Infobrief vom 22. Mai 2020: Umfragen haben Einfluss auf politische Kommunikation

1. Presseschau

Umfragen haben Einfluss auf politische Kommunikation

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Politik-Rhetorik beeinflusst Meinung? Nicht unbedingt. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Wissenschaftszentrums für Sozialforschung Berlin. Die Studie wertete Umfragen aus, die von der Bundesregierung zwischen 2009 bis 2013 in Auftrag gegeben worden waren. Die Umfrageberichte wurden anschließend in Bezug zu 20.000 Regierungsreden gesetzt. Das Ergebnis verblüffte die Forscher: Sie stellten sprachliche Ähnlichkeiten fest. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass sich die Kommunikation der Bundesregierung der öffentlichen Meinung anpasse. Sobald das Bundespresseamt die Umfragen an Kabinett und Kanzlerin weitergeleitet hatte, änderte sich die Rhetorik der Bundesregierung. Dabei modifizierten sich allerdings nicht nur die Themen der Reden, sondern auch die inhaltliche Position. (swp.de)


Denken ohne Sprache

Ein Podcast des SWR beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern wir Sprache brauchen, um zu denken. Unsere Vorfahren seien, so die Theorie, in der Lage gewesen, Faustkeile und Speere herzustellen und sie zu nutzen – und das weit bevor sich „Sprache“ als solche überhaupt gebildet habe. Das lege nah, dass für Erfindungen und Handlungen zwar eine Denkleistung, aber nicht unbedingt Sprache vonnöten sei. Vermutlich habe auch nonverbale Kommunikation ausgereicht, um erste gemeinsame und zielgerichtete Handlungen auszuführen. Je konkreter und weniger abstrakt eine Handlung sei, desto weniger werde die Sprache für sie benötigt. Beispiel: Schuhe zubinden passiert eher über Optik und Lernen, man braucht sich darüber bei der Handlung nicht auszutauschen. Je abstrakter ein Phänomen ist, desto eher wird Sprache benötigt, um es zu beschreiben, so zum Beispiel bei der Bewegung eines Gegenstandes, der zu Boden fällt. Das Fallen an sich ist selbsterklärend, die physikalische Erklärung braucht die sprachliche Begleitung. (swr.de)


Von Bückware und Muckefuck

Es gibt Wörter, die haben ihre eigene Zeit. Sie sind entstanden, um etwas Bestimmtes zu benennen, und wurden nur während einer bestimmten Zeit von bestimmten Personen genutzt. Der Journalist Hans Hütt nennt diese Wörter „Jahrzehnt-Wörter“ und hat ihnen bereits mehrere Bücher gewidmet. Im HR2-Podcast erklärt er unter anderem, woher das Wort „Bückware“ kommt: Es hat seinen Ursprung in der ehemaligen DDR, wo man gute Kontakte brauchte, um an seltene Dinge zu kommen – sei es ein Grundstück oder auch eine besondere Obstsorte, die es nur selten gab. Auch ein Stadtplan von Berlin galt zum Beispiel als Bückware. Der Podcast ist ein Tipp für jeden, der eine kleine Hör-Reise durch die sprachlichen Jahrzehnte machen möchte. (hr2.de)


Kommunikation unter der Maske

Kommunikation findet auf verschiedene Weisen statt, die gesprochene Sprache ist nur eine davon. Wichtiger ist die nonverbale Kommunikation durch Gestik und Mimik. Geschätzt 60 bis 95 Prozent der Kommunikation finden nonverbal statt, heißt es in einem Artikel des BR. Durch Corona wird diese Art der Kommunikation deutlich erschwert. Die Schutzmasken, die die Ansteckung durch das Virus eindämmen sollen, verhindern einen Großteil der Möglichkeiten, um sich auszutauschen. Bewegungen der Mundwinkel werden nicht erkannt, zusammengezogene Augenbrauen können nicht mehr richtig interpretiert werden, da ein Teil des Gesichts verdeckt und damit unlesbar ist. Für Gehörlose bringen die Masken noch einen weiteren Nachteil: Sie lesen von den Lippen ihres Gegenübers ab und können ihn durch die Masken nicht mehr verstehen. Eine findige Studentin aus den USA hatte den Einfall, Masken mit einem Sichtfenster zu nähen, der einen freien Blick auf die Lippen ermöglicht – mittlerweile hat diese Idee viele Nachahmer gefunden. (br.de)


2. Unser Deutsch

Tram

In München heißt die Straßenbahn Tram. Wieso eigentlich? Die Herkunft ist geklärt: Englisch tramway wurde zunächst als Trambahn halb übersetzt, halb entlehnt, dann wie auch im Englischen, auf Tram verkürzt. Auch in Wien und Zürich fährt keine Straßenbahn, nur die Tramway bzw. in Zürich das Tram, mit neutralem Genus.

Woher aber stammt der Name Straßenbahn und warum hat er sich in der deutschen Standardsprache durchgesetzt? Dazu muss man in die Vorgeschichte dieser Einrichtung des Öffentlichen Personenverkehrs schauen. Ursprünglich waren es Pferdebahnen. Die neuen Schienen, auf denen die Wagen von Pferden gezogen wurden, hat man auf den vorhandenen Straßen in das Pflaster eingebaut: eine Eisenbahn auf der Straße. Und so wurde sie anfangs auch genannt: Straßeneisenbahn. Der mittlere Teil (-eisen-) wurde gekürzt wie bei vielen dreigliedrigen Komposita, zum Beispiel der Laubsäge aus Laubholzsäge. So entstand wohl auch das Wort Straßenbahn. Die erste dieser Bahnen wurde 1865 in Berlin-Charlottenburg betrieben. Schon 1881 begann das Zeitalter der Elektrischen, wie sie nun oft genannt wird. Siemens & Halske stellte einen eleganten Prototyp in Paris am Place de la Concorde vor. Am 16. Mai 1881 nahm bei Berlin die Elektrische Straßenbahn Lichterfelde–Kadettenanstalt den Probebetrieb auf. Der Name Straßenbahn war inzwischen die amtliche Bezeichnung im Deutschen Reich.

In Österreich und der Schweiz hatte sich längst die Tram durchgesetzt. Schon 1840 wurde in Wien für zwei Jahre die Wiener Pferde-Tramway betrieben. Auch die Bayern blieben bis heute bei der Tram. Der Süden des deutschen Sprachgebiets hat die reichsdeutsche Terminologie nicht angenommen.

Mit Tram und Straßenbahn konkurriert in Wien, Linz und Graz die Bim, abgekürzt aus Bimmelbahn, nach dem typischen Klingeln, das der Fahrer mit dem Fuß erzeugt. Und in Bonn verkehrte zeitweise die Bönnsche Bimmel.

Neue Technik bringt neuen Wortschatz, teils entlehnt, teils übersetzt. Das zeigt auch die Sprache des Fußballs im deutschen Sprachgebiet. In österreichischen Deutsch haben sich bis heute englische Fachwörter erhalten wie Goal, Goalkeeper und Corner, im ‚Reich‘ wurden sie durch Tor, Torwart und Ecke ersetzt. 1905 gab der Allgemeine deutsche Sprachverein eine Verdeutschungstafel für Fußballspieler heraus, die offenbar erfolgreich war. Immerhin sind uns fair und foul erhalten geblieben. Die kurzen Wörter für den Umgang auf dem Fußballplatz wurden zur Metapher für die Bewertung sozialen Verhaltens.
Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Peter Eisenberg zum 80. Geburtstag

Die FAZ hat dem Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg zum 80. Geburtstag ein Porträt gewidmet. Eine „Stimme der Vernunft und Mäßigung“ sei er, der emeritierte Potsdamer Professor, der bei der Rechtschreibreform durch seine Mitarbeit in den entsprechenden Gremien das Schlimmste noch verhindern konnte. Dennoch war auch ihm am Ende der „Rechtschreibfrieden“ wichtiger als das Beharren auf Positionen allein um des Beharrens willen. Bis heute genießt er größten Respekt bei denen, die mit Sprache zu tun haben. (faz.net)


Chinesisch als Weltsprache

Chinesisch wird als Sprache in naher Zukunft mit Englisch gleichziehen. Davon sind Forscher der australischen Flinders University überzeugt. Vor allem die moderne Technologie werde der Wegbereiter sein. Bisher galten die chinesischen Schriftzeichen als Hürde fürs Lernen, neue Übersetzungsprogramme sind aber in der Lage, das Pinyin – die Romanisierung der chinesischen Hochsprache – zu übersetzen. Wer also Pinyin lernt und die Schriftzeichen zumindest erkennen kann, wird leichter Chinesisch lernen können. Perfekte Chinesisch-Kenntnisse werden dabei nicht nötig sein, Grundkenntnisse seien ausreichend, um sich verständigen zu können. (pressetext.com)


Literaturpreis „Text & Sprache“ geht an Maren Kames

Poesie und Musik miteinander zu verbinden – das gelingt der Autorin Maren Kames in ihren Werken immer wieder. Mit kraftvoller Sprache vereint sie Monolog, Gesang und Lyrik. Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft zeichnet sie dafür mit dem diesjährigen Literaturpreis „Text & Sprache“ aus. Der Berliner Autorin gelinge es, fundamentale Erschütterungen und Spaltungen zu einer schwerelosen Komposition aus Fantasien, Unterbewusstem und Elementen der zeitgenössischen Musik zusammenzufügen, begründet die Jury ihre Entscheidung. Die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Oktober 2020 im Rahmen der Jahrestagung des Kulturkreises verliehen. (buchmarkt.de)


4. Berichte

Sprachpanscher 2020

Zum 23. Mal wählen die Mitglieder des VDS den Sprachpanscher des Jahres. Wie immer stehen für die Negativ-Auszeichnung fünf Kandidaten zur Auswahl, die besonders unsanft oder schlampig mit der deutschen Sprache umgegangen sind. So zum Beispiel das famila-Einkaufsland im Oldenburger Stadtteil Wechloy, in dessen Werbekampagne mehr englische als deutsche Wörter vorkommen: „Für Shopping und much mehr. Von Kids bis Education, von Meetings bis Health, von Entertainment bis Gastro: Alles you need.“ Auch die Tagesschau sowie die heute-Nachrichten stehen als Kandidaten zur Wahl, aufgrund der vielen Corona-Anglizismen, die dort nachgeplappert werden. Ebenfalls qualifiziert hat sich die Bundeszentrale für politische Bildung mit ihrem Programmschwerpunkt „The Years of Change 1989-1991“, womit die Umbrüche in Ungarn, Polen, Tschechien oder Russland gemeint sind – dennoch entschied man sich aber für die englische Sprache. Zwei weitere Kandidaten sind Ulf Kämpfer, Oberbürgermeister der Stadt Kiel, der in einer Kampagne gegen Ratten „Don‘t feed rats“ forderte, sowie die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek, die dafür sorgte, dass Handwerksmeister sich künftig nach ihrer Fortbildung „Bachelor/Master Professional“ nennen dürfen.

Die Sprachpanscher-Auszeichnung soll Politik, Wirtschaft und Presse für die eigene Sprache sensibilisieren und ermuntern, sorgsamer mit ihr umzugehen – Sachverhalte sollten so ausgedrückt werden, dass alle Adressaten sie verstehen. Abstimmen können Mitglieder des VDS bis zum 28. August 2020; entweder im Netz oder per Wahlzettel. Hier geht es zur Netz-Abstimmung.


5. Denglisch

Anglizismen beim Bloggen

Angehende Blogger haben oft Probleme, sich zurechtzufinden. Bei der Erstellung ihrer Internetseite begegnen sie zahlreichen Anglizismen: Man kann Plugins installieren, sich im Backend anmelden – oder lieber gleich einloggen – und außerdem Widgets nutzen. Beginnen wir damit: Was ist überhaupt ein Blog? Der Anglizismenindex des VDS bietet dafür die Übersetzung „Netztagebuch“. Also eine Internetseite, auf der man eigene Beiträge oder Inhalte erstellen kann. Widgets und Plugins sind dabei hilfreich. Während durch Widgets zusätzliche Inhalte auf der Startseite angezeigt werden können, dienen Plugins als Erweiterungen, die die grundlegende Funktionalität ausweiten. Als Backend bezeichnet man den Administratorbereich der Seite. Wer bloggen will, muss also erst einmal Vokabeln pauken. (freitag.de)


6. Termine

ABGESAGT! 26. Mai, Region 01 (Dresden, Riesa)
Mitgliedertreffen mit Vortrag von Marc-Alexander Glunde
Zeit: 18:00 Uhr

Ort: Ortsamt Dresden-Loschwitz, Grundstr. 3, 01326 Dresden

ABGESAGT! 27. Mai, Region 03 (Cottbus)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel Zur Sonne, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus


IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Holger Klatte, Alina Letzel, Dorota Wilke

© Verein Deutsche Sprache e. V.

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