Infobrief vom 24. Dezember 2020: „Bleiben Sie zuversichtlich!“

1. Presseschau

„Bleiben Sie zuversichtlich!“

Bild: kirschkuermann.de

Das Corona-Jahr 2020 wird sich auch im Wortschatz der deutschen Sprache verewigen. Wer es vergessen hatte, dem hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres 2020 noch einmal in Erinnerung gerufen: Corona-Pandemie. Der mit ihr entstandene Wortschatz spiegelt sich in den Jahresrückblicken der Medien wider. Der Stern stellt die Sätze des Corona-Jahres vor: „Bleiben Sie gesund!“ oder „Hast du deine Maske dabei?“ hat wohl fast jeder häufiger gesagt. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim hat alle neuen Wörter in der Corona-Zeit gesammelt (siehe Verweis unten). Das Institut will beobachten, ob sie „eine gewisse Verbreitung in die Allgemeinsprache erfahren werden“. Sieht man von ärgerlichen, auch inhaltlich irreführenden Importen ab wie Lockdown, Homeschooling und Social Distancing, dann belegt die Liste auch, wie einfallsreich die deutsche Sprache beim Bilden neuer, verständlicher Wörter verwendet werden kann. (stern.de, owid.de, nordbayern.de)


Gendern beim SWR

Der SWR hat sich selbst Regeln zur vermeintlich geschlechtergerechten Sprache gegeben. „Wir verkneifen uns, wenn möglich, das sogenannte ‚generische Maskulin‘“, sagte Intendant Prof. Kai Gniffke. Allerdings stehe man auf der anderen Seite auch dem gesprochenen Gendersternchen skeptisch gegenüber: Es wirke künstlich und nicht integrierend, so Gniffke. Daher wolle der SWR in Zukunft eher auf neutrale Wörter zurückgreifen wie Publikum statt Zuschauer oder auf Partizipkonstruktionen. Namen und Begriffe sollten nicht verändert werden: „Der ‚Mieterbund‘ wird nicht zum ‚Mietendenbund‘.“ (meedia.de, swr.de)


Beliebte Babyvornamen

Es gibt eine erste Prognose für die beliebtesten Babynamen des Jahres 2020: Lena und Emil könnten sehr weit vorn landen. Grundsätzlich habe sich aber bei den Mädchennamen nicht viel geändert, gibt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt: So erfreuten sich Emma, Mia und Lina weiterhin großer Beliebtheit. Was die Jungennamen angeht, könnte es einige Veränderungen bei den Platzierungen geben. Aber auch hier könnten Paul, Leon oder Felix erneut weit oben stehen. Auch gänzlich neue Namen gibt es jedes Jahr zuhauf, mit denen sich die GfdS-Experten auseinandersetzen müssen: So akzeptierten sie beispielsweise Diora, Aura oder Blin; nicht einverstanden waren sie hingegen mit Namen wie Dynamite, Hustle oder Ende. Die endgültige Liste der beliebtesten Vornamen wird von der GfdS im Frühjahr 2021 veröffentlicht. (rnd.de)


Worum es wirklich geht beim Gendern

Ein Essay im Spiegel dieser Woche (gedruckte Ausgabe) beginnt mit: „Can­cel cul­tu­re hät­te das Wort des Jah­res 2020 wer­den kön­nen, wäre nicht die Co­ro­na-Pan­de­mie da­zwi­schen­ge­kom­men.“ Für den Historiker Andreas Rödder ist das Bemühen um gegenderte Sprache Bestandteil eines Machtkampfes. Anscheinend geht es um Sprache, aber der Schein trügt. Es gehe um „Sprachspiele, mit denen Kämpfe um ‚kulturelle Hegemonie‘ ausgetragen werden“. Der Cancel Culture gehe es darum, wer reden darf (nur die Benachteiligten selber), sowie um Normierungen des Sprechens (was man sagt), und schließlich, wie man es tut: Schreibt man ‚weiß‘ klein oder als Zuschreibung groß (weißer Mann oder Weißer Mann), und der Genderstern ist selbstverständlich und fraglos zu verwenden. Schließlich demontiert Rödder jegliche Identitätspolitik, wenn er auf die „eigentümlichen identitätspolitischen Schräglagen“ zu sprechen kommt, beispielsweise wenn „Kritik am muslimischen Kopftuch als islamophob geächtet wird, während Religionskritik an der katholischen Kirche selbstverständlich ist […]“ Die scharfsinnigen Pointen seines Beitrages Die neue Systemfrage werden hier nicht verraten, sie lassen sich besser im Zusammenhang genießen. Die gedruckte Ausgabe Nr. 52 dürfte noch bis Freitag, 25. Dezember im Handel zu finden sein. Die digital lesbare Ausgabe steckt hinter einer Bezahlschranke: magazin.spiegel.de.


2. Unser Deutsch

scheinbar und anscheinend

Was unterscheidet die beiden Wörter? Sprachbewusste Deutsche wissen es. Anscheinend heißt ‚dem Anschein nach‘. Der Schein trügt hier nicht, er lässt erkennen, wie es ist. Anders scheinbar. Hier trügt der Schein, etwa wenn es heißt, jemand sei nur scheinbar zufrieden. In Wirklichkeit ist er es nicht, er täuscht dies nur vor. Es geht also um den elementaren Unterschied von Schein und Wirklichkeit. Schön, wenn Sprache das mit einem einfachen Wort auszudrücken vermag. Wo dies misslingt, setzt der Sprachkritiker korrigierend an. Warum allerdings ist dies immer wieder nötig, warum werden scheinbar und anscheinend so oft verwechselt?

Hier hilft die Sprachgeschichte. Die beiden Wörter sind nicht nur verschieden gebildet, sie stammen auch aus verschiedenen Zeiten. Das ältere Wort ist scheinbar, althochdeutsch scīnbāre, ähnlich gebildet wie dankbar und ehrbar (althochdeutsch dancbāre und ērbāre). Ein Substantiv wurde mit dem Adjektiv –bāre verknüpft, das vom Verb bera ‚tragen‘ abgeleitet ist. Daraus ergab sich die Bedeutung ‚Dank tragend‘, ‚Ehre tragend‘ und ‚Schein tragend, offenkundig‘. In dieser Bedeutung bleibt scheinbar bis ins 19. Jahrhundert üblich. Das erkennt man auch an der verneinten Form unscheinbar im Sinne von ‚unauffällig, unbedeutend‘. Allerdings hat sich das Modell der bar-Ableitungen inzwischen grundlegend gewandelt. Es hat heute eine passiv-modale Funktion wie zum Beispiel in machbar ‚kann gemacht werden‘. Deshalb sind scheinbar, dankbar und ehrbar heute weniger durchsichtig.

Erst seit dem 18. Jahrhundert ist das Adjektiv und Adverb anscheinend belegt, abgeleitet vom Verb anscheinen, das heute ausgestorben ist und nur noch in dem Substantiv Anschein fortlebt. So wird auch meist die Bedeutung angegeben: ‚dem Anschein nach‘. Es konkurriert mit scheinbar in ähnlicher Bedeutung.

Wann, das ist die Frage, wurden die beiden Wörter semantisch differenziert? Seit wann wird scheinbar auch in der Bedeutung ‚vorgetäuscht‘ verwendet? Die ersten Belege stammen aus der Barockzeit, als sich viele Sprachgesellschaften um die ‚Reinheit‘ der deutschen Schriftsprache bemühten, wie zum Beispiel der hamburgische Elbschwanenorden des Pfarrers und Dichters Johann Rist. Der Orden existierte nur wenige Jahre (1665-60) und wurde erst jüngst ( 2005 ) wiederbelebt. Im Kreis solcher Sprachfreunde vermute ich die Entstehung der neuen Bedeutung ‚nicht wirklich, vorgetäuscht‘. Neben ihr lebt aber bis heute die ursprüngliche, mit anscheinend synonyme Verwendung fort, insbesondere in den Umgangssprachen, in der gesprochenen Sprache. Die strikte Differenzierung, wie sie Sprachkritiker anmahnen, ist eine Domäne der Schriftlichkeit, also überlegter, geplanter Texte. Gewiss ein Vorzug. Aber das konkurrierende Nebeneinander von scheinbar und anscheinend im gesprochenen Deutschist offenbar unausrottbar.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Kritik an Trainersprache im Fußball

Fußballsprache kann mitunter sehr floskelhaft sein. Der ehemalige Fußballprofi Mehmet Scholl sieht das ähnlich und kritisiert die Sprache des neuen BVB-Trainers Edin Terzic: „In seinen Worten steckt nicht viel drin. Das ist so, als würde ich sagen, morgen geht die Sonne weiter. Seine Analyse ist nicht greifbar.“ Das Vokabular von Terzic gehöre außerdem zu der Trainersprache, die er „nicht mehr hören“ könne, bemängelt Scholl und erinnert sich zurück an seine eigene kurze Zeit als Trainer: „Ich sollte früher auch von Box statt von einem Strafraum sprechen. Oder von einer diametral abkippenden Doppelsechs. Ich habe mich geweigert.“ (ran.de)


4. Denglisch

Duisburger Brite schreibt Buch: Fack ju Korona!

Was ist eigentlich mit den Deutschen los? Das fragt sich Denglisch-Experte Robert Tonks, der gebürtiger Brite ist, seit dem jungen Erwachsenenalter aber in Duisburg lebt. Ihn erstaunt, wie beliebt das englische Schimpfwort fucking unter Deutschen geworden ist – wie der Erfolgsfilm Fack ju Göhte oder das Duisburger Theater mit seinem Stück Fucking lonely zeigen. „Fuck ist der neue Kraftausdruck der Deutschen, er löst Scheiße ab“, so Tonks. Aus der Beschäftigung mit dem „bösen F-Wort“ ist nun ein Buch entstanden. „Es handelt von der Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit, den Begriff ‚Fuck‘ ins Deutsche zu übersetzen, von Generations- und Wahrnehmungsunterschieden […]“, heißt es auf Tonks Internetseite. Er setzt sich im Buch mit den Fragen auseinander, wann, wo und wie der Kraftausdruck eingesetzt wird und welchen kulturellen oder interkulturellen Herausforderungen dieser gegenüber steht. Dazu schmücken Fotos, originelle Comics, Zeichnungen und Diagramme das Buch. (waz.de, robert-tonks.de)


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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