Infobrief vom 10. April 2020: Streiten – aber richtig

1. Presseschau

Streiten – aber richtig

© AdobeStock #307339659 @SHOTPRIME STUDIO

Immer nur Friede, Freude, Eierkuchen gibt es wohl in den wenigsten Familien. Manchmal reinige ein Streit die Luft, doch die sprachliche Form des Streitens wolle gelernt sein, meint Streitexpertin Julia Marktl. Man müsse sich auf Augenhöhe begegnen und Ich-Botschaften statt Vorwürfen senden. Ein „Ich bin wütend“ erklärt dem Gegenüber die Gefühlslage, während ein „Wegen dir …“ eher dafür sorgt, dass er sich Argumenten verschließt. Wenn Kinder zur Familie gehören, sollte der Streit vor ihnen nicht verborgen werden. Kinder hätten Antennen dafür, dass etwas nicht stimmt. Und weil ein Streit auch eine Art der Kommunikation ist, sei es sinnvoll, dass Kinder lernten, mit ihr umzugehen. Wichtig sei aber, dass Kinder immer wüssten, dass nicht sie der Grund für den Streit sind, sondern dass die Eltern sich bemühen, eine Versöhnung und Einigung herbeizuführen.

Der IFB-Verlag Deutsche Sprache hat zu diesem Thema einen Wettbewerb ausgeschrieben: Wie wird heutzutage zeitgemäß beleidigt? Teilnehmer können in maximal 200 Wörtern schildern, wie sie anderen Menschen bewusst und vorsätzlich den Respekt verweigern. Die besten zehn Einsendungen werden mit dem Buch „Die Kulturgeschichte der großen deutschen Erfindungen und Entdeckungen“ belohnt, und die Einsender erhalten ein Überraschungspaket des VDS sowie ein Jahr lang die Zeitschrift „Sprachnachrichten“ kostenlos. Die besten drei Einsendungen werden zudem in den „Sprachnachrichten“ abgedruckt. Den Text bitte mit Anschrift bis zum 10. Mai 2020 schicken an: IFB Verlag Deutsche Sprache, Schulze-Delitzsch-Straße 40, 33100 Paderborn oder an: info@ifb-verlag.de. (kleinezeitung.at)


Spracherwerb bei Babys und Kleinkindern

Die Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl von der Universität Wien hat untersucht, wie Kinder Sprache bereits im Mutterleib erfahren und lernen können. Durch das Fruchtwasser hindurch wird die Stimme der Mutter bereits erkannt; im ersten Lebensjahr lernt das Baby dann, Sprache zu strukturieren und Regelmäßigkeiten im Sprachfluss zu erkennen. Mit den ersten Brabbel-Lauten probieren sich Kinder nicht nur aus, sondern erleben auch, dass sie anders wahrgenommen werden und Rückmeldung bekommen. Wichtig sei in jedem Stadium der Entwicklung, dass Eltern selbst sprechen und weniger auf Medien zu setzen. (medienportal.univie.ac.at)


Fremdsprachen lernen – mit dem vertrauten Lerntyp

Die aktuellen Ausgangsbeschränkungen bieten eine seltene Gelegenheit, im Selbststudium Fremdsprachenkenntnisse aufzufrischen oder gar eine neue Sprache zu lernen. Digitale Kurse oder Sprach-Anwendungen für Mobilgeräte haben ihre Grenzen. Der sprachliche Diskurs gehe dabei verloren, so Britta Hufeisen, Leiterin des Sprachenzentrums an der Technischen Universität Darmstadt. Lernwillige sollten sich ihrer Ziele bewusst sein – denn je nach dem gesteckten Ziel sei ein digitaler Kurs mehr oder weniger hilfreich. Wer nur seinen Wortschatz vergrößern wolle, sei mit einer App zum Abfragen von Vokabeln gut beraten. Wem es hingegen darum gehe, echte Kommunikation zu erlernen, der wird mit digitalen Angeboten nicht weit kommen – er suche sich denn im Netz einen Tandempartner, mit dem er ins Gespräch kommt. Hilfreich sei es, seinen eigenen Lerntyp zu kennen, um Frustration oder fehlenden Erfolgserlebnissen zu begegnen, so Hufeisen. (frankenpost.de)


Bedingt ausbildungsfähig

Die Sprachfähigkeiten von Auszubildenden genügen nicht den Ansprüchen und sie verschlechtern sich seit Jahren. Dies hat eine Umfrage des VDS bei mittelständischen Unternehmen in mehreren Regionen des Bundesgebiets ergeben. Nur ein Drittel der Bewerber verfügt über ausreichende Rechtschreibung, die meisten schneiden mit nicht zufriedenstellend ab. Diese Ergebnisse hätten sich in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich verschlechtert, sagten 80 % der Ausbildungsbetreuer. „Das ist ein erschreckendes Ergebnis – sowohl für die Betriebe, aber vor allem für die Auszubildenden selbst“, sagt Claus Günther Maas, Initiator der Umfrage und beim VDS verantwortlich für den Arbeitsbereich „Deutsch in der Schule“.

84 % der befragten Unternehmen fordern deswegen auch eine stärkere Berücksichtigung von Grammatik und Rechtschreibung im Deutschunterricht, 92 % eine stärkere Gewichtung der schriftlichen Leistungen bei der Notengebung. (vds-ev.de, eichsfelder-nachrichten.de)


„Ausgestorbene“ Programmier-Sprache

Nicht nur gesprochene Sprachen sterben aus. Jetzt werden in den USA Programmierer gesucht, die eine 60 Jahre alte Sprache beherrschen, die heute keiner mehr verwendet. Die Verwaltung des Programms, das im US-Bundesstaat New Jersey die Arbeitslosenmeldungen verwaltet, ist noch in COBOL verfasst, einer Programmiersprache aus dem Jahr 1959. Mit COBOL betriebene Rechner stoßen in Zeiten der Corona-bedingten Arbeitslosenmeldungen jetzt an ihre Grenzen. Das Problem: COBOL-Programmierer sind nun über 60 Jahre alt, jüngere Anwender gibt es regulär kaum, da die entsprechenden Seminare im Informatikstudium bereits vor Jahren gestrichen wurden. Dennoch wurden noch genügend Freiwillige gefunden, die mit COBOL zurechtkommen. (futurezone.at)


2. Unser Deutsch

Korona II

Zwei Fachausdrücke beunruhigen viele Betroffene: Herdenimmunität und Vorerkrankung. Gibt es dafür vielleicht eine sprachliche Erklärung?

Herdenimmunität wird von manchen Epidemiologen als Rezept gegen die Korona-Seuche empfohlen. Für Laien erklärt: Man lässt die Ausbreitung der Epidemie zu und erwartet ein Abklingen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung die Krankheit überstanden habe und gegen weitere Ansteckung immun sei. Es stört das Wort Herde, das im Deutschen ausschließlich für Viehherden gebraucht wird. Menschen sind aber kein Vieh. Das Wort ist eine Fehlübersetzung von englisch herd immunity, besser übersetzt als ‚Massenimmunität‘, denn herd bezeichnet nicht nur eine ‚Herde‘, sondern auch a large group of people (Oxford English Dictionary). Dies ist ein typischer Fall sogenannter Faux Amis; ‚falsche Freunde‘ sind Wortpaare verschiedener Sprachen, die sich formal ähneln, aber verschiedene Bedeutungen haben. Übersetzungsfallen drohen vor allem, wenn die Bedeutungen nur teilweise verschieden sind wie bei englisch herd und deutsch Herde.

Vorerkrankung ist ursprünglich ein Fachwort der Versicherungswirtschaft, ‚eine vor Eintritt in die Versicherung durchgemachte Erkrankung‘. Darüber muss Auskunft geben, wer eine Lebens- oder Krankenversicherung abschließt. Vielleicht muss er dann eine höhere Prämie zahlen. Wer sie verschweigt, riskiert spätere Leistung. Immer geht es also um Erkrankungen, die dem Abschluss der Versicherung vorausgegangen sind. Aus dieser Verwendung ist offenbar die zweite Bedeutung abgeleitet, ‚eine schon vor einer Behandlung oder Operation vorhandene Erkrankung‘. Danach wird der Patient in der Anamnese gefragt.

Auch wer vom Koronavirus befallen wurde, wird um Auskunft gebeten über Vorerkrankungen, zu Diabetes, Bluthochdruck, Lungenentzündung, Herzproblemen oder Schlimmerem. Zweifelhaft aber ist es, alle Menschen in solche mit oder ohne Vorerkrankungen einzuteilen und die Vorerkrankten als besonders gefährdet hinzustellen. Irgendwie haben ja alle Älteren etwas oder haben es gehabt, vor allem natürlich die mit 60 plus. Sie sind in ihrer Altersgruppe längst die Mehrheit und die ganz Gesunden eine Minderheit. Es grenzt an Panikmache, sie alle als Vorerkrankte zu brandmarken. Denn dieser Begriff gilt eigentlich erst im konkreten Fall der Erkrankung. So lange einer nicht aktuell krank ist, ist er auch nicht vorerkrankt. In der Rede von den gefährlichen Vorerkrankungen wird die Ansteckung schon vorweggenommen. Der Begriff Vorerkrankung macht die Leute zu Kranken, obwohl sie noch gesund sind.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an:
horst.munske@fau.de


3. Kultur

Auszeichnung für deutsche Band in den USA

In den USA wurde die deutsche Band Maybepop als beste A-Cappella-Gruppe des vergangenen Jahrzehnts ausgezeichnet. Seit 20 Jahren kürt die Jury jährlich weltweit Musiker oder Bands, die sich der A-Cappella-Musik verschrieben haben. Bereits zweimal wurde zusätzlich der Pick of the Decade für die beste Formation des Jahrzehnts vergeben, welchen die Gruppe Maybepop nun für ihre deutschsprachige Musik erhalten hat. Die Juroren habe der „nie endende Ansturm von Originalität, dramatischer Reichweite und Musikalität“ überzeugt. Maybebop, die ihre Wurzeln in Hannover haben, erreichen nach eigenen Angaben mit etwa 100 Konzerten im Jahr durchschnittlich 70.000 Besucher. (sueddeutsche.de)


Pandemie-Poesie

Überall sprießen zurzeit neue künstlerische Projekte aus dem Boden, die sich auf digitalem Wege an ihr Publikum wenden. In Bamberg ist ein „Pandemie Poesie Projekt“ gestartet: Jeden Tag gibt es ein neues Gedicht, per Video vorgetragen. Die Idee kam Arnd Rühlmann, dem Leiter des Bamberger nana-Theaters, aber bereits vor der Coronakrise. Schon im Januar habe er anlässlich des Geburtstags von Kurt Tucholsky ein Gedicht eingesprochen – durch die Ausgangsbeschränkungen konnte das Projekt nun richtig aufleben. Eine Übersicht aller bisher veröffentlichten Beiträge gibt es hier: clubkaulberg.jimdofree.com.

Generell bewegt die aktuelle Situation viele zu eigenen Gedichten, so beispielsweise auch den Lyriker Thorsten Stelzner aus Braunschweig. „Gute Nacht Deutschland! Schlaf gut! Die Welt schaut zu!“ lautet der Titel seines Gedichts, welches im Netz bereits viele Menschen bewegt hat.

„Gedichte aus der Krise‟ schreibt auch die Autorin Juliane Uhl auf ihrer Internetseite. (ndr.de, infranken.de, julianeuhl.de)


4. Berichte

Schmierwurscht et Baguette

Das Elsass steht für die Begegnung von französischer und deutscher Kultur. Die Region entwickelte sich seit Jahrhunderten zweisprachig. Aber immer wieder wurde diese Einzigartigkeit im Laufe der Geschichte bekämpft – auch nach dem 2. Weltkrieg wurde jegliches Interesse für deutsche Kultur unterdrückt und der Deutschunterricht in den französischen Schulen untersagt.

Der Filmemacher Andreas Ottmayer hat diese Zweisprachigkeit in seinem Film „Schmierwurscht et Baguette‟ (2016) dokumentiert. Ein Jahr lang hat Ottmayer mit seinem Filmteam Musiker, Schriftsteller, Lehrer und andere, die sich für ein zweisprachiges Elsass einsetzen, begleitet. Entstanden ist ein einfühlsamer Film, der mit der gebotenen Sachlichkeit die Zweisprachigkeit dieser besonderen Region im Herzen Europas beschreibt. Der VDS bietet diesen Film exklusiv über seinen Netzauftritt zum Anschauen an.

Andreas Ottmayer (geboren 1982) ist Journalist, Filmemacher und Fotograf. Mit Kulturdokumentationen begann er 2009 bei einem Auslandsaufenthalt in Namibia. 2010 reiste er für acht Monate nach Albanien, arbeitete dort für Radio Tirana und das Goethe-Institut in der albanischen Hauptstadt und machte einen Film über Albanien und seine Geschichte. Weitere Dokumentationen im kulturellen Bereich entstanden u.a. für die René-Schickele-Gesellschaft im Elsass und die nordfriesische Sprachgruppe. Seit 2011 leitet Andreas Ottmayer auch Filmprojekte mit Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen.

Andreas Ottmayer im Netz: interessant-filmproduktion.de / der-kulturfilmer.de

Hier geht es zum Film: vds-ev.de.


5. Denglisch

Anglizismen in Corona-Zeiten

„Abstand halten“. Es könnte so einfach sein. Dennoch nutzen wir in Zeiten von Corona wieder einmal englische Begriffe für neue oder neugeglaubte Vorgänge. Urs Bühler spekuliert in der Neuen Zürcher Zeitung, wann die deutsche Sprache die Fähigkeit verloren haben wird, neue Phänomene aus eigenem Wortschatz zu benennen. Besonders auffällig sei dabei laut Bühler das „social distancing“, also die räumliche Trennung zwischen mehreren Menschen, um die Übertragung des Corona-Virus zu erschweren. Die WHO habe diesen Begriff als nicht zutreffend erkannt und versuche, stattdessen das „physical distancing“ einzuführen. Allerdings habe sich „social distancing“ bereits zu sehr im Sprachgebrauch manifestiert.
(nzz.ch)


6. Termine

ABGESAGT! 14. April, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Royal India, Bahnstr. 33, 65779 Kelkheim

ABGESAGT! 20. April, Region 06/39 (Halle/Magdeburg)
REDEZEIT – Treffen von Referenten und interessierten Sprachfreunden
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Leucorea, Collegienstr. 62, 06886 Lutherstadt Wittenberg

ABGESAGT! 20. April, Region 20/22 (Hamburg)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

ABGESAGT! 21. April, Region 09 (Chemnitz)
Mitgliedertreffen mit Vortrag von Prof. Krämer: Verlierer sprechen Denglisch – die deutsche Sprache und das Geld
Zeit: 17:00 – 19:00 Uhr
Ort: Solaristurm, Neeferstr. 88, 09116 Chemnitz

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

Seite drucken