Infobrief Nr. 471 (26. Ausgabe in diesem Jahr)

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1. Presseschau

Älteste deutsche Handschrift entdeckt

Bild: pixabay / Arcaion | Pixabay-Lizenz

In der Badischen Landesbibliothek zu Karlsruhe wurde die bislang älteste überlieferte Papierhandschrift in ausschließlich deutscher Sprache gefunden. Es handelt sich um eine kleinformatige, theologische Sammelhandschrift mit zwei Texten zum christlichen Glauben. Sie gilt als Sensationsfund. Experten vom Handschriftenzentrum der Universitätsbibliothek Leipzig datieren das Schriftstück auf die Zeit zwischen 1335 und 1340. Damit sei es knapp zehn Jahre älter als ein Münchener Codex aus dem Jahre 1348, der bisher als das älteste Papier dieser Art galt. (lvz.de)


Sprachgendern verletzt Bürgerrechte

Wird eine politische Vorlage abgelehnt, weil sie keine geschlechtergerechten Formulierungen enthält und das Anliegen wird nur deshalb nicht berücksichtigt – dann werde klar, dass es nicht um Gleichberechtigung gehe, empört sich die Stadtzürcher SVP-Gemeinderätin Susanne Brunner. „Sprachregeln sollten doch kein Kriterium dafür sein, ob ich meine politischen Rechte ausüben kann oder nicht“. Sie hatte in einem politischen Vorstoss fast ausschließlich männliche Formen verwendet, weil sie die Nennung beider Geschlechter sprachlich nicht schön findet. Wörter wie BesetzerInnen oder Besetzende seien eine „Verhunzung der deutschen Sprache.“ Frau Brunner will das Papier wieder vorlegen. (20min.ch, toponline.ch)


Rheinisches Reden

Redewendungen an Rhein und Ruhr in ihrer Bekanntheit und Verbreitung sind Forschungsthema des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte. Zwischen alten Ortsdialekten und hochdeutscher Standardsprache verständigen sich viele im Alltag in einer regionalen Umgangssprache, einem Regiolekt. Das wurde nun dokumentiert im Rheinischen Mitmachwörterbuch, und es soll jetzt im Rahmen einer Umfrage weiter analysiert werden. Welche Redewendungen kennen Sie? Wovon haben Sie noch nie gehört? Wo kennen Sie ergänzende Bedeutungen? Machen Sie mit: redewendungen.lvr.de


Risiken und Nebenwirkungen

Diese Ermahnung ist vorgeschrieben: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“ Sie kostet teure Werbezeit und wird daher im denkbar flottesten Tempo gesprochen. Pharmawerbung dürfte bald ein Stück weit kostspieliger werden, denn der Satz muss dann lauten: „… und fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin oder Ihren Apotheker oder Ihre Apothekerin!“Erhellendes weiß zu diesem Thema auch die Stupipedia: stupidedia.org

2. Unser Deutsch

Auszeit

Wir kennen das Wort aus dem Sport und aus unserem Alltag. Wer wünschte sich nicht ab und zu eine Auszeit, wie sie sich Prominente nach Hörensagen aus dem Blätterwald angeblich gönnen, etwa eine Auszeit vom beruflichen Stress, von der Familie, von einer Beziehung, wie die langjährigen Liebschaften heute heißen.

Bevor wir der besonderen Bedeutung nachgehen, fragen wir: Woher kommt das Wort? Sein Vorbild ist englisch timeout, ähnlich gebildet wie take-off, sit-in, check-in, drive-in, auch ohne Bindestrich layout, showdown, makeup, burnout, checkout, pullover – Substantivierungen eines Partikelverbs, im Englischen phrasal verb genannt. Die meisten dieser Wörter haben wir entlehnt und schreiben sie groß als Layout, Burnout, Pullover usw. Die Entlehnung ist hier das einfachere Verfahren der Adaption, weil die Alternative, eine Lehnübersetzung nicht so einfach funktioniert wie in den meisten Fällen. Bei einer Lehnübersetzung werden die einzelnen Teile eines komplexen Wortes übersetzt und dann wie im Vorbild zusammengefügt. So entstand Arbeitsessen aus engl. working lunch. Ein solches Nachbilden ist bei timeout nicht möglich. Denn im Deutschen gilt eine andere Reihenfolge. So übersetzen wir zum Beispiel engl. flip out als ausflippen und englisch check in als einschecken. Ähnlich beim Substantiv. Die Zusammensetzung Substantiv + Partikel finden wir zum Beispiel in Aufgeld, Ausland, Beiblatt, Mitwelt, Nachname. Nach diesem Vorbild wurde aus dem englischen timeout die Lehnübersetzung Auszeit.

Interessanter ist die semantische Seite des Wortes. Timeout ist eine Regel in vielen Ballsportarten wie Handball, Basketball, Volleyball, auch beim Eishockey. Die Mannschaften haben – in den einzelnen Sportarten unterschiedlich geregelt – ein Anrecht auf eine Auszeit, eine kurze Spielpause, in der sie sich beraten können, verschnaufen, wechseln. Die Schiedsrichter signalisieren das mit einem T-Zeichen, das sie mit beiden Händen bilden. Die Auszeit ist eine in den Spielregeln festgelegte Pause. Danach geht’s weiter.

Daher leitet sich der übertragene Gebrauch ab: die Auszeit im Beruf, von einem Engagement, einer Beziehung. Die Parallele liegt in der Unterbrechung des Gewohnten, hier des Alltags. Manchmal wird die Dauer der Pause vereinbart. Oft aber ist die Rede von der Auszeit nur die Ausrede für einen Ausstieg, einen Abbruch. Hier hat sich eine neue Verwendung eingebürgert, eine schonende Form der Verabschiedung oder der Kündigung.

Eine geregelte, zeitlich befristete Auszeit gibt es in akademischen Berufen, bei den Angelsachsen Sabbatical genannt, sozusagen eine Sonntagspause, in der Regel ein Semester, höchstens ein Jahr. Bei uns spricht man vom Freisemester oder Forschungssemester, denn die Zeit soll intensiver Forschung dienen. Die Entlastung wird jedoch meist überschätzt. Nur die Lehre darf ausfallen, es bleiben die Prüfungen und der Büroalltag mit der akademischen Selbstverwaltung. Nur wer diese Zeit gut vorbereitet, erreicht das gesteckte Ziel. Die meisten beenden ihre akademische Auszeit mit schlechtem Gewissen.

Daraus kann man auch für andere Auszeiten lernen: Die Auszeit muss vorbereitet, muss geregelt sein. Einfach so aussteigen, bringt nur Frust. Gut ist ein Reiseplan, natürlich mit den nötigen Mitteln, oder ein konkretes Vorhaben, zum Beispiel das Haus renovieren, einen Garten anlegen, eine neue Sprache lernen, ein Hobby erlernen. Immer ist zu bedenken, was nach der Auszeit sein soll. Man ist ja noch derselbe wie davor.

Die Mode der Auszeiten ist ein Symptom der Unzufriedenheit. Wir möchten aus unserem überregulierten Alltag aussteigen, ähnlich wie bei den unzähligen Kurzurlauben, den verlängerten Brückentagen, überhaupt diesem vielen Wegreisen. Wäre nicht das Daheimbleiben, mal ohne Pflichten, eine schönere Auszeit?

Horst Haider Munske

Der Autor ist Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Vereins Deutsche Sprache e.V. Ergänzungen, Kritik oder Lob können Sie schicken an: horst.munske@fau.de

3. Berichte

Sprachtage in Halle

Zwei Entwicklungen kennzeichnen die Sprachtage des VDS am vergangenen Wochenende in Halle an der Saale. Spürbar war die Anwesenheit jüngerer Mitglieder. Mit Beiträgen in Arbeitsgruppen sowie im Plenum unterstützten sie – unter dem Beifall der Älteren – einen Stimmungswandel unter den Delegierten: Für die Sprache zu begeistern gilt zunehmend als eine reizvolle, wenn auch schwierige Aufgabe, und sie trägt Früchte. In den Pausengesprächen wurde manchen Älteren deutlich, dass die Jungen auf das gängige Hauptthema, das Gendern, einen eigenen Ausblick haben: Sie müssen damit leben und sie tun es. Was nicht heißen müsse, dass sie jeden Unfug mitmachen.

Gerechtigkeit durch Manipulation?

Gleichstellung durch geschlechtergerechte Sprache – Lösung oder Irrweg? lautete der Titel eines Vortrags- und Diskussionsabends im Gothaer Hotel Lindenhof. Oliver Baer, Geschäftsführer des VDS, überraschte („immerhin!“, wie er betont) einige Zuhörer mit der Klarstellung, dass biologisches und grammatisches Geschlecht nicht dasselbe sind. Ihre Gleichstellung führe zu einem Sprachgebrauch, bei dem keiner mehr hinhört. Somit schade das Sprachgendern seinem erklärten Zweck. Eingeladen zu dem Vortrag hatte die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. An dem Podium beteiligten sich Landtagsmitglied Marion Rosin (CDU) und Daniel Braun, der kommissarische Leiter der Stiftung in Gotha. (thueringer-allgemeine.de)


Misstrauen und Augenmaß sind angemessen

Den Unterschied zwischen sexusmarkierten und unmarkierten Begriffen sollte kennen, wer sich über das Sprachgendern mit Sachkenntnis äußern möchte. Dazu verhilft ein halbstündiges gefilmtes Gespräch mit dem Konstanzer Sprachwissenschaftler Josef Bayer.

Das Genus-System – welches angeblich die Frauen diskriminiert – sei nicht die einzige Asymmetrie in unserer Grammatik, führt Bayer zum besseren Verständnis an. So gilt das Wort lang mehr als das Wort kurz: „Das Gras ist drei Zentimeter lang“ stimmt in der Alltagssprache, auch in Fachsprachen, wo man einander nicht missverstehen soll. „Es ist drei Zentimeter kurz“, widerspricht dem gewachsenen Gebrauch der Sprache.

Grammatische Merkwürdigkeiten seien in allen Sprachen entstanden. So unterscheidet sich das Höflichkeitssystem sogar bei eng verwandten Sprachen. Oder weiß jeder, was im hierzulande so beliebten Englisch dem deutschen du entspricht: das you oder das thou? Sind die Engländer höflicher oder unhöflicher als wir, seit das thou nicht mehr verwendet wird? Da prägt doch die Wirklichkeit die Sprache, nicht umgekehrt.

Spannend ist, wie in der Grammatik mit der Belebtheit umgegangen wird. Auf einer A4-Seite zusammengefasst gibt es dazu eine Übersicht vom Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Typologie und Universalienforschung. Sie eignet sich für den Einstieg in dieses Thema.

Falls so ausschließlich zuträfe, dass „Sprache das Denken bestimmt“, wie es Genderbefürworter behaupten, wird folgender Einwand unwiderlegbar. Es gibt Sprachen, die kein grammatisches Geschlecht (genus!) kennen, etwa Bengali, Ungarisch, Finnisch, Türkisch, Japanisch. Folglich können Frauen oder Diverse sprachlich gar nicht diskriminiert werden. Aber trifft das auf den Alltag der Frauen und Diversen zu, etwa in Ungarn oder der Türkei? Josef Bayer nennt es eine Reparatur, wie das Gendern die Sprache verändern soll. Reparieren könne man aber nur, was kaputt ist. Die Grammatik sei nicht kaputt.

Dem sei hinzugefügt: Dass sie uns unlogisch vorkommt oder nicht in den Kram passt, ist Ansichtssache. Wenn Eingriffe in die Grammatik überhaupt statthaft sind, muss etwas entstehen, was die Kommunikation verbessert, nicht unnötig erschwert. Diese Selbstverständlichkeit geht in der aktuellen Debatte verloren. Misstrauen und Augenmaß sind angemessen, wo es gilt zeitgemäßen Formulierungswünschen (durchaus verständlichen Wünschen!) entgegenzukommen. (ob)


4. Kultur

Gemeinsames Sprachenlernen

Im Südtiroler Pustertal begegnen einander Schüler mit verschiedenen Muttersprachen im Rahmen eines regelmäßig stattfindenden Sprachencamps. Der direkte Austausch zwischen den Kindern soll gefördert werden, sodass sie ihre Kenntnisse in der Zweitsprache Italienisch oder Deutsch verbessern können. Sprache soll durch gemeinsames Erleben gelernt und vertieft werden. Die Kinder nehmen an einer Erlebniswoche teil, in der beispielsweise Kreatives mit Holz und Filz gestaltet oder bäuerliches Handwerk gelernt wird. (tageszeitung.it)


5. Denglisch

Digital-Denglisch

Wann immer man etwas moderner gestalten möchte, müssen Anglizismen herhalten. „Make“ heißt das neue Motto der Stadtteilbibliothek Rodenkirchen in Köln. Es soll die Besucher einbinden. Bücher werden nicht mehr beim Personal sondern an Ausleihstationen selbständig ausgeliehen und zurückgegeben. Außerdem gibt es einen neuen Infopoint für Fragen und Beratung. Im Community Center kann man relaxen und neue Romane und Zeitschriften entdecken. Und an den Workstations findet man Arbeits- und Lernflächen, an denen man mit eigenem Laptop arbeiten kann. Irgendwie schade, dass das alles auf Deutsch gar nicht funktionieren würde! (rundschau-online.de)


6. Schnipsel

Berufsfragen

Weibliche Feuerwehrmänner, männliche Hebammen… Die Geschlechterungerechtigkeit lauert überall. Nicht nur im generischen Maskulinum. Was wäre eine geschlechtergerechte Bezeichnung für männliche Hebammen?

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Der neue Anglizismenindex ist erschienen: vds-ev.de


7. VDS-Termine

8. Juli, Region 42 (Wuppertal, Remscheid, Solingen)
Mitgliedertreffen
Zeit: 17:15 Uhr
Ort: Gaststätte „Kaiser-Treff“, Hahnerberger Str. 260, 42329 Wuppertal-Cronenberg

8. Juli, Region 20, 22 (Hamburg)
Mitgliederversammlung
Zeit: 19:30 Uhr
Ort: Hotel Ibis Alsterring, Pappelallee 61, 22089 Hamburg

10. Juli, Region 04 (Leipzig)
Sommertreffen der Regionalgruppe
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Bayerischer Bahnhof Gasthaus und Gosebrauerei, Bayrischer Platz 1, 04103 Leipzig

10. Juli, Region 65 (Wiesbaden)
Mitgliedertreffen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Europa, Stadthalle Kelkheim, Gagernring 1, 65779 Kelkheim (Taunus)

18. Juli, Region 18 (Rostock)
Mitgliedertreffen
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Gasthaus „Zum Bauernhaus Biestow“, Am Dorfteich 16, 18059 Rostock

22. Juli, Region 50, 51 (Köln)
Regionalversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Cöllner Hof, Hansaring 100, 50670 Köln

31. Juli, Region 03 (Cottbus)
Mitgliederversammlung
Zeit: 18:00 Uhr
Ort: Hotel „Zur Sonne“, Taubenstraße 7, 03046 Cottbus

1. August, Region 28 (Bremen)
Treffen der Sprachfreunde Bremen
Zeit: 19:00 Uhr
Ort: Restaurant Graftwerk, Mühlendamm 1a, 27749 Delmenhorst

IMPRESSUM

Der VDS-Infobrief enthält Neues der vergangenen Woche zur deutschen Sprache. Männer sind mitgemeint, andere Geschlechter auch. Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln mitunter die Meinung der Redaktion.

Redaktion: Oliver Baer, Alina Letzel

© Verein Deutsche Sprache e. V.