Infobrief vom 10. Juli 2022: FDP will Englisch als 2. Verwaltungssprache

1. Presseschau

FDP will Englisch als 2. Verwaltungssprache

Die FDP will den Fachkräftemangel bekämpfen und dafür Englisch als 2. Verwaltungssprache einführen. Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger sieht laut Welt die mangelnden Deutschkenntnisse von Migranten als „eine ganz große Hürde“, Englisch könnte den Zugang zur Arbeitswelt erleichtern. Die Zweisprachigkeit in den Behörden lasse sich nicht sofort umsetzen, so Stark-Watzinger, aber es gehe darum, „den ersten Anfang zu machen“. Beamte, die bereits Englisch sprechen, könnten die Betreuung der neuen Mitarbeiter aus dem Ausland übernehmen. Der Städte- und Gemeindebund sowie der Beamtenbund kritisierten den Vorstoß scharf. Aus Gründen der Rechtssicherheit müsse weiterhin ausschließlich Deutsch als Amtssprache gelten, so eine Sprecherin des dbb laut t-online.de. Außerdem würde so eine Aktion einen erheblichen bürokratischen Aufwand bedeuten. Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, sieht es ähnlich: „Zusätzliche Bürokratie durch die Verpflichtung zu einer zweiten Amtssprache, deren Umsetzung sich über Jahre erstrecken würde, ist da kontraproduktiv und würde uns dem Ziel, eine bessere Willkommens- und Ankommenskultur zu etablieren, nicht näherbringen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). (t-online.de, welt.de, rnd.de)


Grüne Sprache

Nah am Menschen, ohne Schnick-Schnack – so beschreibt Jan Grossarth die Sprache der Grünen in der Welt. Die meisten grünen Politiker schafften in ihren Reden oder bei öffentlichen Auftritten eine Sprache, die ohne sperrige Formulierungen auskommt, ohne dabei anbiedernd zu sein. „Authentizität“ sei das Zauberwort. Gerade Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck stehe sprachlich mit beiden Füßen fest auf dem Boden. Im Heute Journal, das sich an Erwachsene richtet, erklärte er im Stil der logo!-Kindernachrichten zur kommenden Krise: „Das ist ja kein Spaß, den wir hier haben, sondern das ist eine ernste politische, gesellschaftspolitische Situation. Und wenn wir da uns nicht gegenseitig helfen, kommen wir da nicht durch. Und wenn da jemand sagt: Ich helf’ nur, wenn ich noch mal fünfzig Euro krieg‘, würd‘ ich sagen: Die kriegst du nicht, Alter.“ Die Ansprache „Alter“ mag auf den ersten Blick unangebracht sein, sie zeige jedoch die Nähe zum Wähler, der sich unabhängig von seinem sozialen und politischen Milieu mit dem Inhalt der eigentlichen Aussage identifizieren kann. Dazu sei das „grüne Sprechen“ eines, „das die Ungebundenheit an Institutionen demonstriert“, so Grossarth. Eine klar erkennbare Zugehörigkeit zu typischen politischen Rollen- und Amtsträgern sei nicht erkennbar.
Dazu gesellt sich die Verschmelzung von Gerechtigkeitsfragen mit persönlicher Betroffenheit. So habe die Parteivorsitzende Ricarda Lang bei einer Rede zu Klimaschutz und Gerechtigkeit geschlossen mit: „Dieses Thema ist mir auch deshalb so wichtig, weil ich selbst bei einer einzigen Mutter aufgewachsen bin. Die als Sozialarbeiterin gearbeitet hat. Und nein: Ich hatte keine schwierige Kindheit. Ich hatte eine sehr schöne Kindheit. Aber nur, weil meine Mutter dafür gekämpft hat.“ Das Menschliche liege den Grünen, auch sprachlich. Darin liege aber gleichzeitig die Kehrseite. Die grüne Sprechweise lasse die „bürgerlichen Volksparteien alt aussehen“. Wer differenziert spricht, werde geringer geschätzt, da ihm die Emotionalität fehle. Daraus, schreibt Grossarth, ergebe sich auch eine „Arroganz der Authentizität“. (welt.de (Bezahlschranke))


Spielerin fordert Schluss mit „Frauenfußball“

Beim Fußball handelt es sich um eine Sportart, die mit dem männlichen Geschlecht assoziiert wird. Nicht zufällig denken die meisten zuerst an Messi, Ronaldo, Neymar anstatt an Almuth Schult, Giulia Gwinn oder Laura Freigang. In der Geschichte des Fußballs durften Frauen zwischen 1955 und 1970 nicht spielen. 1970 wurde schließlich doch der „Frauenfußball“ geboren. Schult und andere Spielerinnen fordern nun eine neue Sprachregelung, sie soll die Abgrenzung zwischen Männer- und Frauenfußball aufheben. „Warum muss das extra ausgewiesen werden? Das ist genau diese Abwertung, die man nicht braucht“, argumentiert Schult. Durch die sprachliche Trennung werde suggeriert, dass die einen „richtig“ Fußball spielen, die anderen nicht. Stephanie Sippel von der Frankfurter Allgemeine Zeitung kommentiert, das Spiel der Frauen sei zwar weniger dynamisch und kraftvoll als das der Männer, jedoch keineswegs schlechter. Inzwischen hat das Spiel gegen Dänemark gezeigt, dass auch das Wort „dynamisch“ nicht mehr exklusiv für den Männerfußball gilt. (faz.net)


2. Gendersprache

Jura-Podcast zum Gendern

Der Jura-Podcast Jetzt erst Recht beschäftigte sich kürzlich mit Gendern in Gesetzestexten. Teilgenommen hat Sabine Mertens, die Leiterin der AG Gendersprache im VDS. Sie verwies darauf, dass auch Gesetzestexte einfach, kurz und prägnant sein sollten, wie es im Handbuch der Rechtsförmlichkeit vermerkt ist. Gendern zerstöre die grammatikalische Struktur. Durch das Gendern werden unmarkierte Wörter (das sind Wörter ohne Sexus = biologisches Geschlecht) unnötigerweise markiert; so erhalten sie überhaupt erst ein Geschlecht (Sexus). Sprache wird dadurch schwieriger. Die Podcast-Moderatoren wiesen indes darauf hin, dass geschlechtergerechte Sprache ein Mittel sei, um Gleichberechtigung herzustellen und ein bewusster Umgang mit Sprache erst ein Bewusstsein für Ungerechtigkeiten schaffe. Sie zogen die Bilanz, dass der Diskurs rund ums Gendern von den Gendergegnern dominiert werde, deren Hass kontraproduktiv sei. Auf die andere Seite der Medaille gingen die Moderatoren nicht ein, zum Beispiel auf die Nachteile, die junge Menschen an der Uni erfahren, wenn sie das Gendern ablehnen. (anchor.fm)


Gendern humoristisch betrachtet

Das Satire-Magazin Titanic hat sich auf seine Weise mit dem Gendern auseinandergesetzt. Es berichtet über ein vermeintliches Experiment: Prominente hätten eine Woche lang nur gegendert gesprochen und anschließend ihre Erfahrungen geteilt. So empfand die Autorin Elke Heidenreich das Gendern angeblich weiterhin als kompliziert, sie habe aber ein bisschen ihren Frieden damit gemacht. Die kurze Genderpause würde sie nicht sprechen, sondern für eine Kaffeepause nutzen: „So macht das Gendern gleich viel mehr Spaß“. Die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder habe es nicht lange ausgehalten, sie halte Gendern weiterhin für gefährlich: „Deutsche Viertklässler werden in Mathe immer schlechter, weil sie beim Kopfrechnen gendern müssen.“ Fußballer Toni Kroos konnte dem Gendern sogar etwas abgewinnen: „Gendern ist spitze! Wenn ich gendere, bin ich so konzentriert, dass ich vergesse, mich über die Scheißfragen von ZDF-Reportern und anderen Medienclowns aufzuregen.“ (titanic-magazin.de)


Gendern im Radio

Wie das Gendern im Radio und Fernsehen gelingen kann, wurde auf einem Forum der Lokalrundfunktage in Nürnberg diskutiert. Die Veranstaltung wurde organisiert vom Evangelischen Presseverband für Bayern e. V. und dem Evangelischen Medienverband. Journalistin Christine Olderdissen erklärt eine präzise und wertschätzende Ausdrucksweise gegenüber allen geschlechtlichen Identitäten zum Teil der Berufsethik. Journalisten hätten eine Sorgfalts- und Wahrheitspflicht um Diskriminierungen zu vermeiden. Dazu führte sie konkrete Beispiele an. Anstelle von „Sehr geehrte Damen und Herren“ könne man „Schön, dass Sie da sind“ sagen. Kreativität sei nun mehr gefragt als alte Floskeln. Zwar zeige das Gendern die Vielfalt der Sprache und somit auch der Gesellschaft, aber es sollte je nach Zielgruppe und Situation mit Bedacht verwendet werden. Beispielsweise solle im Verkehrsfunk, um die Zuhörer in Alarmbereitschaft zu versetzen, weiterhin vor einem „Falschfahrer“ anstatt einem „falsch fahrenden Auto“ gewarnt werden. (sonntagsblatt.de)


Gebärende Personen

Laut Empfehlung der Nationalen Ethikkommission der Schweiz soll das Wort „Mutter“ aus Gesetzestexten gestrichen und durch die Formulierung „Person, die das Kind geboren hat“ ersetzt werden, schreibt Birgit Schmid in der Neuen Zürcher Zeitung. Sie verweist auf die nordamerikanische Herkunft dieser Sprachbemühungen, wo aus Frauen „gebärende Personen“ oder „Körper mit Vagina“ werden. Im Englischen reduziert sich das Sprachgendern zumeist auf den Ersatz von Wörtern. Da ist die Rede von „‚birthing people‘ und ‚pregnant people‘. Trans-Aktivisten sprechen von ‚bodies with vaginas‘, Akademikerinnen ersetzen ‚breastfeeding‘ durch ‚chestfeeding‘.“ Stutzig macht die Unterscheidung von breast und chest. Da kann mit chestfeeding nur das Stillen mit dem Brustkorb (nicht mit Brüsten) gemeint sein, das besitzt den Vorteil der Geschlechtsneutralität. Mit dieser „sterilen und letztlich entmenschlichenden Sprache“ werden Frauen „in Körperteile und Organe zerlegt und darauf reduziert,“ sagt Schmid. Oder sie kommen einfach gar nicht mehr vor, und das nennt sie frauenfeindlich. Aufregen muss man sich darüber nicht. Gibt es keine Mütter mehr, stirbt auch das Sprachgendern. Ganz von alleine. (nzz.ch)


3. Sprachspiele: Unser Deutsch

Bückware

Die älteren Bewohner der neuen Bundesländer kennen das Wort aus leidiger Erfahrung. Bückware war eine treffende Bezeichnung für alles, was schwer zu bekommen war – nur wenn ein Verkäufer sich bückte und unter den Ladentisch griff. Anfangs mag das für viele Waren aus den Konsum-Läden gegolten haben, die tatsächlich dort versteckt waren für besondere Kunden. Später wurde es zum Sammelbegriff für alles, was die Planwirtschaft zum seltenen oder unnötigen Produkt erklärte.

Das Wort ist laut DWDS 1977 erstmals (in der westdeutschen Wochenzeitung die ZEIT) belegt. Sicher war es in der DDR viel früher geläufig, denn dort wurde es geprägt. Es beschrieb halb schmunzelnd alle Waren, die offiziell nicht zugänglich oder nach kürzester Zeit vergriffen waren. Sagenhaft waren die Bananen, ganz selten zu haben, das Westprodukt schlechthin. Es galt aber auch für aufwendig gestaltete Bücher, die – wegen des Papiermangels – nur in kleiner Auflage verlegt wurden. Versteht sich, dass in der Staatszeitung, dem Neuen Deutschland und seinen Ablegern, nichts davon zu lesen war. Es ist ein Wort des alltäglichen, des unkontrollierten und unkontrollierbaren Sprachverkehrs. Auch das Ostberliner Handwörterbuch der deutschen Gegenwartssprache (1984) enthält es nicht. Erst die westdeutschen Wörterbücher haben es aufgenommen und verweisen auf die DDR als Ort des Gebrauchs.

Im Westen ist Bückware als Alltagswort kaum bekannt. Hier kennt man es als Fachwort des Handels. Bückware liegt im untersten Regal, oft der Platz für die Eigenmarken der Discounter. Hier müssen sich zuerst die Verkäuferinnen bücken, wenn sie die Ware auslegen, später die Kunden, um sie in ihren Wagen zu legen. Diese Bückware ist für geübte Käufer leicht zugänglich, preiswert und nichts Besonderes. Ost und West haben dem Bücken im Laden verschiedenen Sinn gegeben. Hier liegt die Ware verborgen hinter der Theke, dort kann man über sie stolpern beim Gang durch die Regale. Nur das Beugen nach unten ist der Bückware in Ost und West gemeinsam.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

4. Kultur

Internationaler Hermann-Hesse-Preis für türkischen Autor

Der türkische Autor Hakan Günday ist mit dem Internationalen Herman-Hesse-Preis ausgezeichnet worden. In seiner Heimat gilt er beinahe schon als Kultautor, schreibt der Schwarzwälder Bote. In seinen Büchern geht es um die Opfer von Gewalt und Repression, um Schuld und Ohnmacht „und die dunkle Seite des Menschen“, wie die Tübinger Professorin für Islamische Geschichte und Kultur, Regula Forster, in ihrer Lobrede sagte. Günday spreche Themen wie Migration und Zwangsheirat an, teilweise aus der Perspektive der Betroffenen, dennoch sei es keine „Betroffenheitsprosa“, die sie als Opfer darstellt. Seine Sprache sei hart, stellenweise brutal, die Übersetzerin Sabine Adapete habe es geschafft, diese so umzusetzen, „dass man bei der Lektüre nicht mehr sagen kann, ob dies nun das Original oder die Übersetzung sei.“ Der Internationale Hermann-Hesse-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert und gilt als einer der wichtigsten Literaturpreise in Deutschland, er wird alle zwei Jahre von der Calwer Herman-Hesse-Stiftung verliehen – jeweils am 2. Juli, dem Geburtstag des Dichters und Nobelpreisträgers Hesse. (schwarzwaelder-bote.de)


Jacques Berndorf verstorben

Regionalkrimis waren lange ein Stiefkind der Literatur – bis Jacques Berndorf kam, Michael Preute mit bürgerlichem Namen. Preute begann seine Karriere als Lokaljournalist, war dann unter anderem in Vietnam und im Libanon tätig, auch zu Kriegs- und Krisenzeiten. 1984 ließ er sich in der Eifel nieder, in Berndorf, dessen Namen er als sein Pseudonym übernahm. Als Jacques Berndorf veröffentlichte er 1989 seinen ersten Eifel-Krimi „Eifel-Blues“ – gut 20 weitere folgten, insgesamt 4,5 Millionen Bücher hat er verkauft. Mit seinen Regionalkrimis schaffte es Berndorf, diese Stilrichtung als ein beliebtes Genre zu etablieren. Zugleich schob er den Tourismus in der Eifel an. Manche Bücher wurden verfilmt oder als Theaterstück inszeniert. Der Autor starb am 3. Juli 2022 mit 85 Jahren, „altersbedingt nach einem langen, so ereignisreichen Leben“ sagte seine Ehefrau Geli Gatzke-Preute der Deutschen Presse-Agentur. (spiegel.de)


5. Berichte

Tagung zum Thema „Schullesung“

Im Rahmen der vierten „Tage der Poesie in Sachsen“ veranstaltet die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e. V. am 24. September 2022 in Leipzig eine Tagung zum Thema Schullesung, die sich an Pädagogen, Bibliothekare, Autoren und an interessiertes Publikum richtet und zu einem Erfahrungsaustausch einlädt. Ihr Kommen bereits zugesagt haben Juliane Breinl, Carl-Christian Elze, Katja Lange-Müller, Sabine Ludwig, Gerda Raidt, Ulrike Almut Sandig, André Schinkel, Jan Wagner. Die Tagung findet in der Galerie KUB, Kantstraße 18 in 04275 Leipzig statt, Beginn um 10 Uhr, Einlass ab 9:45, Ende gegen 16:30, Anmelden kann man sich zur Teilnahme per E-Mail an tagederpoesie@web.de. Auf Wunsch wird eine Teilnahmebestätigung ausgestellt. Die Kosten (inkl. Getränke und Imbiss sowie Kaffee & Kuchen) betragen 25 Euro. (lyrikgesellschaft.de)


Frauen im Widerstand zur Gendersprache

Von wegen „Frauen finden Gendern gut“. Eine gewagte Verallgemeinerung, wenn ernst zu nehmende Meinungsumfragen dafür keine Mehrheit ergeben. Um sich endlich Gehör bei der Politik zu verschaffen, haben nun ausschließlich Frauen eine Petition auf der Plattform openpetition.de ins Leben gerufen. Gendern sei nicht nur unökonomisch und sprachlich falsch, vor allem behindere es ein Miteinander: „Statt Gleichheit und mehr Gerechtigkeit zu erreichen, reißt es Gräben zwischen den Geschlechtern, grenzt Menschen nach gruppenbezogenen Merkmalen aus und benachteiligt Menschen (…) und ist ein Integrationshindernis für Zuwanderer.“ Den Aufruf ins Leben gerufen haben u. a. die Schauspielerin Gabriele Gysi, die Literaturwissenschaftlerin Elvira Grözinger und die Islamwissenschaftlerin Nasrin Amirsedghi. (openpetition.de)


Wahl des Sprachpanschers 2022

Noch bis zum 5. August können Mitglieder des VDS ihre Stimme abgeben: Wer wird der Sprachpanscher 2022? Wer ist in diesem Jahr besonders schlampig mit der deutschen Sprache umgegangen? Zur Wahl stehen fünf Kandidaten. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist durch sein exzessives Denglisch aufgefallen. Repurposing-Studien und die Coronavirus-Surveillanceverordnung sind Beispiele für seine sprachlichen Fehltritte. Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sich mit seiner Kampagne Willkommen in The Länd nur wenige Freunde gemacht. 21 Mio. Euro Ausgaben für ein Motto, das für mehr Lacher als Identifikation sorgt, sind eine stolze Summe. Prof. Dr. Ulrike Lembke von der Berliner Humboldt-Universität hat ein Gutachten für die Stadt Hannover erstellt, das die Nutzung des Gendersternchens nicht nur rechtfertigt; es gehöre sogar ins Grundgesetz, da die Nicht-Nutzung eine grobe Verletzung rechtsstaatlicher Grundsätze bedeute. Das sorgte für Kopfschütteln – selbst bei jenen, die der Gendersprache eher offen gegenüber stehen. Der Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, Martin Horn, ignoriert das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und lässt Stellenausschreibungen nur noch in der femininen Form ausstellen, zusätzlich steht dahinter ein (a) für alle, wie in „Vermessungsingenieurin (a)“. Mit Denglisch hat es auch die Kienbaum Consultants International GmbH, das führende Unternehmen für Personalberatung. Weil die Kienbaum-Jahrestagung nicht verständlich genug war, wurde daraus die People Convention, und People Sustainability soll angeblich The Next Chapter for Organizations sein. Zur Wahl geht’s hier lang: vds-ev.de.


6. Denglisch

Nürnberger Studentenhaus jetzt House Of Students

Das Studentenhaus am Andreij-Sacharow-Platz in Nürnberg wurde kürzlich in „House Of Students“ umbenannt. Mit dem neuen Namen will das Studentenwerk Erlangen-Nürnberg ein Zeichen für „Internationalisierung und Genderneutralität“ setzen. Englische Substantive tragen kein Genus wie das Deutsche, so dass im Englischen mit der Bezeichnung „students“ sowohl männliche, weibliche als auch diverse Studenten gemeint sein können. Mal abgesehen davon, dass Sprache selber nichts meint, sondern nur bezeichnet: Mit dem generischen Maskulinum „Studenten“ sind auch im Deutschen sämtliche Geschlechter bezeichnet. Aber das gilt zur Zeit als umstritten, da muss man auf Nummer sicher gehen, und so flüchtet sich das Studentenwerk Erlangen-Nürnberg nun gleich vollständig ins Englische. Man darf gespannt sein, wann aus „Studentenwerk“ das „Students’ Work“ wird. Das wäre falsch? Ach was! (werkswelt.de)


7. Soziale Medien

Von wegen freiwillig

Auf Twitter hat der Nutzer @stefanolix in einem längeren Beitrag von einem persönlichen Erlebnis zum Thema „Gendern“ erzählt. Auf einer Familienfeier hat er mit einem jüngeren Verwandten gesprochen, der aktuell auf Lehramt studiert. Eine Richtlinie zum Gendern gebe es an seiner Uni nicht. Dennoch: Einige der Lehrkräfte im Grundlagenstudium kämen aus universitären Einrichtungen für Gender, Gleichstellung, Integration und so weiter: „Diese Lehrkräfte setzen inoffiziell Standards, die den Studierenden bekannt sind: Deutliche Abwertung des Inhalts bei Verweigerung des Gendersterns. Nachdem sich einige eine blutige Nase geholt haben, machen alle brav mit, weil die Noten ja über die spätere Karriere entscheiden.“ So lehnen es also viele ab, ballen aber die Faust in der Tasche und machen mit, denn Einspruchsmöglichkeiten gebe es nicht. Ausnahme sei der Unterricht in Deutsch. „Dort werde noch auf die klassische Rechtschreibung und Grammatik geachtet.“ Die Umstehenden der Familienfeier fühlten sich an die DDR erinnert: „Damals hatte der Marxismus/Leninismus offiziell auch keine Funktion, aber seine Protagonisten waren überall gefürchtet und konnten einem schaden.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt ein Beitrag des Nutzers @jxn_simp: Er macht gerade sein Abitur und hält gemeinsam mit einer Freundin die Abi-Rede. Diese mussten sie sich von der Schule genehmigen lassen. Der Lehrer war überrascht, als sowohl die junge Frau für sich selbst, aber auch beide Abiturienten sagten, dem Jahrgang bereite die ungegenderte Rede keine Probleme – man habe vorher ausdrücklich herumgefragt. Dennoch bestand die Schule auf einem gegenderten Text. Der Nutzer war deutlich genervt: „I mean grundsätzlich wäre uns das mit dem gendern egal gewesen, fuckt halt ab, dass die Schule so tut, als wären wir frei darin die Rede zu verfassen, nur um dann alles zu diktieren.“ (Anm.: Das Konto des Nutzers ist geschützt, das heißt es ist nur den „Followern“ zugänglich, entsprechend gibt es keine sichtbare Verlinkung zu dem Beitrag.) (twitter.com)


8. Kommentar

Unmögliches erledigen wir sofort

Der Streit um das Sprachgendern kreist in einem erdachten Raum, darin wird mit Totschlagargumenten das Gespräch beendet, bevor es begonnen hat. Halten wir inne: Dass „ein bewusster Umgang mit Sprache erst ein Bewusstsein für Ungerechtigkeiten schaffe“, stimmt ein bisschen; falsch ist das Wörtchen „erst.“ In den letzten sechzig Jahren hat es immerhin Fortschritte in der Gleichberechtigung gegeben, schon bevor die Idee aufkam, sie müsste mit Belehrung im sprachlichen Umgang erzwungen werden. Dass „geschlechtergerechte Sprache ein Mittel sei, um Gleichberechtigung herzustellen“, ist jedoch eine Vermutung und als solche ist sie zu respektieren! Beweise für ihre Stimmigkeit gibt es nicht, übrigens auch nicht für das Gegenargument: dass Gerechtigkeit durch Sprachgendern sogar verhindert würde. Auch diese Vermutung ließe sich ernst nehmen. Hier geht es um Philosophie, nicht Politik, schon gar nicht um Polemik. Es ist billig zu unterstellen, wer nicht mitmacht, sei ein frauenfeindlicher, alter weißer Mann (obendrein homophob und rassistisch), und was soll das, Gegnern die Bühne (den Vortrag im Hörsaal) zu verwehren. Vielleicht sollte man erst einmal hinhören, vielleicht erwachsen daraus bessere, nämlich echte Lösungen. Statt vorab für indiskutabel zu erklären, was einem nicht passt, wäre es nützlicher zu fragen: Wenn es biologische Unterschiede gibt, die nicht sozial konstruiert sind: Wie gehen wir damit um, wie kommen wir einer Gerechtigkeit trotzdem näher? Eine verschimmelte Wand frisch zu tapezieren, mag genügen um den Käufer des Hauses über die Kante zu ziehen, aber daraus eine Norm für die Altbausanierung machen?

Die tatsächlichen Probleme haben dann mit Sprache nur mehr am Rande zu tun. Hier und da mag eine taktvolle Formulierung hilfreich sein, aber wer verletzt ist, lässt sich nicht täuschen. Deshalb muss jede „gerechtere“ Formulierung bald durch eine noch gerechtere ersetzt werden: aus „Behinderten“ werden „Betroffene“, aus „Flüchtlingen“ werden „Geflüchtete“ – und schon ist die Kraft verpufft, die zu wirklichen Verbesserungen benötigt wird. Der „Diskurs rund ums Gendern (wird) von den Gendergegnern dominiert, deren Hass kontraproduktiv“ ist. Darin stecken mehrere Fehler. In den Medien dominieren nicht sie, sondern die Gegner der Gegner. Ein „Diskurs“ wäre es, wenn man für möglich hält, gegnerische Argumente könnten eventuell irgendwie vielleicht doch nicht so ganz verkehrt sein. Überhaupt wäre zu unterscheiden zwischen Gendern und Sprachgendern. Wer sich gegen zwanghaftes Formulieren wehrt, ist noch lange kein Gegner des Genderns – wenn damit spürbare Schritte zu mehr Gerechtigkeit gemeint sind. Zuletzt sei daran erinnert: Gerechtigkeit liegt, wie die Schönheit, im Auge des Betrachters. Das Rechtswesen zielt daher eher auf den Rechtsfrieden als auf die Gerechtigkeit. Mag sein, dass uns das nicht passt. Wie heißt es doch so treffend: „Unmögliches erledigen wir sofort, Wunder dauern etwas länger.“ Da kann die Sprache nützen. (ob)


Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zu verschiedenen Sprachthemen. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln gelegentlich die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Holger Klatte, Asma Loukili, Dorota Wilke, Jeanette Zangs

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