Infobrief vom 12. Dezember 2020: Das Jahr 2020: ein sprachlicher Rückblick

1. Presseschau

Das Jahr 2020: ein sprachlicher Rückblick

Bild: Jörg Siebauer / pixelio.de

Die Pandemie hat im vergangenen Jahr nicht nur unseren Alltag geprägt, sondern auch unsere Sprache. Etwa 1000 neue Wörter hat das Krisenjahr hervorgebracht, wie das Leibniz-Institut für deutsche Sprache (IDS) feststellt. Einen Teil der Wortneuschöpfungen machen selbstverständlich Anglizismen aus, aber auch schöne deutsche Wörter sind im Zuge der Pandemie entstanden. So sprach man im Frühjahr vom Gabenzaun, er bezeichnet das Phänomen, dass Menschen Tüten mit Lebensmitteln an Zäune hängen, um Bedürftige zu versorgen. Auch das übertriebene Eindecken mit Toilettenpapier erhielt einen Namen: Zellstoffhamster wurden die eifrigen Einkäufer genannt. Jegliche Wortverbindung beginnend mit Corona hat es auf die Liste des IDS geschafft, sowie der R-Wert, das Abstandsgebot, der Immunitätspass und die AHA-Regel, die das Gebot von Abstand, Hygiene und Alltagsmaske treffend abkürzt. Bereits vorher verbreitete Ausdrücke wie Impfgegner lebten neu auf. Auch die Geisterspiele im Fußball waren schon vor der Pandemie bekannt, jedoch nur als Strafe für Klubs, deren Fans sich unangebracht benahmen. Wenig überrascht die hohe Anzahl an Anglizismen, die in den Sprachgebrauch eingenistet wurden, unter anderen Hotspot, Superspreader und Lockdown. Der Soziologe Armin Nassehi sagt, Begriffe seien immer repräsentativ für die Phänomene, mit denen sich eine Gesellschaft herumschlage. „Es ist auch eine wichtige Funktion von Begriffen, dass sie komplizierte Sachverhalte auf einen Nenner bringen können“, so Nassehi. Dies muss jedoch nicht immer sachlich geschehen – manchmal funktioniere es auch gut mit Ironie, wie beispielsweise der Begriff Aluhut zeige, mit dem Verschwörungsideologen verspottet werden. (sueddeutsche.de, tagblatt.ch)


Wert der Sprache

Das Wissenschaftsmagazin DUZ widmet den Schwerpunkt seiner aktuellen Ausgabe dem Thema Deutsch als Wissenschaftssprache. Die Kommunikationswissenschaftlerin Olga Rösch von der Technischen Hochschule Wildau sieht in der aktuellen englischen Einsprachigkeit in vielen wissenschaftlichen Fächern „gewisse Parallelen“ zur mittelalterlichen Situation, als Latein die Sprache der Gebildeten war und die Volkssprachen für Wissenschaft nicht taugten. „Die bereits jetzt feststellbaren Folgen beeinflussen vorteilhaft nur in anglophonen Ländern die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“, so Rösch.

Der Jurist Axel Flessner (auch Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sprache) erörtert die Frage, wie die deutsche Sprache in den Wissenschaften überhaupt rechtlich verankert sei. Das berührt die Interessen von deutschsprachig aufgewachsenen und auf Deutsch akademisch qualifizierten Hochschullehrern: Von ihnen wird zunehmend erwartet, dass sie Englisch gut genug beherrschen müssen, um für die Hochschullehre auf Englisch überhaupt berufungs- und einsatzfähig zu sein. Ein Interesse habe zudem auch die in Deutschland lebende Gesellschaft, dass Absolventen ihrer Universitäten in der Lage sind, ihr an der Hochschule erworbenes Fachwissen in die berufliche Umwelt Deutschlands einzubringen, ein Fachgespräch auf Deutsch zu führen und in ihrem fachlich fundierten Handeln den Anschluss an die deutsche Allgemeinsprache zu finden. „Das wissenschaftliche Studium nur in einer Fremdsprache kann dieses öffentliche Interesse der deutschen Gesellschaft nicht bedienen“, betont Flessner. (duz.de; vollständige Ausgabe im kostenpflichtigen Abonnement)


Gesetz bedroht Sonderrechte

In Dänemark bahnt sich ein Sprachstreit zwischen der dänischen Regierung und der deutschsprachigen Minderheit an – ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich die Festlegung der heute gültigen deutsch-dänischen Grenze zum 100. Mal jährt. Auslöser ist der Plan der Regierung, dass alle nicht-dänischen Predigten übersetzt werden müssen. Dabei genießt die deutschsprachige Minderheit im dänischen Nordschleswig seit 1955 staatlich verbürgte Sonderrechte, unter anderem, dass in den Kirchen, Schulen und anderen Einrichtungen die deutsche Sprache verwendet werden darf. Hintergrund der Gesetzesinitiative: Die Regierung will vor allem verhindern, dass islamistische Hassprediger durch dänische Moscheen ziehen. (evangelisch.de)


Regionsverwaltung in Hannover lehnt Gendersternchen ab

Anfang des Jahres sorgte die Stadt Hannover für bundesweite Schlagzeilen, als sie das Gendersternchen für den Schriftverkehr der Stadtverwaltung einführte. Nun schlagen die Gleichstellungsbeauftragten der Kommunen diese Regelung auch für die Regionsverwaltung vor. Das stößt auf Widerstand. Regionspräsident Hauke Jagau (SPD) äußert sich klar und deutlich: „Der Versuch, alle Menschen mit ihrem Geschlecht über eine Bezeichnung mit Sternchen zu erfassen, ist aus meiner Sicht keine Lösung.“ Das Sternchen könne beispielsweise für Menschen mit Leseschwäche eine Hürde darstellen. Folglich werde also in der Regionsverwaltung weiterhin die männliche und weibliche Form ausgeschrieben. Die Gleichstellungsbeauftragte Petra Mundt ist zwar anderer Meinung, akzeptiert aber die Entscheidung: „Ich finde, wir vergeben uns nichts mit dem Sternchen, sehe das aber gelassen…“. (bild.de)


Wort des Jahres in der Schweiz

Nachdem Deutschland und Österreich in der vergangenen Woche bereits ihr Wort des Jahres gekürt haben, reiht sich nun auch die Schweiz ein. Auch hier orientiert sich die Wahl stark an der Sprache der Pandemie: systemrelevant landet auf Platz 1, direkt danach folgen Maskensünder und stosslüften. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hatte systemrelevant vor sieben Jahren schon einmal zum Sieger gewählt – damals allerdings für das Unwort des Jahres. In diesem Jahr habe der Begriff eine andere Konnotation erlangt. Unruhe sei ins System gekommen, als bestimmte Sektoren als unabdingbar für das Wohlergehen der Gesellschaft und das Funktionieren der Wirtschaft erklärt wurden, so die ZHAW. (bote.ch)


Fremdsprachen am Arbeitsplatz

Englisch, Französisch und Spanisch sind die drei wichtigsten Fremdsprachen auf dem deutschen Arbeitsmarkt – das ergab eine Auswertung des Stellenportals Indeed. Englisch liegt dabei deutlich vorn: Wenn in einer Stellenausschreibung Fremdsprachenkenntnisse verlangt werden, handelt es sich in 93 Prozent der Fälle um verhandlungssicheres Englisch. Insgesamt werden jedoch nur in etwa einem Fünftel aller Ausschreibungen in Deutschland Fremdsprachenkenntnisse gefordert. Nach Englisch, Französisch und Spanisch sind Italienisch, Russisch oder Polnisch recht häufig vertreten. Kaum relevant ist bisher Chinesisch, was angesichts der Handelsbeziehungen mit Deutschland überrascht.

Was andere Länder angeht, ist Deutsch mitunter eine gefragte Fremdsprache am Arbeitsplatz. Europaweit steht zwar fast überall Englisch auf Platz eins, Deutsch und Französisch konkurrieren aber, je nach Land, um Platz zwei und drei. (capital.de)

2. Unser Deutsch

ermächtigen

Das Wort trägt einen schweren Makel, seit der Reichstag am 23.3.1933 das sogenannte Ermächtigungsgesetz verabschiedete. Damit wurde dem Reichskanzler Adolf Hitler und seiner Regierung das Recht der Gesetzgebung übertragen. So begann auf legitimierte Weise die Herrschaft der Nationalsozialisten über Deutschland und die Deutschen. An dem Wort Ermächtigung klebt seitdem jene verhängnisvolle Preisgabe demokratischer Rechte, die Legitimierung einer Diktatur, die Entfesselung eines Weltkrieges und aller Verbrechen, die in zwölf Jahren verübt wurden. Die Ermächtigung endete mit der Zerstörung und Zerteilung Deutschlands.

Der heutige Gebrauch des Verbalsubstantivs Ermächtigung, aber auch des zugrundeliegenden Verbs ermächtigen kann diese Erinnerung wachrufen. Wir fragen: Ist das berechtigt? Ist missbrauchter Wortschatz für immer tabu?

Wir blicken dazu in die Wortgeschichte. Das Verb ermächtigen ist bereits seit dem 17. Jahrhundert geläufig, abgeleitet aus dem Adjektiv mächtig, das seinerseits zum Substantiv Macht gebildet wurde. Diese Herkunft scheint auch in der heutigen Bedeutung des Verbs durch: ‚jmd. die Vollmacht erteilen, etwas zu tun‘. Dabei geht es oft um die Übertragung von Befugnissen seitens der Legislative auf die Exekutive, vom Parlament auf die Ministerien, von diesen auf die Behörden und ihre Organe. Ermächtigen ist eine Art Scharnier in Vorgängen des Rechtswesens und im politischen Alltag. Daher hat es einen gewissen gehobenen Klang. Zwar kann jeder Mensch Befugnisse erteilen. Einer ermächtigt seinen Sohn, sein Auto zu verkaufen und schreibt dazu eine Vollmacht. Oder man bittet den Nachbarn, die Post aus dem Kasten zu nehmen und bis zur Rückkehr aus dem Urlaub aufzuheben. Aber bei solchen Alltagshandlungen wirkt das Verb ermächtigen zu hoch gegriffen. Dagegen gehört es im Rechtsverkehr, in politischen Verfahren und Verwaltungsgeschäften zum selbstverständlichen, unentbehrlichen Wortschatz. Es besteht kein Grund, es zu meiden.

Anders das Verbalsubstantiv Ermächtigungsgesetz. Niemand kann es in den Mund nehmen, ohne dass jener historische Vorgang am 23.3.1933 vergegenwärtigt wird. Sein Gebrauch in Bezug auf das novellierte Infektionsschutzgesetz wurde sofort als grobe Diskriminierung des Bundestages empfunden. Als ähnele dieser Beschluss der damaligen Reichstagsabstimmung. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Etwa: Man könne dies Wort ja neu bilden aus Gesetz und ermächtigen. Das kann man, aber es hebt die Erinnerung, welche in dem Kompositum fortlebt, nicht auf. Wörter können Marken der Geschichte mit sich tragen, eine stete Last und eine Mahnung.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Klare Sprache im Fernsehen

Immer wieder erhielt der WDR in der Vergangenheit Beschwerden von Zuschauern: Dialoge in Fernsehsendungen seien mitunter schwer zu verstehen. Dies sei vor allem der lauten Musik oder den störenden Geräuschen im Hintergrund geschuldet. In Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen entwickelt der WDR nun ein Verfahren, das für bessere Sprachverständlichkeit im Fernsehen sorgen soll. Künftig soll es eine Umschaltoption für Klare Sprache geben, sodass jeder Zuschauer selbst wählen kann, ob er den Originalton mit Hintergrundgeräuschen bevorzugt, oder lieber die überarbeitete Tonspur einschaltet – diese hat eine deutlich geringere Geräuschkulisse im Hintergrund, dafür aber eine klar verständliche Sprache. Getestet wurde die neue Funktion bereits im Oktober: Mehr als 80 Prozent der Teilnehmer befürworteten die Möglichkeit eines zusätzlichen Audiokanals mit besserer Sprachverständlichkeit. Dem WDR-Direktor Wolfgang Wagner zufolge ist dies „Anlass genug, ein solches Angebot weiter zu entwickeln“, vor allem auch mit Blick auf die Barrierefreiheit des Programmangebotes. Am kommenden Wochenende vom 12. bis 13. Dezember soll das Projekt Klare Sprache erneut getestet werden, diesmal für jeden zugänglich im öffentlichen Fernsehprogramm. Genauere Infos dazu finden sich unter: dwdl.de


Schreibwettbewerb „Schöne deutsche Sprache“

Unter dem Titel „Zauberwörter – zauberhafte Worte“ hat die Neue Fruchtbringende Gesellschaft gemeinsam mit der Theo-Münch-Stiftung für die Deutsche Sprache einen Schreibwettbewerb für Schüler ausgeschrieben. Es soll ein literarischer Text verfasst werden – der literarischen Form sind dabei keine Grenzen gesetzt, es kann sich um Gedichte, Geschichten, Märchen, Fabeln, Essays, dramatische Umsetzungen oder anderes handeln. Einzige Vorgabe ist die Orientierung am Thema „Zauberwörter – zauberhafte Worte“. Das Thema könne zu unterschiedlichsten Umsetzungen anregen, so seien zum Beispiel märchenhaft-phantastische Texte mit Zaubersprüchen und Zauberfloskeln möglich. „Zauberhafte Worte können wundervoll klingen, Assoziationen wecken, in Traumwelten entführen, glücklich machen“, schreibt die Neue Fruchtbringende Gesellschaft in ihrer Ausschreibung. Ziel des Wettbewerbs sei es, Schüler dafür zu begeistern, ihre Sprache kreativ zu verwenden. Die Texte sollten daher möglichst zeigen, wie vielfältig und schöpferisch unsere schöne deutsche Sprache einsetzbar ist. Die Einsendungen können per E-Post an schreibwettbewerb@fruchtbringende-gesellschaft.de geschickt werden. Einsendeschluss ist der 30.04.2021. (fruchtbringende-gesellschaft.de)


4. Denglisch

Anglizismen in der russischen Sprache

Anglizismen existieren nicht nur in der deutschen Sprache – auch im Russischen zeigt sich diese Tendenz. Die Meinungen gehen dabei stark auseinander: So spricht sich die Internetgruppe Чисторечие („Reine Sprache“) klar gegen Anglizismen aus. Lehnwörter seien für die Russen nur Worthülsen, sagt einer der Aktivisten der Gruppe, Leonid Marschow. Bei einem Begriff wie „sale“ zum Beispiel sei das russische Wort viel verständlicher und klarer als seine englische Entsprechung. Die Mitglieder der Gruppe fordern die Verwendung russischer Ausdrücke statt englischer Analoga, sowie ein Verbot der Verwendung von Anglizismen in den Massenmedien. Eigennamen wie etwa „Youtube“ sollten außerdem in kyrillischen Buchstaben geschrieben werden und russischen Unternehmen sollten ausländische Namen untersagt sein. „Wenn mehr Wörter entlehnt werden als die Wörter in der eigenen Sprache gebildet werden, verliert die Sprache ihre Identität“, begründet Marschow seine Einstellung. Etwas weniger radikal, aber dennoch kritisch, sieht Gennadi Urjadow die Verbreitung von Anglizismen: „Ich muss einräumen, dass ich nicht gegen Lehnwörter bin – ich bin kein Fanatiker. Es ist einfach nur schwer, mir Wörter zu merken, die ich nicht verstehe.“ Er ist ebenfalls Mitglied der Internetgruppe, befürwortet aber nicht die Forderung nach der vollständigen Tilgung von Anglizismen.

Auch seitens der Regierung gab es dazu Äußerungen. So kritisierte im Oktober 2019 der damalige Premierminister Dmitri Medwedew die Verwendung von Anglizismen: Es lohne sich nicht, „die Sprache mit unnötigen Worten zu vermüllen“. Jedoch argumentieren einige Stimmen auch für Anglizismen und Lehnwörter. In den meisten Fällen habe es keinen Sinn, russische Ersatzwörter zu suchen. Stattdessen seien Lehnwörter immer dann geeignet, wenn es sich um neue Phänomene oder Dinge handle. Lehnwörter und Anglizismen könnten durchaus die russische Sprache bereichern, sagt Dmitri Petrow, Dozent an der Linguistischen Universität Moskau. Voraussetzung dafür sei aber, dass die eigene Muttersprache als Grundlage erhalten bleibe. (de.rbth.com)

Kommentar

Bemerkenswert, wie unkritisch der Denkfehler weiter verbreitet wird: Wenn neue Phänomene oder Dinge stets Lehnwörter rechtfertigen – man darf das getrost einen Schritt weiterdenken –, dann veraltet die Muttersprache, denn sie wird zur eigenen Bildung von neuen Wörtern gar nicht erst herangezogen. Zu diesem Denkfehler gesellt sich gleich ein zweiter: Wie soll die daraufhin veraltende Muttersprache erhalten bleiben – durch herzige Appelle oder mithilfe klaren Denkens? (ob)

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Oliver Baer

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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