Infobrief vom 18. Dezember 2020: Gott und Jesus mit Gendersternchen

1. Presseschau

Gott und Jesus mit Gendersternchen

Bild: Thommy Weiss / pixelio.de

„Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar…“ – ja, wen gebar sie denn? Die Bibel ist da eindeutig: Sie gebar einen Sohn; den Sohn, den ihr der Engel Gabriel zuvor auch verkündigt hatte. Das Geschlecht ist klar. Zumindest war das seit 2000 Jahren der Konsens. Jetzt jedoch gehen die Kirchen einen vermeintlich gendergerechten Weg. Nachdem erst kürzlich die katholische Studierendenjugend (KSJ) Gott mit einem Gendersternchen – also Gott* – geschrieben hat, ziehen jetzt auch erste Gemeinden nach. Die evangelische Kirchengemeinde Alt-Pankow in Berlin stellt das Geschlecht von Jesus infrage. Gott habe zu allen Menschen eine Verbindung aufbauen wollen, deshalb könne Jesus nicht auf eine sexuelle Identität festgelegt werden. Kritik kommt unter anderem von der CSU. Geschäftsführer Stefan Müller sagte: „Manchen Entscheidern in der evangelischen Kirche ist offenbar nichts zu peinlich.“ Er erwarte, dass sich die evangelische Kirche das Geschlecht des Christuskindes nicht ausdenkt, sondern an die Bibel hält. (bild.de)


Knuffelcontact ist Wort des Jahres in Flandern

Das Wort existiert in seiner aktuellen Bedeutung erst seit Oktober, und doch hat es bereits weite Verbreitung erfahren: Knuffelcontact wurde in der belgischen Region Flandern zum Wort des Jahres gewählt. Ein Knuffelcontact bezeichnet eine ausgewählte Person außerhalb der Familie, der man in Pandemiezeiten ohne Abstandsregeln begegnen darf. Das dazugehörige Verb knuffelen bedeutet im Niederländischen so viel wie kuscheln oder schmusen – im Deutschen könnte man also vom Kuschelkontakt sprechen. Das Wort wurde kürzlich vom belgischen Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke in einem Interview verwendet, daraufhin schlug es Wellen und tauchte in Medien in Großbritannien, China, Deutschland und in vielen anderen Ländern auf. (de.euronews.com, bedeutungonline.de)


ARD-Chef Tom Buhrow zu Gendersprache im Fernsehen

„Alles, was irgendwie ablenkt, führt dazu, dass man sich nicht mehr auf das Thema konzentriert“, sagt der ARD-Chef Tom Buhrow. Damit bezieht er sich auf die Gendersprache. Das Gendern in der gesprochenen Sprache wirke auf ihn künstlich, und es sei bislang auch nicht in den Alltagsgebrauch übergegangen. In seiner persönlichen Meinung als Journalist sieht er das Gendern im Fernsehen kritisch, vor allem die Variante mit der kurzen Pause vor der Endung innen. Seinen Kollegen bei der ARD möchte er aber nichts vorschreiben. Gendern gehöre „zur Vielfalt, die die ARD verkörpert“. Buhrow zufolge gibt es einige Moderatoren im ARD, die gendern, aber „es ist kein Ukas“, erklärt er. (prisma.de)


Fünfzig-Prozent-Lösung

Edo Reents beschäftigt sich in der FAZ mit einem Satz aus einem Zeitungsartikel: „Es ist der perfekte Zeitpunkt für einen harten Lockdown, den Medizinerinnen und Juristen, Philosophen und Mathematikerinnen in einer Stellungnahme der Leopoldina gerade eindrucksvoll begründen.“ Er fragt ganz sachlich, ob bei der Aufzählung nicht jemand vergessen wurde, die Juristinnen zum Beispiel. Diese Fünfzig-Prozent-Lösung (abwechselnd männlich/weiblich) habe etwas Bestechendes, weil sie beim Gendern Buchstaben, Platz und obendrein noch das Sternchen einspare, aber immerhin „Problembewusstsein“ in Bezug auf die Geschlechter signalisiere, „die dann fast aufreizend (nach)lässig ungenannt bleiben“. (faz.net)


2. Unser Deutsch

vulnerabel

Die Talkshows zur Corona-Pandemie haben ein neues Wort entdeckt: vulnerabel. Unter Medizinern und Psychologen ist es seit langem bekannt. Meist ist von vulnerablen Gruppen die Rede, von Menschen, die besonders verletzlich, krankheitsanfällig sind. Bisher hatte man sie vorsichtig als Personen mit Vorerkrankungen, als die Älteren, manchmal als Betagte oder gar Hochbetagte angesprochen. Viele von ihnen leben in Altersheimen, Stiften, Residenzen. Die zweite Corona-Welle hat viele von ihnen erreicht, immer mehr dahingerafft. Neben den Zahlen für Neuansteckungen werden nun die Todeszahlen angeführt.

Der neue Sammelbegriff fasst sie alle zusammen, die besondere Fürsorge, Testung und bald auch Impfung benötigen. Das Wort ist wahrscheinlich dem englischen vulnerable entlehnt, erscheint aber im Deutschen wie ein Fremdwort lateinischer Herkunft. Das ist kein Sonderfall. Viele Latinismen haben uns über das Englische erreicht, zum Beispiel Album, Astronaut, Campus, Eskalation. Denn das Englische ist viel stärker mit dem Lateinischen vermischt als das Deutsche, ganz abgesehen von den weiteren romanischen Anteilen, welche seit der Eroberung der Inseln durch die Normannen aufgenommen wurden.

Mit vulnerabel wird nicht nur ein Fachterminus in die Alltagsdebatte eingeführt, sondern auch ein Fremdwort-Effekt erzielt, eine gewisse Distanzierung gegenüber den Betroffenen, die zu benennen von Tabus umringt ist. Das zeigt schon die Vielfalt euphemisierender Bezeichnungen wie Residenz und Stift. Altenheim ist von gestern. Der Unterschied liegt im Wort und im Grad des Komforts, nicht der Einrichtungen und der Bewohner.

Das neue Adjektiv vulnerabel ist für die meisten Benutzer sprachlich undurchsichtig, es ist ein Etikett, das allen besonders von Ansteckung gefährdeten Menschen angeheftet wird. Sie sind nun verfügbar für alle bevorstehenden Maßnahmen, insbesondere die Organisation der Corona-Impfung. Wer nun tatsächlich als vulnerabel gilt, das zu bezeichnen wird im Wort vermieden. Dies zu bestimmen, bleibt am Ende doch die Aufgabe von Ethikräten, Gesundheitsämtern und Ärzten. Vorausgesetzt die Patienten selbst machen mit.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Sprachlernplattform Babbel lebt durch Pandemie auf

Das Reisen ist eine Sehnsucht, die in Zeiten von Corona unbefriedigt bleibt. Da scheint es ganz natürlich, dass man nach Alternativen sucht, um das Gefühl von Urlaub entstehen zu lassen. Viele Menschen hätten im vergangenen Jahr neue Sprachen gelernt oder ihr Wissen aufgefrischt, stellt die Sprachlernplattform Babbel fest. In Deutschland hat sich seit dem Frühjahr die Zahl der Neukunden verdreifacht und die Aktivität der Bestandskunden verdoppelt. Die Menschen nutzten „die Zeit, um sich auf bessere Zeiten vorzubereiten“, so einer der Mitgründer von Babbel, Markus Witte. Auch die Zahl der abgeschlossenen Lektionen in der Babbel-App habe sich seit März verdoppelt. Die Reisemotivation unter den Kunden sei hoch, und man lerne Sprachen eben nicht in drei, vier Wochen. „Wenn ich nächstes Jahr flüssig in Italien parlieren will, hilft es total, wenn ich dieses Jahr anfange“, so Witte. (capital.de)


Mehrsprachigkeit ist ein Gewinn

Wer einsprachig aufwächst, ist in der Minderheit, so das Nachrichtenportal npla.de, das sich hauptsächlich mit Lateinamerika beschäftigt. Die meisten Menschen auf der Welt würden mindestens zwei Sprachen sprechen, da sei es nur selbstverständlich, dass in einer Metropole wie Berlin ein Drittel der Kinder mit zwei oder mehr Sprachen aufwachse. Das häufige Vorurteil, am Ende würde keine der verschiedenen Sprachen richtig gesprochen, sei dabei längst überholt. Mehrsprachigkeit sei ein Gewinn für alle Gesellschaftsschichten, daher sei es wichtig, Kindern die Vorteile der Mehrsprachigkeit darzustellen. In Berlin gibt es sogar ein eigenes Kindertheater, welches das Thema behandelt. Die Stücke sind so arrangiert, dass sie jeder versteht, auch wenn er eine der im Stück genutzten Sprachen gar nicht spricht. (npla.de)


Zweifacher Lesegenuss – Ein sehr persönlicher Nachruf

In den achtziger Jahren gab mir ein befreundeter Anwalt in Johannesburg den Tipp: „Lies mal Tinker, Tailor, Soldier, Spy, du wirst staunen.“ – „Spionageromane lese ich nicht“. – „Versuch es, das ist Literatur.“ Er bekam recht, und es gab mehr zu entdecken als der Anwalt wusste.

George Smiley, ein älterer, bebrillter, dicklicher Geheimagent, der noch die Gedankenwelt des Empire bewohnt, ist einer, der zum Vergnügen deutsche Barocklyrik liest – im Original. Sodann ist die verwickelte Geschichte in einem Englisch erzählt für Feinschmecker. Die beste Entdeckung aber bleibt deutschen Muttersprachlern vorbehalten. Offenbar kannte dieser Autor meine Sprache, er wagte Wendungen im Englischen, die dem native speaker kaum einfallen, aber gefallen und als Germanismus eher nicht wahrgenommen werden. Für Ähnliches schätzten meine Kunden meine Werbetexte, und nun diese Pointe: Ein wahrer Könner seines Faches schenkt seinen zweisprachigen deutschen Lesern eine verfeinerte Chance zum Lesegenuss, und seine englischen Leser merken nicht, was ihnen entgeht!

Natürlich blieb ich neugierig. Seine späteren Romane bestätigen: Dieser Mann schrieb so nicht aus Versehen, er bespielte die englische mit der deutschen Sprache. Tatsächlich hatte er Germanistik studiert, eine Zeit lang in der Schweiz und in Deutschland gelebt. Immer wieder blitzt durch, wie fein er sich in unsere mitteleuropäische Gemütslage versetzt. Manchmal schmerzt seine präzise Einsicht, aber so einem sympathischen Onkel sei sie verziehen.

Seine Romane sind gut übersetzt, und mein Tipp lautet: Wer sein Englisch vom C1- auf das C2-Niveau heben möchte, sollte sich an Le Carré die Zähne ausbeißen, und mit der Smiley-Trilogie beginnen. Jungen Engländern hat er immer wieder empfohlen, Deutsch zu lernen. Dafür nannte er beachtenswerte Gründe, wir besprechen sie in der nächsten Ausgabe der Sprachnachrichten. Nun hat uns unser Freund David Cornwell alias John le Carré mit 89 Jahren verlassen. (ob)


4. Denglisch

A Currywurst, please

Dem Brexit zum Trotz: Die englische Sprache freundet sich immer mehr mit deutschen Begriffen an. Nach Bauer, Leberkas und das ursprünglich aus dem Flämischen stammende Speculoos (Spekulatius) hat jetzt auch die Currywurst Einzug ins Oxford Englisch Dictionary gefunden. Peter Littger beschreibt in seiner Kolumne Der Denglische Patient, wie viel Spaß die Engländer an der Übernahme einzelner deutscher Wörter haben. Die Zahl der englischen Wörter, die ins Deutsche überschwappen, sei jedoch deutlich höher – und vor allem nicht immer mit der englischen Sprache vereinbar. Bestes Beispiel sei das im Deutschen gern genutzte Homeoffice, das jedoch kein Engländer so benennen würde. „I work from home“ sei der entsprechende Ausdruck – das Homeoffice sei das britische Innenministerium. (n-tv.de)


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

Seite drucken