Infobrief 424 (30/2018): Lehrerberuf zu unattraktiv

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1. Presseschau vom 20. bis 26. Juli 2018

  • Lehrerberuf zu unattraktiv
  • Unter Umständen hilfreich
  • Zum 153. Geburtstag Sütterlins

2. Unser Deutsch

  • SALE

3. Berichte

  • Ausstellung in Schorndorf

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Gut für den Kopf, schlecht für die Augen

6. Denglisch

  • Sprachpolitischer Beistand

 

1. Presseschau vom 20. bis 26. Juli 2018

Lehrerberuf zu unattraktiv

Bild: CC0 | Pixabay | quinntheislander

In den nächsten fünf Jahren sollen bis zu 50.000 Lehrer fehlen, vor allem an Grundschulen. Obwohl bereits jetzt der Lehrermangel akut und die Unterrichtsqualität besorgniserregend sei, schweige die Politik das Thema tot, kritisiert die FAZ. Der Grund für die schlechten Aussichten sei in erster Linie die Unattraktivität des Lehrerberufs. Ein geringes Ansehen, unzureichende Unterstützung im Studium und schließlich auch die vergleichsweise schlechte Bezahlung lasse viele Lehramtsstudenten eine Stelle in der freien Marktwirtschaft vorziehen, besonders in naturwissenschaftlichen Fächern. Aus Mangel an Lehrkräften stellen viele Schulen inzwischen auch Quereinsteiger ein, die weder über pädagogisches Grundwissen verfügen noch den aktuellen Lehranforderungen in Zeiten von Inklusion und Integration standhalten können. Befristete Verträge von Schuljahr zu Schuljahr und Kündigungen über die Sommerferien steigern den Unmut zusätzlich, ebenso wie die Tatsache, dass die Länder nun auch vermehrt – und rechtswidrig – beginnen, Lehrer aus anderen Bundesländern abzuwerben. „Schlimmstenfalls werden die strukturschwächsten Länder mit den größten bildungspolitischen Baustellen, etwa Bremen, künftig auch noch die meisten Quereinsteiger oder nicht professionell ausgebildeten Lehrer beschäftigen“, warnt die FAZ.
Ein weiteres Problem in Sachen Lehrqualität: Viele Abiturienten beginnen ihr Studium ohne vorherige Auseinandersetzung mit den Inhalten des Fachs. Besonders bei angehenden Germanisten sei die Freude am Lesen oftmals der alleinige Auslöser für die Immatrikulation. So beklagt Simon Stege in der WELT, dass vielen Germanistikstudenten nicht nur die Titel der großen Literaturkanons unbekannt seien, sondern sie obendrein die Grundregeln der Grammatik nur unzureichend beherrschten. Eine frühzeitige, das heißt noch vor der Bewerbungsphase beginnende, intensive Recherche zum möglichen Studium und die Frage nach den eigenen Interessen und Kompetenzen könnten nicht nur die zwangsläufige und hohe Abbrecherquote (jeder Dritte im Fach Germanistik) durch falsche Vorstellungen reduzieren, sondern gleichzeitig auch die Qualität der Lehrkörper sichern. (faz.netnews4teachers.dewelt.defr.de)

 

Unter Umständen hilfreich

Passend zur Urlaubszeit bewertet Spiegel Online einige Apps (Programme für Mobiltelefone und Tablets), mit denen man einen Text, wie zum Beispiel ein Schild oder eine Speisekarte fotografieren kann und nach kurzer Zeit über eine Internetverbindung eine „Übersetzung“ erhält. Wie der Test zeigte, funktioniert das auch mit japanischen Schriftzeichen oft erstaunlich gut, manchmal aber auch grottenschlecht. Der Tester merkte an, dass es zum Glück in japanischen Restaurants oft Speisekarten mit Fotos gibt; das erleichtere dann die Interpretation der Übersetzungsvorschläge. Mit einigen Apps ist auch eine Übersetzung ohne Internetverbindung möglich. Dazu muss man sich vorher die passenden Wörterbücher herunterladen. Leider stehen auch nicht alle Sprachkombinationen zur Verfügung, Zielsprache ist – wie sollte es anders sein – oft nur Englisch.
Wie funktionieren diese Programme? Das verbreitete Programm Google-Übersetzer arbeitet oft mit einer statistischen Methode. Die gelesenen oder eingetippten Texte werden mit einem gespeicherten zweisprachigen Textkorpus verglichen und bei einem Treffer übersetzt an das anfragende Programm zurückgesendet. Falls bei der Suche der richtige Kontext getroffen wurde, ist die Übersetzung oft sehr passend. Verlassen sollte man sich auf die maschinellen Übersetzungen dennoch nicht, die den menschlichen Sprachleistungen trotz zeitweiser Nützlichkeit um Längen nachstehen. (spiegel.de, translate.google.comdeepl.com)

 

Zum 153. Geburtstag Sütterlins

Kaum einer beherrscht sie heute noch, ein Begriff ist sie vielen dennoch: die Sütterlin-Schrift. Zum 153. Geburtstag ihres Erfinders Ludwig Sütterlin widmen sich die Medien der 1911 von dem Grafiker im Auftrag des Schulministeriums entwickelten Handschrift. Die Schrift entstand zu einer Zeit, in der unterschiedliche und nur unzureichend auf die kindliche Motorik abgestimmte Schriftarten das Schreibenlernen erschwerten. 1915 wurde die Sütterlin-Schrift dann probeweise an Schulen eingeführt. Mit Erfolg, denn nur drei Jahre später lernte jedes Kind in Preußen verbindlich die einheitliche Handschrift – bis die Nationalsozialisten sie 1941 mit der Begründung verboten, die Zeichen leiteten sich von den „Schwabacher Judenlettern“ ab.
Von den rund 70 Millionen Schreibern dieser Zeit leben heute wohl nur noch wenige. Dennoch kämpft eine kleine Gruppe aus Senioren um das Erinnern an die einstige Schreibkultur, die für manchen von ihnen mit vielen Erinnerungen verknüpft ist. Wer alte Briefe der Großmutter findet oder Stammbäume übersetzen lassen will, kann sich an die „Sütterlinstube Hamburg“ wenden, muss aber mit einer monatelangen Wartezeit rechnen. Denn das Interesse ist groß, über 3500 Schriftstücke hat die „Sütterlinstube“ bereits übersetzt. (welt.desütterlinstube.de)

 

2. Unser Deutsch

SALE

Es gibt nur noch wenige Deutsche, die [´salə] sagen statt des englischen [seɪl], mit einem Diphthong, der deutschen Wörtern sonst fremd ist. Tatsächlich sagen die meisten [se:l] wie auch [me:l] für mail. Wir haben das englische Lautsystem samt seinen extravaganten Schreibungen ein bisschen zurechtgebogen. Fremd bleibt es trotzdem. Das Wort sale hat natürlich neben dem englischen Flair den Vorzug der Kürze, verglichen mit dem einstigen Schlussverkauf, den es zweimal im Jahr gab, als Sommer- oder Winterschlussverkauf, wegen der Länge abgekürzt zu SSV beziehungsweise WSV. Damals war das alles noch bürokratisch geregelt. Jetzt kann jeder, wenn er will, seinen SALE ankündigen. In der Sache hat sich nichts geändert: Wenn die Ware der nächsten Saison eintrifft, muss Platz gemacht werden. Manche nutzen den Zeitpunkt für eine Renovierung: „Alles muss raus!“ Oder sie geben den Laden auf. „SALE, wegen Geschäftsaufgabe“, das soll die anderen unterbieten.
Der Siegeszug von SALE hat längst auch andere europäische Länder erfasst. Wir sehen es, wenn wir im Urlaub durch die Einkaufsgassen schlendern. In Schweden klagen die Vertreter von Språkförsvaret, dem Sprachverein mit dem sprechenden Namen ‚Sprachverteidigung‘, dass ihr größtes Einkaufszentrum sich nicht des traditionellen Rea (Abkürzung für realisation) bedient. Dies hatte einst das schwedische utförsäljning ‚Ausverkauf‘ verdrängt. Wenn mit Sprache geworben werden soll, braucht es Neues, Auffälliges, auch Fremdes. Kann man sich dem verweigern? Und wer soll dies tun? Es bleibt der Trost, dass auch das Neue bald alt sein wird.
Und woher kommt eigentlich das englische sale? Die Fachwissenschaft gibt Auskunft: Altenglisch sala sei wahrscheinlich entlehnt aus altnordisch sala, eine von zahlreichen lexikalischen Hinterlassenschaften der Wikinger-Herrschaft im Nordosten Englands, dem sogenannten Danelaw. Kühne Wissenschaftler behaupten sogar, das heutige Englisch sei gar keine westgermanische Sprache mehr, wie sie Angeln und Sachsen vom Kontinent mitgebracht hatten, sondern eher eine nordische Sprache. Die Frage ist immer, wer im Sprachenkontakt die Oberhand behält. Vielleicht könnten die Schweden ihr SALE gnädiger bewerten, wenn sie es als Rückimport erkennen. Überhaupt mahnt dies Nehmen und Geben in Europa zu etwas Gelassenheit. So schnell wird es nicht zum Ausverkauf unserer Sprachenvielfalt kommen.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Ausstellung in Schorndorf

Mit großem Erfolg endete die Ausstellung „Denglisch in Karikaturen“ des Künstlers Friedrich Retkowski in der vergangenen Woche in Schorndorf. Vom 27. Juni bis zum 21. Juli präsentierte der VDS die Werke des Hamelner Karikaturisten in Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum Schorndorf, das auch als Ausstellungsort diente. Retkowskis Arbeiten setzen sich mit dem unnötigen und absurden Denglischgebrauch in Alltag und Werbung humoristisch auseinander. Der Ausstellung wurde mit einem anerkennenden Artikel in den Schorndorfer Nachrichten gedacht, der auch den VDS und seine Arbeit hervorhob. Ein Dokumentationsvideo zur Ausstellung finden Sie unter folgendem Link: youtube.com

 

4. VDS-Termine

2. August, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen mit Vortrag von Wolfgang Hildebrandt zum Thema „Gender“
Zeit: 19 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

 

5. Literatur

Gut für den Kopf, schlecht für die Augen

Wer viel liest, steigert das Risiko zur Kurzsichtigkeit. Was Augenmedizinern seit über 150 Jahren ein Rätsel war, hat eine Tübinger Forschergruppe nun möglicherweise gelöst: Der Kontrast zwischen hellem Papier und schwarzen Buchstaben könnte die Ursache für Sehprobleme von Viellesern sein. Durch den starken Farbwechsel würden Sehzellen aktiviert, die den Augapfel wachsen lassen. „Ein langer Augapfel aber heißt, dass der Punkt des schärfsten Sehens nicht auf, sondern vor der Netzhaut liegt – das Auge kann Dinge in der Ferne nicht mehr fokussieren“, erklärt die Süddeutsche Zeitung die Forschungsergebnisse. Welche Konsequenz das auf die bisher gängigen Leseformate hat, müssen weitere Studien nun herausfinden. Vorbeugen kann man der Kurzsichtigkeit im Alter jedoch trotzdem schon jetzt durch den täglichen Aufenthalt im Freien. Denn Sonnenlicht stoppt das Längenwachstum des Augapfels. (sueddeutsche.de)

 

6. Denglisch

Sprachpolitischer Beistand

Nicht nur Mitglieder des VDS, auch die Leser der Berner Zeitung sind genervt von der Masse an Anglizismen. Nach einem Aufruf der Zeitung zum Thema Denglisch in Medien und Alltag kamen zahlreiche Rückmeldungen, die den Unmut über die unnötigen Eingriffe des Englischen in den deutschen Sprachgebrauch bekundeten. Vor allem das „Pseudoenglisch“ und die unüberlegte Übernahme der Fremdwörter sei beunruhigend, finden die Leser. Zwar sei ein Sprachwandel normal und eine Erweiterung des deutschen Wortschatzes in manchen Fällen sinnvoll, aber nur dann, wenn es keine deutsche Entsprechung gebe und deutsche Begriffe nicht durch englische verdrängt würden, lautet der allgemeine Tenor. (bernerzeitung.ch)

 


 

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten und Nachrichten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache.

RECHTLICHE HINWEISE
Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch

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