Infobrief Nr. 470 (25. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Diagnostische Prophetie vermittels Facebook

Bild: pixabay / Free-Photos | Pixabay-Lizenz

Eine neue Methode der Diagnostik von Krankheiten bietet sich an, vorausgesetzt eine Studie aus den USA wäre ernstzunehmen. Ihr zufolge dürfte eine frühzeitige Diagnose möglich werden, noch bevor die Krankheit mit herkömmlichen Mitteln festgestellt wird. Von rund tausend Patienten wurden Facebook-Beiträge sprachlich analysiert. Das Ergebnis erstaunt: Menschen, die Begriffe wie Gott oder beten verwenden, leben mit einem 15 Mal höheren Risiko, Diabetes zu entwickeln als Netzbürger, die religiöse Begriffe selten verwenden. Schimpfwörter weisen auf Drogenmissbrauch und Psychosen hin. Unsere „digitale Sprache enthalte mächtige Aspekte unseres Lebens, die zum Teil aussagekräftiger sein könnten als traditionelle medizinische Daten“, zitiert der Deutschlandfunk die Forscher. (deutschlandfunk.de, aponet.de)


Leichter als leicht

„Mit Leichter Sprache sollen Menschen erreicht werden, die mit Texten normalerweise Probleme haben. Das seien vor allem Menschen mit geistiger Behinderung“, zitiert die FAZ Christian Glade vom Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Bremen, „aber auch solche, die Deutsch neu lernen oder Demenzerkrankte.“ So gesehen, ist potenziell jeder Bürger ein Anwender von Leichter Sprache, und sei es erst im Alter.

Eine Gruppe von Forschern an der Universität Mainz forscht an Verbesserungsmöglichkeiten für Leichte Sprache. Zum Beispiel können zusammengesetzte Wörter wie Großmutter schwer zu lesen sein. Bislang wurde das Wort in Leichter Sprache entweder mit einem Bindestrich (Groß-Mutter) oder mit einem Mediopunkt (Groß·mutter) geschrieben. Erste Ergebnisse zeigen nun, dass der Mediopunkt das Verstehen erleichtert, während der Bindestrich eher zu Missverständnissen führt. (faz.net)

Kommentar

Die Wirkung von sprachgendernden Sternchen, Unterstrichen, Binnen-I oder gar geschlechtsneutralen ix-Endungen ist in diesem Zusammenhang noch nicht erforscht worden. Ein Schelm, wer da glaubt, das könnte mit dem mangelnden Einfluss der Lobby für Demenzkranke zusammenhängen.


Kampfbegriffe wie aus der Schrotflinte

Ans Ziel käme man mit keinem Navi, müsste man sich auf Standortangaben verlassen, wie sie in politischen Gesprächen üblich sind. In einem SPIEGEL-Interview sagte Altbundespräsident Gauck: „Deswegen werbe ich … auch für eine erweiterte Toleranz in Richtung rechts. Wir müssen zwischen rechts – im Sinne von konservativ – und rechtsextremistisch oder rechtsradikal unterscheiden.“ (Druckausgabe SPIEGEL vom 14. Juni 2019) und online: spiegel.de

Über Gaucks Satz wird gestritten, offenbar meist ohne den Sinn oder wenigstens den Wortlaut gewürdigt zu haben. Sprachfreunde schauen genauer hin und erfreuen sich an der Präzisierung. Anders gesagt: Wer rechts von der Linken steht, ist zweifellos irgendwie rechts angesiedelt. Das stimmt auch dann, wenn dieser in der rechten Mitte zuhause ist. So einer mag als „rechts“ gelten, aber noch lange nicht als „rechtsradikal“, denn das wäre unredlich. Radikal oder extremistisch kann nur sein, wer weit jenseits der bürgerlichen Mitte zuhause ist.

Kommentar

Das dürfte so schwer nicht zu verstehen sein. Sonst müssten sinnvollerweise sämtliche Linken, einschließlich jener in der linken Mitte, mit Linksradikalen gleichgesetzt werden.

Wer auf die Unterscheidung zwischen rechts und rechtsradikal verzichtet, muss sich vorwerfen lassen, dass er mit der Sprache liederlich umgeht, sogar verantwortungslos. Auch wenn Sprache nicht immer logisch erscheint, das Bemühen um Genauigkeit nützt immer – und allen. Sonst muss am Ende jeder mit Kampfbegriffen wie aus der Schrotflinte ballern. Wenn das Wort „rechts“ bereits als salonfähiger Kampfbegriff gilt – man muss sich nur die Gesprächsrunden im Fernsehen anhören –, dann wird mittels der Sprache die Wahrnehmung manipuliert.


Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon

Am 3. Mai verstarb der Sprachwissenschaftler Ulrich Ammon im 76. Lebensjahr. Er war von 1974 bis 2008 Professor für Germanistische Linguistik/Schwerpunkt Soziolinguistik an der Universität Duisburg-Essen. Weite Bekanntheit erlangte er als ideenreicher Vertreter der sich im letzten Drittel des 20. Jhs. entwickelnden Soziolinguistik, der es auch um die Rolle der Dialekte im heutigen Deutsch geht. Das betrifft sowohl den schulischen Deutschunterricht als auch die Stellung des Deutschen als Wissenschaftssprache. Ulrich Ammon hat hierzu in zahlreichen Vorträgen im In- und Ausland sowie mit einer beeindruckenden Zahl von Veröffentlichungen Zeugnis abgelegt.Hervorzuheben sind seine in den letzten Jahren erschienen Arbeiten zur Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2915) und das von ihm mitverfasste 993 Seiten umfassende Variantenwörterbuch des Deutschen (2004).
Dieter Stellmacher


2. Unser Deutsch

Seniorinnen und Senioren

Wie kommen Betroffene mit dieser Anrede, mit der Klassifizierung als Seniorinnen und Senioren zurecht? Fühlen sie sich altersbezogen sowie gendermäßig angemessen benannt? Wollen sie überhaupt in dieser Weise eingruppiert werden? Sie sind ja nach wie vor Menschen wie Du und Ich, geschäftsfähig, wahlberechtigt und wählbar, fast immer mit festem Wohnsitz, auch mit festem Einkommen, mit Rente, Pension oder Vermögen. Sie sind begehrte Adressaten der Werbung für Kreuzfahrten und Studienreisen, für Städtereisen, auch (leichte) Wanderreisen, gerne auch Einkaufsfahrten. Ihre Adressen werden von Hörgeräteherstellern, von Treppenliftfabrikanten und natürlich den Betreibern verschiedenster Seniorenheime und Altersresidenzen gesammelt und genutzt. Schließlich ist ihre Rolle als Eltern und Großeltern zu nennen, als Spenderinnen und Spender gegenüber Söhnen und Töchtern, Schwiegersöhnen und Schwiegertöchtern, Nichten, Neffen, Enkeln und Urenkeln zu allen Geburtstagen, zu Weihnachten und manchmal auch noch zu Ostern.

Auch der Name Rentner bzw. Rentnerin, der bei Abfrage des Berufs benötigt wird, hat angesichts der Rentendebatte nur noch halb-guten Klang. Werden die Alten gegenüber den Jungen bevorzugt? Diese, so hört man, müssten immer mehr schuften, damit jene immer länger versorgt werden können. Mit Schaudern werfen die Jüngeren einen ersten Blick auf das, was sie selber einmal im Alter erwartet. Schöner ist es, vom Ruhestand zu sprechen, der – kaum erwähnt – schon als Unruhestand korrigiert wird. Denn diese vielen rüstigen Ruheständler haben bekanntlich nie Zeit. Die schwindende Lebensuhr treibt viele an, endlich ein gänzlich erfülltes Leben zu genießen.

Daneben gibt es eine Berufsgruppe, die sich Emeritierte nennen, genauer gesagt (und der Bildungstradition verpflichtet) Emeriti bzw. neuerdings Emeriti und Emeritae (mit gendergerechter Anpassung). Ursprünglich waren das nur jene Hochschullehrer (die weiblichen kamen damals kaum vor), welche mit vollem Gehalt in den Ruhestand geschickt wurden, um dort um so fleißiger ihren Forschungen nachgehen zu können. Im Grunde ein Relikt des Lehrens und Forschens auf Lebenszeit, wozu frühere Generationen verpflichtet waren. Dieses Privileg wurde in den Hochschulgesetzen der 70er Jahre abgeschafft. Das schöne Wort wird jetzt von allen professoralen Ruheständlern in Anspruch genommen. Ob sie noch forschen oder nicht.

Das Gegenstück zu den Alten sind die Jungen. Früher hatte man dafür das Abstraktum die Jugend benutzt. Man wusste nicht genau, wo sie anfängt – vielleicht kurz vor 18 – und wo sie endet, vielleicht Mitte 20. Doch die unendlichen Ausbildungszeiten und der späte Beginn im Beruf haben diese Lebensphase erheblich ausgedehnt. Auch das späte Heiraten (wenn überhaupt) scheint ewige Jugend zu gewährleisten. Am Ende sehen dann Eltern aus wie früher die Großeltern der kleinen Trabanten.

Allerdings ist der Sammelbegriff Jugend schon angestaubt, er hat etwas Altväterliches. Politiker, die sich um diese Altersgruppe sorgen, sprechen lieber von den jungen Menschen. Das sagen vor allem jene, die bereits darüber hinaus sind, die sich vielleicht im besten Alter befinden. (Beiläufig ist das wohl ein netter Euphemismus für Herren mit grauen Schläfen. Den Frauen wird das erspart. Sie überspringen diese Jahre, indem die Jugend bis an den Rand des Seniorinnentums reicht). Die Einstufung als junge Menschen schafft Distanz. Sie klingt ein bisschen nach Grünschnabel. Manche Politiker sprechen deshalb in Bezug auf ihre Klientel einfach von den Menschen. Allgemeiner und trivialer geht es nicht. Tiere sind wir ja eben nicht.

Was bleibt, um die Lebensalter zu charakterisieren, ohne sie zu beschönigen und zu beleidigen? Eines bleibt uns immer: die Alten und die Jungen. Da passen wir alle irgendwie hinein.

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e. V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de


3. Kultur

Kölsch-Literatur-Wettbewerb

Zum zweiten Mal stellen in diesem Jahr in Rösrath sechs ausgewählte Finalisten ihre auf Kölsch verfassten Lyrik- und Prosabeiträge vor. Im Bergischen Saal von Schloss Eulenbroich findet am 26. Juni ab 19:30 Uhr die öffentliche Lesung statt. Der noch junge Wettbewerb soll die Leute animieren, die Kölsche Sprache wieder literarisch zu nutzen. Ingrid Ittel-Fernau, Leiterin des Kulturvereins, berichtet: Zwar sei die Teilnahme an der Ausschreibung dieses Jahr geringer ausgefallen, die Zuhörer können sich trotzdem auf mit Humor gespickte Beiträge freuen. (rheinische-anzeigenblaetter.de)


Österreichisch singen

Nicht nur die Literatur kennt Dialekte, sondern auch die Musik. Das Wiener Duo Seiler und Speer singt seit Zeit seiner Gründung in österreichischen Dialekten. Musik auf Hochdeutsch zu machen kommt für die beiden nicht in Frage. „Das wäre nicht ehrlich“, erklärt Seiler. Die Ansagen auf der Bühne machen sie je nach Ort auf Hochdeutsch, doch ansonsten stehen sie stets zu ihrer österreichischen Herkunft. Das deutsche Publikum stört sich nicht daran, ganz im Gegenteil: Trotz Verständnisschwierigkeiten wird alles mitgesungen.


4. Denglisch

Baumarktdeutsch

Es gibt einen Ort, wo noch immer Wortschöpfungen aus dem eigenen Wortschatz das Geschäft beherrschen: den Baumarkt. Da finden sich die schönsten Komposita des Landes. Sie benennen klar und deutlich, welche Funktion das Produkt hat. Ob es die Tapetenstachelwalze oder der Federklappdübel ist, oder gar die Anschraubplatte mit Kugelhals – Anglizismen tun sich schwer im Baumarkt. (suedkurier.de)


5. Schnipsel

Aristoteles philosophierte auf Englisch

„In all things of nature there is something marvellous“. Diese schöne Beobachtung wird als Äußerung des Aristoteles überliefert. Auffallen könnte an diesem Zitat – in einem Grußwort anlässlich des Wettbewerbs Glanzlichter 2019 –, dass sich bereits der frühe Weltmeister der Philosoph der englischen Sprache bedient haben muss. Was als guter Grund genügen dürfte, ihn in dieser Sprache zu zitieren. Freundlicherweise gab der Redner Wolfgang Rau die Worte dann auch so wieder: „In allen Dingen der Natur gibt es Wunderbares.“ Nochmal Glück gehabt, sonst hätte wieder die Hälfte der Zuhörer im Saal den Aristoteles nicht verstanden.


Falls nicht bereits gewürdigt

Einen Nachtrag wert ist die sprachliche Feinfühligkeit, mit der das Motto einer bekannten, großen Partei dargestellt wurde: „Zusammenführen. Und zusammen führen“. Da hat ausnahmsweise jemand verstanden, dass die Rechtschreibung mit dem Inhalt einer Aussage doch etwas zu tun hat. Was seinerzeit einigen Rechtschreibreformern gar nicht erst ausgefallen war.


6. VDS-Termine

26. Juni, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstr. 7, 03046 Cottbus

27. Juni, Region 09 (Chemnitz)
Mitgliederversammlung und Vortrag von Heino Neuber
Bergbau und sein Einfluss auf die Sprachen
Zeit: 17:00 – 18:30 Uhr
Ort: Deutsches SPIELEmuseum e.V., Neefestr. 78A, 09119 Chemnitz

27. Juni – 29. Juni
Deutsche Sprachtage in Halle (Saale)
27. Juni: Bildungsreise
28. Juni: Tagung der Arbeitsgruppen sowie offizielle Eröffnung
29. Juni: Delegiertenversammlung

30. Juni, Region 48 (Münsterland)
Lyriknachmittag an der Ems
Zeit: 15:00 Uhr
Nähere Informationen: vds-ev.de

3. Juli, Österreich (Wien)
Zweiter Stammtisch des Jungen VDS in Wien (gemeinsam mit dem Verein „Muttersprache“)
Zeit: 20:00 Uhr
Ort: Café Ritter Ottakring, Ottakringer Str. 117, 1160 Wien, Österreich

8. Juli, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

8. Juli, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

10. Juli, Region 65 (Wiesbaden)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

18. Juli, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neuigkeiten der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, das Gleiche gilt für andere Geschlechter. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.