.de)
4. Berichte
KI und Wittgenstein in der VDS-Akademie
Die Angebote der VDS-Akademie werden ab diesem Sommer fortgesetzt. Am 20. Juni widmet sich Dr. Achim Sohns, Regionalleiter der Region Hannover, im Rahmen eines Tagesseminars der Frage: „Ist Künstliche Intelligenz böse?“ Die Veranstaltung kann sowohl in Präsenz auf dem Sprachhof in Kamen als auch online besucht werden. Gemeinsam mit interessierten Sprachfreunden möchte Dr. Sohns einen Überblick darüber geben, was Künstliche Intelligenz ist, was sie leisten kann und wie verschiedene, überwiegend zeitgenössische Denker diese Entwicklung einordnen. Philosophische Vorkenntnisse sind hierfür nicht erforderlich. Bereits am darauffolgenden Tag, dem 21. Juni, folgt ein weiteres Tagesseminar zur Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins, ebenfalls unter der Leitung von Dr. Achim Sohns.
Das Angebot der VDS-Akademie wird fortlaufend erweitert. Nähere Informationen zu den Seminaren sowie zur Anmeldung finden Sie auf der Netzseite des VDS.
Hoher Besuch in Togo
Zum Tag der deutschen Sprache in Togo, den der VDS-Landesleiter Djato Egbatao mit seinen Mitstreitern organisiert hatte, kamen u. a. der Regionaldirektor für Bildung der Région Centrale, der Proviseur von Lycée Sokodé, der Inspektor für Deutsch und viele Lehrer aus den verschiedenen Gymnasien. Über 200 Schüler aus verschiedenen Schulen kamen ins Lycée Moderne nach Sokodé, um Gedichte und Lieder vorzutragen, aber auch, um bei einem Wettbewerb das längste Wort auf Deutsch zu formen. „Kaum kann man glauben, dass Schüler und Schülerinnen, die weit weg von Deutschland und dem deutschen Alltag sind, die deutsche Sprache so beherrschen können“, so Egbatao. Die Teilnehmer lernten den VDS kennen, außerdem wurde ihnen gezeigt, welche Möglichkeiten des Deutsch-Lernens es gibt und was man beruflich mit der Sprache erreichen könne. Am Ende der Veranstaltung haben Lehrer und Schüler den Wunsch geäußert, dass solche Veranstaltungen regelmäßig in Sokodé stattfinden sollten, denn Veranstaltungen dieser Art brächten den Schülern ein Plus an Motivation, die deutsche Sprache zu lernen. (facebook.com/vds, x.com/vds)
5. Soziale Medien
Deutsche Sprachtage in Wien
Drei Tage volles Programm mit Stadtführungen, intensiven Arbeitsgruppen, spannenden Gesprächen sowie alten und neuen Freunden: Die Deutschen Sprachtage samt Delegiertenversammlung haben VDS-Mitglieder aus aller Welt nach Wien gelockt. Auf unseren Seiten in den Sozialen Medien teilen wir Eindrücke dieses lehrreichen und abwechslungsreichen Kulturwochenendes. Unser herzlicher Dank gilt allen, die dabei waren. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, tiktok.com/vds)
Wir sind der VDS!
Wo spricht man eigentlich Deutsch? Meistens fallen einem dann als erstes Deutschland, Österreich und die Schweiz ein. Dabei wird Deutsch auf der ganzen Welt gelernt und gelehrt. Viele unserer VDS-Landesleiter sind Lehrer oder Professoren, die jungen Menschen Deutsch beibringen und dabei auch den Spaß an der Sprache nicht zu kurz kommen lassen. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, tiktok.com/vds)
Ein Treffen im Zeichen des Friedens
Nicht jedes Kind wächst in Frieden auf, aber jedes Kind versteht, was Frieden ist. Kinder und Jugendliche aus den verschiedenen Ländern, in denen der Verein Deutsche Sprache (VDS) vertreten ist, haben ihre Gedanken zum Thema Frieden in Worte gefasst. Knapp 80 Gedichte sind dabei zusammengekommen, ein Teil von ihnen wurde am Wochenende auf den Deutschen Sprachtagen in Wien präsentiert. „Das Projekt ist vor allem vor dem Hintergrund bedeutsam, dass die Kinder Deutsch als Fremdsprache lernen“, sagt Prof. Dr. Bruno Klauk, Auslandsbeauftragter des VDS, „trotz dieser Hürde konnten sie ihre Ängste, aber auch ihre Hoffnungen in Worte fassen.“ Die Gedichte der Kinder decken inhaltlich verschiedene Bereiche von „Frieden“ ab: So schreibt eins über die Hoffnung, dass in Benin bald niemand mehr hungern sollte. Ein anderes vergleicht Frieden mit dem süßen Geschmack einer Mango. Und für ein drittes fängt Frieden schon im Kleinen an, wenn es darum geht, sich nicht mit Freunden zu streiten. Die Kindergedichte werden im Anschluss im IfB-Verlag Deutsche Sprache veröffentlicht, sodass die Kinder auch sehen, dass ihre Gedanken nichts Flüchtiges sind, sondern erhalten bleiben. Auch die Erwachsenen zeigten, dass Frieden etwas Internationales ist, das es zu bewahren gilt. Die Landesleiter, die teils in Präsenz vor Ort in Wien und teils online zugeschaltet waren, sangen gemeinsam „Sag mir, wo die Blumen sind“ und erinnerten so an ihre schwierige Pflicht, den Kindern eine sichere Welt zu hinterlassen. (facebook.com/vds, instagram.com/vds, tiktok.com/vds)
Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion wider.
Redaktion: Holger Klatte, Asma Loukili, Stephanie Zabel
