Infobrief vom 2. Oktober 2020: Europäischer Tag der Sprachen

1. Presseschau

Europäischer Tag der Sprachen

Bild: Timo Klostermeier / pixelio.de

Sprachen sind wichtig für das gegenseitige Verständnis. Dennoch braucht es mehr als einen Europäischen Tag der Sprachen (26. September), um auf die Sprachenvielfalt in Europa aufmerksam zu machen, schreibt Fiona Faas bei treffpunkteuropa.de. Knapp 200 Sprachen würden in Europa gesprochen, in Deutschland bekämen aber die Herkunftssprachen wenig Aufmerksamkeit. Englisch, Französisch, Spanisch und Latein seien etabliert, um einen Schulabschluss zu erlangen, Sprachen wie Türkisch, Bosnisch oder Polnisch, die in den Elternhäusern tatsächlich gesprochen würden, fristeten jedoch ein Schattendasein. Auch der VDS hat am Europäischen Tag der Sprachen auf die Relevanz von Fremdsprachen hingewiesen: „Sprachen beleben den Geist – und es ist nie zu spät, eine Fremdsprache zu lernen“, sagt der Vorsitzende Prof. Walter Krämer. (vds-ev.de, stol.it, treffpunkteuropa.de)


Ronen Steinke über Antisemitismus in der Sprache

Die Frage nach Antisemitismus in der Sprache beginnt bei der Selbstbezeichnung von Juden. Viele vermeiden es, sich selbst als „Juden“ zu bezeichnen, weil der Ausdruck nach wie vor die negative Konnotation eines Schimpfwortes mit sich trägt, sie weichen lieber auf „jüdisch“ aus. Andere halten an dem Begriff „Jude“ fest und argumentieren, dass man sich das Wort nicht nehmen lassen dürfe. „Semitisch“ sei aber keine Alternative, so der Autor Ronen Steinke im Deutschlandfunk Nova. Das Wort sei im Zuge der Rassenideologie aus der Linguistik der semitischen Sprachen übernommen worden. „Antisemitismus ist eine Wortschöpfung von Antisemiten gewesen“, erklärt Steinke. „Eine Art Werbebegriff, mit dem dieses uralte Ressentiment wie eine Philosophie klingen sollte.“ Heute werde mit Antisemitismus nicht mehr die Ideologie bekräftigt. „Wir sollten uns aber bewusstmachen, dass wir das Missverständnis in Kauf nehmen, dass ‚Semit‘ etwas Reales wäre. Dabei war das Wort immer nur eine Schöpfung von deutschen Judenfeinden”, sagt Steinke.

Antisemitismus zeigt sich noch immer an verschiedenen Stellen in der Sprache, auch in eingedeutschten Wörtern aus dem Jiddischen. So wird zum Beispiel der Begriff „Mischpoke“ im Deutschen für eine korrupte Gruppe oder eine üble Gesellschaft verwendet. Im Jiddischen hingegen ist es ein wertneutraler Begriff für Familie. In seinem Buch „Antisemitismus in der Sprache“ liefert Steinke weitere Beispiele für Jiddismen, die ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt wurden. Auch „Mauschelei“ oder „schachern“ seien solche Wörter.

Laut Steinke werden in diesen Ausdrücken antijüdische Vorurteile transportiert. Deshalb sehe er vor allem Menschen, die sich beruflich mit Sprache auseinandersetzen, in der Pflicht, sich zu informieren und gewisse Formulierungen zu vermeiden. (deutschlandfunknova.de)


Genderdeutsch schadet der Gleichberechtigung

Geschlechtergerechte Sprache schade dem Kampf der Frauen nach Gleichberechtigung, sagt Walter Krämer, Vorsitzender des VDS. Das Gendern führe zu einer bisher nicht vorhandenen Sexualisierung der deutschen Sprache. Bislang war es allgemeiner Konsens, dass mit Ausdrücken wie „der Kunde“ oder „der Bürger“ alle gemeint waren: Männer, Frauen und jedes weitere Geschlecht. „Dieser Vorzug des Deutschen wird auf dem Altar des Gender-Unfugs geopfert“, so Krämer. Hinzu komme, dass das Genderdeutsch „extrem hässlich“ sei und grundlegende Regeln der deutschen Grammatik verletze – ein Genderstern ist darin nicht vorgesehen. Zum Thema Gleichberechtigung, welches das Hauptanliegen der Genderbefürworter ist, sieht Krämer keinen Zusammenhang: Eine veränderte Sprache könne die Diskriminierung von Frauen nicht aus der Welt schaffen. „Gleichberechtigung der Frauen erreicht man durch gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ (deutsch.rt.com)


Saloppe Sprache in den Nachrichten

In traditionell objektiven Nachrichtensendungen schleicht sich immer häufiger eine saloppe Umgangssprache ein – dabei würden Informationen und Meinungen miteinander vermischt, schreibt Michael Meyer im Deutschlandfunk. So rückten Nachrichtensendungen selber in Richtung Populismus. Eingängige Formulierungen seien angesagt, würden aber häufig Sachverhalte falsch darstellen. Der „Sturm auf den Reichstag“, wie selbst die Tagesschau die Aktion im Rahmen einer Corona-Demo in Berlin zunächst nannte, war tatsächlich eine „Besetzung der Reichstagstreppe.“ Dabei sei jedoch zu unterscheiden, in welcher Situation sich der Sprecher befinde: Ein Reporter vor Ort wird bei einer Live-Schalte anders sprechen als ein Sprecher in der Beitrags-Nachvertonung. Dennoch sei der Trend zur Umgangssprache unübersehbar. (deutschlandfunk.de)


Gesprochenes Sternchen

Im Berufsnetzwerk XING kann man nachlesen, wie es in Redaktionen von öffentlich-rechtlichen Sendern zum gesprochenen Gendersternchen gekommen ist. Karen Schmied, Programmchefin bei Radio Fritz erklärt, wie dieses beim Jugendsender Rundfunk Berlin Brandenburg ablief. Dort sprechen männliche und weibliche Moderatoren seit September nur noch weibliche Personenbezeichnungen aus und machen jeweils vor der femininen Personalendung eine Sprechpause, mit der sich Männer und andere geschlechtliche Identitäten einbezogen fühlen sollen. Laut Karen Schmied sei die Entscheidung nicht von der Chefetage „aufgedrückt“, sondern ein entsprechendes Konzept von ihren Nachrichtenkollegen erarbeitet worden. „Wir merken regelmäßig, dass gendergerechte Sprache bei jungen Menschen eine zunehmend größere Rolle spielt“, so Schmied. Dieses Argument darf man zumindest bezweifeln. Sprachwissenschaftliche Studien kommen zu ganz anderen Ergebnissen, nämlich, dass jüngere Personen das generische Maskulinum als unspezifische Form weniger ablehnen, weil sie den gesellschaftlichen Stand der Gleichberechtigung gelassener sehen. Unterschiedliche Meinungen zu dem Thema kommen auch in der Sendung „Der Tag“ des Hessischen Rundfunks zu Wort.

Die Stiftung Deutsche Sprache hat kürzlich in einem Brief an alle Mitglieder der öffentlich-rechtlichen Rundfunkräte darum gebeten, die mit dem gesprochenen Gendersternchen verbundenen Probleme in den zuständigen Gremien anzusprechen. Unter anderem kamen von Rundfunkrats-Mitgliedern des NDR durchaus vielversprechende Antworten. (xing.com, hr2.de)


2. Unser Deutsch

Momentum

Wir hatten das Wort aus lateinisch momentum bereits integriert zu Moment – durch Weglassen der Endung wie bei Medikament (aus lat. medicamentum) und Testament (aus lat. testamentum) – da taucht es wieder auf. Politiker mahnen an, das Momentum zu nutzen oder das Momentum nicht vorübergehen zu lassen. Gemeint ist der Schwung in einer Sache oder eine günstige Konstellation zu einem günstigen Zeitpunkt. Immer geht es dabei um Großes, zum Beispiel um Nuklearverhandlungen, die Klimawende, das Dieselverbot. Das Wort tritt mit dem Gewicht des Fremdworts auf, jetzt wieder mit dem originalen neutralen Genus des Lateinischen.

Was wissen wir über das Wort und seinen bekannteren Bruder, den Moment, den ‚Augenblick‘? Das lateinische Wort momentum ist verkürzt aus movimentum, eine Abstraktbildung zum Verb movere ‚bewegen‘. Es hat im Lateinischen ein breites Bedeutungsspektrum, darunter ‚das kurze Weilchen‘ und ‚eine Sache, die den Ausschlag gibt‘. Ein Wörterbuch erinnert an das ‚Übergewicht, das den Ausschlag gibt am Waagebalken‘. Als Entlehnung ist momentum seit dem 17. Jahrhundert im Deutschen belegt, anfangs noch mit neutralem Genus und lateinischem Plural (momenta), später orientiert an französisch moment. So erklärt sich der Wechsel zum maskulinen Genus. Ältere Zeitgenossen erinnern sich vielleicht noch an die feinere französische Aussprache als [mɔmɑ̃].

Wie kommt es zu dieser Wiedergeburt eines alten Fremdworts? Es könnte aus dem Englischen entlehnt sein, wo sich momentum bis heute erhalten hat, während deutsche Wörterbücher es nicht mehr erwähnen. Denkbar ist aber auch eine interne Genese. Das Wort benutzen die Philosophen Kant und Hegel. Hier hat sich das Lateinische als Wissenschaftssprache lange gehalten und vielleicht den Ersatz durch französisch moment überlebt. Aus den Geisteswissenschaften ging es in die Sprache der heutigen Politiker über: gewichtig, bedeutsam und hinreichend unpräzis.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Musik zum Tag der Deutschen Einheit

Passend zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober spielt NDR 1 Niedersachsen 12 Stunden lang nur „deutsche Musik“ – so kündigt dieses der Sender an. Unter dem Motto „Die Musik meines Lebens – einfach mal nur Deutsch“ werden die beliebtesten deutschen Künstler präsentiert: von Rock über Deutsch-Pop bis hin zu Chansons. Außerdem wird es Raritäten und die ganz großen deutsch-deutschen Klassiker der Musikgeschichte zu hören geben.

Auch der Bundesmusikverband Chor und Orchester e.V. hat ein entsprechendes Programm auf die Beine gestellt. Am Abend des 3. Oktober versammeln sich in 150 Städten Menschen zum gemeinsamen Singen. Durch das zeitgleiche Singen soll eine Verbindung über alle Orte hinweg entstehen, um den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit sowie 75 Jahre Frieden in Deutschland zu feiern. Mehr Informationen zum Programm und den Liedern gibt es hier: bundesmusikverband.de. (ndr.de)


Übersetzte Musik

Das Übersetzen von Liedern in andere Sprachen will gekonnt sein. Meist reicht es nicht, einfach die Worte eins zu eins zu übertragen. Im Gegenteil: Wird wortgetreu übersetzt, leiden oft Klang, Rhythmus und Melodie darunter. Die Qualität eines übersetzten Lieds habe weniger damit zu tun, wie korrekt übersetzt wurde, sagt die Musikjournalistin Olga Hochweis, sondern vielmehr damit, wie organisch und in sich stimmig die neue Version klinge. Dabei sei auch wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass eine Übersetzung immer zuerst Interpretation bedeute. So sei es zum Beispiel der Band Erdmöbel gelungen, mit Sprachwitz und Ironie die Pop-Songs von Kurt Cobain oder Robbie Williams ins Deutsche zu übertragen. In anderen Fällen könne jedoch die Poesie verloren gehen: „Girl from Ipanema“, ein ursprünglich portugiesisches Stück aus Brasilien, welches ins Englische übersetzt wurde, sei mit dem Original nicht gleichzustellen. „Die Brasilianer betrachten diese englische Textversion sogar als totale Verflachung“, so Hochweis, „weil der Song zuvor einen poetischen, ja geradezu lebensphilosophischen Text hatte.“ (deutschlandfunkkultur.de)


4. Denglisch

Stirnrunzeln an Gleis 8

Am Hauptbahnhof der oberfränkischen Stadt Hof hat die Deutsche Bahn ein Plakat aufgehängt, vor dem man immer wieder Reisende kopfschüttelnd stehenbleiben sieht. „Fränkische Gemütlichkeit to go: Grüß Gott in der Wärschtlamänner“ steht da. Um überhaupt zu verstehen, was gemeint ist, muss man wissen, dass eine lokale Angabe fehlt: „Grüß Gott, in der Stadt…“. Gut, ein Fehler der Druckerei, wenn auch ein grober, denn bei einem Plakat von der Größe einer Zimmertür hätte der sinnlose Satz spätestens beim Aufhängen auffallen können. „Wärschtlamänner“ versteht auch nicht jeder: oberfränkisch für Würstchenverkäufer mit Bauchladen, die man in Hof antreffen kann. Stirnrunzeln könnte aber auch die Verbindung zwischen denglischem „to go“ und „Gemütlichkeit“ hervorrufen. Übersetzt heißt die Aussage vermutlich: Hof gibt sich traditionell dialektfreundlich, aber natürlich auf der Höhe der Zeit. Leider auf Kosten der deutschen Sprache. (frankenpost.de)


„Protected Bike Lane“

In Bochum sorgt man sich um die Sicherheit der Radfahrer. Deshalb wurde auf einem Stück der Universitätsstraße nun ein baulich geschützter Radfahrstreifen eingerichtet. Die Autofahrspur ist also von der Fahrradspur abgetrennt, sodass keiner in die Spur des anderen geraten kann. Keine Frage: Sicherheit ist wichtig. Aber warum man einen solchen Radfahrstreifen „Protected Bike Lane“ nennen muss, ist und bleibt ein Rätsel. (bochum.de)


5. Termine

8. Oktober, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Luv, Schlachte 15, 28195 Bremen

12. Oktober, Region 65 (Wiesbaden/Kelkheim)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

13. Oktober, Region 25 (West-Schleswig-Holstein)
Kulturbeitrag: „Idun und ihre Äpfel“ aus der Edda
Anmeldung: bis zum 11.10.2020 an 04841-82510 oder veranstaltungen@vds-sh.de
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Hotel Alter Kreisbahnhof, Königstraße 9, 24837 Schleswig

15. Oktober, Region 04 (Leipzig)
Besuch des Reclam-Museums
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Reclam-Museum, Kreuzstraße 12, 04103 Leipzig

15. Oktober, Region 44 (Bochum, Dortmund, Herne)
Lesung von VDS-Mitglied Horst Hensel aus seinem aktuellen Romanprojekt
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: literaturhaus.dortmund, Neuer Graben 78, 44139 Dortmund

28. Oktober, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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