Infobrief 432 (38/2018): Zurück auf Anfang

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1. Presseschau vom 14. bis 20. September 2018

  • Zurück auf Anfang
  • Dialekte werden Weltkulturerbe
  • Kolonialsprachen an afrikanischen Schulen

2. Unser Deutsch

  • Spurwechsel

3. Berichte

  • Funken der Hoffnung
  • Michael Mittermeier lobt Die Fantastischen Vier

4. VDS-Termine

5. Literatur

  • Fünf Freunde mal anders

6. Denglisch

  • Unverstandene Gründer

 

1. Presseschau vom 14. bis 20. September 2018

Zurück auf Anfang

Bild: pixabay.com | Nutzer: StockSnap | CC0-Lizenz

Seit ihrer Einführung stand die Methode des sogenannten Schreibens nach Gehör unter erheblicher Kritik, nun belegt eine Studie der Universität Bonn den Misserfolg schwarz auf weiß: Bis zu 55 Prozent mehr Rechtschreibfehler machen Schüler, die das Schreiben bis zur dritten Klasse nach eigenem Ermessen erlernen, nämlich „so, wie sie meinen, dass es richtig ist“, erklärt SPIEGEL ONLINE. Das Konzept der Rechtschreibwerkstatt, bei dem Kindern ausschließlich das Schreibmaterial zur Verfügung gestellt, nicht jedoch eine Reihenfolge oder ein zeitlicher Rahmen vorgegeben wird, schnitt mit bis zu 105 Prozent mehr Fehlern noch schlechter ab. Allein das Schreibenlernen mit der Fibel ermögliche die besten Lernerfolge, heißt es in der Studie. Um weiteren Schaden von den Kindern abzuwenden, forderte der Lehrerverband ein bundesweites Verbot der Schreiben-nach-Gehör-Methode. „Kinder wurden damit zu Versuchskaninchen einer übereifrigen Reformpolitik gemacht“, kritisierte Heinz-Peter Meidiniger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Für die Studie wurden 3000 Kinder aus Nordrhein-Westfalen getestet, die aus unterschiedlichen ländlichen und urbanen Regionen kommen und vielfältige familiäre Hintergründe aufweisen. (spiegel.de, infranken.de, news4teachers.de, spiegel.de, zdf.de, wdr.de, welt.de)

Dialekte werden Weltkulturerbe

Um dem Dialektsterben entgegenzuwirken, hat die UNESCO eine große Tonbandsammlung österreichischer Dialekte zum Weltkulturerbe erklärt. Rund 1700 Aufnahmen mit 251 Stunden Gesamtdauer aus den Jahren 1951 bis 1983 umfasst das Material des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie, das zum Teil noch Mundarten enthält, die es bereits nicht mehr gibt. Die Sammlung entstand unter der Leitung der Dialektologin Maria Hornung, die 30 Jahre lang die Dialekte im gesamten Land untersuchte. Besonders sei dabei die Authentizität der Konversationen, die in alltäglichen Situationen aufgenommen wurden, sagt Sprachwissenschaftler Christian Huber. Die globale Mobilität sowie der Einfluss des Deutschen auf die österreichische Sprache trage maßgeblich zu einem Verlust der Mundarten bei, erklärt Huber, was zwangsläufig auch den Verlust kultureller Vielfalt nach sich ziehe. (orf.at)

Kolonialsprachen an afrikanischen Schulen

Während hierzulande bereits vehement über die Einführung des Fremdsprachenunterrichts an Grundschulen als Ergänzung zum Deutschen diskutiert wird, ist die Lage in Subsahara-Afrika weitaus prekärer. Denn von den dort rund 2000 gesprochenen Regionalsprachen wird an Schulen kaum eine verwendet. Stattdessen findet der Unterricht in den Sprachen der ehemaligen Kolonialherren statt, in Englisch, Französisch oder Portugiesisch, die die Kinder vor Schulantritt oft nie gehört, geschweige denn zu sprechen gelernt haben. Die Einführung und Stärkung der jeweiligen Landessprachen im Unterricht, die zahlreiche Projekte aus diesem Grund seit einigen Jahren anstreben, stößt jedoch auch auf Proteste. In einigen Ländern, darunter Nigeria, werden bis zu mehrere Hundert Sprachen gesprochen, was eine gerechte Beschränkung auf eine Muttersprache unmöglich macht. Auch Eltern der gehobenen Mittelschicht sträuben sich gegen das Vorhaben, da sie um die Karriere ihrer Kinder fürchten, die mit westlichen Sprachen auch international ihre Chancen auf einen guten Arbeitsplatz erhöhen. Tatsächlich jedoch sprechen selbst die Lehrer die Unterrichtssprache selten fließend, so dass die Sprachen von vornherein fehlerhaft unterrichtet werden. Der kenianische Sprachwissenschaftler Ngugi wa Thiong’o empfiehlt deshalb, zuerst die eigene Muttersprache sprachlich wie schriftlich zu erlernen, „dann eine weitere afrikanische Sprache, die hilft, sich mit Menschen aus anderen Sprachräumen Afrikas zu verständigen. Erst dann kommen Englisch, Französisch und andere Sprachen“. „Wenn in Afrika nur Englisch und Französisch gesprochen werde, vermittle das den Eindruck, Wissen käme – wie die Sprachen – von außen“, heißt es dazu in der Deutschen Welle. (dw.com)

 

2. Unser Deutsch

Spurwechsel

Unsere Politiker übertreffen sich in jüngster Zeit in kreativer politischer Metaphorik. Das schätzten schon die alten Griechen. Sie haben diese Kunst der Redner als Rhetorik systematisch beschrieben und ihre Terminologie als gelehrte Fremdwörter in unserem Wortschatz hinterlassen.
Nach der Klage über den Asyltourismus (im Süden der Republik) wird jetzt (im Norden) ein Spurwechsel in der Einwandererpolitik empfohlen. Woher kommt das Wort? Wie passt es in die Debatte? Den Spurwechsel kennen wir aus der Fahrschule und den Hinweisen der Verkehrspolizei. Es geht um den Wechsel der Fahrspur, etwa vor dem Abbiegen oder dem Überholen. Stets soll man dies durch Blinken anzeigen, um die übrigen Verkehrsteilnehmer auf die Absicht des Spurwechsels vorzubereiten. Bei Fahrbahnverengungen ist das Reißverschlussverfahren geboten: abwechselnd einen reinlassen in die neue Spur. Selbstverständliche Voraussetzung des Spurwechsels ist, dass alle in gleicher Richtung unterwegs sind.
Was bedeutet dieser Hintergrund für den Vorschlag, neben dem Asylverfahren, gleichsam eine zweite Spur, die Zuwanderung für gut integrierte, fleißig arbeitende, Steuer zahlende Immigranten zu eröffnen? Was bisher von Politikern des Südens aufs Entschiedenste abgelehnt wurde, soll nun gestattet werden? Ist dies nicht eher ein U-turn, eine U-kehre der Politik? Natürlich. Mit dem Wort Spurwechsel wird diese Wende euphemistisch verkleidet. In seinem Interview hat der Schleswig-Holsteinische Ministerpräsident gleichsam geblinkt. Nun wartet er die Reaktion der politischen Mitreisenden ab. Den verzweifelten Immigranten hatte man die Asyl-Spur abgeschnitten. Droht nun die Abschiebung von der Autobahn ins Glück? Zu regelmäßiger Arbeit und sozialer Sicherheit, zu Schutz von Leben und Gesundheit, auch zu Rechtssicherheit und Redefreiheit – alles, was uns vertraut, lieb und teuer ist? Ein Spurwechsel auf diesem Weg könnte sie endlich zum ersehnten Reiseziel führen.
Die Metapher stößt weithin auf Wohlwollen angesichts der Bilder von gewaltsam abgeschobenen, gut integrierten, aber nicht asylberechtigten Immigranten. Gerne nehmen wir den kleinen verbalen Schwindel in Kauf, damit unsere Politiker einen Ausweg aus ihrer Sackgasse finden.
Übrigens wurde die metaphorische Kraft des Spurwechsels schon in anderen Bereichen genutzt. An den Universitäten Mannheim und Heidelberg, so liest man im Netz, wird erfolglosen Studierenden der Fachwechsel als Spurwechsel nahegelegt. Besser auf anderer Spur weitermachen als ganz zu scheitern.
Aber sollten wir nicht überhaupt ab und zu einen Spurwechsel wagen? Im Beruf, beim Urlaubsziel oder der Partnerwahl? Letzteres hat allerdings manchen aus der Bahn geworfen. Treue dagegen ist Spurkonstanz. Wir sehen: Metaphern sind, nicht nur in der Politik, Instrumente des Zweifelns und des Überredens.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

 

3. Berichte

Funken der Hoffnung

Am 17. September bot die Münsterländer Regionalgruppe des VDS unter Leitung von Günter W. Denz einen Abend voller literarischer und musikalischer „Hoffnungsfunken“ in Saerbeck, berichten die Westfälischen Nachrichten. Aus 500 Jahren Literaturgeschichte wurden Werke vorgestellt, die sich mit dem Begriff der Hoffnung auseinandersetzen, ergänzt durch die Interpretationen des Pianisten Franz Twickler. (wn.de)

Michael Mittermeier lobt Die Fantastischen Vier

Die Neue Kasseler Zeitung berichtet in dieser Woche über den Kulturpreis Deutsche Sprache, der am 13. Oktober in Kassel verliehen wird. Der Komiker und Autor Michael Mittermeier hält die Lobrede auf Die Fantastischen Vier, die mit dem diesjährigen Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet werden. Der mit den vier Musikern befreundete Bayer erlangte durch seine kabarettistischen Bühnenauftritte und den spielerischen Umgang mit Dialekten internationale Bekanntheit. Weitere Preisträger sind die Kampagne Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind des Netzwerks Frühe Hilfen des Jugend- und Sozialamtes der Stadt Frankfurt am Main und das Bundessprachenamt.
Mitglieder und Freunde des Vereins Deutsche Sprache sind herzlich eingeladen. Einladungen zur Preisverleihung am 13. Oktober im Kongress Palais der Stadt Kassel um 16 Uhr erhalten Sie unter kulturpeis@vds-ev.de oder telefonisch unter 0231/7948520. (neue-kasseler-zeitung.de)

 

4. VDS-Termine

22. September, Region 67, 68, 69 (Rhein-Neckar)
Festveranstaltung mit Hans Peter Schwöbel: Vortrag zum Thema Sprache ist Heimat
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Museum Zeughaus, C5, 68159 Mannheim

24. September, Region 40 (Düsseldorf)
Vortrag Eike Gerhardt (Seminar für Allgemeine Rhetorik, Tübingen): „Rhetorik im Alltag und Beruf“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gerhard-Hauptmann-Haus, Bismarckstraße 90, 40210 Düsseldorf

24. September, Region 20/22 (Hamburg)
Feierliche Übergabe des „Elbschwanenordens“ an Michael Kunze
Anmeldung bis spätestens 21.9.2018 an kaufmann.hans@gmx.de
Zeit: 18:30 Uhr
Ort: Vortragssaal der Alfred-Schnittke-Akademie, Max-Brauer-Allee 24, 22765 Hamburg

25. September, Region 89 (Ulm)
Regionalversammlung
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Allegro, Augsburger Straße 14, 89312 Günzburg

26. September, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen mit Vortrag Andreas Fehrmann: „Der Nautilus erobert das Polarmeer – Der Einfluss Jules Vernes auf Wissenschaftler und Techniker“
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

29. September, Region 09 (Chemnitz)
erste Mitgliederversammlung der Region 09
Zeit: 17:00 Uhr
Ort: Solaristurm, Technologiezentrum Solaris, Raum K1 (1. Stock, links neben Restaurant), Neeferstraße 88, 09116 Chemnitz

 

5. Literatur

Fünf Freunde mal anders

Die Geschichten um die Fünf Freunde, die die englische Kinderbuchautorin Enid Blyton seit den 1950er-Jahren veröffentlichte, feierten seitdem internationale Erfolge. Noch heute, 50 Jahre nach Blytons Tod, erscheinen Neuübersetzungen der Kinderbücher, die die Erlebnisse von Julian, Dick, Anne, Timmy und George sprachlich zeitgemäß anpassen – auch, weil den Verlegern die Bücher mit der Zeit zu sexistisch und fremdenfeindlich geworden waren. Der Brite Bruno Vincent setzte die Reihe der Fünf Freunde mit anderer und gesellschaftskritischer Zielrichtung fort. Denn neben einer üblichen Übersetzung der Klassiker brachte der Humorist auch fünf neue Werke heraus, in denen er die Geschichte der Kinder weitererzählt. Fünf Freunde essen glutenfrei oder Fünf Freunde werden Helikoptereltern heißen die Bücher beispielsweise, die sich zynisch und satirisch mit aktuellen Gesellschaftsentwicklungen auseinandersetzen und zu der Reihe Enid Blyton für Erwachsene zählen. „Vincent hat dabei Sprache, wiederkehrende Motive Besonderheiten und Charaktereigenschaften aus Blytons-Romanen parodiert“, schreibt Die Presse. (kleinezeitung.at, diepresse.com, stern.de, focus.de)

 

6. Denglisch

Unverstandene Gründer

Die Welt wird globaler und mit ihr auch die Wirtschaft. Besonders für neue Konzepte und Entwicklungen fehlen dann entsprechende Begriffe in der Landessprache, beispielsweise für das Wort Start-up, wie Jürgen Gomeringer vom Freiburger Grünhof-Gründerzentrum erklärt: „Start-up, das ist doch bloß Denglisch für Existenzgründung – so weit, so falsch. Ein Friseurladen ist kein Start-up.“ Dennoch sei besonders in der Szene der Jungunternehmung das Denglische weit verbreitet, so dass bestimmte Aussagen „sogar für die Gründer selbst schwer zu verstehen“ seien, berichtet die Badische Zeitung. (badische-zeitung.de)


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Verein Deutsche Sprache e. V. Dortmund
Redaktion: Lea Jockisch

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